Aufgabe: Frust in neue Energie umwandeln

Jörg Schneider. Mainz.
Diese Vollgas-Veranstaltung wird so schnell niemand vergessen. Und die dabei waren, werden grübeln, was sich alles verschworen hat gegen den FSV Mainz 05. Fakt ist: Die Mannschaft von Sandro Schwarz hat am Mittwochabend in der Opel Arena eine bittere 2:3-Niederlage gegen die TSG Hoffenheim kassiert, bei der das Ergebnis in keinem Verhältnis zur eigenen Leistung steht. Die 05er kassierten die vierte Niederlage im fünften Spiel trotz einer erstklassigen Vorstellung. „Es ist sehr, sehr frustrierend, wenn du so verlierst, nachdem was wir heute alles abgezogen haben“, sagte der 05-Trainer, der die Situation als Prüfung bezeichnete, „die wir annehmen werden.“

Frustriert und enntäuscht nach der bitteren Niederlage: Giulio Donati muss von Danny Latza getröstet werden. Foto: Ekkie VeyhelmannWas soll man da noch sagen? 97 Minuten lang ein furioses Bundesligaspiel abgeliefert. Vollgas-Fußball auf hohem Niveau, den das Publikum sehen will und der begeistert. 2:0 geführt. Überragende Chancen, um die Führung auszubauen vergeben. Ausgleich mit dem Pausenpfiff. Und nach der Pause wieder voll drin im Spiel. Die bessere Mannschaft mit weiteren Abschussaktionen und Möglichkeiten, die die Frage nach dem eigenen Siegtor als eine Frage der Zeit erscheinen lassen. Und dann? Ein zu kurz abgewehrter Eckball, ein Pass durchs Gewühl und ein gegnerischer Stürmer, der zuvor nie in Erscheinung trat, der aber irgendwie an den Ball kommt und in der zweiten Minute der Nachspielzeit dem Gegner den Sieg beschert. Einem Gegner, das muss man sagen, der ebenfalls extrem gut war und niemals aufgab. Der FSV Mainz 05 erlebte an diesem Mittwochabend im Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim die ganze Brutalität dieses Sports, die ganze Bandbreite der Höhen und Tiefen und stand am Ende mit einer 2:3-Niederlage da, die der eigenen Leistung nicht gerecht wird. Diese rasante, hochklassige Partie ohne Punktgewinn zu beenden, hat die Mannschaft von Sandro Schwarz nicht verdient.

Doch das Ergebnis ist da und lässt sich nicht wegdiskutieren. Die 05er haben die vierte Niederlage im fünften Spiel kassiert, auch wenn sie nicht eine Minute lang so gespielt haben wie ein chronisch erfolgloses Bundesligateam gegen einen gut aufgestellten Europaliga-Teilnehmer, der zu den besseren Klubs in dieser Saison gezählt werden muss.

„Die Leistung steht nullkommanull im Verhältnis zur Leistung, die wir abgerufen haben. Es ist sehr, sehr frustrierend“, sagte der 05-Trainer nach dem Abpfiff. „Es ist extrem frustrierend, wenn du so verlierst, nachdem was wir heute alles abgezogen haben. Die ersten 20 bis 25 Minuten von uns waren perfekt. Ein überragendes Spiel von uns mit sehr hoher Intensität, mit überragendem Anlaufverhalten, top Balleroberungen.“ Und mit schnellen, gezielten Umschaltangriffen, die zu den beiden Führungstreffern durch Danny Latza und Yoshinori Muto führten. Nur die „Schlüsselmomente“, wie Schwarz diese Szenen in der ersten Halbzeit bezeichnete, waren letztlich ernüchternd. „Nach dem 2:1 hatten wir die Möglichkeiten zum 3:1. Dann kriegen wir kurz vor der Pause  aus einer unglücklichen Situation heraus das 2:2“, so der 38-Jährige.

Größere Torchancen gibt es nicht

Zwei dieser Momente dürften vor allem Levin Öztunali noch längere Zeit beschäftigen. Schon vor dem Mainzer 2:0 hätte der Rechtsaußen eine perfekt ausgespielte Umschaltaktion nutzen müssen zu mehr. Öztunali nutzte zwar die Vorteilsentscheidung nach einem Foul an Muto, marschierte im Vollsprint alleine in den Sechzehner, überlegte aber zu lange, was er machen sollte und verzockte die Großchance. Der eigene Torabschluss war möglich, besser noch der Querpass zum mitgelaufenen Viktor Fischer im Zentrum. Öztunali verdaddelte die Aktion. Schlimmer war jedoch noch der Tempo-Konter in der 43. Minute. René Adler fischte einen Eckball aus der Luft, schickte gedankenschnell Öztunali mit einem überragenden weiten Abwurf auf die Reise. Der Stürmer war mit Ball schneller als die beiden Hoffenheimer Verfolger, lief alleine auf TSG-Keeper Oliver Baumann zu, grübelte offenbar erneut zu lange und schoss den Ball relativ weit neben das Tor. Eine größere Torchance gibt es nicht. Und wenig später köpfte Sandro Wagner nach einem Eckball, bei dem die Fernsehbilder später zeigten, dass doch alles mit rechten Dingen zugegangen war, ungehindert den Ausgleich. Stefan Bell verlor den TSG-Stürmer nach den Aufregungen und Diskussionen um diesen Eckball aus den Augen. „Das war klar mein Fehler“, sagte der Kapitän später zerknirscht.

