Alles nur noch ungerechter?

Jörg Schneider. Mainz.
Die Diskussionen um die Spielleitung von Manuel Gräfe war eines der Themen nach der bitteren 2:3-Heimniederlage gegen die TSG Hoffenheim. Die Beteiligten von Mainz 05 bescheinigten dem Referee zwar größtenteils nichts Spielentscheidendes falsch gemacht zu haben. Doch das Schiedsrichterwesen generell steht nach Einführung des Video-Beweises in der Kritik. Der 05-Kapitän fasste es drastisch zusammen: „Das ist eine Katastrophe. Das geht mir so auf den Sack, das ist unfassbar“, wetterte Stefan Bell. Man habe das Gefühl, es werde alles noch ungerechter und dass man den Entscheidungen noch willkürlicher ausgeliefert sei als vorher.

Im Mittelpunkt ständiger Diskussionen: Schiedsrichter Manuel Gräfe. Foto: Ekkie VeyhelmannDie Aufregung war groß, in erster Linie darüber, was den Schiedsrichter betraf. Bei den Spielern, die permanent mit Manuel Gräfe diskutierten. Bei den Verantwortlichen auf der Bank, die den Pfeifenmann aus Berlin in der Pause und am Ende zu einzelnen Situationen befragten und natürlich beim Publikum, das Gräfe Einseitigkeit und falsche Entscheidungen vorwarf. In einigen Punkten zurecht. Die Tatsache, dass Sandro Wagner ohne Gelbe Karte aus dieser Partie herausgehen durfte und dass Wagners Kollege Kevin Vogt, der den entscheidenden Pass zum 3:2-Siegtreffer der TSG Hoffenheim in der Nachspielzeit spielte, wegen diverser Delikte nicht vorher mit Gelb-Rot runter musste, kann man Gräfe schon ankreiden. Am Ende bescheinigten aber zumindest die Verantwortlichen und Beteiligten vom FSV Mainz 05, dass der Unparteiische nichts Spielentscheidendes falsch gemacht habe, dass die Ursachen dieser frustrierenden Heimniederlage zuallererst bei den 05ern selbst zu suchen waren.

„Manuel Gräfe hat einen guten Job gemacht. Er hat auch genügend Zeit nachspielen lassen. Ich habe mir von ihm die Situation mit dem Eckball zum 2:2 erklären lassen. Ich denke, es war alles richtig“, sagte Sandro Schwarz, der einen intensiven Austausch mit dem Schiri hatte. „Ich weiß nicht, wer mich da angeschossen hat“, erklärte Danny Latza nachher. „Ich kriege den Ball an den Fuß, lenke ihn damit in den Strafraum, das ist dann wohl kein Abseits. Von daher ist alles richtig entschieden.“ Der Assistent an der Seitenlinie hatte wegen Abseitsstellung die Fahne oben, Gräfe überstimmte ihn nach einer kurzen Abstimmung über die Headsets. Für die Fans hinter dem Tor und für viele andere war allerdings der nachfolgende Eckball, der das 2:2 mit dem Halbzeitpfiff brachte grenzwertig. Aktionen wie die von Wagner gegen Jean-Philippe Gbamin sind auch schon andersherum bewertet worden.

Drastische Worte vom Kapitän

Stefan Bell war nachher derjenige, der sich und sein Team dennoch erneut als Opfer des Video-Beweises betrachtete und seinen Ärger darüber energisch zum Ausdruck brachte.  Bell, dessen Kollegen und Yoshinori Muto regten sich auf, weil sie der Meinung waren, dass der Japaner bei einer Aktion im Strafraum kurz vor Schluss umgerissen worden sei. Eine Szene, die aber offenbar nicht überprüft worden war. „Das ist eine Katastrophe. Das geht mir so auf den Sack, das ist unfassbar“, wetterte der 05-Kapitän. „Das macht das ganze Spiel kaputt, wenn du nach jedem Spiel über den Video-Beweis reden musst. Man hat das Gefühl, es wird noch ungerechter. Selbst wenn es keine klare Aktion war, hat man das Gefühl, dass man den Entscheidungen noch willkürlicher ausgeliefert ist als vorher.“

