Anderlecht nutzt den Stundenbruch

Christian Karn. Mainz.
Der rote Faden, der sich doch ein bisschen durch die bisherige Saison des FSV Mainz 05 zieht, ist der Faden, den die Mannschaft nach ungefähr einer Stunde verliert. Auch gegen den RSC Anderlecht war auf einmal ein Bruch im Spiel, verloren die bis dahin in vielen Dingen überlegenen 05er den Faden, und die Belgier nutzten die sich im strömenden Regen plötzlich bietenden Möglichkeiten zum Ausgleich, für den sie bis dahin trotz des frühen Führungstors durch Yunus Mallis Elfmeter nicht viel getan hatten. Die 05er sind nun punktgleich mit beiden Topteams der Liga, hätten beide zuhause schlagen können, haben gegen beide zuhause Punkte verloren.

FSV Mainz 05 - RSC Anderlecht 1:1 (1:0)

Donnerstag, 20. September 2016, 21.317 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Bungert, Bussmann - Gbamin, Serdar (59. Brosinski) - Onisiwo (81. Öztunali), Malli, de Blasis (76. Jairo) - Córdoba.
Reserve: Huth, Balogun, Rodríguez, Holtmann. Trainer: Schmidt.

RSC Anderlecht: Roef - Deschacht, Kara Mbodji, Nuytinck - Sowah Adjei (82. Bruno), Dendoncker, Tielemans, Acheampong - Stanciu (60. Capel), Hanni - Teodorczyk (76. Badji).
Reserve: Boeckx, Harbaoui, Obradovic, Kabasele. Trainer: Weiler.

Schiedsrichter: Gil Manzano (Spanien).

Tore: 1:0 Malli (10., Foulelfmeter, Deschacht an de Blasis), 1:1 Teodorczyk (66., Hanni).

Gelbe Karten: Bell, Brosinski - Hanni, Nuytinck, Deschacht, Capel.

Man muss wirklich mal herausfinden, was in der Mannschaft des FSV Mainz 05 um die 60. Minute herum passiert, warum die Mainzer in dieser Phase so oft den Faden verlieren. Sie verloren ihn (und das Spiel) gegen Leverkusen, sie verloren ihn (und den Sieg) gegen Saint-Étienne, sie verloren ihn (und sonst nichts) gegen Darmstadt und in Baku. Und sie verloren ihn gegen den RSC Anderlecht, fanden ihn zwar nach ein paar Minuten wieder, aber das hatte den Belgiern genügt, um mit einer ihrer sehr wenigen Offensivaktionen den Ausgleich zu machen und mit einem 1:1 zurück nach Brüssel zu fahren, das ihnen besser steht als den 05ern. Die stehen jetzt punktgleich  mit den Belgiern und der AS Saint-Étienne auf den ersten drei Plätzen der Europa-League-Gruppe, haben aber zuhause gegen beide Konkurrenten nur unentschieden gespielt.

Drei Änderungen gab es in der Mainzer Startelf: Niko Bungert verteidigte anstelle von Alexander Hack. Für Daniel Brosinski kam nicht Fabian Frei ins Team - der Schweizer war gar nicht im Kader -, sondern Suat Serdar. Und auf dem Flügel stürmte statt Levin Öztunali wieder Karim Onisiwo, und zwar auf der rechten Seite. Und die Mainzer griffen an, vom Anpfiff weg hatten Yunus Malli und immer wieder Onisiwo ihre Szenen am Strafraum der Belgier. Größte Gefahr ging davon noch nicht aus, aber es gab dem Spiel in den ersten Minuten eine Richtung, auf den eingenebelten Gästeblock zu. In der siebten Minute hatte allerdings auch der RSC seinen ersten Angriff. Bis dahin hatten die Gäste den Schwung der 05er auf sich zukommen lassen, nun aber spielten sie mit.

Und kassierten aber doch bald den Rückstand. Malli hatte gerade noch einen Steilpass von Gbamin in den Strafraum nicht erreicht, da spielte der Franzose schon wieder vors Tor, auf die linke Seite, wo Olivier Deschacht eine Grätsche wagte, die nicht gutgehen konnte. Der Verteidiger erwischte nur de Blasis' Bein, Malli schoss den fälligen Elfmeter hoch ins rechte Eck (10.). Jonas Lössl und Gaetan Bussmann verhinderten in der 14. Minute den Ausgleich nach Schüssen von Sofiane Hanni und Lukasz Teodorczyk. Der algerische Kapitän der Belgier hatte sich auf seiner linken Angriffsseite mit einer wunderbaren Drehung von Stefan Bell gelöst, aus einigermaßen spitzem Winkel geschossen, Lössl hielt. Der Nachschuss des Mittelstürmers war nicht weiter gefährlich.

