Das 05-Kalenderblatt: 2. bis 5. März

Christian Karn. Mainz.
Die nullfünfMixedZone hat wieder in der Vereinschronik gekramt, in den Annalen geblättert und nachgeschaut, welche Jubiläen in diesen Tagen anstehen, was es an Besonderheiten und Ergebnissen gegeben hat, was um diese Jahreszeit so alles bei den 05ern passiert ist: Am zweiten und vierten März nichts Besonderes, umso mehr dafür am dritten, dem Geburtstag eines gescheiterten Toptalents, dem Todestag eines Ex-Phantoms, dem Jahrestag eines Pokalsiegs, eines erwarteten Außenseitersiegs. Und am fünften März jährt sich eine legendäre Abwehraktion.

2. März  

Ergebnisse am 2. März:

1952: Eintracht Trier - FSV Mainz 05 3:2  
1957: FSV Mainz 05 - Spfr. 05 Saarbrücken 3:1  
1980: Hassia Bingen - FSV Mainz 05 1:1  

3. März  

76 Jahre alt würde Arno Butterweck am Freitag werden. Der Mittelfeldspieler debütierte am 15. März 1959, zwölf Tage nach seinem 18. Geburtstag, in der ersten Mannschaft der 05er. Der junge Fußballer aus der 05-Jugend galt als das überragende Mainzer Talent seiner Zeit, war Junioren-Nationalspieler, hatte jedoch nicht den vollendeten Ehrgeiz. Daher spielte er nicht allzu oft; fünfmal als Rechtsverteidiger oder rechter Mittelfeldspieler in seiner ersten Saison, sogar achtmal in der zweiten; beim 2:1-Sieg auf dem Erbsenberg beim VfR Kaiserslautern schoss er in der 85. Minute, zwei Minuten nach dem Ausgleich des VfR, den Siegtreffer. Nach dem Jahreswechsel 1959/60 wurde Butterweck jedoch nur noch einmal aufgestellt, am Saisonende verließ er die 05er. Die große Karriere, die ihm viele zugetraut hatten, schaffte er nicht. Arno Butterweck verstarb bereits im Mai 2005 im Alter von 64 Jahren.

Am Freitag vor 74 Jahren verstarb an der Ostfront ein Soldat, der einst bei Mainz 05 gespielt hatte. Das nehmen wir heute zum Anlass, um ein bisschen aus dem Nähkästchen der Sporthistoriker zu plaudern. Denn 112 Jahre alt sind die 05er nun. Das ist eine sehr lange Zeit. Vieles wird in 112 Jahren einfach vergessen. Weil die Protagonisten nicht mehr leben, weil Zeitzeugen irgendwann aussterben, weil in den ersten Jahrzehnten der 05er eben nicht alles so gut dokumentiert wurde wie im heutigen Internetzeitalter. Die jetzige Generation hat es da einfach: "Yunus Malli und Jhon Córdoba haben vor drei Tagen Bayer Leverkusen abgeschossen. Das weiß jetzt, drei Tage später, jeder 05er", stand auf diesem Blatt unseres 2016er-Kalenders. Malli und Córdoba, die Einzelheiten sind längst verschwommen und vermischt mit anderen, ähnlichen Spielen, aber wer sich nicht mehr daran erinnert, kann es nachschlagen. In diesem Jahr ist es fünf Tage her, statt Malli und Córdoba waren es Stefan Bell und Levin Öztunali, Leverkusen bleibt Leverkusen und an das 2:0 werden sich auch in ein paar Monaten noch viele erinnern. Es wird - wie das 3:1 vor einem Jahr - auch in hundert Jahren noch mühelos aus gut geführten Archiven abrufbar sein, in Bild und Ton, mit Datum und Uhrzeit, sofern kein neuer Weltkrieg dazwischen kommt.

Denn Weltkriege beschädigen Archive. Es gibt einen Grund, warum aus den Jahren 1937 - also bereits zwei Jahre vor dem Beginn des Zweiten - bis 1945 nicht mal mehr die Spielergebnisse der 05er lückenlos dokumentiert sind, erst ab 1948 auch wieder sämtliche Aufstellungen vorliegen. Mühselige Archivarbeit mit Weiß-auf-Schwarz-Fraktur auf Mikrofilm-Lesegeräten mit kontrastarmem Bildschirm hat immerhin die groben Fakten von 1925 bis 1937 halbwegs aufarbeiten und aufbereiten können. Aber vieles, was in dieser Zeit passiert ist, viele Hintergründe vor allem, sind vergessen oder zumindest gut versteckt. Letztlich ist man auf Zufälle angewiesen, um vergessene Helden wiederzufinden, um Schätze aus dem Archiv zu heben. Zufälle, die auch den Vorgängern von Malli und Córdoba, Bell und Öztunali ihr Gesicht zurückgeben, die aus Namen wieder Menschen machen.

