Das 05-Kalenderblatt

Christian Karn. Mainz.
Auch in dieser Woche hat die nullfünfMixedZone wieder tief in die Vereinschronik gegriffen, in den Annalen geblättert und nachgeschaut, welche weiteren Jubiläen in diesen Tagen anstehen, was es an Besonderheiten und Ergebnissen gegeben hat, was um diese Jahreszeit so alles bei den 05ern passiert ist. Auf dem Platz war immer noch nicht viel los - allerdings brachte die Eröffnung der intensivsten Saison der deutschen Fußballgeschichte bizarre Szenen in die Stadien. Außerdem jährt sich das erste Europapokalspiel der 05-Historie zum zehnten Mal. Und wie jede Woche haben mehr oder wenige prominente 05er Geburtstag, unter ihnen ein Deutscher Meister, ein Fast-Nationalspieler und ein Mann, dem seine Platzwunde im Derby vollkommen egal war.

9. Juli  

Mainz 05 1957 in Aue. Gerhard Bergner, der Lockenkopf in der zweiten Reihe, würde heute 88 Jahre alt werden. Richard Schiffmann (mit dem Ball in den Händen) kam am Mittwoch vor 80 Jahren zur Welt.Der heutige Donnerstag wäre der Geburtstag eines der prominentesten Fußballer, die in den 1960ern für den FSV Mainz 05 spielten: Gerhard Bergner würde 88 Jahre alt werden. Der nur 1,56 Meter kleine Mittelfeldspieler kam 1956 mit der Erfahrung von 214 Oberligaspielern und der Deutschen Meisterschaft 1948 vom 1. FC Nürnberg nach Mainz, um sein Sportlehrerexamen zu machen. Drei Jahre lang war der zweikampf- und konditionsstarke Rechtsfuß als wertvoller Aufbauspieler gesetzt. 1957/58 erreichten die 05er mit Bergner die beste Punktzahl in ihren 15 Oberligajahren: Sie gewannen fast jedes zweite Spiel, waren im Oktober und Dezember Tabellenzweiter (und zwar nicht hinter dem ständigen Südwestmeister aus Kaiserslautern, sondern hinter dem FK Pirmasens - woran das lag, erklären wir im Kalenderblatt der kommenden Woche) und beendeten die Saison mit 33:27 Punkten auf dem sechsten Platz. Nach seiner vierten Saison mit den 05ern beendete der Mittelfeldspieler seine Karriere nach 103 Spielen und acht Toren für die 05er. Seinen heutigen Geburtstag erlebt Gerhard Bergner nicht mehr: Der Franke verstarb am 16. August 2009 im Alter von 82 Jahren.

Dori Dolezilek wird heute 67 Jahre alt......Dani Schahin 26 Jahre. Foto: Jörg SchneiderDori Dolezilek wird heute 67 Jahre alt. Der Nachwuchs-Angreifer mit tschechischen Wurzeln kam 1966 in der ersten Mannschaft der 05er an; ältere Fans hatten bereits in den 1930ern einen Doleczilek im 05-Team gesehen. Dori war zunächst nur Ergänzungsspieler, setzte sich aber ab 1968 auf verschiedenen Positionen - zunächst im linken Mittelfeld, dann als Rechtsaußen - in der Mannschaft fest. Dabei profitierte er zunächst von Georg Tripps Verletzungen, dann vom Wechsel des Stamm-Rechtsaußens nach Frankreich. Bis 1971 spielte Dolezilek 54 Mal für die 05er in der Regionalliga, dabei schoss er drei Tore.

26 Jahre alt wird heute Dani Schahin. Der Mittelstürmer mit der komplizierten Familiengeschichte (geboren in der damaligen ukrainischen Sowjetrepublik als Sohn eines libanesisch-stämmigen Palästinensers und einer Russin, aufgewachsen zunächst im Libanon, dann in Deutschland, um den Jungen dem Einfluss der Hisbollah zu entziehen, zwischenzeitlich ohne Staatsbürgerschaft, erst seit 2007 Deutscher) spielte einst in der HSV-Jugend zusammen mit dem neuen 05er Maximilian Beister. Bei Dynamo Dresden und Fortuna Düsseldorf war Schahin ein gefährlicher Torjäger, nach seinem Wechsel zu den 05ern vor zwei Jahren jedoch nicht mehr: Schahin zeigte zwar einen unbändigen Kampfgeist und eine bemerkenswerte Furchtlosigkeit, kam aber nicht an Shinji Okazaki vorbei. Als Leihspieler beim SC Freiburg setzte er sich im vergangenen Jahr wieder nicht durch. In diesen Tagen ist Schahin wieder ein 05er, aber ein neuerlicher Vereinswechsel steht offenbar kurz bevor.

