Anspruchsvolle Normalität

Christian Karn. Mainz.
So sehr sich der Aufsteiger aus Leipzig in Tiefstapelei bemüht hat - schon als Ende Juni der Spielplan veröffentlicht wurde, wusste jeder, dass dem FSV Mainz 05 in der ersten Aprilwoche eine der größeren Herausforderungen bevorstehen wird. Wie erwartet hat sich der Konzernklub weit oben in der Tabelle eingereiht, momentan als Anführer einer Dreiergruppe, die man nicht mehr ernsthaft "Verfolger der Bayern" nennen kann. Ebenfalls wie erwartet hat sich die Bundesliga schnell an den Emporkömmling gewöhnt. Nicht jeder mag das Leipziger Projekt, aber die Gegner treten trotzdem an, verlieren häufig, gewinnen manchmal. Heute? Wird es mit 0:0 beginnen.

Wie schnell sich doch die Dinge normalisieren! Bayern wird Meister, zum fünften oder sechsten Mal in Folge, das weiß keiner so ganz genau, ohne nachzusehen, weil es verschwimmt, weil es zur Gewohnheit geworden ist. Auch die gestrige Niederlage gegen Hoffenheim wird am ungefähr 30. Meistertitel der Bayern nichts mehr ändern. Die Tabellenführung der Leipziger, die in etwa zu diesem Zeitpunkt in der Hinrunde mal kurz aktuell war, ist längst wieder dahin, der Rückstand enorm, die Konkurrenz im Nacken. Es wird in die Champions League gehen, zumindest in die Qualifikation dazu, was allem Geschwätz von wegen "wir sind ein ganz normaler Aufsteiger" und "wir sind gar kein Geldklub" zum Trotz sowieso klar war. Wo Reichtum und Stümpertum zusammenkommen, kann immer noch Unheil angerichtet werden, aber wenn's auch vielen alteingesessenen Fans nicht passt: Die wissen was sie tun, die Leipziger. Die stellen sich nicht so dämlich an wie manch anderer Geldspeicherklub.

Massive strukturelle Mängel führten im Hinspiel zu einer 1:3-Niederlage der 05er, die in der ersten Hälfte deutlicher hätte ausfallen können. Jonas Lössl - hier gegen Naby Keita - hielt, was zu halten war, konnte sich auf seine Abwehr nicht verlassen. Foto: imagoUnd ja, Klub. Das muss man nicht sympathisch finden, das Modell mit einer Handvoll ausgewählter Mitglieder, minimalem Mitbestimmungsrecht. Keiner muss irgendwas sympathisch finden, wer will, darf Robbenbabies verachten. Vorteile hat's in der Tat für Generalstabspläne. Und um zu sehen, was passieren kann, wenn zu viele Leute mitentscheiden, die nicht wissen, was sie tun, muss man gar nicht das ganz große Fass aufmachen und sich die jüngsten Wahlen und Abstimmungen in den USA und England ansehen; auch bei Mainz 05 gab es zuletzt mitunter seltsame Resultate.

Leipzig ist halt da, immer noch nicht uneingeschränkt erwünscht, aber um so etwas hat sich die Bundesliga seit 1965 nicht mehr geschert. Wie bei der Vorstufe Hoffenheim vor neun Jahren hat sich die Anfangseuphorie zumindest so weit gelegt, dass das Establishment die Spitze übernommen hat und nicht jede Protestkundgebung gegen den neuen Herausforderer in die großen Schlagzeilen kommt. Das Regime des Geldes ist wirklich nichts Neues mehr. Und so kommt sie zustande, die Normalität.

