Auswärtstore, Auswärtssieg!

Christian Karn. Leverkusen.
Serien enden irgendwann, das zeichnet sie aus. Eine für den FSV Mainz 05 schmerzhafte Serie ist vorbei, nach sechs Auswärtsniederlagen in Serie gewannen die 05er (mal wieder und mal wieder an Fastnacht) bei Bayer Leverkusen. Eine Schlüsselfigur: Stefan Bell, der schon im Hinspiel getroffen, aber am Ende auch die Niederlage begünstigt hatte, der diesmal schon in der 3. Minute das 1:0 besorgte und entscheidend dazu beitrug, dass das schnelle 2:0 auch das Endergebnis war. Zwar kam von den 05ern in der zweiten Hälfte nicht mehr viel konstruktiv nach vorne, dank der konzentrierten 05-Defensive war der Auswärtssieg dennoch so gut wie überhaupt nicht gefährdet.

Bayer Leverkusen - FSV Mainz 05 0:2 (0:2)

Samstag, 25. Februar 2017, 27.086 Zuschauer.

Bayer Leverkusen: Leno - Jedvaj, Toprak, Dragovic (53. Kießling), Henrichs - Bellarabi, Bender (78. Jurtschenko), Kampl, Volland - Havertz (67. Brandt), Hernández.
Reserve: Özcan, Hilbert, Baumgartlinger, Aránguiz. Trainer: R. Schmidt.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Ramalho, Bussmann - Latza, Frei - Öztunali, Muto (89. Jairo), de Blasis (76. Quaison) - Córdoba (90+2. Gbamin).
Reserve: Huth, Bojan, Brosinski, Bungert. Trainer: M. Schmidt.

Schiedsrichter: Brand (Bamberg).

Tore: 0:1 Bell (3., Öztunali), 0:2 Öztunali (11., direkter Freistoß).

Gelbe Karten: Bender - Muto, Latza, Gbamin.

So sehr das 0:2 gegen Werder Bremen dem FSV Mainz 05 wehgetan hat, so überzeugend war die Reaktion, die die 05er eine Woche später zeigten. In Leverkusen waren sie zumindest kein haushoher Favorit - so angreifbar Bayer 04 zuhause ist, die 05er waren auswärts zuletzt noch viel erfolgloser, nicht immer, aber durchaus zu oft auch viel schlechter. In Leverkusen aber führten sie nach elf Minuten einfach mal so 2:0, glücklich zwar, durch ein Geschenk des Linienrichters und eins des Torwarts, aber mit einem Glück, dass sie in der stürmischen Anfangsphase nicht nur in den beiden entscheidenden Szenen provoziert hatten. Ein 3:0 wäre ohne viel Phantasie auch möglich gewesen, mit äußerster Effizienz vielleicht sogar noch mehr. Und wenn auch in der 85. Minute, bei der letzten Mainzer Torchance, das dritte Tor immer noch nicht fiel - die Gastgeber schafften mit ihrem letzten Versuch in der 95. Minute ihr erstes immer noch nicht. Selbst nah dran an einem Anschlusstrefferchen war Bayer fast nie, dafür verteidigten die 05er zu gut, zu aufmerksam, dafür kam Leverkusen so kurz nach dem Champions-League-Spiel gegen Atlético Madrid zu früh aus dem Konzept, aus der Ruhe, aus der Souveränität.

Zweimal hatten die 05er ja in der gleichen Aufstellung gespielt, drei Punkte geholt, zwei Tore geschossen und zwei kassiert. Diesmal gab es wieder Änderungen in der Startelf: Links verteidigte Gaetan Bussmann anstelle von Daniel Brosinski, im Zentrum spielte Fabian und nicht Jean-Philippe Gbamin, vorne waren Yoshinori Muto und Pablo de Blasis. Und die beiden Neuen brauchten keine zehn Sekunden für den ersten Angriff. Der Querpass des Argentiniers kam aber nirgends an.

Es war aber viel mehr als ein kurzes Aufflackern. Es war der Auftakt eines Überfalls. Leverkusen blieb keine Zeit, nach der Topchance von Jhon Córdoba Luft zu holen. Ein haarsträubender, einige Meter zu kurzer Rückpass von Lars Bender hatte den Kolumbianer auf den Weg zum Tor geschickt, Aleksandar Dragovic ihn noch etwas gestört, ihm den besten Weg versperrt. Aus dennoch nicht zu spitzem Winkel schoss Córdoba den Torwart an.

