Adler: „Hier hat keiner die Katze im Sack gekauft“

Jörg Schneider. Mainz.
Er ist erst seit kurzem in der Stadt und im Verein, doch beim FSV Mainz 05 sind jetzt schon alle begeistert von René Adler. Die Art und Weise, wie sich der prominente Neuzugang in seiner neuen Umgebung präsentiert, die Bescheidenheit und die Bodenhaftung, mit der der ehemalige Nationalkeeper am Bruchweg auftritt, seine sofortige Integration im Team, signalisieren den Verantwortlichen, dass sie nicht nur einen Torhüter von herausragender Qualität, sondern auch eine echte Persönlichkeit dazu gewonnen haben. Einen Spieler, der einen originären Führungsanspruch vermittelt, sich gleichzeitig aber auch als ausgewiesener Teamplayer vorstellt, der sich von Anfang an komplett mit seinem neuen Klub identifiziert. Einen ersten bemerkenswerten Eindruck hinterließ der 32-Jährige nun auch bei seinem ersten längeren Medien-Gespräch am Bruchweg.

René Adler glaubt, dass die Arbeit mit seinem neuen Torwarttrainer Stephan Kuhnert ihn leistungsmäßig noch einmal weiter bringt. Foto: Jörg SchneiderRené Adler ist ein Fußballprofi, der klar strukturiert denkt und handelt, der etwas zu sagen hat, dies auch tut und die Dinge, die ihn beschäftigen, eloquent und glaubwürdig vorträgt. Er sei total glücklich mit der Entscheidung zum FSV Mainz 05 gewechselt zu sein, sagt er. „Ich fühle mich superwohl. Mit welcher Offenheit und Hilfsbereitschaft die Jungs mich aufgenommen haben vom ersten Tag an. Das sind alles so Kleinigkeiten. Man hört zwar immer, Mainz ist familiär, man hört es von vielen Klubs, aber hier habe ich vom ersten Tag an gemerkt, dass es so gelebt wird. Es fühlt sich gut an, ein Teil dessen zu sein.“

Die immer wiederkehrenden Fragen, wie es denn sei, aus der Weltstadt Hamburg ins beschauliche Mainz überzuwechseln, amüsieren den Torhüter offenbar. „Ich bin Fußballer, ich möchte erfolgreich und gut Fußball spielen, da ist es nicht primär entscheidend, welches gastronomische Angebot es gibt in der Stadt oder welche Vergnügungsmöglichkeiten. Da ist entscheidend, wie ist meine Mannschaft? Wie sind die Trainingsbedingungen? Wie sind die Krafträume und so weiter. Es war bei mir schon immer so, dass ich mich mit meinen Klubs, in denen ich gespielt habe, identifiziere.“

Er genieße gerade richtig, wie unglaublich kollegial und familiär seine neue Mannschaft sei. Genauso wie die tägliche Arbeit, obwohl die sich in den ersten Tagen nach der Pause als sehr hart erweise. Doch die Einheiten mit seinem neuen Torwarttrainer Stephan Kuhnert und den jungen Kollegen gebe ihm viel. „Ich halte sehr viel von Kuhni. Er hat unglaublich viel Ahnung von Torwarttraining. Ich freue mich darauf, jeden Tag was mitzunehmen. Auch von Jannik Huth. Denn auch ich muss erst mal gucken, wie machen die das hier in den einzelnen Übungen. Es ist doch nicht so, dass ich komme und alles schon kann. Ich habe schon die Hoffnung, leistungsmäßig noch einen Schritt nach vorne zu machen“, sagt Adler. Der routinierte Keeper sieht dennoch auch einen Arbeitsauftrag  darin, den jungen 05-Talenten Huth und Florian Müller zu helfen und deren Entwicklung zu fördern.  „Das mache ich gerne. Ich hatte das große Glück als junger Torwart zum Beispiel mit Jens Lehmann bei der EM 2008 trainieren zu können. Das hat mich schon extrem vorangebracht und geprägt. Zu sehen, mit welcher Professionalität der Jens jedes Training angegangen ist. Wie er sich vorbereitet hat, wie er alles nachbereitet hat, wie akribisch er in jeder Aktion im Torwarttraining war. Ich habe extrem profitiert von Gesprächen untereinander. Das habe ich so übernommen und mir damals geschworen, dass ich das später auch in offen und ehrlicher Art weiter gebe.“ Adler wurde nach dieser EM Lehmanns Nachfolger im Nationalteam, sollte als Nummer eins zur WM nach Südafrika fahren, musste aber wegen einer Verletzung das Turnier absagen. Manuel Neuer übernahm seinen Platz. Der Rest ist bekannt.

Torhüter-Kollegen, die von der gemeinsamen Arbeit profitieren wollen: René Adler und Jannik Huth. Foto: Jörg Schneider„Ich habe nicht das Gefühl, die anderen Torhüter hier sind Konkurrenten, die dürfen jetzt nicht besser trainieren als ich“, betont der Neu-Mainzer. „Ich bin ein Teamspieler und sehe uns alle als Kollegen, die permanent voneinander profitieren. Unser Job ist es, im Training das Niveau so hoch wie möglich zu halten. Ich gucke natürlich nach Jannik auf Florian Müller wenn er wieder dabei ist. Die Jungs können jederzeit zu mir kommen, wenn sie Fragen haben. Beispielsweise zum Stellungsspiel. Ich glaube, das ist eine große Stärke von mir. Das auch mit den Jahren kommt. Da verändert man sich, wie man steht bei Schüssen oder Flanken. Da findet man immer mal seinen Weg, aber den behält man nicht permanent durch die ganze Karriere bei“, sagt der 05-Schlussmann. Er selbst beobachte immer die anderen Torhüter. „Ich schaue mir  Video-Analysen an. Jeder Torhüter, egal wie alt er ist, schaut auf die anderen Torhüter und versucht, sich seinen Teil herauszunehmen, um seinen eigenen Stil zu kreieren. Das tue ich heute noch. Ich spreche mit meinem Torwarttrainer und den Kollegen darüber, frage sie, wie sie darüber denken. Das machst du im besten Fall vor dem Training und versuchst es dann im Training umzusetzen. Du guckst, wie du damit zurechtkommst, ob es dich in deinem Spiel weiterbringt. Man kann nicht alles können, aber man kann sich weiterentwickeln. So bastelt man sich Schritt für Schritt sein Torwartspiel zusammen.“