Es wäre keine Überraschung, wenn auf der Fantribüne der Opel Arena mit vielleicht weniger, vielleicht mehr Kreativität als anderswo Stimmung gegen die Leipziger und ihren Trägerkonzern gemacht wird. Auf dem Platz würde sich das Spiel des FSV Mainz 05 gegen den Aufsteiger nicht wesentlich von Spielen gegen Dortmund, Schalke, Leverkusen, Wolfsburg unterscheiden, würde es nicht gerade dermaßen brodeln im Verein nach den drei ebenso verdienten wie vermeidbaren Niederlagen der letzten Wochen, die Mainz 05 auf die schlechteste Platzierung seit viereinhalb Jahren, seit dem 25. September 2012 gebracht haben. Den Platz über dem Relegationsplatz. Der Vorsprung ist auf ein Minimum von sieben Toren zusammengeschrumpelt und könnte heute ein Rückstand werden, aber auch dann wäre der Abstieg noch lange nicht besiegelt. Und wenn auch die Pessimisten in diesen Tagen klar den Ton angeben und die Verantwortlichen den Optimisten und den Ruhigbleibern wenig Material liefern, geht es heute abend erst einmal nicht um den Untergang des Abendlands, sondern um 90+x Minuten Fußball.

Gegen eine Mannschaft, die zuletzt ungewohnte Schwächen gezeigt hat. Schon gegen den HSV (der darauf prompt gegen die Bayern 0:8 verloren hat) hat Leipzig ein 0:3 einstecken müssen, danach zweimal gewonnen, dann binnen 16 Tagen gegen Augsburg (2:2 - alle Tore bis zur 60. Minute), gegen Wolfsburg (0:1, Tor in der 9. Minute) und in Bremen (0:3) nur einen Punkt geholt - was übrigens zur Bredouille, in die die Mainzer sich manövriert haben, durchaus beigetragen hat. Das 4:0 gegen den SV Darmstadt 98, den (bis auf Mainz und Dortmund) jeder schlägt, hat die Serie erst einmal beendet. Für das Spiel beim FSV Mainz 05, den in letzter Zeit jeder schlägt, selbst Darmstadt, sind die vorherigen Ergebnisse allerdings nicht von größter Bedeutung.

Die Partie wird heute abend um 20 Uhr mit 0:0 beginnen. Ein Zwischenstand, den die 05er in den vergangenen vier Spielen bis in die 10., 50., 5. bzw. 20. Minute verteidigen, dann gab's jeweils den Rückstand, der zuletzt dreimal in die Niederlage führte. Mit der Aufgabe, den 05ern das fünfte 0:1 in Folge aufzuzwingen, dürfte der Leipziger Trainer Ralph Hasenhüttl in vorderster Front den Dänen Yussuf Poulsen ins Spiel schicken, an seinen Seiten Dominik Kaiser und Emil Forsberg. Jener ist mit acht Toren der zweitbeste Leipziger Torschütze hinter Timo Werner, der wohl nach seiner Verletzung erstmals wieder im Kader sein wird, mit zusätzlich elf Vorlagen einer der herausragenden Offensivspieler dieser Bundesligasaison. Im Hinspiel - 3:1 (3:0) für Leipzig - schoss der Schwede in der 21. Minute das 2:0, in der 3. und der 44. Minute bereitete er die anderen beiden Treffer vor. Dahinter ist wohl ein Dreier-Mittelfeld zu erwarten, in dem der 22-jährige Naby Keita zeigt, warum der Aufsteiger deutlich über zehn Millionen für ihn ausgegeben hat. Angeblich will inzwischen mehr oder weniger jeder Topklub der Welt den Guineer haben.

Es ist eine große Aufgabe, mit der Mainz 05 heute konfrontiert wird. Trotz aller Schwarzmalerei muss aber nicht alles aussichtslos sein. Werder Bremen ist gerade der außergewöhnliche Präzedenzfall - in den letzten sieben Spielen holten die Norddeutschen 19 von 21 Punkten - drei mehr als in den ersten 20 Partien. Und genauso viele übrigens wie Mainz 05 vor 16 Jahren in der 2. Liga, nach einigen Wochen üblem Gebolze und dem Trainerwechsel von Eckhart Krautzun zu Jürgen Klopp. Werder hat's ohne Trainerwechsel geschafft. Und übrigens in Mainz damit angefangen.

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