Abschied vom rollenden Camping-Stuhl

Jörg Schneider
Das 05-Trainingslager im Prominenten-Paradies Marbella ist zu Ende. Auch wenn's mit den Berühmtheiten nicht so weit her war, der rollende Campingstuhl aus Mumbai so seine Tücken hatte und der Reporter der nullfünfMixedZone dafür dem Spott der Kollegen ausgeliefert war. Jörg Schneider hat die Woche an der Costa del Sol gefallen und er hat dabei nicht ganz so viel Geld ausgegeben wie der König von Saudi-Arabien.

Das Trainingslager des FSV Mainz 05 an der Costa del Sol ist vorbei. Und damit endet auch das Leben als Jetsetter in Marbella. Was nicht weiter tragisch ist, denn so schön ist es hier nun wirklich nicht. Es sei denn, man mag völlig verbaute spanische Urbanisationen durchsetzt von Bauruinen und Millionen von Kreisverkehren. Oder man genießt es, zwischen Autobahn und Strand zu logieren. Ich glaube ja, dass Marbella von der Autoindustrie geplant wurde, damit die Prominenz ihre dicken Schlitten täglich auf den unzähligen Schnell- und Ausfallstraßen Gassi führen kann.

Die teuren Kisten in der Garage oder im Vorgarten zu parken und tagelang ungenutzt herumrosten zu lassen, weil man die angesagten Hot-Spots bequem zu Fuß erreichen kann, wäre ja unschick und ergibt wenig Sinn. Zu Fuß geht in Marbella gar nichts, abgesehen von einem Strand-Spaziergang. Doch der Promi fährt lieber oder lässt vielleicht fahren. Selbst bei Aldi Süd (Aldi Nord wäre in Südspanien ja grober Unfug) muss ich meinen kleinen Kult-Tata erst mit Hilfe von GPS im Schatten von wuchtigen Range Rovern orten. Nur die flachen Sportwagen-Flundern überragt der Inder locker.

Doch die Zeit des Mumbai-Fiats ist auch abgelaufen. Gerade rechtzeitig, denn der Regen der vergangenen Tage hat seinen Tribut gefordert. Die Scheibenwischer zeigten doch massive Auflösungserscheinungen und schlugen bisweilen weiter aus als erwünscht. Für die Monsun-Zeit ist der Flitzer (das ist jetzt zugegebener Maßen etwas übertrieben) nur bedingt tauglich. Egal, der rollende Camping-Stuhl aus Mumbai hat uns überall hingebracht, zwar nicht überall rausgelassen, aber wer will schon an Kleinigkeiten herummäkeln.

Abgesehen von den Kollegen in ihren „normalen“ Mietkarossen, deren andauernde Häme nicht über die neidischen Blicke hinwegtäuschen konnte, mit denen sie die allgemeine Aufmerksamkeit zu kaschieren versuchten, die dem fremden Inder zu Teil wurde in diesen Tagen. Selbst der Busfahrer von Dynamo Kiew inspizierte das Raumwunder vom Subkontinent intensiv. Wahrscheinlich reifte da eine Geschäftsidee.

Sätze wie „Ihr hättet doch anrufen können, wir hätten euch befreit“, prallen an einem Tata-Fahrer nach einer Weile locker ab. Man lernt schnell, die Zeit sinnvoll zu nutzen, wenn die Tür-Entriegelung gerade mal wieder Siesta hält.

Wie auch immer, alles hat irgendwann ein Ende. Uwe Seeler und dessen prominente Golf-Freunde, die in Marbella ein Turnier gespielt haben sollen, sind abgereist, ohne dass wir sie gesehen hätten. Auch die Scheichs glänzen durch Abwesenheit in diesen Tagen. Schauspieler habe ich zwar einige erlebt, aber die waren und sind nicht berühmt. Der Jetsetter hatte bei allem viel Spaß in Marbella und optimale Arbeitsbedingungen. Und ganz ehrlich, es gibt wahrscheinlich Schlimmeres als im Januar in Marbella oder Estepona am Mittelmeerstrand spazieren zu gehen und vorweg genommene Frühlingstage zu erleben.

Der König von Saudi Arabien soll, so habe ich gelesen, in einem Urlaub hier mal drei Millionen Euro pro Tag ausgegeben haben. Das ist mir nicht ganz gelungen. In diesem Sinne. Hasta luego, Marbella. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder. Auf einen Trip im Tata.  

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Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.