Handschlag mit dem Schiri: Sandro Schwarz machte Manuel Gräfe keinen Vorwurf, wünscht sich aber allgemein mehr Klarheit in der Spielleitung. Foto: Ekkie VeyhelmannWie auch immer, in dieser Frühphase der Bundesliga stehen die Schiris und deren Assistenten am Bildschirm permanent in der Diskussion, was der allgemeinen Spielleitung bisher nicht gerade gut getan hat. Rouven Schröder wollte die Dinge gar nicht mehr diskutieren, weil das Ganze in eine falsche Richtung laufe. „Heute sage ich mal gar nichts dazu. Ich werde immer dazu zitiert, dass ich mich aufrege, das will ich nicht mehr“, erklärte der Sportvorstand, der sich dann aber doch grundsätzlich äußerte. „Die vielen Unterbrechungen und Diskussionen. Jeder denkt doch jetzt nach einer Aktion, er kann es hinterfragen, nochmal besprechen, noch einmal reinhören. Der Ursprung des Ganzen ist doch ein anderer, dass die klaren Situationen, in denen Dinge falsch entschieden worden sind, dass man da eingreift. Mittlerweile denkt man aber, man könnte jede Situation überprüfen. Da haben wir dann Sachen rechts und links und im Mittelfeld und du bist nur noch am Draufgucken“, so der 41-Jähige.

„Ich glaube dass wir in einer Situation sind, die nicht angemessen ist, wenn du Bundesliga-Fußball spielst und am Ende nicht weiß, wie der Video-Beweis geht. Dann ist es relativ schwierig in den Situationen damit umzugehen“, sagte Schwarz. „Die Sportsendungen werden gefüllt mit diesem Thema, die Journalisten haben immer etwas zu schreiben. Für alle anderen ist es nicht gut. Die Schiris sind dabei die ärmsten Schweine, das muss man ganz klar sagen, denn es ist alles nicht so richtig klar. Ich weiß nicht, ob heute wirklich etwas für den Video-Beweis dabei war, aber es ist grundsätzlich so, dass jede Woche was ist, dass man ständig darüber spricht. Da sollte schnellstmöglich mehr Klarheit rein.“

Die 05er haben am Ende ein tolles Spiel durch einen lucky Punch unglücklich und für sie auf extrem frustrierende Weise verloren. Weil sie trotz einer sehr guten und ungemein engagierten Leistung, beseelt von unbedingtem Siegeswillen ihre Groß-Chancen nicht genutzt haben für einen klareren Vorsprung vor der Pause. Und trotz aller Bemühungen und der besten Saison-Vorstellung auch nach dem Ausgleich in der zweiten Halbzeit nicht den Ball im Hoffenheimer Tor zum Siegtreffer unterbrachten. Vor allem aber, weil sie dem starken und nie aufgebenden Gegner das Tore schießen zu einfach machten. Beim 2:1 hebelte ein einfacher Schnittstellen-Pass die nicht gut gestaffelte 05-Abwehr aus, Leon Balogun kam zu spät gegen Nadiem Amiri. Beim 2:2 kam Bell, offenbar noch abgelenkt durch die ganze Aufregung zuvor, zu spät und verlor das Kopfballduell gegen Wagner. „Das 2:2 war mein Ding. Eins-gegen-eins nach einer Ecke, das muss man besser verteidigen, ganz klar“, gestand Bell ein. Beim Siegtreffer der Gäste wehrte Latza den Ball unglücklich nach vorne und in die Füße von Vogt ab. „So ein Gegentor kann man nicht immer erklären und auch nicht immer verhindern. Es war einfach ein Zufallsprodukt“, sagte der Kapitän, „aber die zwei Tore zuvor dürfen wir nicht so einfach hergeben.“

Die Gesamtleistung gibt dem Team am Ende den Mut und das Vertrauen, insgesamt so weiter zu machen. Auch nach der vierten Niederlage im fünften Spiel. Die Anlagen der Mannschaft und besonders die Vorstellung gegen den bisher stärksten Gegner in der Opel Arena vermitteln nicht das Bild, dass etwas grundsätzlich schief läuft außer den fehlenden Ergebnissen. „Die Art und Weise, wie wir gespielt haben, war top. Wir haben auch wirklich nicht viel zugelassen, die zwei Tore und den Freistoß am Ende, das war‘s dann auch. Was sonst aufs Tor kam, hat René gut gehalten. Da war vieles von dem drin, was wir vorhaben. Auch die zweite Halbzeit war sehr gut von uns. Ich bin sicher, dass wir auf einem guten Weg sind. Das ist genau der Weg, den wir weiter gehen müssen. Dann werden wir auch punkten“, sagte der 26-Jährige im Brustton der Überzeugung. „Dass wir mit leeren Händen da stehen ist einfach nur traurig“, erklärte Latza. „Bitter ist, dass wir dann nicht den einen Punkt mitnehmen. Wenn wir vorne merken, es läuft doch nicht mit dem einen Tor, dann muss man einfach alles dafür tun, das Unentschieden zu halten, um etwas Selbstvertrauen zu tanken.“

► Alle Artikel zum Spiel gegen die TSG Hoffenheim

► Zur Startseite