Das war die zweite Minute. In der dritten gab einen (unberechtigten) Eckball für Mainz 05. Levin Öztunali flankte, Stefan Bells Kopfball flog zwar Bernd Leno auf die Hände, aber von dort ins Netz. 1:0, und noch nicht das Ende des Überfalls. Kurzes Durchatmen zwar, auch mal eine Torannäherung von Leverkusen, dann eine Flanke von de Blasis, ein Flugkopfball von Öztunali, gute Position, aber der Ball flog ein kleines Stück links am Tor vorbei.    

Hier bedankt sich Stefan Bell noch bei Levin Öztunali für dessen Flanke zum Kopfballtor. In ein paar Minuten wird er dem Vorlagengeber schon zum 2:0 gratulieren können. Foto: imagoUnd weiter. Großes Lamento von Javier Hernández, aber kein Foul. Gelb für Bender nach einer Grätsche gegen Gaetan Bussmann, Freistoß, links vor dem Strafraum. Ein Schlenzer von Öztunali, keiner kam dran. Ein überraschter Torwart; Leno reagierte viel zu spät auf den Aufsetzer aufs lange Eck. Das 2:0 (11.). Verdient! Ein Klassenunterschied war das, wenn es an den Leverkusener Strafraum ging! Aber: Erst elf Minuten gespielt. Erst ein knappes Achtel eines Bundesligaspiels. Und bestenfalls in der Bütt, besser nicht mal dort rechnet man das zu einem 16:0 hoch.

Tin Jedvaj hatte in der 14. Minute die Chance, Bayer ins Spiel zurückzubringen. Der Kopfball des Rechtsverteidigers nach einem Eckball kam aus wenigen Metern gegen Jonas Lössls Laufrichtung, der Torwart wischte den Ball mit einem Reflex weg, André Ramalho klärte. Die 05er hatten nun etwas mehr Arbeit an ihrem eigenen Tor. Hatten vieles im Griff, verursachten Eckbälle, kamen nicht mehr so konstruktiv hinten weg, fanden aber immer wieder ihre Entlastung. Denn Jedvaj interessierte sich kaum noch für seine Defensivaufgaben. Der Kroate versuchte, Bussmann an der Mainzer Eckfahne zu binden; in seinem Rücken gab es Platz für gelegentliche Konter über de Blasis und Córdoba. Und wenn es auch erst einmal keine Mainzer Abschlüsse mehr gab (dafür einen von Hernández, der immerhin über die Grundlinie ging und nicht zum Einwurf hinaus) - defensiv machte der Champions-League-Klub immer noch manches merkwürdige Ding.

Der Schuss des jungen Kai Havertz, der vielleicht auch übers Tor geflogen wäre, wenn Lössl die Hände davon gelassen hätte, der war nicht schlecht in der 34. Minute. Der folgende Eckball, der war schlecht. Und keine Minute später verhinderte Leno mit einer Blitzreaktion das dritte Mainzer Tor. Sehr nahe am Pfosten hatte Córdoba versucht, nach einer Flanke von Bussmann mit der Hacke den Ball reinzutricksen. Der Mainzer Druck hatte nachgelassen im Vergleich zur ersten Viertelstunde, aber Bussmanns Haken an der Eckfahne und der Platz, den sein Mittelstürmer hatte, zeigten: Leverkusens Abwehr war immer noch nichts. Lediglich Ömer Toprak war gegen Córdoba auf Bundesliganiveau, gewann auch nicht jeden Zweikampf, nicht jedes Laufduell, war aber immerhin dabei.

