Charme-Offensive im Kaufhaus-Style

Jörg Schneider
Jetset-Paradies Marbella. Klingt gut, scheint aber doch eher saisonabhängig zu sein. Jörg Schneider, für die nullfünfMixedZone unterwegs im Trainingslager des FSV Mainz 05 an der Costa del Sol, befasst sich in seinem Blog mit den gängigen Klischees und sucht bisher vergebens die Berühmtheiten. George Clooney kippt seinen Schoppen derzeit wohl nicht an den hiesigen Hotelbars. Und die wahre Prominenz cruised sowieso lieber im indischen Kult-Auto über die Straßen der Gemeinde als mit einem profanen Bentley-Cabrio.

Entweder habe ich irgendwas verpasst, oder die allgemeinen Klischees stimmen so nicht, oder der Prominenz ist das, was unsereiner als angenehm frühlingshaftes Wetter empfindet, schlicht und einfach zu kalt. Zu verfroren die Herrschaften, um ihre Monster-Yachten und Luxuskarossen nach Marbella zu kutschieren? Das in einem Livestyle-Artikel angepriesene und beschriebene Marbella erschließt sich mir jedenfalls nicht in diesen Januar-Tagen. Das Jetset-Paradies für Ölscheichs, Waffenhändler und Showstars, für den Geldadel und die George Clooneys dieser Welt, kommt irgendwie ganz anders rüber.

Teile der Weltpresse logieren in Estepona - ist halt in. Foto: Jörg Schneider

Antonio Banderas und Melanie Griffith. Roman Abramowitsch, Roger Moore, Penélope Cruz und immer wieder Scheichs mit Gefolge sollen an den Hotelbars anzutreffen sein. Die prominentesten Thekensteher, die ich bisher getroffen habe, sind meine Kollegen Reinhard Rehberg und Peter-Herbert Eisenhuth, die sich nach getaner Arbeit einen Schoppen gönnen. Und die tragen weder Burnus, noch fahren sie mit dem Fahrzeug zum Trainingsplatz der 05er, das in Marbella zurzeit als das angesagte Fortbewegungsmittel neben dem Vespa-Roller im Retro Stil gelten soll – dem Bentley-Cabrio.

Das neue Kultauto: Unser kleiner, fremder Inder. Foto: Jörg SchneiderDie Männer, besonders jene, denen der eigene Mietwagen verwehrt wurde, weil der Führerschein in Mainz auf dem Küchentisch liegen geblieben ist, lernen ganz allmählich das kultigste Auto der Costa del Sol zu schätzen. Ein ehrliches Gefährt, das ebenso wie sein Fahrer anfangs viel Häme ertragen musste. Nur, weil die Zentralverriegelung nicht immer jedem Passagier die Tür öffnet, wenn die Herren aussteigen wollen. Heute sind die Kollegen froh, mit dem „fremden Inder“ durch Estepona und Marbella cruisen zu dürfen. „It’s like a Fiat from India“, sagte der Mann von der Mietwagenstation am Flughafen als sich der bestellte Ford Fiesta als ein exotischer „Tata“ entpuppte. Als Modell Indica Vista, gebaut im indischen Mumbai.

Inzwischen genießen sie die verschiedenen Piepstöne der Tata-Elektronik als angenehme Begleiter, auch wenn sich nicht genau ergründen lässt, vor was oder wem genau dieses Getute gerade warnt. Die Fahrgeräusche des geräumigen Inders, der bisweilen ächzt wie ein Rikschafahrer in Jaipur und mindestens genauso durstig ist, geben allen Mitreisenden mittlerweile ein wohliges Gefühl der Geborgenheit.

Wenn die 05er nicht gerade alles belegen, soll hier schon mal George Cloony residieren. Foto: Jörg SchneiderDas gilt auch für unser Hotel. Das knappe Budget der nullfünfMixedZone gestattet dem Reporter und dessen ebenfalls selbständigen und selbstzahlenden Journalistenkollegen nicht, im feinen Kempinski zu logieren, im Fünfsternetempel der 05er. Geklagt hat noch keiner von uns darüber. Auch wenn ein bekannter Mainz-05-Blogger, dessen Notebook plötzlich den Geist aufgab, erst noch lernen musste, das Licht anzuschalten, damit die Steckdose mit Strom versorgt wird.

Der Flirtfaktor, sagt mein Lifestyle-Berater, sei extrem hoch in der Region. Der Kollege Eisenhuth gibt jeden Abend alles in dieser Beziehung, um die nette und aufmerksame Bedienung im Restaurant davon abzuhalten, jedes Mal das Besteck wegzuräumen, wenn sich der hungrige Reporter zum nächsten Buffetgang aufmacht. Herr Rehberg zieht alle Register, um die anmutige Rezeptionistin zu bewegen, den hoteleigenen Fitnessraum statt um elf Uhr bereits am frühen Morgen zu öffnen. Das Ergebnis beider Charme-Offensiven ist gleich unbefriedigend: Null. Nada. No chance.

Monokinis in Tropenfarben und Micro-Bikinis von American Apparel sollen in sein, habe ich gelesen. Für die Männer Tom-Ford-Oberhemden, lässig über der Hose getragen. Na, ja. Was ich so sehe, geht eher in die Richtung Kaufhof oder zum XXL-Store bei C&A. Wie auch immer, der Jetset macht Ferien oder hat auch meinen Livestyle-Berater zu Marbella gelesen und erkannt, dass da irgendwas faul ist.

„Die Stadt mit ihren weißen Häusern im andalusischen Dorfstil und der verwinkelten Altstadt ist zweifellos ein Schmuckstück“, heißt es im besagten Jetset-Artikel. Andalusischer Dorfstil? Marbella? Schmuckstück? Geht’s noch? Der Architekt, der hier jeden Zentimeter Fläche mit den hässlichsten Terrassenanlagen dieser Welt verbaut und dazwischen wahllos Golfplätze mit der Gießkanne ausgeschüttet hat, muss ein direkter Nachfahre von Numerobis gewesen sein. Jenem alexandrinischen Baumeister aus der Asterix-Epoche, dessen Gebilde windschief und oft höchst befremdlich anmuteten, so sie denn überhaupt fertig geworden sind. In Marbella hat’s längst nicht für alle Bau-Komplexe zum Richtfest gelangt. Schmuckstücke sehen anders aus. 

Egal, prominent und renitent heißt das Motto. Jetset ist Einstellungssache.

Apropos: Weiß jemand, wie man beim Tata Vista die Türen von innen entriegelt?

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Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.