Beim Radeln vom Bleiben überzeugt

Jörg Schneider. Augsburg.
Im dritten Anlauf hat der FSV Mainz 05 seinen ersten Dreier in der Bundesliga eingefahren. Zum Auftakt der nächsten Englischen Woche mit der Partie am Mittwoch beim SV Werder Bremen und dem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen sicherten sich die 05-Profis einen wertvollen 3:1-Sieg beim FC Augsburg. Eine zentrale Rolle spielte dabei Yunus Malli mit einem Kopfballtor und seinen gefährlichen Standards. „Wie wichtig er für uns ist, hat er heute gezeigt“, sagte Martin Schmidt nachher. Der Trainer lobte zudem Fabian Frei und Jean-Philippe Gbamin.

Zum Glück hat sich inzwischen die Verletzung von Dominik Kohr, die auch beim FSV Mainz 05 die Freude über den Auswärtssieg erheblich getrübt hat, als nicht ganz so gravierend wie befürchtet herausgestellt. Der Mittelfeldspieler des FC Augsburg erlitt nach dem rücksichtslosen Foul von José Rodriguez offenbar ein schweres Weichteiltrauma mit tiefer, offener und etwa 14  Zentimeter großen Wunde sowie frei liegendem Unterschenkelknochen. Auch Muskel und Sehnen waren betroffen. Der Spieler ist inzwischen operiert worden. Für Rodriguez hat diese Szene in der Nachspielzeit beim 3:1-Auswärtssieg Folgen. Sperre durch den DFB. Intern kommt der Spanier dazu auch nicht ohne Geldstrafe davon. Obwohl der Trainer erahnen konnte, was der Auslöser für die übermotivierte Aktion war. „Er war in der Vorbereitung bis zum Pokalspiel gesetzt, weil Gbamin und Latza verletzt waren, Frei erst später eingestiegen ist. José ist auch noch ein junger Spieler. Der Kaderplatz muss für ihn das erste Ziel sein. Für ihn war es aber eine Enttäuschung, nicht im Kader zu sein. Und das hat er zuletzt sehr deutlich nach außen hin gezeigt“, erklärte Martin Schmidt. „Jetzt wird er abberufen in einem solch heiklen Spiel, da will er natürlich dem Coach zeigen, dass er aggressiver ist, dass er gegen den Ball arbeiten kann, wo er sich noch extrem verbessern muss. Er hat es aber komplett übertrieben und das kann ich so nicht akzeptieren. Er muss wissen, wie Mainz 05 funktioniert. Das ist kein Gesicht von uns dieses böse Gesicht in der 91. Minute. Du wagst es so nicht, dich richtig über den Sieg zu freuen. Er hat dem Team dadurch geschadet, weil er ihm auch diese wichtige Freude genommen hat nach einem derart wertvollen Sieg. Das müssen wir bewerten.“

Mit einem Tag Abstand dürfte die Freude über den ersten Auswärtssieg, den ersten Dreier in der jungen Bundesligasaison am Bruchweg jedoch mehr und mehr durchdringen. Das 3:1 von Augsburg durch die Tore von Jhon Cordoba, Yunus Malli und Yoshinori Muto zum Auftakt der nächsten Englischen Woche lassen die 05er mit einem guten Gefühl zum Auswärtsspiel am Mittwoch nach Bremen reisen. Besonders nach den zwei vorangegangenen Begegnungen gegen die TSG Hoffenheim und AS Saint-Etienne, in denen die 05-Profis jeweils einen Vorsprung nicht nach Hause brachten, war der Sieg ein großer Schritt. In Augsburg kassierten die Mainzer erneut nach eigener Führung (Cordoba) den Ausgleichstreffer. Doch das Team zeigte sofort eine Reaktion, legte postwendend nach durch Mallis Kopfballtor und setzte am Ende den entscheidenden Konter zum verdienten 3:1 durch den Japaner.

„Ich fand uns immer auf dem richtigen Weg“, betonte der 05-Trainer anschließend. „Dass du so Spiele hast wie Hoffenheim, dass du gegen Etienne im letzten Moment einen reingewürgt kriegst, das hat uns weniger beunruhigt, als das außerhalb und im Umfeld vielleicht der Fall war. Das hat sicher auch mit Erwartungshaltung zu tun. Aber klar, so etwas kann sich dann auch schnell mal festsetzen in den Köpfen der Spieler.“ Diesmal habe die Mannschaft einen ganz wichtigen Sieg für den weiteren Saisonverlauf in der Bundesliga, aber auch für die eigene Psyche gelandet. „Dass man weiß, auch nach einem Gegentor kann man noch etwas machen. Wir können Tore schießen. Diese Seite muss man auch mal beleuchten. Das war jetzt das achte Tor nach drei Spielen. Die Offensive passt. Die Defensive werden wir mit Sicherheit stabilisieren, dass die Linien besser zusammen spielen, dass wir das Zentrum besser verdichten, das wird alles kommen.“

Ein Schlüssel für diesen Erfolg war das 05-Spiel gegen den Ball. Die Mainzer hielten den FC Augsburg über weite Strecken komplett vom eigenen Sechzehner weg, zwangen die Gastgeber zu Distanzschüssen, die Jonas Lössl problemlos parierte bis auf das 1:1, als der Ball unmittelbar vor dem 05-Keeper aufsetzte und tückisch ins Netz sprang. Stefan Bell und Leon Balogun verteidigten aggressiv und mit viel Übersicht nach vorne. Zusammen mit dem Duo vor der Abwehr, mit den extrem starken Fabian Frei und Jean-Philippe Gbamin, die läuferisch, kämpferisch und mit gutem Aufbauspiel in den eigenen Offensivaktionen überzeugten, zogen die Mainzer ein Defensivgeflecht auf, durch das der FCA selten durchkam. Unterstützt von den auf den Außen mit großem Pensum arbeitenden Karim Onisiwo und Levin Öztunali. Der Gegner musste meist wieder von ganz hinten anlaufen und lange Wege gehen.

