…bis alles geregelt ist

Jörg Schneider
Christian Heidel bleibt vorerst Manager des FSV Mainz 05 und wir den Verein nicht kurzfristig verlassen. Das hat Präsident Harald Strutz nach der Vorstandssitzung am Montagabend bestätigt. Das ändert jedoch nichts daran, dass Heidel im kommenden Sommer beim FC Schalke 04 anheuern will. Unter der Voraussetzung, dass bis dahin in Mainz alles in Sachen Nachfolge geregelt ist. Und darum geht es in den kommenden Wochen und Monaten. In seinem Blog befasst sich Jörg Schneider mit den Hintergründen.

Ein bahnbrechendes Ergebnis oder eine ultimative Entscheidung im Fall Christian Heidel war von dieser turnusmäßig stattfindenden Vorstandssitzung des FSV Mainz 05 am Montagabend nicht zu erwarten. Das war von vorneherein klar. „Es war Einigkeit zwischen uns und Christian Heidel, dass ein kurzfristiger Weggang nicht in Frage kommt und auch gar nicht stemmbar ist für diesen Verein. Man muss sehen, wie sich die nächsten Monate entwickeln, und dann werden wir weitersehen“, erklärte Harald Strutz in knappen Worten bei „sky“. „Es ist erst dann ein Thema, wenn in Mainz alles geregelt ist", betonte der Manager ebenso knapp.

Und genau das ist der springende Punkt. Es muss in Mainz alles geregelt sein. Christian Heidel möchte eine neue Herausforderung annehmen. Und zwar beim FC Schalke 04. Ab nächsten Sommer. Doch der Manager würde seinen Klub, dessen Erfolg in großem Maße auf seiner Arbeit in den vergangenen 24 Jahren fußt und an dem sein Herz hängt, nicht im Stich lassen. Heidel würde Mainz 05 nicht knall auf fall verlassen, vor allen Dingen nicht ohne, dass vernünftige Lösungen in Sicht wären, wie es ohne ihn am Bruchweg weitergehen kann. Und nicht in dem Gefühl, dass sein Weggang seinem Verein, für den sein Herz zeitlebens schlägt, Schaden zufügen könnte. Diese Dinge müssen geklärt werden.

Es bleibt dabei: Christian Heidel würde gerne zu Schalke 04 wechseln, aber dafür muss in Mainz zuerst alles geregelt sein. Foto: Jörg SchneiderDass Heidel überhaupt auf den Flirt mit Schalke einging, kam einzig daher, dass der Manager seinen Klub als gut aufgestellt sah. Wirtschaftlich gesund, wie nur wenige andere in der Branche. Millionengewinne in den vergangenen Jahren. 20 Millionen Euro Eigenkapital auf dem Konto. Die Coface Arena fast abbezahlt. Alle Spieler langfristig unter Vertrag. Viel mehr geht nicht. Und viel mehr wird auch nicht mit ihm gehen in Zukunft. Die 05er können aufgrund kluger Strategien und Politik dauerhaft ein etablierter, ordentlicher Verein im Mittelfeld der Bundesliga sein. Sie können ab und zu in guten Jahren mal an der Euroliga schnuppern, vielleicht sogar in ganz guten Jahren mal an der Champions-League-Qualifikation. Dass die Mainzer sich als Spitzenklub etablieren, das lassen die Verhältnisse im Vergleich zur Konkurrenz nicht zu. Und immer droht auch die Gefahr, in Jahren, in denen es nicht optimal läuft, in Abstiegsgefahr zu geraten. So, wie in der vergangenen Saison.

In diese Gemengelage hinein kommt eine Offerte von Schalke-Chef Clemens Tönnies. Ein Angebot eines Klubs mit 140.000 Mitgliedern, Millionen von Sympathisanten bundesweit. Ein Betrieb, den aber immer irgendwie ein merkwürdiger Ruf verfolgt, der zu wenig aus seinen Möglichkeiten macht. Und zum ersten Mal nach den langen Jahren in Mainz reift in dem 52-Jährigen der Gedanke, wenn es je einen Zeitpunkt gegeben habe und geben sollte, sich noch einmal zu verändern, seine Reputation und seine Fähigkeiten als außerordentlicher Fachmann in diesem Geschäft mal an anderer Stelle einzubringen und auszuprobieren, dann jetzt. Die Herausforderung in einem solchen Klub etwas zu bewegen, S04 auf eine logische Stufe mit Borussia Dortmund, näher an die Bayern heran und international mehr in den Vordergrund zu stellen, die reizt ihn ungemein. Unabhängig davon, dass der Job auch finanziell äußerst lukrativ sein dürfte.  