Ein wichtiger Punkt für den erfahrenen Torhüter, der 255 Bundesligaspiele auf dem Buckel hat, ist das Zusammenspiel mit der Abwehr. Adler ist ein Spieler, der seine Vorderleute dirigiert. Ein Thema, das bei den 05ern in der abgelaufenen Saison eher unterentwickelt war und einer der Gründe, die zu Adlers Verpflichtung führten. „Ich habe die Kommandos schon vom ersten Training an gegeben. Das ist einfach mein Anspruch. Das wird die Jungs auch schon mal nerven, weil ich zu viel quatsche im Spiel. Das ist mir aber in dem Fall egal“, betont der 32-Jährige. „Wir werden daran gemessen, wie wir dahinten stehen, wie wir verteidigen. Manche Spieler brauchen es auch einfach, dass man mit ihnen redet, ihnen ein gutes Gefühl vermittelt. Das sehe ich auch als Aufgabe eines Torwarts an. Aber dafür muss ich natürlich erst einmal die einzelnen Typen richtig kennenlernen. Ich glaube, Torwartspiel ohne Kommandos, wenn man ohne etwas zu sagen in der Kiste steht, ist einfach nicht möglich. Man kann so vorneweg schon Situationen entschärfen.“

Alle in einem Boot mit demselben Ziel

Gegenseitige Hilfe innerhalb der Mannschaft, ein respektables Miteinander innerhalb des gesamten sportlichen Bereichs und innerhalb des Klubs, bezeichnet Adler als etwas, das ihm wichtig ist. „Wir sitzen im Endeffekt doch alle in einem Boot und haben ein Ziel. Ob es die Physios sind oder der Zeugwart oder die Leute auf der Geschäftsstelle. Wir wollen einfach alle Erfolg haben mit dem Klub. Ich spüre die Verantwortung schon, die ich als erfahrener Spieler habe, aber ich habe das immer als große Freude gesehen, das nach außen hin zu repräsentieren. Da gehört nicht nur Leistung auf dem Platz dazu, sondern auch wie ich mich außerhalb des Platzes verhalte. Ich versuche schon, das ganzheitlich zu leben. Ich laufe aber nicht hier herum und glaube, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Ich gehe auch auf die Jungs zu“, betont er. „Ich bin vielleicht schon ein paar Jahre länger dabei, aber hier spielen wir ganz anders als in Hamburg. Was mich total freut. Das ist schon etwas anders, wenn ich sehe, wie der Stefan Bell hinten raus die Bälle spielt. Das ist schon stark, mit welcher Ruhe unter Druck gespielt wird. Das wird auch vom Sandro verlangt. Da brauche ich aber erst einmal zwei Wochen, um wieder den Blick dafür zu bekommen. Ich gehe auch hin und frage die Spieler, die mit dem System vertrauter sind. Ich freue mich, Teil ein coolen Gemeinschaft zu sein, die Gas gibt und zusammen schwitzt in der Vorbereitung.“

Für Adler, der von 2002 bis 2012 bei Bayer Leverkusen spielte, dann zum HSV wechselte, beginnt nun bei den 05ern ein neues Kapitel. „Ich hatte in Hamburg fünf total intensive Jahre, die ich so nicht erwartet hatte. Aber auch schöne Jahre so hart sie waren. Die will ich nicht missen“, erklärt der Routinier. „Ich bin in der Regel jeden Tag mit Freude zum Training gegangen, habe gelernt immer wieder Nackenschläge zu bekommen und immer wieder aufzustehen. Das ist, glaube ich, das wichtigste im Sport. Es gibt keinen Sportler, der in seiner Karriere nur positive Momente erlebt. Das ist nicht möglich.“

René Adler erlebte nicht nur sportliche Rückschläge, sondern  auch Verletzungen, die ihn bremsten. Als sein Transfer zu den 05ern bekannt wurde, mischten sich unter die positiven Stimmen auch leise Zweifel, ob der Torhüter die ihm zugedachte Rolle verletzungsfrei ausfüllen könne. „Das habe ich mir so nicht ausgesucht“, sagt Adler, „aber eine große Stärke von mir ist, immer wieder zurückzukommen und auf relativ hohem Niveau weiterzuspielen. Ich glaube, es gibt keinen Spieler mehr auf diesem Niveau, die ohne Verletzungen durch seine Karriere kommt. Es gehört dazu, damit umzugehen, wieder aufzustehen, wieder hinzufallen, wieder aufzustehen. Ich kann nicht sagen, wie es wird. Ich kann nur sagen, dass man in Mainz meine Vorgeschichte kannte. Hier hat keiner die Katze im Sack gekauft. Ich werde alles dafür geben, in der Vorbereitung aufs Training, in der Professionalität, dass ich topfit bin. In allem anderen steckt man manchmal einfach nicht drin.“

 

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