Und sie wirkten bei allem Offensivtalent hinten die ganze Zeit etwas unsortiert, etwas unabgestimmt, die Belgier mit ihrer Drei-oder-Fünferkette. Es gab Schnittstellen, es gab Missverständnisse mit den beiden Sechsern, es gab Räume und Lücken zwischen den Linien, in denen die 05er Fußball spielen konnten. Onisiwo vergab in der 22. Minute das mögliche 2:0 - Malli hatte auf Jhon Córdoba gespielt, der hinaus auf den Österreicher, dessen Schuss auch aus spitzem Winkel den Außenpfosten streifte. Wie nass es in der Arena war, zeigte kurz darauf Emmanuel Sowah Adjei, der nach einer Grätsche von Bussmann an der Seitenlinie noch meterweit auf dem Hosenboden weiterschlitterte.

Vorne aber, da hat der RSC Anderlecht seine Qualität. Wieder war's in der 30. Minute Hanni, der frei vor Lössl auftauchte, eigentlich alles so hatte, wie er es brauchte - Lössl kam entgegen und blockte den Schuss mit dem rechten Bein. Suat Serdar hatte ungünstig gestanden, den Angriff vorbei lassen müssen. Dennoch: Auch nach einer halben Stunde noch waren die 05er dem belgischen Rekordmeister in vielen Dingen überlegen. Vor allem Pablo de Blasis stellte ihnen kaum lösbare Aufgaben; was sie mit dem kleinen Wuseler, dem Dribbler mit und Presser gegen den Ball, anfangen sollten, das bekamen die Verteidiger nicht heraus. Es dauerte allerdings bis in die 42. Minute, bis Córdoba so etwas wie die nächste Chance hatte; Yunus Mallis Flanke an den langen Pfosten war im Grunde schön, aber ein bisschen zu hoch für den Kolumbianer. De Blasis' Kopfball eine Minute später wurde zur Ecke abgefälscht. Am Ende fehlte den Mainzern einfach zu oft ein bisschen Präzision. Und auf die Konterversuche, auf die Wendigkeit von Hanni und die körperliche Präsenz von Teodorczyk, mussten sie immer aufpassen.

Auf einmal hat er allen Platz, den er braucht, der Lukasz Teodorczyk. Das reichte dem Torjäger des RSC Anderlecht für ein Ausgleichstor, das den Mainzern wehtut. Foto: imago1:0 zur Halbzeit also. Und bis auf den Seitenwechsel gab es in der zweiten erst einmal keinen Unterschied. Die 05er sahen wacher aus an diesem späten Abend, sie erkannten, merkten, antizipierten mehr, kamen nur nicht oft ans Tor - de Blasis war's plötzlich, aus dem Hinterhalt kommend, der nach sechs Minuten eine flache Flanke von Córdoba aufs kurze Eck brachte, aber Davy Roef, der junge neue Torwart der Belgier, war blitzschnell unten und hielt seine Mannschaft im Spiel. Onisiwos Schuss in der 57. Minute sah viel harmloser aus, war's aber nicht. Wieder aber verloren die 05er in dieser Phase die Kontrolle übers Mittelfeld. Anderlecht kam besser ins Spiel, kam besser an den Strafraum.

Darauf reagierte Martin Schmidt mit der ersten Auswechslung. Suat Serdar ging, Daniel Brosinski kam ins Spiel, kurz nachdem Frank Acheampong an Giulio Donati vorbeigekommen war, das Tor aber deutlich verfehlte hatte (59.). Auch René Weiler wechselte, nahm den teuersten Import Belgiens, den nicht sehr wirkungsvollen Nicolae Stanciu vom Platz, brachte den Spanier Diego Capel. Der foulte erst einmal Onisiwo. Und sah bald den Ausgleich. Der hatte sich lange angedeutet. Und es waren die beiden gefährlichen Stürmer. Hanni flankte. Teodorczyk hatte Platz. War zu weit weg von Lössl, als das dieser die Flanke hätte bekommen können, zu nah am Torwart, als das dieser irgendeine Chance gehabt hätte. Der Kopfball war drin (66.), weil die 05er in dieser Phase völlig draußen waren aus der Partie, Bälle verspringen ließen, Pässe ins Leere spielten, kein Zweikampftiming hatten.

Aber wieder reinfanden, ein bisschen jedenfalls. Ob's eine Flanke war oder ein Torschuss, was Córdoba in der 73. Minute losschickte, ist wohl Definitionssache, der Ball verfehlte das offene lange Eck nur um ein kurzes Stück, ein viel kürzeres als drei Minuten darauf Jean-Philippe Gbamin. Und nach dem Weitschuss von Brosinski aus dem linken Rückraum hätte Bell wohl das Abstaubertor geschossen, hätte Roef den tückischen Ball nicht mit etwas Mühe doch noch festgehalten (79.). Es war nur ein kurzes Zwischenhoch der Gäste, aber es hatte fürs 1:1 gereicht.

In der Nachspielzeit hatte Malli nochmal eine Chance, schoss nach einem abgewehrten Freistoß übers Tor. Und Felix Brych hätte den Elfmeter in der 93. Minute gepfiffen, aber Felix Brych war nicht da, Jesús Gil Manzano pfiff selbstverständlich nicht. 1:1 also, in einem Spiel, in dem viel mehr möglich war. Muss man hinnehmen.

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