Das Angebot liegt seit Mai auf dem Tisch. Heidel, das ist inzwischen durchgedrungen, sollte nach dem Wunsch der Schalker bereits Anfang dieser Saison Horst Heldt in Gelsenkirchen ablösen. Das hat der 05-Manager abgelehnt. Weil dies die 05er kurzfristig in eine extrem schwierige Situation gebracht hätte. Tönnies blieb jedoch hartnäckig und will den 52-Jährigen nun zur kommenden Saison installieren. Und Heidel stimmt zu. Er will das machen. Wenn in Mainz alles geregelt ist. Dafür muss er nicht um eine offizielle Freigabe aus seinem Vertrag bitten, den es in Papierform ohnehin nicht gibt, wie er selbst oft genug bekräftigt hat. Der 52-Jährige würde sich die Freigabe selbst verweigern, wenn sein Abgang verbrannte Erde hinterlassen würde.

Eigendynamik setzt alle unter Druck

Das Werben um ihn ist lange Zeit öffentlich unbemerkt geblieben. Erst eine Indiskretion (von wem auch immer) hat die Medien in der vergangenen Woche ins Spiel gebracht. Heidel selbst äußerte sich wachsweich dazu, sprach von Respekt gegenüber seinem Vertrag und dass er dem Klub nie schaden werde. Mit dem SWR-Interview seines Präsidenten, der bestätigte, dass ein konkretes Angebot vorliege, entwickelte die Geschichte eine Eigendynamik, die alle Beteiligte nun massiv unter Druck setzt.

Auffallend sind dabei zwei Dinge: Zum einen, dass der 05-Vorstand in der Öffentlichkeit nicht den großen Eindruck vermittelt, um seinen Manager zu kämpfen. Zum anderen, dass die Verantwortlichen in den fünf Monaten, in denen sie von den Veränderungsgedanken ihres Kollegen wussten, offenbar keine Lösungen und Strukturen entwickelten, um die Nachfolge frühzeitig in die Wege zu leiten. Zeit genug war dafür. Das muss nun alles unter Zeitnot geschehen, da nicht davon auszugehen ist, dass Heidel seine Pläne an diesem Montagabend einfach begraben hat.

Doch selbst wenn dem so wäre, Heidel sich wider Erwarten zum Bleiben entschließen würde, müsste sich über kurz oder lang am Bruchweg etwas verändern. Der große Vorteil von Mainz 05, dass der Klub über mehr als zwei Jahrzehnte von der gleichen Führungsriege geleitet wurde, ist irgendwann alleine schon durch die Altersstruktur im Vorstand aufgebraucht. Vielleicht ebenso auch die Tatsache, dass ein Unternehmen, das im nächsten Jahr über 100 Millionen Euro umsetzen wird, in der Spitze ehrenamtlich geführt wird. Christian Heidel ist das stärkste Bindeglied zwischen Ehren- und Haupt-Amtlichkeit. Der 52-Jährige trifft die wichtigen Entscheidungen im operativen Geschäft. Bei ihm läuft alles zusammen, nicht nur die Kaderplanung. Die Abhängigkeit von ihm ist im Laufe der Jahre immer größer geworden. Dass ein anderer aus dem 05-Vorstand seine Arbeit von heute auf morgen übernehmen könnte, erscheint kaum vorstellbar. Die Lücke zu schließen, die Heidel hinterlassen würde, wäre wohl nur möglich, wenn die Lasten auf mehrere hauptamtliche Schultern verteilt würden. Doch damit müsste in jedem Fall schnell begonnen werden. Selbst dann, wenn Heidel bleiben würde, sind auf Dauer Strukturänderungen sicherlich unumgänglich.

Vielleicht ist Heidel auch deshalb in der Mitgliederversammlung kürzlich vorgeprescht mit seiner Forderung nach mehr Engagement. Mit seiner angedachten Mitgliederreform, mit seinen Veränderungsideen. Das könnte ein Weckruf gewesen sein. Die sportlichen Zerreißproben hat der FSV Mainz 05 in den zurückliegenden 25 Jahren allesamt erfolgreich bestanden. Doch nun steht der Klub vor großen internen Aufgaben.

Christian Heidel wird diese Saison als 05-Manager beenden. Was danach passiert, ist derzeit völlig offen und hängt in großem Maße davon ab, welche Entscheidungen die Verantwortlichen in naher Zukunft treffen. Und sicherlich auch davon, wie sehr das Verhältnis innerhalb der 05-Führung durch diese Geschichte belastet ist.  

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Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.