Amateur-Präsident bleibt länger Profi

Christian Karn. Mainz.
Stefan Bell ist bei Mainz 05 bekannt als ein klarer Kopf. Abwehrchef, inzwischen tatsächlich sogar Torjäger, ruhig, verbindlich, intelligent. Der 05-Sportdirektor Rouven Schröder nennt ihn "Fixpunkt der Mannschaft" und "Identifikationsfigur für den Verein und unsere Fans". Das qualifiziert Bell zu zwei verwandten und doch ganz unterschiedlichen Rollen: De-facto-Kapitän in der Bundesliga und Vereinspräsident in der Kreisliga. Der Vorsitzende des FV Vilja Wehr und der FSV Mainz 05 verlängerten nun ihren ursprünglich bis 2018 befristeten Vertrag vorzeitig um zwei Jahre.

Stefan Bell pendelt zwischen den Extremen. Im Hauptberuf ist der Innenverteidiger Kapitän des FSV Mainz 05, de facto zumindest. Niko Bungert, der eigentliche Kapitän, ist in dieser Saison im Schnitt nur in jedem dritten Spiel dabei, meistens trägt Bell die Spielführerbinde am Arm. Verantwortung übernimmt der inzwischen 25-Jährige aber auch im Amateurfußball: In der Osteifel ist Bell Präsident seines Stammvereins Vilja Wehr, der mit zwei Nachbarklubs eine Kreisliga-Spielgemeinschaft bildet. Auf ein Comeback ihres einstigen Jugendspielers muss die SG Wehr/Rieden/Volkesfeld noch eine Weile warten: Bell und Mainz 05 verlängerten nun ihren ursprünglich bis 2018 befristeten Vertrag um zwei weitere Jahre.

Torjäger unter sich: Vor ein paar Wochen schlugen Stefan Bell und Levin Öztunali Bayer Leverkusen 2:0.Bells Karriere ist eine der großen Erfolgsgeschichten der Mainzer Jugendarbeit. Mit dem drei Jahre älteren Roman Neustädter, der nach 183 Bundesligapartien inzwischen Fenerbahce Istanbul angehört, spielte er nie zusammen, mit den beiden anderen bedeutenden Spielern gewann er jedoch 2009 unter Thomas Tuchel die Deutsche U19-Meisterschaft: André Schürrle, der fünf Jahre später das WM-Siegtor vorbereitete, war der Topscorer der Mannschaft. Jan Kirchhoff, der als erster 05er zu Bayern München wechselte, in seiner vielversprechenden Karriere allerdings immer wieder durch die Folgen seiner Verletzung aus dem Meisterschaftsfinale zurückgeworfen wird, war der Abwehrchef. Und der ein Jahr jüngere Stefan Bell verpasste wegen einer Verletzung die Endrunde, war aber bis dahin Stammspieler neben Kirchhoff in der Innenverteidigung. Und ist der bisher letzte 05-Jugendspieler, der es geschafft hat, sich auf höchstem Niveau durchzusetzen. Suat Serdar könnte gerade der nächste werden, das müssen wir beobachten. Shawn Parker ist steckengeblieben. Bell dagegen ist Bundesliga-Kapitän (mehr oder weniger), für Sportdirektor Rouven Schröder "Leistungsträger, Fixpunkt der Mannschaft, Identifikationsfigur für den Verein und unsere Fans".

Der Weg dorthin war schwierig. Zwar saß Bell schon als A-Jugendlicher beim Auswärtsspiel bei Bayern München zum ersten Mal auf der Bank der 05-Profis (und wurde bald von Inter Mailand umworben, wäre dort aber möglicherweise nur eins von vielen Spekulationsobjekten geworden), den Sprung zu den Profis schaffte der Verteidiger jedoch zunächst nicht. Zweimal wurde Bell in die 2. Bundesliga verliehen; beim TSV München 1860 war der damals 19-jährige 2010/11 mehr oder weniger Stammspieler, bei Eintracht Frankfurt 2011/12 spielte er fast nie. Auch wegen Bo Svenssons Kreuzbandriss brachen die Klubs die Leihe in der Winterpause ab, aber auch in Mainz spielte Bell erst einmal in keiner Mannschaft eine Rolle. Erst Anfang 2013, nach einem guten halben Jahr in der Regionalliga, näherte sich Bell der Bundesligamannschaft an. Und seit Spätsommer 2013 ist er Stammspieler, selten gar nicht dabei, fast immer in der Startelf. Und mit vier Saisontoren bester Torjäger der diesjährigen 05er (gleichauf mit Jhon Córdoba, Pablo de Blasis, Levin Öztunali, Danny Latza und hinter Yunus Malli, der nach sechs Hinrundentoren nach Wolfsburg wechselte).

"Mainz 05 ist meine fußballerische Heimat und ein Verein, der mit seiner Philosophie sehr gut zu mir passt", kommentiert Bell seine neue Unterschrift. "Unsere Entwicklung ist noch nicht zu Ende. Mit dem Zeitpunkt meiner Vertragsverlängerung möchte ich auch mein Vertrauen demonstrieren, das ich in unsere Mannschaft und unseren Verein habe."

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