Altes besiegen, Neues entstehen lassen

Jörg Schneider. Mainz.
„Wir haben lange gefastet“, sagte der Trainer des FSV Mainz 05 nach diesem lebenswichtigen 1:0-Sieg seiner Mannschaft gegen Hertha BSC Berlin. Martin Schmidt hat mit seiner Mannschaft die Fastenzeit passend zum Kirchenjahr beendet. Mit einem Team, das mit enormem Kampfgeist, großer Leidenschaft und Herz sowie phasenweise mutigem, guten und schnellen Fußball nach fünf Niederlagen in Folge so etwas wie eine Auferstehung schaffte. Gestützt von einem Publikum, das mit seiner Präsenz in der Opel Arena eine Atmosphäre schuf, die an große Bruchweg-Schlachten erinnerte. „Ich glaube, es war heute die Zeit, in der man Altes besiegt und Neues entstehen lässt. Ich glaube, heute ist ein neuer Glaube entstanden. Darüber bin ich sehr glücklich“, sagte Schmidt.

Raus mit dem seit Wochen aufgestauten Frust: Robin Quaison und seine Kollegen bejubeln den Führungstreffer von Danny Latza gegen Hertrha BSC. Foto: Ekkie VeyhelmannHunderte von Fans, die schon beim Abschlusstraining das klare Bekenntnis zu diesem Klub und diesem Team dokumentierten. 20.000 kostenlos verteilte rote T-Shirts mit der Aufschrift #Mainzbleibt1, die sich ein Großteil der 05-Anhänger unter den 30.579 Zuschauern überstreiften. Eine wunderbare Choreografie der Stehtribünen-Fans vor dem Spiel und ein Publikum, das in der Opel Arena mit seiner Präsenz und Vehemenz an alte Bruchweg-Schlachten erinnerte. Und eine Mannschaft, die 94 Minuten lang alles gab und rauspowerte, was möglich war. „100 Prozent für unser Ziel“: Selten ist ein solches Motto leidenschaftlicher und in solcher Gemeinsamkeit umgesetzt worden wie an diesem Samstag vor Ostern. Der 1:0-Sieg gegen Hertha BSC war noch kein Befreiungsschlag im Abstiegskampf. Die mitbedrohte Konkurrenz hat ebenfalls gepunktet. Aber der Erfolg war lebenswichtig und hatte zumindest einen wichtigen Nebenaspekt. Der FC Ingolstadt, der bedrohlich herangerückt war, bleibt nach dessen Niederlage in Wolfsburg wieder auf größerer Distanz.

„Wir sind da reingegangen und haben gewusst, wir müssen hier alte Tugenden auspacken“, sagte Martin Schmidt, bei dem die Erleichterung nach dem Sieg genauso spürbar war, wie bei allen anderen 05ern. „Verteidigung nach vorne, mutig sein, vorne hoch anlaufen, Flugbälle verteidigen. Das haben wir bis auf wenige Ausnahmen gut geschafft. Es war ein Spiel, in dem man gemerkt hat im Laufe der Zeit, dass unser Matchglück langsam zurückkommt, dass die Bälle wieder mehr dahin fallen, wohin sie in den letzten Wochen nicht gefallen sind. Wir haben das 1:0 gemacht, haben hinten alles weggeköpft und haben einen Sieg errungen, der für uns alle sehr, sehr wichtig ist. Wir haben lange gefastet auf Punkte in den letzten Wochen. Deshalb ist es gut, dass die Fastenzeit jetzt vorbei und dass jetzt Ostern ist“, sagte der bekennende Katholik. „Ich glaube es war auch die Zeit, in der man Altes besiegt und Neues entstehen lässt. Ich glaube, heute ist ein neuer Glaube entstanden, ein neues Selbstbewusstsein. Darüber bin ich sehr glücklich.“ Das Votum des Vereins, der sich Anfang der Woche dafür entschieden hatte, an dem Trainer festzuhalten, habe bewirkt, dass er die nötige Ruhe gehabt habe, um die Mannschaft gezielt auf dieses Heimspiel vorzubereiten.  Ich denke, dass wir heute bestätigt haben, dass wir ruhig und konzentriert weitergearbeitet haben. Auch wenn mal eine Baisse da ist, ein Durchhänger, dass man es doch drehen kann mit Arbeit und Geschlossenheit. Wir sind aber noch nicht raus, die anderen Klubs haben auch gewonnen. Aber jetzt geht es weiter, und der Glaube macht vieles war.“

"Sieg durch nichts zu ersetzen"

Die Erleichterung, sagte Rouven Schröder nach dem Abpfiff, sei riesengroß. „Heute müssen die Jungs das genießen nach den schlimmen Wochen mit fünf Niederlagen in Folge. Heute war es ein verdienter Sieg. Das Problem an solchen Spielen ist immer, dass wenn du das zweite Tor nicht machst, die Gefahr groß ist, dass hinten mal einer durchrutscht. Die Mannschaft hat aber ein ganz hervorragendes Spiel gemacht. Vor allem in der ersten Halbzeit. Geduldig gespielt, viele Zweikämpfe und besonders auffällig heute, sie hat viele zweite Bälle gewonnen. Das war ganz entscheidend. Dann kommt der unbändige Einsatz eines jeden Einzelnen dazu und vor allen Dingen diese unglaubliche Stimmung in der Opel Arena. Man kann ja oft darüber reden, dass alle aufgewacht sind, aber man muss es auch zeigen und die Mannschaft hat es gezeigt. Es war wichtig, diesen Dreier heute zu holen, denn man sieht, die Konkurrenz schläft nicht. Du brauchst dann auch mal das Quäntchen auf deiner Seite, dass der Brooks den Ball, von Danny Latza ins Tor abfälscht. Ich muss sagen, die Mannschaft ist charakterlich einwandfrei. Diese Geschlossenheit wollen wir sehen. Ein Sieg ist durch nichts zu  ersetzen. Wenn man sieht, wie die Jungs mit den Fans gefeiert haben, da wollen wir mehr von. Das ist wie eine Droge. Wir brauchen heute keinen Einzelnen hervorheben, das Team hat heute komplett zusammen gewonnen.“

