Bell: "Wir schaffen es nur zusammen"

Christian Karn. Ingolstadt.
Mindestens in den ersten 47 Minuten der Partie beim FC Ingolstadt 04 sah es nicht so aus, als hätten die Profis des FSV Mainz 05 den Abstiegskampf angenommen. Vielleicht haben es aber die Fans geschafft, ihrer Mannschaft nach dem Spiel einen Impuls für das letzte Viertel der Saison zu geben. "Es war mal ganz wichtig, dass die Fans ihren Unmut äußern", sagte Vize-Kapitän Stefan Bell, der sich kurz nach dem Abpfiff mit seinen Kollegen eine kurze, intensive Ansprache des Ultra-Vorsängers anhörte. "Die Geste kam aus der Kurve: Wir schaffen es nur zusammen", sagte Bell. "Darauf haben wir uns eingeschworen."

Eine gewisse Endzeitstimmung herrschte durchaus auf dem Ingolstädter Rasen, als der FSV Mainz 05 das Spiel gegen den Tabellen-Vorletzten zu Ende verloren hatte. "Es war schwer, nach so einem saudummen Tor zu den Fans zu gehen", sagte Stefan Bell, zum Gästeblock, der zur Halbzeit schon auf 180 war, sich in der zweiten Hälfte nur leidlich beruhigt hatte, von dem durchaus einige unfreundliche Worte hinunter auf den ein gutes Stück niedriger liegenden Platz flogen.

Schulterschluss zwischen Fans und Mannschaft: Mitten im Spielerkreis hält der Vorsänger der Ultras die Ansprache, die Stefan Bell (ganz links) als wertvolles Signal für die restliche Saison bewertet. Foto: meenzer-on-tour.deStephan Kuhnert, der Torwarttrainer, der Ur-05er, der gerade sein 30. Jahr im Verein beendet, suchte den Kontakt zu dem Publikum. Giulio Donati aber war's offenbar, der Italiener, der ohnehin ein gewisses Geschick hat im Umgang mit den Fans, der die Situation in die Hand nahm und den Vorsänger der Ultras zu sich auf den Platz bat. Dieser ließ die 05-Fans noch ein "Wir wollen Euch kämpfen sehen" rufen, die im Alltag durchaus ein bisschen verpönte, nur in Ausnahmesituationen eingesetzte Forderung, die immer eine deutliche Kritik mit sich bringt, turnte mit Billigung der Platzordner aufs Feld hinunter, versammelte die Mannschaft im Kreis um sich.

"Das war genau die richtige Geste", befand Bell. "Es hat allen gezeigt, dass wir da nur alle zusammen durchkommen können." Der Vizekapitän, der bis zu dessen Auswechslung nach einer guten Stunde Niko Bungert die Spielführerbinde überlassen hatte, schätzt die Leistung der 05er ebenso kritisch ein wie ihr Publikum: "Wir müssen hundertprozentig an die Grenzen gehen, die Fans müssen das auch sehen. Das war in der ersten Halbzeit nicht der Fall. Und so ist genau das passiert, was wir vermeiden wollten: Wir haben viele Standards gegen uns bekommen. Das hat Ingolstadt in Schwung gebracht." Und in Führung. "Leider wieder ein Eckball", sagte Bell, der selbst den Torschützen Romain Brégerie zu leicht davonlaufen ließ. "Abspracheprobleme. Wir waren uns nicht einig, ob wir übergeben oder an den Leuten dranbleiben."

In der zweiten Hälfte sei die Leistung besser gewesen, "eher so, wie es von Anfang an hätte sein sollen. Wir waren ganz anders auf dem Platz, haben dem Gegner die ganze Zeit vom Tor weggehalten, haben das 1:1 gemacht und hatten das Gefühl, dass wir das Spiel noch gewinnen können." Halt nicht lange: Nur zwei Minuten dauerte es ja, bis die schiefe Flanke von Florent Hadergjonaj in hohem Bogen über Jonas Lössl, an den Innenpfosten, ins Tor segelte. "Extrem bitter", sagte Bell. "Das hat jeden Schwung rausgenommen."

Und dann, ganz wenige Minuten nach Abpfiff, nach einem sehr kurzen Besuch an der Trainerbank, stand die Mannschaft im Kreis um den Vorsänger herum. Der brauchte nicht lange für seine Ansprache, für seine Botschaft aus dem Block an die Mannschaft. "Er hat sie intensiv angefeuert", wurde aus dem Fanblock berichtet, "gegen die Brust gehauen, dann war das schon gegessen." Mit einem viel versöhnlicheren, kämpferischen "Auf geht's, Mainzer, kämpfen und siegen!" verabschiedeten die 05-Fans ihre Mannschaft in die Kabine.

"Es war mal ganz wichtig, dass die Fans ihren Unmut äußern", sagte Bell. "Die Geste kam aus der Kurve: Wir schaffen es nur zusammen. Wir haben uns im Kreis darauf eingeschworen, dass wir jetzt nicht den Fehler machen dürfen, uns auseinanderzudividieren. In dieser Situation, in der es für uns alle schwer ist, müssen wir noch enger zusammenrücken. Es ist wichtig für uns, dass die Fans uns zeigen, dass sie uns auch unterstützen, wenn es so läuft wie heute. Wir müssen jetzt einfach liefern und uns hundertprozentig den Arsch aufreißen." Um in den verbleibenden acht Spielen mindestens den 15. Tabellenplatz, auf den die 05er im weiteren Verlauf des Abends durch den Punktgewinn des VfL Wolfsburg zurückgefallen sind, zu verteidigen. Aussichtslos ist das nicht. Sofern die stetig sich verschlechternden Auftritte wieder besser werden.

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