Bell: Ungenauigkeiten nerven einfach

Jörg Schneider. Mainz.
Kein Tempo, keine Körperspannung, kein Zweikampfverhalten, unterirdisches Passspiel. Die unsägliche Vorstellung der Profis des FSV Mainz 05 in der ersten Halbzeit, die letztlich ursächlich war für die erneute Niederlage gegen den SV Werder Bremen im eigenen Stadion, wirft Fragen auf. Nach der Einstellung. Nach dem Plan, den die 05er gegen den abstiegsbedrohte Gegner verfolgten. Wie sie diese große Chance auf einen beruhigenderen Saisonverlauf, die vor ihnen lag, eigentlich angehen wollten. „Es lag alles nicht am Plan, sondern an unserer schwachen Umsetzung“, sagte ein verärgerter Stefan Bell, der ebenso wie sein Sportdirektor deutliche Worte für die Leistung bei dieser 0:2-Pleite fand.

Als Deniz Aytekin nach dem Abpfiff mit seinem Gespann unterwegs war in die Kabine, meldeten sich auf der Haupttribüne lautstark einige enttäuschte und verärgerte Fans zu Wort, die dem Schiedsrichter auf ihre Weise den Frust über diese Niederlage mitteilten. Aytekin blieb stehen, wandte sich an die Kritiker und reagierte überraschend humorvoll: „Na gut, dann bin ich halt mal wieder schuld. Das ist ja normal, das kenne ich schon.“ Nun mag man an der einen oder anderen Entscheidung des Schiris sicherlich herummäkeln können, die 0:2-Niederlage hatte der Referee beileibe nicht zu verantworten. Das mussten die Profis des FSV Mainz 05 schon selber tun nach dieser dürftigen Vorstellung in der Opel Arena gegen den SV Werder Bremen, der im Endeffekt nur zwei Standardsituationen benötigte, um seiner Rolle als Angstgegner in Mainz gerecht zu werden. Den Rest erledigten die Mainzer mit einer vor allem in der ersten Hälfte unsäglichen Leistung schon selbst.

Dieser in den ersten 45 Minuten lahme, uninspirierte, aggressiv- und tempolose Auftritt, der komplett alles vermissen ließ, was die Mainzer vor einer Woche gegen den FC Augsburg so bravourös inszeniert hatten, bringt das Team nun wieder in eine Drucksituation. Anstatt sich im Heimspiel die Chance zu bewahren, den Abstand auf die Gefahrenzone entscheidend zu vergrößern, den Gegner in seiner Problematik auf dem Relegationsplatz festzuhalten, selbst mit Spaß und Lust aus einer komfortablen Situation heraus die nächsten Aufgaben anzugehen, ist die Stimmung jetzt wieder tief im Keller. Und die Leistung wirft Fragen auf. Fragen, die auch der Sportdirektor gerne beantwortet haben möchte von seinem Team. Rouven Schröder fand nach dem Abpfiff genauso wie Kapitän Stefan Bell deutliche Worte für diese Darbietung.

Stefan Bell verhinderte kurz nach der Pause sogar das drohende 0:3, als der Kapitän einen Ball von der Linie kratzte. Die Torlinientechnik beweis, dass die Kugel nicht im vollen Umfang den Strich überschritten hatte. Später fand der Innenverteidiger deutliche Worte für die Leistung der 05er. Foto: Imago„Ich denke schon dass die Mannschaft ins Spiel reingeht und gewinnen will und trotzdem hat sie es nicht aufs Feld gebracht. Das muss klar angesprochen werden, warum es so gewesen ist. Das müssen wir in jedem Fall aufarbeiten. So direkt nach dem Spiel ist es schwer, weil man in die Köpfe der Spieler nicht reingucken kann“, sagte Schröder angefressen und enttäuscht. „Wir haben das Spiel in der ersten Halbzeit verloren. Wir sind rausgekommen und waren nicht so auf dem Platz, wie wir uns das vorgenommen haben und wie wir es gegen Augsburg von Anfang an waren. Wir haben die Zweikämpfe verloren, wir hatten ein ungenaues Passspiel. Wir haben uns auch nicht so bewegt. Gegen ein Team, das mit dem Rücken zur Wand steht, gehst du dann mit einer Standardsituation, in der bei uns die Zuteilung fehlt, in Rückstand, das ist schon mal ungünstig. Dann kriegst du mit dem nächsten Standard das 0:2 und dann wird es richtig schwer. Ich glaube, dass die Mannschaft heute gemerkt hat, dass es in der ersten Halbzeit nicht das Spiel war, was wir können und was wir vor allen Dingen in einem Heimspiel auf dem Platz bringen müssen. Wir sind nicht in der Form gesichert, dass wir so spielen können. In der Pause gab es ein entsprechendes Statement vom Trainer, es gab auch eine Reaktion. Dann ist es aber oft so, dass du dich für den Aufwand nicht belohnst. Die eine oder andere Situation war da, aber Bremen hat sich dann das Glück hinten raus auch verdient.“ Was sich der 41-Jährige von seiner Mannschaft erklären lassen will, ist die Frage, warum den 05-Profis in dieser prächtigen Ausgangslage vor eigenem Publikum, der Biss, die Körperlichkeit, die Aggressivität abging? „Es ist klar, dass uns das alles gefehlt hat vor der Pause, weil die Mannschaft im zweiten Durchgang deutlich mehr auf den Platz gebracht hat.“ Dennoch kamen die Mainzer nie so richtig aus diesem Fahrwasser heraus, ihr  komplettes Spiel blieb fehlerbehaftet. „Wir müssen unser Spiel bewerten und da haben wir zwei Halbzeiten gesehen“, sagte Schröder. „Das Spiel hat viel aufgezeigt. Gerade in der ersten Hälfte. Wir müssen deutlich mehr Seriosität ins Passspiel reinbekommen, Genauigkeit. Da waren doch so viele Situationen, in denen das Passspiel schon auf die kurze Distanz nicht gepasst hat. Wir müssen da deutlich zulegen. Im letzten Spiel haben wir es gezeigt, heute war es nicht so. Daran müssen wir arbeiten.“