Stefan Bell war froh, endlich einmal etwas Positives nach einem Spiel zum Besten geben zu können nach den schwierigen Wochen. „Ich glaube, wir haben es endlich mal geschafft, als Einheit auf dem Platz zu stehen und dass alle zu 100 Prozent den Plan umgesetzt haben, den wir für dieses Spiel hatten. Das war gegen den Ball so, dass wir brutal offensiv verteidigt, vorwärts verteidigt haben. Wir haben in der ersten Hälfte sehr viele Balleroberungen gehabt. Das war eine ganz andere Spielweise wie die Wochen davor. Daran haben wir die ganze Woche gearbeitet. Wir haben uns auch gesagt, wir müssen wieder zurück zu dem, was uns früher stark gemacht haben. Nur so können wir das Stadion hinter uns kriegen und die Balleroberungen schaffen, die wir brauchen“, erklärte der 05-Kapitän. „Das Zweite war, dass wir mit Ball in der ersten Hälfte wirklich einen guten Mix drin hatten aus schnellem Ballbesitz, den Gegner ein bisschen haben laufen lassen, aber auch das Tempo mal erhöht haben und den Ball vorne in die Box reingespielt. Das hat oft super funktioniert. Ein zweites Tor hätte sicher mehr Ruhe reingebracht, denn wir hatten noch viele Chancen. Wir hätten auch vorher in der ersten Hälfte schon früher in Führung gehen können. Es ist einfach wichtig, dass wir viele Abschlüsse haben. Dass da nicht jeder Ball reingeht, ist eine andere Sache, aber wir brauchen diese Aktionen vorne im Strafraum. Da sind wir, denke ich, jetzt auf einem guten Weg, wenn man dieses Spiel und das gegen Leipzig ansieht. Das waren doch jedesmal zehn gefährliche Aktionen im gegnerischen Sechzehner.“

"Dahinter kann sich jetzt auch keiner mehr verstecken"

Der Spielführer begrüßte unterdessen die Vereins-Entscheidung, den Trainer zu stützen. „Das bringt auf jeden Fall Ruhe in so eine Geschichte rein. Nachdem das so verkündet wurde, haben wir uns mit dem Trainerteam zusammengesetzt und zusammen überlegt, wie wir die letzten Spiele bis Saisonende angehen. Es ist wichtig, dass sich jeder im Team im Klaren ist, dass der Trainer bleibt, dass es keine Ausreden gibt. Keine Alibis. Dass niemand im Hinterkopf hat, wenn wir nochmal schlecht spielen, ist der Trainer schuld. Dann wird der halt gewechselt, dann sind wir fein raus als Spieler. Das ist nicht der Fall und dahinter kann sich jetzt auch keiner mehr verstecken. Ich glaube, es war eine gute Entscheidung.“ Noch besser sei die Stimmung im Stadion gewesen, diese bedingungslose Unterstützung über 94 Minuten. „Gegen Leipzig hat man schon eine gewisse Jetzt-erst-recht-Stimmung gespürt. Ich bin mir sicher, dass hier jetzt jeder wirklich verstanden hat, um was es bei uns jedes Jahr geht: in der Bundesliga zu bleiben“, sagte Bell. „Vielleicht war es so, dass wir das in den letzten Jahren zu locker geschafft haben und vielleicht dadurch die Ansprüche zu hoch geworden sind. Vielleicht ist es ganz gut, dass eine solche Situation eintreten musste, dass jetzt wieder alle darauf gepolt sind,  gemeinsam für ein Ziel zu kämpfen.“

Pal Dardai nahm die Niederlage mit Humor. „Ich nehme einen wunderschönen Rekord mit. Das ist mein dritter Rekord bei Hertha BSC. Der erste ist, dass ich Rekordspieler bin, der Zweite ist, dass ich die meisten Punkte für diesen Verein geholt habe und der Dritte ist, dass ich nun die meisten Auswärtsniederlagen kassiert habe.“ Der Trainer der Berliner, hatte eine Erklärung für die achte Auswärtspleite hintereinander. „In der ersten Halbzeit waren wir nicht anwesend, was mit Zweikampf, Mut und mit taktischer Disziplin zu tun hatte. Wir konnten uns nicht befreien, gingen immer einen Schritt nach hinten. So kann man nicht verteidigen. Wir hatten nicht mal einen Torschuss und mussten froh sein, dass wir nur mit 0:1 in die Pause gingen. Zweite Halbzeit hat es etwas besser ausgesehen, aber die Mainzer waren gieriger, zweikampfstärker, einfach schneller. Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, wir haben hier heute keine Chance gehabt.“

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