10. Juli  

Morgen haben zwei Mainzer Drittligaspieler Geburtstag. Mittelstürmer Lucas Höler, zuletzt im ersten Jahr nach seinem Wechsel vom VfB Oldenburg zur Mainzer U23 mit zehn Treffern der beste Torschütze des Teams, wird 21 Jahre alt. Der Wiesbadener Marc Wachs, in der U19 mit 20 Toren in 39 Spielen als oft im Angriff eingesetzter Mittelfeldspieler ein großer Torjäger, künftig aber offenbar Linksverteidiger, ist genau ein Jahr jünger.

Die Geburtstagskinder am Freitag und Samstag - von links Lucas Höler, Marc Wachs, Frank Möller und Jairo Samperio.

11. Juli  

Einer der letzten richtigen Senkrechtstarter der 05er wird am Samstag 48 Jahre alt: Frank Möller kam 1989 aus dem tiefsten Amateurfußball von Alemannia Laubenheim zu den 05ern, wurde im ersten Spiel nur eingewechselt, war aber ab dem zweiten Spiel im besten Team der Oberliga-Historie auf dem rechten Flügel unumstrittener Stammspieler. Auch in der 2. Bundesliga verpasste Möller eineinhalb Jahre lang kaum ein Spiel. Und schon in der Winterpause 1991/92 wechselte er in die Bundesliga. Mit Eintracht Frankfurt verpasste Möller erst am letzten Spieltag die Deutsche Meisterschaft. Von Februar bis April war er sogar in dieser überragenden Mannschaft Stammspieler. Wegen Verletzungen spielte Möller ab 1992 jedoch nur noch drei Bundesligapartien für die Eintracht und acht Zweitligaspiele für den 1. FC Nürnberg. 1995 musste er seine Karriere im Alter von nur 27 Jahren beenden.

Ein weiteres Rechtsaußen-Talent wird am gleichen Tag 22 Jahre alt - und hat in diesem jungen Alter bereits die Europa League gewonnen. Auf den ganz großen Durchbruch wartet Jairo Samperio Bustara jedoch noch. Bei Real Santander, dem FC Sevilla und dem FSV Mainz 05 spielte der Spanier bereits regelmäßig, oft aber nur als Joker. Zwei Tore und sechs Vorlagen im ersten Bundesligajahr sind aber schon einmal ein gute Basis für die kommenden Jahre.

Genau ein Jahr vor Jairos Geburt erreichte die bislang größte Revolution im Fußball auch die 05er: Ab Saisonbeginn 1992/93 durften die Torhüter Rückpässe nicht mehr mit der Hand aufnehmen, was zu bizarrsten Szenen führte. So knieten die Abwehrspieler des Wuppertaler SV beim 3:1-Sieg des Aufsteigers gegen die 05er am Strafraum nieder und ließen sich vom Torwart anschießen. Denn abgeprallte Bälle durfte dieser weiterhin in die Hand nehmen. Weiter unten werden wir diese Geschichte noch einmal aufgreifen. Dass überhaupt so früh schon wieder gespielt wurde - bis heute ist dieses 1:3 das früheste Ligaspiel der 05-Historie - liegt an der Einbindung der Ostvereine in den gesamtdeutschen Spielbetrieb. 1990/91 hieß die DDR-Oberliga bereits NOFV-Oberliga; sie begann in der DDR und endete in der Bundesrepublik Deutschland. 1991/92 spielten die beiden besten Ostklubs in der Bundesliga, sechs weitere wurden in die 2. Liga eingebaut, die in zwei Zwölferstaffeln mit 22 normalen Spieltagen und anschließender Auf- und Abstiegsrunde spielte. 1992/93 schließlich wurde es richtig wild in der 2. Bundesliga: Die intensivste Saison des deutschen Fußballs ließ 24 Zweitligisten an 46 Spieltagen gegeneinander spielen. Es gab fünf englische Wochen in den ersten zwei Monaten, 25 Spieltage vor der Winterpause und sieben Abstiegsplätze.