So gab es - Stand Juni 2015 - bei Mainz 05 vor dem Krieg einen Kroh. So hieß der. Das - und in welchen 35 Spielen von 1933 bis 1937 er eingesetzt wurde, auf welchen Positionen er wann gespielt hat, wann er seine fünf Tore geschossen hat - war alles, was über ihn bekannt war. Gar nicht so wenig, zugegeben, aber zu wenig, um ihm ein Gesicht zu geben. Wir kannten seinen Vornamen nicht, wir hatten kein Bild, wir wussten nicht, wie alt er war, woher er kam, was aus ihm wurde. Er bestand aus vier Buchstaben. Er war ein Kroh.

Bis sich im Juni 2015 ein Nachkomme des Kroh per E-Mail meldete. Er kannte ein paar Lebensdaten seines Vorfahren, wir kannten die sportliche Seite der Geschichte, wir legten beides zusammen und konnten so rekonstruieren, dass Hans Kroh am 28. Mai 1911 zur Welt kam, vermutlich in Hessen. Dass er mit seiner Frau im Mainzer Bleichenviertel wohnte und am 3. März 1943 - morgen vor 74 Jahren - an der Ostfront starb, weshalb er seinen Sohn nie kennenlernte; dieser aber habe immer wieder Geschichten über seinen Vater, den Erstligaspieler, gehört.

Elkin Soto, Tim Hoogland und Miroslav Karhan feiern einen der größten Erfolge in der langen Geschichte der 05er: das Siegtor von Aristide Bancé (ganz unten) im Pokal-Viertelfinale gegen den FC Schalke 04. Foto: imagoDas Phantom Kroh war damit plötzlich greifbar, war wieder mehr als ein Nachname in den Mannschaftsaufstellungen. Erstligaspieler war Hans Kroh nur an einem Tag, am 15. Oktober 1933, bei seinem Debüt, ein paar Monate nach seinem Wechsel von Viktoria Urberach nach Mainz. Bei seinem zweiten Spiel waren die 05er schon aus der Gauliga abgestiegen. Vielleicht handelte es sich um eine verklärte oder verschwommene Erinnerung seines Sohnes; solche Fälle landen immer mal wieder in unseren Postfächern. Nicht alle Kicker waren so bedeutend, wie es den Nachfahren erzählt wurde. Vielleicht hat aber der Vater auch "bei Mainz 05 in der ersten Liga" gespielt, im Sprachgebrauch zumindest damals kein ganz unübliches Synonym für "erste Mannschaft" - und die konnte durchaus auch in einer tieferen Liga spielen. Auf jeden Fall lebt Hans Kroh über 70 Jahre nach seinem Tod wieder in der Historie der 05er weiter, als Stammspieler ab 1935, vermutlich als einer, der in einer Krisenzeit der 05er nach ein paar Jahren in der Reserve aufrückte und sich festsetzte in der höchsten Mannschaft des am höchsten spielenden und mit Abstand größten Mainzer Fußballvereins seiner Zeit, ursprünglich als Außenstürmer, später als Außenverteidiger - wohl mangels Alternativen in der Abwehr. Als bei den 05ern alles zusammenbrach, war Hans Kroh wohl eine der wenigen zuverlässigen Stützen der Mannschaft. Und heute ist er wieder mehr als die Aneinanderreihung von vier Buchstaben. So etwas macht uns Sporthistorikern Freude.

Weiterhin gut dokumentiert ist, was am Freitag vor acht Jahren geschah. Es war ein Dienstagabend, der Zweitligist Mainz 05 empfing im DFB-Pokal-Viertelfinale den FC Schalke 04. Und machte ein gutes Spiel gegen den Bundesligisten (bei dem übrigens der heutige 05er Danny Latza, damals 19 Jahre alt, auf der Bank saß). Sehr lange hielten die 05er das 0:0, vorne passierte nicht viel, hinten hatten sie alles im Griff. Und in der 88. Minute schlug Florian Heller eine sehr lange Freistoßflanke aus dem linken Mittelfeld vors Schalker Tor, ganz hinten lauerte Aristide Bancé und traf zum 1:0. Es war das erste - und bisher einzige - Mal, dass die 05er ins DFB-Pokal-Halbfinale kamen.

Und weiterhin kaum vergessen ist das Spiel, das morgen ein Jahr zurückliegen wird. Wieder eins mit Córdoba, der in der 86. Minute das Tor schoss, mit dem irgendwie jeder heimlich gerechnet hatte, das Tor, das die Bundesliga wieder spannend machen sollte. Nach einem kleinen feinen Querpässchen von Julian Baumgartlinger, der sich statt dessen auch von Arturo Vidal einen Elfmeter hätte holen können, das Siegtor bei den Bayern, das zuvor lediglich mal Adam Szalai geschafft hatte. Jairo hatte beim zweiten 2:1-Sieg in München das 1:0 geschossen.