Es passt wieder mit dem M- und M-Angriff.Yunus Malli bereitete das 1:0 vor, erzielte das 2:1. Yoshinori Muto vollstreckte den Konter zum 3:1. Foto: Imago Schmidt lobte seine Zentrale nachher. „Fabian Frei ist selbstbewusster geworden. Aggressiver. Man vergisst oft, dass er ein halbes Jahr Rückstand hatte. Er hat das erste halbe Jahr Bundesliga verloren. Für ihn ist es erst im März richtig losgegangen. Er braucht jedes Spiel und ist erst jetzt richtig im ersten Jahr drin.“ Frei sei etwas dünner geworden über den Sommer, agiler in den ersten Schritten. Dem Schweizer tue das Zusammenspiel mit seinem Pendant Gbamin gut. „Sie verstehen sich sehr gut. Ich muss auch Jean-Philippe ein Kompliment machen“, sagte der 49-Jährige. „Es war für ihn das dritte Spiel, das er durchspielt. Er ist eine Maschine. Er hat einen guten Ballbesitz und eine gute Balleroberung. Er ist schon ein bisschen der Schlüssel bei uns im Zentrum. Wir wussten, dass wir ein großes Talent holen, aber auch, dass er für die Adaption der Bundesliga etwas Zeit braucht. Er kann eine Persönlichkeit werden in unserem Spiel. Da haben wir auf den Punkt getroffen bei diesem Zugang.“

Eine zentrale Bedeutung fürs Mainzer Spiel erhält wieder mehr und mehr Yunus Malli. Der Zehner vermittelt zwar immer den Eindruck, dass mit etwas mehr Temperament noch mehr gehen könnte, aber dass der türkische Nationalspieler vor dieser Saison nicht wie allgemein erwartet zu einem größeren Klub gewechselt ist, könnte sich sowohl für seine eigene Entwicklung als auch für sein Team in dieser Saison positiv auswirken. „Ich war mit Yunus immer im Klaren. Er mit mir auch“, sagte Schmidt und verriet, wann er den Spieler endgültig vom Bleiben überzeugt hatte. „Am Ende der letzten Saison habe ich ihm gesagt, er muss wissen, dass ich zu hundert Prozent auf ihn zähle. Ich weiß noch, das war eine Radtour zur Regeneration vor dem letzten Spiel. Da sind wir lange Zeit nebeneinander her geradelt und haben über alles geredet. Da habe ich ihm gesagt, wie wichtig er für uns ist. Ich habe ihm gesagt: Ich möchte gerne, dass du bleibst, dann machen wir hier zusammen den nächsten Schritt.“

Malli hat sich überzeugen lassen und überzeugt im Moment selbst vor allem mit seinen gefährlichen Standards und wieder als Torschütze. In Augsburg gelang ihm dieses vorentscheidende 2.1. „Er übernimmt Verantwortung, schießt die ruhende Bälle sehr gut. Wir haben jetzt schon ein paar Tore gemacht durch Standards von ihm. Gegen Hoffenheim ist er noch unter dem Ball durchgesprungen, diesmal hat er ihn reingemacht. Das dritte Spiel in einer Woche zeigt, dass er topfit ist. Es ist perfekt, dass wir Yunus voll im Boot haben. Wie wichtig er für uns ist, hat er heute gezeigt“, so der 05-Trainer.

Auf sechs Positionen hatte Schmidt seine Formation verändert. Ein Substanzverlust des Teams, eine Leistungsminderung war trotzdem nicht zu erkennen. Im Gegenteil. Das Spiel aus eigenem Ballbesitz heraus zeigte eine deutliche Steigerung. „Ich denke, die Rotation war gar nicht so ein großes Risiko. Wenn du sechs neue auf dem Platz hast, ist normalerweise immer ein Restrisiko dabei. Das hast du aber auch, wenn du mit zehn müden Spieler rein gehst“, betonte der Schweizer. „Es war kalkulierbar, weil wir sehr viel Automatismen drin haben. Von den Neuzugängen waren nur Gbamin und Öztunali drin, die anderen kennen die Abläufe. Deshalb können wir das mit dem Team machen. Wir haben dieselbe Spielanlage wie letzte Saison, unsere Pressingzonen sind dieselben, unser Umschaltverhalten ist gleich. Ich muss da auch ein Riesenkompliment an zwei der drei Einwechsler machen. Yoshinori Muto und Pablo De Blasis. Wir hatten gefordert, dass die Wechselspieler uns mehr helfen, wenn sie auf den Platz kommen. Das war nun so. Ich glaube, dass uns das momentan stark macht. Dieser verbreitete Kader scheint zu funktionieren. Das ist mir wichtig“, betonte Schmidt. „Ich habe schon vor ein paar Tagen gesagt, dass wir wettkampffähig sind. Augsburg war sicher ein Beweis dafür.“

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