Aus dem Amt für Legendenbildung

Christian Karn
Aus gegebenem Anlass wendet sich das Amt für Legendenbildung und Symbolik an die Fußballfans und fragt: Wissen Sie noch, vor zwölf Jahren (minus einem Tag, die Ausnahmegenehmigung liegt vor)? Auf Initiative der Abteilung für Utopie und schöne Träume wollen die Legendenbilder das größte Mainzer Bundesligaspiel von allen neu aufführen. Das Amt für harte Fakten hat seine erheblichen Zweifel, glaubt nicht daran, dass die 05er auch nur im Ansatz in der Lage sind, noch einmal solche Höhen zu erreichen wie am 20. März 2005. "Aber Jahrestage sind Jahrestage", sagt der Abteilungsleiter für Utopie, "sie müssen es nur wollen!"

Wie schade (sagt das Amt für Legendenbildung und Symbolik), dass es in der Bundesliga noch keine Montagsspiele gibt! An diesem Wochenende käme es gelegen! Denn spielte der FSV Mainz 05 nicht am Sonntag, sondern erst am Montag gegen den FC Schalke 04, dann wäre es der Jahrestag seines größten Bundesligaspiels von allen, und dieses "alle" addiert sich immerhin inzwischen auf 364 - man kann inzwischen jeden Tag ein Bundesligaspiel von Mainz 05 sehen und braucht ein ganzes Jahr!

Weil der 13. Monat aber so akut gefährdet ist wie schon längere Zeit nicht mehr, darum erteilt die Abteilung für Zahlenmystik den Legendenbildern die Ausnahmegenehmigung, den 20. März 2005 und den 19. März 2017 einfach mal trotzdem als gleiches Datum zu behandeln und jenes größte Spiel von allen mit aller Macht in Erinnerung zu rufen.

Es war ein Sonntag. Das Flutlicht brannte, und - feine Ironie an diesem Fast-Jahrestag - auch ein paar Bengalos brannten vor der Tribüne vor sich hin, aus besonderem Anlass hatte die Fanszene angefragt und eine Erlaubnis bekommen, die heute, zwölf Jahre später, zwischen den festgefahrenen Fronten vollkommen undenkbar wäre; der Leiter des Büros für schiefe Vergleiche versucht an dieser Stelle den Konflikt zwischen Teilen der Ultraszene und der Vereinsführung mit den Schützengräben Verduns zu illustrieren, aber den nimmt sowieso niemand ernst.

Zu Gast jedenfalls war: Der FC Schalke 04. Dessen Manager, Rudi Assauer, war in jenen Tagen bemerkenswert unpopulär in Mainz, das lag am Transferstreit um Mimoun Azaouagh. Beschädigte Ware hätten die 05er ihm untergejubelt, behauptete Assauer, aber umtauschen konnte er den Mittelfeldspieler trotzdem nicht mehr. Pacta erant servanda, die Niederlage gegen Christian Heidel musste der Schalker Manager einfach einsehen. Jener kommt in diesem Jahr als Assauers indirekter Nachfolger zurück - nach Hause? Zumindest plant die Abteilung für Utopie und schöne Träume schon Heidels Inthronisation als 05-Präsident, aber wie immer verrät sie nicht, wie sie sich das eigentlich vorstellt, wie das überhaupt gehen soll - ob es überhaupt sinnvoll wäre und was Rouven Schröder dazu sagen würde, so weit wollen wir nicht mal gehen.

Den 05ern ging es damals nicht so gut. Die hervorragende Vorrunde, die den Aufsteiger am achten Spieltag auf den dritten und am 14. Spieltag ein letztes Mal auf den siebten Platz gebracht hatte, die hatten sich die 05er mit neun Niederlagen am Stück ruiniert. "Halt, nur acht, plus 0:0 gegen Bielefeld!" ruft das Amt für harte Fakten durchs Telefon, aber das schadet der Geschichte, darum wollen die Legendenbilder davon nichts wissen. Das 5:0 gegen die längst abgestiegenen Freiburger - es zetert noch im Telefon, aber keiner hört hin - hatte immerhin die Serie spektakulär beendet, das 0:0 beim Deutschen Meister Werder Bremen mag vollkommen unverdient gewesen sein, aber eine überragende Leistung des 05-Torwarts nur ein paar Kilometer von seinem Heimatort entfernt, von so etwas leben die Legendenbilder jahrelang!

Gerbers Präzedenzsprung spielt eine wichtige Rolle in den Planungen. Eine Wiederholung wurde beantragt. Foto: imagoUnd jetzt: Schalke. Der Tabellenführer. Mit Assauer. In Mainz. An einem herrlich symbolischen Termin, fast genau in der Mitte zwischen den beiden kursierenden Gründungsdaten der 05er, in ihrem 100. Jahr. Das Jubiläumsspiel! Und als am rappelvollen Bruchweg noch alles über die Choreo staunt, steht es auch schon 1:0. Fabian Gerber trifft nach 20 Sekunden. Und während das Amt für Legendenbildung noch bangt, ob es mit der Nummer durchkommt oder ob es in der Revision einkassiert wird, entwickelt sich das Spiel zum Selbstläufer, das Stadion wenigstens für diesen Abend zum lautesten Ort der Liga. Der Tabellenführer wird gestürzt, im Amt gibt es Medaillen für alle, sogar für den Schwachkopf, der von Schützengräben reden wollte.

Zwölf Jahre später (minus einen Tag, aber die Ausnahmegenehmigung liegt vor) wiederholt sich die Geschichte. Mainz 05 kränkelt vor sich hin, Schalke kommt. Ein Befreiungsschlag - weniger für die Tabelle als fürs Gemüt - wäre ungeheuer wertvoll. Und das Rundschreiben an alle Haushalte ist rausgeschickt. Jeder weiß natürlich: So groß wird's nie wieder, jedenfalls nicht im März bei einem Bundesligaspiel gegen den Tabellennachbarn Schalke. Selbst ein unerhört hoher Sieg müsste sich hinter dem Coup von 2005 anstellen. Aber unterschrieben hat es im Auftrag des Chefs der alte Träumer, der alte Romantiker aus der Abteilung für Utopie. Man wird ihn enttäuschen, davon geht das ganze Amt aus. "Wer weiß...", sagt der aber.

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.