Das 05-Kalenderblatt: 19. bis 21. September

Christian Karn. Mainz.
Die nullfünfMixedZone hat wieder in der Vereinschronik gekramt, in den Annalen geblättert und nachgeschaut, welche Jubiläen in diesen Tagen anstehen, was es an Besonderheiten und Ergebnissen gegeben hat, was um diese Jahreszeit so alles bei den 05ern passiert ist. Diesmal geht es um den torgefährlichsten Verteidiger, einen sehr großen Blonden und einen Autounfall, insbesondere aber um den lange ersehnten Derbysieg auf dem Betzenberg und den Machtwechsel im Südwestfußball.

19. September  

Heute wäre der 105. Geburtstag von Walter Münch. Der Bahnangestellte stürmte von 1947 bis 1949 mit weit über 30 Jahren auf dem rechten Flügel der 05er, war dabei eher ein Vorbereiter als ein Torschütze.

Aristide Bancé feiert am Augsburger Gästeblock seinen zweiten Doppelpack im vierten Spiel für die 05er. Foto: imagoGerd Heumann, der in den 1990ern in einigen Testspiele der 05-Profis eingesetzt wurde, aber den Sprung aus der zweiten Mannschaft nach oben letztlich nicht schaffte, wird 44 Jahre alt.

Einer der spektakulärsten Mainzer Bundesligastürmer wird heute 33 Jahre alt. Aristide Bancé kam 2008 nicht gerade mit dem besten Ruf zu den 05ern. Wegen schlechten Benehmens musste der 23-jährige Neuzugang aus Offenbach noch eine Sperre aus der vorherigen Saison absitzen. Das 05-Debüt des riesigen Westafrikaners mit den blondgefärbten Haaren gelang ganz ausgezeichnet: Beim 4:2 gegen den VfL Osnabrück schoss Bancé die ersten beiden seiner 14 Saisontore - und die vier Treffer im Pokal, keiner in der ersten Runde, danach einer pro Spiel bis ins Halbfinale, sind da noch gar nicht mitgezählt.

Der Mann aus Burkina Faso konnte im Grunde alles. Bancés Defensivkopfball war eine Sensation - den Auftrag "Geh bei Standards in den Strafraum und köpf' den Ball raus" erfüllte der "Bansemann" mit äußerster Konsequenz. Weniger durch Lauftechnik als durch seine langen Beine konnte Bancé auch mit dem Ball Höchstgeschwindigkeiten erreichen, im Konter einer Abwehr einfach wegrennen und dann mit Vorliebe den Ball ungefähr von der Strafraumlinie gegen die Laufrichtung des Torwarts flach ins Eck schieben, aber bei Bedarf, wie in Augsburg, auch einfach mal aus gut 20 Metern unter die Latte donnern. Komischerweise wurde ein vergleichsweise profaner Volleyschuss Bancés in Berlin zum Tor des Monats gekürt.

Auch in der Bundesliga war Bancé ein gefürchteter Stürmer, mit zehn Saisontoren eine wichtige Figur dafür, dass die 05er nie in den Abstiegskampf verwickelt wurden. Bancés Zeit in Mainz endete in der Nacht vor dem Pokal-Erstrundenspiel der folgenden Saison: Für eine Menge Geld wechselte der Stürmer überraschend nach Dubai. Erst nach und nach wurde öffentlich, dass er bereits mit 25 Jahren nicht mehr das Zeug zum Bundesligaspieler hatte; langwierige Knieprobleme hätten ein ernsthaftes dauerhaftes Training auf diesem Niveau nicht mehr zugelassen. Spielen konnte der "Bansemann", aber danach musste er tagelang das Knie schonen. Daher gingen auch Comeback-Versuche in Augsburg (18 Spiele, 0 Tore) und Düsseldorf (16 Zweitligaspiele, zwei Tore) schief. Über Finnland (4/1 für den Helsingin JK), Kasachstan (11/2 für Ertis Pawlodar), Südafrika (16/3 für Chippa United), Lettland (7/1 für den Riga FC) und die Elfenbeinküste (Leistungsdaten für ASEC Mimosas sind nicht aufzutreiben, offenbar wurde er Landesmeister) ist Bancé, wie's aussieht, inzwischen in Ägypten gelandet, in der jungen Saison hat er für den Al-Masry SC aus Port Said, dem Heimatklub von Mohamed Zidan, sein erstes Saisontor geschossen.

Außerhalb des Platzes war Bancé immer eine etwas rätselhafte Figur, immer mal wieder in kleine und mittlere Skandale verstrickt, nie wusste man so ganz genau, was an den Geschichten überhaupt dran war. 