Bald war Halbzeit. Nicht nur der Doppelpfiff des Schiedsrichters beendete die erste Hälfte, auch die Pfiffe des Publikums. Noch lange nicht der erste Mainzer Auswärtspunkt seit dem sechsten Spieltag, lediglich ein Auswärtssieg in der Entstehung, immerhin die ersten beiden Auswärtstore seit einiger Zeit, erstmals wieder zwei in einem Spiel seit Baku, in der Bundesliga seit dem Bremen-Hinspiel vor einem halben Jahr. Ein Manko - oder vielleicht auch kein Manko? Beides waren Standardsituationen, der zweite beziehungsweise der erste Kontakt bei ruhenden Bällen. Aus dem Spiel heraus kam trotz schönster Räume wenig, Muto, ein fleißiger Anläufer auf jeden Fall! - war mit dem Ball kaum beteiligt. Aber: Auch ohne Yunus Malli, der nächste Woche als Wolfsburger nach Mainz kommt, funktionierten die Standards.

Roger Schmidt verstärkte bald die Offensive. Der Innenverteidiger Dragovic ging. Der alte Torjäger Stefan Kießling kam. Die entscheidende Frage für die folgenden 37 Minuten: Was machte Jedvaj? Zunächst orientierte sich der Rechtsverteidiger tatsächlich nach hinten; der bis dahin offensiv fast wirkungslose Karim Bellarabi übernahm seine alte Rolle. Es gab ein paar kleinere Torszenen für Leverkusen. Einen völlig harmlosen Kopfball von Kießling. Einen recht harmlosen Freistoß von Kevin Kampl. Mainzer Fleißarbeit, gegen den Ball effektiver als mit dem Ball. Noch eine halbe Stunde, das 2:0 wurde kein 3:0, aber war auf der anderen Seite des Doppelpunkts weiterhin nicht gefährdet. Dennoch hätte dem Mainzer Fußball etwas Spielkultur in dieser Phase gut getan. Das Spiel fand weitgehend vor dem Mainzer Strafraum statt. Einseitig, die Gegengerade entlang, darauf reagierte Roger Schmidt mit einem neuen Linksaußen für die andere Seite, mit Julian Brandt. Der hatte mit einem Freistoß in der 71. Minute die beste Leverkusener Gelegenheit seit einiger Zeit, verfehlte aber das Tor um ein paar Meter.

Zwanzig Minuten noch, mehr oder weniger. Erste Bewegung auf der Mainzer Bank. Robin Quaison, der zum ersten Mal im Kader war seit seinem Wechsel im Winter von Palermo nach Mainz, bereitete sich vor, kam in der 76. Minute für den fleißigen, aber verbrauchten de Blasis ins Spiel. Entlastung gab es dennoch kaum in dieser Phase. Ein paar Freistöße zu viel für Leverkusen, aber nichts Gefährliches. Ab und zu auch ein Mainzer Fehler, meistens war sofort einer parat, um den Fehler auszubessern. Leverkusen war unzufrieden und zeigte es. Hernández nervte, provozierte, jammerte, wühlte zwar auch, arbeitete, aber mehr als brotlose Kunst war's nicht. Und Lössl holte sich viele Bälle, lange bevor sie hätten gefährlich werden können. Die beste Chance hatte: Muto. Ein Kopfball, nicht ganz leicht zu nehmen, dennoch gut platziert, nach einer Flanke von Córdoba. Leno wehrte den Ball ab - bereits in der 85. Minute. Und Martin Schmidt hatte noch zwei Zeitspielwechsel parat. Jairo Samperio war der erste, in der 89. Minute kam der Spanier für Muto. Das Leverkusener Publikum resignierte schon, ging heim - oder sang spöttisch beim Mainzer "Oh, wie ist das schön" mit.

Drei Minuten Nachspielzeit. In denen auch die Mannschaft der Gastgeber kaum noch Leben zeigte. Das Champions-League-Spiel machte sich deutlich bemerkbar. Die 05er wechselten ein letztes Mal, der Rackerer, Schufter, Renner, Malocher Córdoba ging, mit Gbamin kam ein Defensivmann. Quaison beschäftigte noch lange, lange zwei Mann weit in der Bayer-Hälfte, verursachte einen Freistoß, den es mit nicht so viel Phantasie auch für ihn hätte geben können. Vier Minuten und sieben Sekunden dauerte es, bis ein letzter Freistoß in den Mainzer Strafraum getreten wurde, nicht annähernd in die Nähe des Tors kam. Fertig war er damit, der erste Mainzer Auswärtssieg seit dem vierten Spieltag, der zweite Mainzer Fastnachtssieg in Leverkusen.

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