Aus Mangel an Beweisen

Jörg Schneider. Stuttgart.
Der FSV Mainz 05 hat bei seinen beiden Auftaktniederlagen in der Bundesliga zu allem Überfluss nicht gerade auf der Sonnenseite gestanden, was den Videobeweis angeht. Beim 0:1 in Stuttgart gab es zwei Überprüfungen von zwei ähnlichen Szenen, die jeweils gegen die 05er ausgelegt worden sind. Sowohl der 05-Sportvorstand als auch Torhüter René Adler kritisierten nachher die Auslegung, die den Schwaben einen Elfmeter zubilligte, den Gästen jedoch nicht. „Das Spiel bei diesen Temperaturen läuft definitiv anders, wenn wir zu Beginn der Partie den berechtigten Foulelfmeter bekommen und verwandeln“, erklärt Rouven Schröder.

In beiden Spielen dieser noch jungen Saison verpassten die Profis des FSV Mainz 05 jeweils ihre vorhandenen Möglichkeiten, selbst vorzeitig in Führung zu gehen und den Spielen dadurch vielleicht eine komplett andere Wendung zu geben. Beide Male spielte Stefan Bell eine maßgebliche Rolle. Der Innenverteidiger scheiterte jeweils nach Standardmöglichkeiten minimal. In Stuttgart bugsierte VfB-Keeper Ron-Robert Zieler den Kopfball des Mainzer Innenverteidigers nach einem Freistoß von Alexandru Maxim gerade noch so aus dem Winkel. Im Neckarstadion hätte zudem Levin Öztunali für die Führung sorgen können. Beim  einzigen wirklich blitzsauberen Konterangriff aus dem eigenen Strafraum heraus über Bell und Maxim sprintete der Rechtsaußen halblinks in den Strafraum, hatte die Option den Ball rüber zu legen auf den blank stehenden Yoshinori Muto. Öztunali machte es selbst. Dabei heraus kaum ein laues Schüsschen, das dem Torhüter keinerlei Probleme bereitete. Das war zu dünn.

Neben den eigenen vertanen Gelegenheiten muss man allerdings auch konstatieren, dass die 05er bisher nicht gerade auf der Sonnenseite sind, was die neue Technik angeht. Gegen Hannover gab’s bei zwei extrem zweifelhaften Szenen gegen Yoshinori Muto überhaupt keine Video-Überprüfung. Beim 0:1 in Stuttgart entschied sich Benjamin Brand nach einer Aktion von Holger Badstuber gegen Robin Quaison nach sechs Minuten im Strafraum gegen einen Strafstoß, nachdem der Schiedsrichter vom Video-Assistenten entsprechend beraten worden war. Nach 79 Minuten entschied der Unparteiische dagegen auf Elfmeter im Anschluss an die Video-Überprüfung der Aktionen von René Adler und Giulio Donati gegen Simon Terodde, der dann den Strafstoß an den Pfosten knallte.

Rouven Schröder übte in Stuttgart heftige Kritik am Videobeweis. Foto: Jörg SchneiderVon Videobeweisen konnte in beiden Fällen nicht die Rede sein. Die Bilder beweisen lediglich, dass man beide Elfmeter hätte geben können, aber auch dass der Schiedsrichter in beiden Fällen nicht ganz falsch lag, als er zunächst nicht direkt auf den Punkt deutete. „Man kann sagen, wenn du den zweiten gibst, musst du den ersten auch geben“, sagt Rouven Schröder, der jedoch davon überzeugt ist, dass die Aktion gegen Quaison ein klarer Elfmeter war und der deshalb die ganze Geschichte heftig kritisierte. „Wir haben das Spiel mit 0:1 verloren, das ist Fakt. Wir hatten dennoch genügend Zeit, die Dinge im Spiel noch zu klären. Aber das Spiel bei diesen Temperaturen läuft definitiv anders, wenn wir zu Beginn der Partie den berechtigten Foulelfmeter bekommen und verwandeln“, so der 05-Sportvorstand. „Man muss sich schon die Frage stellen, wie man die Szene mit Video-Assistent als Nichtelfmeter bewerten kann. Die zweite Szene ist 50:50, aber da wird auf Elfmeter entschieden. Das ist bitter für uns, aber was sollen wir machen? Der guckt halt drauf, und es wird ihm von außen geholfen. Wenn er sich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet, dann ist es entschieden.“

Bei der fraglichen Quaison-Szene trifft der Verteidiger den 05er am Unterschenkel, dadurch tritt sich Quaison selbst in die Hacke und stürzt. Den Elfmeter kann man geben. Bei der Szene mit Terodde bringt der 05-Keeper den Stürmer wohl mit dem Kopf zu Fall, aber da hat Adler längst die Hände am Ball. Donatis Grätsche war in diesem Fall das Problem. Der Rechtsverteidiger will zum Ball, kommt aber nicht mehr dran, trifft stattdessen Terodde. Auch diesen Strafstoß kann man geben.

René Adler jedenfalls hat von der neuen Technik jetzt schon genug, so, wie sich das Ganze darstellt und wie sich das jetzt zweimal für die Mainzer darstellte. „Das geht mir jetzt schon auf die Nerven”, sagte der 05-Torhüter am Abend nach der Partie als Gast im ZDF-Sportstudio. „Ich bin nach wie vor der Meinung, ich versuche da nur auszuweichen in der Szene. Ich habe mit Simon Terodde gesprochen, der ist ein fairer Sportsmann. Er hat einen Kontakt gespürt, aber er ist sich sicher, dass der Giulio ihn da hinten ins Straucheln gebracht hat. Und dann mache ich mit der Hand den Ball weg und dann ist es normal als Torwart, dass es dann auch einen Kontakt gibt“, erklärte der 32-Jährige die Elfmeter-Situation in der 79. Minute, die am Ende nicht ausschlaggebend war, weil Terodde den Strafstoß an den Pfosten nagelte.

„Ich hab das immer noch nicht verstanden. Es gibt so viele Ungereimtheiten“, sagte Adler. „Der Schiedsrichter, der das Spiel gepfiffen hat, hat entschieden, dass der Ball gespielt war. Wir waren auch der Meinung, dass der Ball gespielt war. Der Videoschiedsrichter überstimmt ihn, das ist okay. Aber dann muss er auch die erste Szene, in der Robin gefoult wird, genauso so sehen. Wenn man da schon einen als Supervisor sitzen hat, dann muss der auch die Dinge klar beurteilen. Das zeigt auch wieder, dass es trotz Video-Schiedsrichter der menschlichen Meinung obliegt“, erklärt der 05-Torhüter. Und wenn beide Aktionen vom Video-Assistenten unterschiedlich behandelt werden, dann kann man sich den Zirkus auch sparen, weil dadurch ohnehin komplizierte Situationen noch verschlimmert werden.

Die Mainzer waren nicht sonderlich gut bei ihrem Auftritt in Stuttgart. Das Team muss seiner eigenen Effizienz kritisch gegenüberstehen und der Tatsache, dass sie erneut eine mögliche Führung nicht erzielt haben. Dass ein gegebener und verwandelter Elfmeter nach sechs Minuten in diesem Hitzekessel mit Temperaturen weit über der 30-Grad-Grenze den weiteren Spielverlauf maßgeblich verändert hätte, steht allerdings außer Frage. „Nichtsdestotrotz werden wir weiter arbeiten und dann auch die Punkte holen“, erklärte Rouven Schröder.  

 

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