Weitere Ergebnisse am 3. März:

1963: VfR Kaiserslautern - FSV Mainz 05 0:0  
1968: FSV Mainz 05 - 1. FC Saarbrücken 1:0  
1974: FSV Mainz 05 - FC Ensdorf 5:0  
1985: FSV Mainz 05 - FK 03 Pirmasens 4:0  
1989: Fortuna Köln - FSV Mainz 05 3:0  
1991: SV Meppen - FSV Mainz 05 1:1  
1995: Hansa Rostock - FSV Mainz 05 1:0  
2001: FSV Mainz 05 - Chemnitzer FC 3:1  
2008: SC Freiburg - FSV Mainz 05 1:1  
2012: Borussia Dortmund - FSV Mainz 05 2:1  
2013: Fortuna Düsseldorf - FSV Mainz 05 1:1  

4. März  

Ergebnisse am 4. März:

1928: Ludwigshafener TG - FSV Mainz 05 2:3  
1934: FSV Mainz 05 - Alemannia-Olympia 05 Worms 3:1  
1951: FSV Mainz 05 - TuRa Ludwigshafen 5:0  
1956: VfR Frankenthal - FSV Mainz 05 4:0  
1973: FSV Mainz 05 - 1. FC Saarbrücken 4:0  
1979: FSV Mainz 05 - FSV Saarwellingen 1:0  
1990: FSV Mainz 05 - SC Birkenfeld 3:0  
2000: 1. FC Nürnberg - FSV Mainz 05 2:0  
2006: Borussia Dortmund - FSV Mainz 05 1:1  
2007: Alemannia Aachen - FSV Mainz 05 2:1  

5. März  

Am Sonntag wird Michael Traupel 52 Jahre alt. Traupel war ein Spieler aus der Region, ein Manndecker, der 1989 vom TSV Trebur zu den 05ern kam, aber nie mehr als ein Ergänzungsspieler wurde. In der spektakulären Wiederaufstiegssaison der 05er wurde er hin und wieder eingewechselt, stand erst im bedeutungslosen letzten Oberligaspiel in der Startelf; hinter Michael Müller, Hendrik Weiß und Mike Janz war er nur die Nummer 4 auf seiner Position. Zwei weitere Einsätze hatte Traupel in der Aufstiegsrunde, allerdings auch erst zu einem Zeitpunkt, als die Rückkehr der 05er in den Profifußball auch rechnerisch sicher war. In der zweiten Liga hatte der Manndecker zwei weitere Kurzeinsätze, zweimal spielte er über 90 Minuten; das war beim 0:2 in Essen und beim 1:5 in Braunschweig. In der Saison 1991/92 war Traupel schon nicht mehr dabei.

Tim Jerat wird 35 Jahre alt. Der Mittelfeldspieler gehört zu den Dauerbrennern des Drittligafußballs; in der alten Regionalliga und der neuen Dritten Liga spielte er weit über 200 Mal für Bayer Leverkusen II, Wattenscheid 09, Mainz 05 II (2004/05), den Wuppertaler SV, Holstein Kiel, die SpVgg Unterhaching und Arminia Bielefeld; für die Arminia lief der Sohn des ehemaligen Kölner Bundesligatrainers Wolfgang Jerat auch 22 Mal in der 2. Bundesliga auf.

Das Gegentor hätte den 05ern egal sein können, sie führten längst 4:0. Manuel Friedrich hat es mit einer wahnwitzigen Abwehraktion trotzdem verhindert. Foto: imagoZum zwölften Mal schließlich jährt sich Manuel Friedrichs Rettungsgrätsche gegen den SC Freiburg. Obwohl das Spiel längst gewonnen war, war der Innenverteidiger noch einmal losgerannt, Wilfried Sanou hinterher. Der war schon am 05-Torwart Dimo Wache dabei, rechnete nie im Leben damit, dass Friedrich ihn noch einholen und ihm den Ball abnehmen würde. Die meisten Einzelheiten dieses 5:0-Heimsiegs (bis heute der höchste 05-Erfolg in der Bundesliga, inzwischen neben einem 5:0 gegen Paderborn vor zwei Jahren; Michael Thurks erstes Bundesligator; der erste Sieg des wankenden Aufsteigers nach einer Serie von neun Spielen mit nur einem Punkt) sind zwar aufgeschrieben, aber ansonsten vergessen. An die Abwehraktion, die das 4:1 verhinderte, erinnern sich die Leute noch gut.

Ergebnisse am 5. März:

1933: FSV Mainz 05 - Eintracht Frankfurt 1:2  
1950: FSV Mainz 05 - Phönix Ludwigshafen 2:0  
1961: FSV Mainz 05 - Wormatia Worms 0:0  
1967: FSV Mainz 05 - Südwest Ludwigshafen 2:0  
1972: FSV Mainz 05 - FC Homburg/Saar 2:0  
1994: Hannover 96 - FSV Mainz 05 1:1  
 

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