Levin Öztunali lieferte die Schlüsselszenen dieser Partie: Der Rechtsaußen hätte für einen klareren und wahrscheinlich uneinholbaren Vorsprung sorgen können. Foto: Ekkie Veyhelmann „Trotzdem haben wir wieder eine sehr gute zweite Halbzeit gespielt“, betonte sein Trainer. „Wir waren immer dran an dem Führungstreffer, das muss man sagen. Und wie das 2:3 dann zustande kommt, ist sehr unglücklich. Mit dem Eckball und der zweiten Welle, wo wir nachschieben, aber nicht mannorientiert nachschieben. Das ist sehr, sehr ärgerlich.“ Vorausgegangen war ein Freistoß in der zweiten Minute der Nachspielzeit. Bell brachte Wagner zu Fall. „Ein unnötiges Foulspiel. Ganz klar“, kommentierte Schwarz die Aktion. „Wagner ist clever, wir wissen alle, wie er auf dem Platz ist und für seine Mannschaft hundert Prozent gibt. Wagner wollte den Freistoß ziehen. Unsere Abwehr-Aktion war nicht optimal.“ Doch das Unheil nahm seinen Lauf. Adler wehrte den Freistoß zur Ecke ab, Latza klärte zu kurz, aber genau auf Kevin Vogt, der den Ball irgendwie vor Tor zu Mark Uth spitzelte, der mit seiner ersten gelungenen Aktion überhaupt die 05er ins tiefe Tal der Enttäuschung schickte.

„Trotz allem war unsere Leistung top. Wir haben sehr, sehr viele Dinge richtig gemacht und nicht das richtige Ergebnis dafür bekommen“, sagte Schwarz. „Es muss trotzdem keiner geknickt zu sein. Frustriert ja. Der Frust gehört einfach dazu nach einem solchen Ergebnis. Aber den schütteln wir schnell wieder ab. Weil die Leistung gestimmt hat. Der einzige Weg ist und bleibt der, dass Leistung und Inhalte die Wahrscheinlichkeit auf gute Ergebnisse erhöhen. Das wird die Aufgabe sein für Samstag gegen Hertha. Wieder genauso rangehen. Böse sein, sauer sein. Das gehört dazu und das muss in Energie umgewandelt werden für das nächste Spiel.“ Dass die Hoffenheimer trotz des 0:2-Rückatndes zurück ins Spiel fanden, ist nicht so verwunderlich angesichts der Qualität, vor allem der Offensiv-Wucht, die Julian Nagelsmann mit seinem Team auf den Platz bringt. „Es ist normal in einem Bundesligaspiel, dass es Phasen gibt, in denen solch ein Gegner auch die Kugel hat und Druck aufbaut. Was wir in den ersten 25 Minuten an Leistung abgerufen haben, hat Hoffenheim dann bis zur Pause abgerufen. Es ist einfach normal, dass du gegen einen solchen Gegner nicht 90 Minuten lang immer nur im Angriffspressing bist und im maximalen Tempo nach vorne stürmst“, erklärte Schwarz. Obwohl das, was die 05er gemacht haben, daran nahe heranreichte. Auch in der zweiten Halbzeit nach dem Ausgleich-Schock. „Es war perfekt wieder so ins Spiel reinzukommen“, sagte der 05-Trainer, der eigentlich nur eine Sache zu kritisieren hatte. „Standards zu verteidigen, die zweite Welle zu verteidigen nach Standards, das hat uns heute das Ergebnis gekostet. Ansonsten war alles da, was ein Fußballspiel braucht. Nur mit dem falschen Ergebnis aus unserer Sicht. Ich bin aber echt begeistert von der Leistung, die wir heute abgerufen haben. Wir verfallen jetzt nicht in Selbstmitleid das wäre quatsch. Dreimal schlafen, Frust abschütteln, dann geht es weiter. Wir müssen beharrlich dran bleiben. Noch besser verteidigen, noch besser die Bälle in der letzten Linie klären, noch konsequenter spielen“, erklärte der 05-Trainer. „Wir reden auch nicht von Pech. Wir reden davon, dass wir sehr viele gute Dinge machen, und die weniger  guten Dinge werden im Moment eiskalt bestraft.“

Das sei jetzt eine Prüfung“, betonte der Coach. „Es kitzelt mich jetzt schon zu  zeigen, dass wir damit umgehen können und vorwärts denken. Es kann Spaß machen gegen solche Widerstände anzukämpfen. Jeder, der den Verein schon länger begleitet, weiß das. Auch wie schön es ist, diese Dinge zu genießen, wenn es dann mal für uns läuft. Diese Prüfung nehmen wir an.“

Nagelsmann sprach hinterher von einem verrückten Spiel zweier guter Mannschaften mit dem besseren Ende für sein Team. „Mainz kann das Spiel gewinnen aufgrund seiner Chancen. Sie haben ein tolles Spiel gemacht. Wir hatten den lucky Punch.“ Ein solches Spiel sei für beide Teams eine klare Vorwärts-Entwicklung. „Wenn es anders ausgegangen wäre, wäre das ebenfalls eine Entwicklung für uns gewesen.“

  

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