12. Juli  

Holger Greilich, Roland Nagy, Zouhair Bouadoud, Dennis Franzin und Linus Radau (von links) haben am Sonntag Geburtstag.Einer der erfolgreichsten 05-Spieler der 1990er wird am Sonntag 44 Jahre alt: Holger Greilich, 1991 als 19-Jähriger aus Ingelheim verpflichtet, ab 1992 Stammspieler in der Mainzer Innenverteidigung. 1995 wechselte Greilich in die Bundesliga zum TSV München 1860. Ein echter Stammspieler war der Manndecker bei den "Löwen" selten, dennoch kam er auf 114 Bundesligaspiele - für 05er seiner Generation eine absolute Ausnahme. Selbst Berti Vogts interessierte sich bald für Greilich; nur eine Verletzung verhinderte seine Berufung in die A-Nationalmannschaft. Nach sieben Jahren bei den Münchnern und jeweils einer Saison für Omonia Nikosia und den Regionalligisten 1. FC Saarbrücken, für den er nur noch dreimal spielte, beendete Greilich 2004 seine Karriere.

Am gleichen Tag wie der Mainzer Verteidiger kam im rumänischen Arad Roland Nagy zur Welt. Als hin und wieder eingesetzter Defensivspieler, der dreimal die rumänische Meisterschaft gewonnen hatte, kam Nagy im Laufe der Saison 1997/98 von Steaua Bukarest zu den 05ern. Legendär wurde sein zweites Spiel: Im Derby gegen Eintracht Frankfurt hatte der Mainzer Libero früh wegen einer Platzwunde einen dicken weißen Verband am Schädel, der nach und nach rot wurde. Weil Nagy trotzdem furchtlos in jedes Kopfballduell ging. Den Durchbruch in Deutschland schaffte Nagy nicht: Für die 05er spielte er nur 15 Mal in der 2. Bundesliga, für Darmstadt 98 anschließend 37 Mal in der Regionalliga.

29 Jahre alt wird Zouhair Bouadoud. Der Elsässer schoss 2006/07 beim 4:0 von Eintracht Trier gegen die 05-Amateure drei Tore und wechselte im folgenden Sommer nach Mainz. Mit fünf Toren in den ersten drei Oberligaspielen der 05er kam Bouadoud überragend in die neue Saison, aber er ließ schnell nach. Bereits nach einem Jahr wechselte er zum Drittligisten VfR Aalen, bei dem er keine große Rolle spielte, später zu Wormatia Worms, den SV Elversberg, den Karlsruher SC und zuletzt 2013 zu den Spfr. Siegen.

Dennis Franzin wird am Sonntag 22 Jahre alt. Der von Waldhof Mannheim ausgebildete Flügelstürmer spielt seit dem Winter 2013/14 in der Mainzer U23. Zur Zeit fehlt Franzin wegen einem Schienbeinbruch. Linus Radau wiederum feiert seinen 20. Geburtstag. Bis 2014 war der Linksaußen Stammspieler in der U19 der 05er. Nachdem diese ihn nicht in die U23 übernahmen, wechselte er - wie einige weitere 05-Junioren - zum ehemaligen Mainzer U19-Trainer Stefan Sartori in die U23 des Karlsruher SC.

14. Juli  

Das erste Europapokalspiel des FSV Mainz 05 war eine 90-minütige Massenkarambolage mit vier Mainzer Toren. Hier kollidieren Petr Ruman und Nikolce Noveski mit dem armenischen Torwart Garnik Howhannisjan. Foto: imagoAm Montag stehen keine besonderen Jahrestage im 05-Kalender. Am Dienstag häufen sich wiederum die Jubiläen.

An prominenter Stelle in den 05-Geschichtsbüchern steht der 14. Juli 2005. An jenem Donnerstag erwarteten die 05er MIKA Aschtarak. Petr Ruman, Benjamin Auer, Nikolce Noveski und noch einmal Auer schossen die Tore zum 4:0 gegen den armenischen Pokalsieger, es war das erste Europapokalspiel des FSV Mainz 05 - aber nicht zum ersten Europapokalspiel in Mainz, denn die Partie fand in Frankfurt statt. Die rund 22.000 Fans, die die Partie sahen - bis dahin das zweitgrößte Heimpublikum in der Mainzer Vereinsgeschichte - hätten selbst bei einem Bundesligaspiel nicht ins Stadion am Bruchweg gepasst. Im UEFA-Pokal, in dem nur Sitzplätze erlaubt sind, hätten die 05er noch wesentlich weniger Karten verkaufen dürfen, aber das kam schon deshalb nicht in Frage, weil die UEFA mit dem Flutlicht am Bruchweg nicht einverstanden war.