Der Sportdirektor wollte dies nicht an der Leistung von Bojan Krkic festmachen, der nach einer knappen Stunde gehen musste. Der Top-Einkauf ist in der aktuellen Form nicht nur keine Verstärkung, Bojan hatte mit diesem Spiel auch nur sehr wenig zu tun. „Bojan hat wie die gesamte Mannschaft kein gutes Spiel gemacht. Aber gerade aus dieser ersten Halbzeit sollte man keinen einzelnen negativ herausheben, da hat die gesamte Mannschaft nicht das gebracht, was sie kann. Das gilt es aufzuarbeiten.“

Erstes Tor viel zu billig

Stefan Bell wurde noch deutlicher. „Es war von uns lange nicht so gut wie letzte Woche. Ich weiß nicht, ob es die Einstellung war, ob wir als Team gedacht haben, es geht auch mit 95 Prozent, und wir machen mal einen Meter weniger im Notfall. Vielleicht waren bei uns auch einige überrascht, dass Bremen doch ganz gut Fußball spielen kann“, sagte der Kapitän. „Dann kommt hinzu, dass die beiden Standards direkt drin sind. Der Freistoß war gut geschossen, aber das erste Tor ist halt viel zu billig. Da stand noch ein weiterer Bremer frei am zweiten Pfosten. Das geht einfach nicht, dass wir nach einer Ecke so die Ordnung verlieren, dass wir zwei Leute so frei stehen lassen und wir im Umkreis von fünf Metern nicht dabei sind. Loben werden wir uns sicherlich nicht dafür.“ Wer da für Serge Gnabry, den Torschützen, zugeteilt war, darüber wollte nachher weder Bell noch sonst jemand reden. Darüber werde intern gesprochen.

Das Schlimmste sei gewesen, so der Innenverteidiger, „dass wir mit Jhon Cordoba die größte Chance der ersten Halbzeit überhaupt hatten, um ranzukommen und es in der zweiten Hälfte nicht geschafft haben, unsere dicken Gelegenheiten reinzumachen. Zum Teil war es Unvermögen im Abschluss, zum Teil hat der Torhüter in Topform den Sieg festgehalten. Nach den zwei Standardtoren und der 2:0-Führung war klar, dass es enger wird und dass sie noch mehr alles dicht machen. Dass die Partie dann so aussehen wird, wie sie in der zweiten Hälfte ausgesehen hat. Wir wollten viel mehr Tempo im Spiel haben. In der zweiten Hälfte haben wir das einige Male besser gemacht. Wir hatten auch Chancen für Seitenwechsel mit Diagonalbällen, aber da kam halt leider nur die Hälfte von an. Es lag alles nicht am Plan, sondern an unserer schwachen Umsetzung. Wir hatten so viele Ungenauigkeiten drin, schlampige Pässe über fünf Meter, die ins Aus gehen. Zu oft festgedribbelt, Bälle verloren.“ Woran lag das? „Keine Ahnung“, sagte der Kapitän. „Das ist wahrscheinlich bei jedem etwas anders. Dass nicht jeder Flugball ankommt, ist ganz normal. Darum geht es auch nicht. Es geht eher um diese Ungenauigkeiten überall, die mich einfach nerven. Ich weiß nicht, warum wir die drin haben. Vielleicht  gibt es bei uns einige Spieler, die noch nicht so einordnen können, dass solche Spiele wie heute riesige Chancen sind, um den Abstand nach unten zu halten und auszubauen. Vielleicht gehen sie zu locker ins Match rein und müssen dann sehen, dass es nicht reicht. Vielleicht ist es auch ganz gut so, dass die Mannschaft mal wieder sieht, es reicht nicht mit weniger als hundert Prozent. Es reicht nicht, wenn wir unkonzentriert sind. Wir müssen auch gegen Bremen absolut ans Limit gehen, um eine Chance zu haben.“

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