1976 spielten die 05er nach dem Rückzug aus dem Profifußball in der Amateurliga; an ein paar Aspekte des Fußballs in der mit der heutigen Verbandsliga vergleichbaren Spielklasse mussten sie sich noch gewöhnen. So verloren sie heute vor 41 Jahren auf kuriose Weise 2:3 beim ASV Idar-Oberstein: ASV-Torjäger Zimmer hatte auf dem Weg zum Spiel einen Autounfall, musste auf die Polizei warten, verspätete sich. Die 05er spielten acht Minuten in Überzahl, dann erst war Zimmer da, kam ins Spiel, schoss zwanzig Sekunden später das 1:0, später noch das 3:1.

Weitere Ergebnisse am 19. September:

1948: Eintracht Trier - FSV Mainz 05 3:4  
1954: FSV Mainz 05 - TuRa Ludwigshafen 1:2  
1971: Wormatia Worms - FSV Mainz 05 3:2  
1982: Südwest Ludwigshafen - FSV Mainz 05 5:0  
1992: Hannover 96 - FSV Mainz 05 1:3  
2008: FSV Mainz 05 - 1. FC Nürnberg 2:0  
2009: VfL Bochum - FSV Mainz 05 2:3 
 

20. September  

Der ehemalige Hessenauswahlspieler Holger Dollak kam am Mittwoch vor 52 Jahren zur Welt. Der kleine, aber kopfballstarke Mittelfeldspieler aus Kostheim spielte in der Oberliga Hessen jahrelang für den SV Wiesbaden; auf der linken Rheinseite wurde er 1989/90 bei den 05ern dreimal eingewechselt.

Ergebnisse am 20. September:

1925: 1. FC Idar - FSV Mainz 05 3:0  
1931: FSV Mainz 05 - SV Wiesbaden 4:1  
1936: SV Weisenau - FSV Mainz 05 0:3  
1953: FSV Mainz 05 - VfR Kaiserslautern 1:2  
1959: Eintracht Trier - FSV Mainz 05 4:5  
1964: SV Völklingen - FSV Mainz 05 1:3  
1970: Borussia Neunkirchen - FSV Mainz 05 6:1  
1975: FSV Mainz 05 - 1. FC Saarbrücken 0:0  
1980: TuS Mayen - FSV Mainz 05 1:4  
1981: FSV Mainz 05 - FK Clausen 4:0  
1987: SSV Überherrn - FSV Mainz 05 0:4  
1988: FSV Mainz 05 - SV Meppen 1:6  
1995: FSV Mainz 05 - Werder Bremen 2:3 (DFB-Pokal)
1996: VfB Lübeck - FSV Mainz 05 0:2  
1998: FSV Mainz 05 - Hannover 96 1:0  
2014: FSV Mainz 05 - Borussia Dortmund 2:0  
 

21. September  

Am Donnerstag hat der wohl am unfairsten bewertete 05-Spieler der 1990er Geburtstag: Steffen Herzberger, der (mit dreijähriger Unterbrechung) von 1990 bis 2000 ein ungeheuer offensivstarker Manndecker und Linksverteidiger bei den 05ern war, den Ruf des Verlierers von Wolfsburg aber nie mehr los wurde.

Als 20-Jähriger kam der knapp 1,90 Meter große Herzberger vom FK Pirmasens zu Mainz 05. Beim damaligen Zweitliga-Aufsteiger musste der Verteidiger zunächst noch eine Verletzung auskurieren, dann war er schnell in der Stammelf. Sein erstes Tor nach einem halben Jahr zeigte die fußballerischen Fähigkeiten des Pfälzers: "Herze" startete am eigenen Strafraum, spielte auf dem Weg zum Saarbrücker Tor zwei Doppelpässe mit Gernot Ruof und traf zum 1:0-Sieg gegen die Spitzenmannschaft aus dem Saarland. "Möller, Schumi, Müller, alle riefen: Geh, geh!", berichtete der junge Torschütze anschließend.

In der ewigen Saison 1992/93 mit ihren 46 Spieltagen war der Mann mit dem härtesten Kopfball von Mainz, in dieser Disziplin einer der besten Spieler der gesamten zweiten Liga, der vorne immer etwas Mittelstürmerhaftes hatte, der zweitbeste 05-Torschütze. Nur David Wagner übertraf Herzbergers neun Saisontore. In jenem Sommer wechselte der Verteidiger zu den Stuttgarter Kickers, mit dem Ziel, Bundesliga zu spielen. Das ging völlig schief: Die Kickers stiegen nicht auf, sondern ab. "Herze" kam nach drei Jahren von Regionalligisten Eintracht Trier zurück an den Bruchweg, zunächst als Reservist. In der Rückrunde verdrängte er Marek Lemsalu - allerdings als Linksverteidiger. Das war nicht unbedingt Herzbergers Ding; innen kam er aber an Peter Neustädter und Miroslav Tanjga nicht vorbei und auch technisch war er gut genug, um sich links zu behaupten. 