 

Der damalige 05-Trainer Horst Hülß vor 35 Jahren mit dem Südwestpokal. Im Vordergrund als zweiter von rechts: Franz-Peter März, der am Dienstag 63 Jahre alt wird.Franz-Peter März wird am Dienstag 63 Jahre alt. Der Techniker war acht Jahre lang zunächst junger Spielmacher, später Außenstürmer der 05er. 1974 kam der Rheingauer als 21-Jähriger vom FSV Frankfurt zu den 05ern. Nach dem Lizenzverzicht von 1976 war er einer von wenigen Stammspielern, die in die Amateurliga mitkamen. Bis 1982 gewann März fünf Titel: 1978 und 1981 die Südwestmeisterschaft, 1980 und 1982 den Südwestpokal und als Höhepunkt 1982 die Deutsche Amateurmeisterschaft - allerdings wurde er im Halbfinale und im Endspiel bereits nicht mehr eingesetzt. In jenem Sommer wechselte März zum SV Wiesbaden, bald beendete er seine Karriere.

Zwei ehemalige 05-Amateure werden am Dienstag 32 Jahre alt: Marco Toch, der 2005/06 28 Oberligaspiele für die 05er bestritt, und Martin Wengerek, der von 2005 bis 2007 45 Mal im defensiven Mittelfeld des Mainzer Oberligateams spielte.

23 Jahre alt wird schließlich ein großes Talent, das im vergangenen Jahr zu selten seine Klasse zeigen konnte: Der U21-Nationalspieler Jonas Hofmann, nach jahrelangem Werben der 05er schließlich von Borussia Dortmund als Leihspieler nach Mainz gelassen, präsentierte sich bei den 05ern mit drei Toren in sechs starken Spielen sehr gut, aber eine schwere Verletzung ließ anschließend nur noch vier weitere Einsätze zu. In Dortmund muss der immerhin schon achtmal in der Champions League eingesetzte Hofmann nun wieder auf die Beine kommen.

Am Tag von Hofmanns Geburt ging die Posse um die neue Rückpassregel in die zweite Runde. Vor dem Heimspiel der 05er gegen Fortuna Köln hatten die Verbände den Regeltext noch einmal verändert: Ein Spieler sieht die Gelbe Karte, steht im heutigen Regelwerk, wenn er "bei einem Rückpass zum eigenen Torhüter den Ball absichtlich auf unkonventionelle Art mit dem Kopf, der Brust oder dem Knie spielt, um die Rückpassregel zu umgehen. Dabei ist unerheblich, ob der Torhüter den Ball anschließend mit der Hand berührt oder nicht. Die Aktion wird als Vergehen geahndet, weil der Spieler damit Sinn und Geist von Regel 12 untergräbt" - das ist nicht der exakte Wortlaut der damaligen Nachbesserung, entspricht ihr aber sinngemäß. Der Kölner Jürgen Niggemann trickste trotzdem so wie ein paar Tage zuvor die Wuppertaler und sah prompt Gelb-Rot. Zu Recht zwar, aber die zahllosen Hochbälle (!), die der Schiedsrichter Hans Fux nach (damals wie heute legalen) Kopfball-Rückgaben verhängte, zeigten, dass er die Regel immer noch nicht begriffen hatte.

15. Juli

Am Mittwoch liegt die Geburt von Richard Schiffmann exakt 80 Jahre zurück. Der Angreifer kam vor 60 Jahren vom SV Weisenau an den Bruchweg und war sofort Stammspieler. Zunächst war Schiffmann Mittelstürmer zwischen der 05-Legende Karl-Heinz Wettig und dem Neuzugang Willi Hollerbach aus Kostheim, bald tauschte er seine Position mit dem bulligen Hollerbach. Diverse Verletzungen setzten Schiffmann immer wieder langfristig außer Gefecht, dennoch schoss er in drei Jahren für die 05er 21 Tore in 62 Spielen. 1958 wechselte der Außenstürmer zu Wormatia Worms, setzte sich dort aber nicht durch.

23 Jahre alt wird am Mittwoch Yoshinori Muto. Der japanische Nationalspieler ist erst seit wenigen Tagen in Mainz und muss seine Erfolgsgeschichte erst noch schreiben.

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