Der Mann mit dem härtesten Kopfball von Mainz, der Turm in der Schlacht, der Verlierer von Wolfsburg: Steffen Herzberger wird 48 Jahre alt. Foto: imagoAm Ende jener Saison wäre der ehrgeizige Spieler mit den 05ern beinahe in die Bundesliga aufgestiegen; das 4:5 im Endspiel beim direkten Konkurrenten VfL Wolfsburg war letztlich auch sein Fiasko: Andere kleine schnelle Außenstürmer hatte Herzberger durchaus auch mal im Griff, den bis dahin nicht allzu beeindruckenden Roy Präger jedoch nicht. Präger entschied das Spiel, Herzberger sah noch vor der Halbzeit Gelb-Rot. Und es blieb sein Pech, dass er auch nach Tanjgas verletzungsbedingtem Karriereende Linksverteidiger bleiben musste: In einer Phase, in der an Peter Neustädters Seite alle Nachfolger des Serben (Mark Schierenberg, Tony Sekulic, auch der junge Manuel Friedrich) bisweilen weit weg vom Zweitliganiveau waren, gab es außen keine Alternative für den Routinier, den man in der Mitte gut hätte brauchen können. 

Herzbergers Image litt weiterhin unter der Niederlage in Wolfsburg, die auch seine guten Spiele überdeckte, wie das in Cottbus im Oktober 1998. Energie ging in der 90. Minute in Führung, aber vom Anstoß weg feuerte Herzberger aus dem tiefsten Spreewald einen sehr, sehr weiten Schuss ab, der in hohem Bogen übers Feld flog und zum Ausgleich unter die Latte fiel. Auch seine Flanken waren oft gar nicht schlecht; Herzberger zog häufig von linksaußen etwas zur Mitte und schickte mit rechts die merkwürdigsten, krummsten Bälle in den 16er, die nur jemandem auf den Kopf fallen mussten, das Tor schoss sich dann schon von selbst.

Nach seiner Karriere blieb "Herze" eine stadtbekannte Figur. Jahrelang stand er in der Römerpassage hinter dem Tresen einer Boutique, die kaum größer war als ein Einbauschrank. Einem Dieb wurde das zum Verhängnis; als dieser gegenüber das Spendenglas des Isis-Tempels klaute, schoss Herzberger aus seinem Laden und grätschte den Fliehenden nach wenigen Metern ab. Herzberger wird 48 Jahre alt.

Piero Adragna, von 2008 bis 2010 meist nur Einwechselspieler des Mainzer Regionalligateams, wird 29 Jahre alt.

Und am Donnerstag vor zwölf Jahren knackten die 05er endlich den Betzenberg. Die zweistelligen Niederlagen der ersten Nachkriegsjahre, die sechs bis sieben Gegentore gegen die Fritz-Walter-Elf mögen längst Vergangenheit geworden sein, Spiele gegen den 1. FC Kaiserslautern, seit sich 1963 wegen der Bundesliga-Gründung die Wege getrennt hatten, selten geworden, dennoch kratzte es immer ein bisschen am Selbstbewusstsein der Mainzer, aus 22 Pflichtspielen auf dem "Betze" nur zwei Unentschieden geholt zu haben. Bis an jenem Mittwoch, dem 21. September 2005, der erste Derby-Sieg in Kaiserslautern gelang. In einem Spiel auf überschaubarem Niveau traf Michael Thurk in der 38. Minute zur Mainzer Führung, sah FCK-Star Ciriaco Sforza kurz vor der Halbzeit nach einem harten Foulspiel an Petr Ruman die Rote Karte, beendete Benjamin Auer die Ausgleichsbemühungen der Lauterer in der 90. Minute mit dem 2:0. Serie vorbei. Fast auf den Tag genau drei Monate später warfen die 05er den FCK in dessen Stadion auch noch aus dem DFB-Pokal. Die weitere Derby-Bilanz auf dem Betze: Zwei Unentschieden, ein Heim-, ein Auswärtssieg. Vier Spiele in zehn Jahren, ein Ausdruck dessen, was dieses 2:0 vor zehn Jahren zementierte: Bereits 2004/05 hatten die 05er erstmals eine Saison als "Rheinland-Pfalz-Meister" abgeschlossen, als höchstplatzierte Mannschaft aus dem Bundesland, und diesen Titel seither jedes Jahr verteidigt, oft kampflos, weil sie eine Liga höher spielten als der erste Rivale.

Weitere Ereignisse am 21. September:

1930: Wormatia Worms - FSV Mainz 05 4:0  
1952: FSV Mainz 05 - FV Speyer 2:0  
1974: FK Pirmasens - FSV Mainz 05 2:1  
1986: FSV Mainz 05 - Borussia Neunkirchen 3:1  
1991: FSV Mainz 05 - Carl Zeiss Jena 1:1  
1997: FSV Mainz 05 - Fortuna Düsseldorf 2:0  
2003: LR Ahlen - FSV Mainz 05 1:3  
2010: FSV Mainz 05 - 1. FC Köln 2:0  
2013: FSV Mainz 05 - Bayer Leverkusen 1:4  
2016: Werder Bremen - FSV Mainz 05 1:2

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