Das 05-Kalenderblatt: 20. bis 22. September

Christian Karn. Mainz.
Die nullfünfMixedZone hat wieder in der Vereinschronik gekramt, in den Annalen geblättert und nachgeschaut, welche Jubiläen in diesen Tagen anstehen, was es an Besonderheiten und Ergebnissen gegeben hat, was um diese Jahreszeit so alles bei den 05ern passiert ist. Diesmal geht es um den Mann für den vorletzten Pass, den torgefährlichsten Verteidiger, einen der ersten Profis seiner Generation, insbesondere aber um den lange ersehnten Derbysieg auf dem Betzenberg und den Machtwechsel im Südwestfußball.

20. September  

Der ehemalige Hessenauswahlspieler Holger Dollak kam heute vor 51 Jahren zur Welt. Der kleine, aber kopfballstarke Mittelfeldspieler aus Kostheim spielte in der Oberliga Hessen jahrelang für den SV Wiesbaden; auf der linken Rheinseite wurde er 1989/90 bei den 05ern dreimal eingewechselt. Heute ist Dollak schwer erkrankt. Vor gut 14 Tagen spielten die Traditionsteams seiner beiden Ex-Klubs in einem Benefizspiel zugunsten des ehemaligen Kollegen gegeneinander, 400 Zuschauer kamen zur Partie.

Weitere Ereignisse am 20. September:

1925: 1. FC Idar - FSV Mainz 05 3:0  
1931: FSV Mainz 05 - SV Wiesbaden 4:1  
1936: SV Weisenau - FSV Mainz 05 0:3  
1953: FSV Mainz 05 - VfR Kaiserslautern 1:2  
1959: Eintracht Trier - FSV Mainz 05 4:5  
1964: SV Völklingen - FSV Mainz 05 1:3  
1970: Borussia Neunkirchen - FSV Mainz 05 6:1  
1975: FSV Mainz 05 - 1. FC Saarbrücken 0:0  
1980: TuS Mayen - FSV Mainz 05 1:4  
1981: FSV Mainz 05 - FK Clausen 4:0  
1987: SSV Überherrn - FSV Mainz 05 0:4  
1988: FSV Mainz 05 - SV Meppen 1:6  
1995: FSV Mainz 05 - Werder Bremen 2:3 (DFB-Pokal)
1996: VfB Lübeck - FSV Mainz 05 0:2  
1998: FSV Mainz 05 - Hannover 96 1:0  
2014: FSV Mainz 05 - Borussia Dortmund 2:0  
 

21. September  

Am Mittwoch hat der wohl am unfairsten bewertete 05-Spieler der 1990er Geburtstag: Steffen Herzberger, der (mit dreijähriger Unterbrechung) von 1990 bis 2000 ein ungeheuer offensivstarker Manndecker und Linksverteidiger bei den 05ern war, den Ruf des Verlierers von Wolfsburg aber nie mehr los wurde.

Als 20-Jähriger kam der knapp 1,90 Meter große Herzberger vom FK Pirmasens zu Mainz 05. Beim damaligen Zweitliga-Aufsteiger musste der Verteidiger zunächst noch eine Verletzung auskurieren, dann war er schnell in der Stammelf. Sein erstes Tor nach einem halben Jahr zeigte die fußballerischen Fähigkeiten des Pfälzers: "Herze" startete am eigenen Strafraum, spielte auf dem Weg zum Saarbrücker Tor zwei Doppelpässe mit Gernot Ruof und traf zum 1:0-Sieg gegen die Spitzenmannschaft aus dem Saarland. "Möller, Schumi, Müller, alle riefen: Geh, geh!", berichtete der junge Torschütze anschließend.

In der ewigen Saison 1992/93 mit ihren 46 Spieltagen war der Mann mit dem härtesten Kopfball von Mainz, in dieser Disziplin einer der besten Spieler der gesamten zweiten Liga, der vorne immer etwas Mittelstürmerhaftes hatte, der zweitbester 05-Torschütze. Nur David Wagner übertraf Herzbergers neun Saisontore. In jenem Sommer wechselte der Verteidiger zu den Stuttgarter Kickers, mit dem Ziel, Bundesliga zu spielen. Das ging völlig schief: Die Kickers stiegen nicht auf, sondern ab. "Herze" kam nach drei Jahren von Regionalligisten Eintracht Trier zurück an den Bruchweg, zunächst als Reservist. In der Rückrunde verdrängte er Marek Lemsalu - allerdings als Linksverteidiger. Das war nicht unbedingt Herzbergers Ding; innen kam er aber an Peter Neustädter und Miroslav Tanjga nicht vorbei und auch technisch war er gut genug, um sich links zu behaupten. 

Der Mann mit dem härtesten Kopfball von Mainz, der Turm in der Schlacht, der Verlierer von Wolfsburg: Steffen Herzberger wird 47 Jahre alt. Foto: imagoAm Ende jener Saison wäre der ehrgeizige Spieler mit den 05ern beinahe in die Bundesliga aufgestiegen; das 4:5 im Endspiel beim direkten Konkurrenten VfL Wolfsburg war letztlich auch sein Fiasko: Andere kleine schnelle Außenstürmer hatte Herzberger durchaus auch mal im Griff, den bis dahin nicht allzu beeindruckenden Roy Präger jedoch nicht. Präger entschied das Spiel, Herzberger sah noch vor der Halbzeit Gelb-Rot. Und es blieb sein Pech, dass er auch nach Tanjgas verletzungsbedingtem Karriereende Linksverteidiger bleiben musste: In einer Phase, in der an Peter Neustädters Seite alle Nachfolger des Serben (Mark Schierenberg, Tony Sekulic, auch der junge Manuel Friedrich) bisweilen weit weg vom Zweitliganiveau waren, gab es außen keine Alternative für den Routinier, den man in der Mitte gut hätte brauchen können. 

Herzbergers Image litt weiterhin unter der Niederlage in Wolfsburg, die auch seine guten Spiele überdeckte, wie das in Cottbus im Oktober 1998. Energie ging in der 90. Minute in Führung, aber vom Anstoß weg feuerte Herzberger aus dem tiefsten Spreewald einen sehr, sehr weiten Schuss ab, der in hohem Bogen übers Feld flog und zum Ausgleich unter die Latte fiel. Auch seine Flanken waren oft gar nicht schlecht; Herzberger zog häufig von linksaußen etwas zur Mitte und schickte mit rechts die merkwürdigsten, krummsten Bälle in den 16er, die nur jemandem auf den Kopf fallen mussten, das Tor schoss sich dann schon von selbst.

Nach seiner Karriere blieb "Herze" eine stadtbekannte Figur. Jahrelang stand er in der Römerpassage hinter dem Tresen einer Boutique, die kaum größer war als ein Einbauschrank. Einem Dieb wurde das zum Verhängnis; als dieser gegenüber das Spendenglas des Isis-Tempels klaute, schoss Herzberger aus seinem Laden und grätschte den Fliehenden nach wenigen Metern ab. Herzberger wird 47 Jahre alt.

Piero Adragna, von 2008 bis 2010 meist nur Einwechselspieler des Mainzer Regionalligateams, wird 28 Jahre alt.

Und am Mittwoch vor elf Jahren knackten die 05er endlich den Betzenberg. Die zweistelligen Niederlagen der ersten Nachkriegsjahre, die sechs bis sieben Gegentore gegen die Fritz-Walter-Elf mögen längst Vergangenheit geworden sein, Spiele gegen den 1. FC Kaiserslautern, seit sich 1963 wegen der Bundesliga-Gründung die Wege getrennt hatten, selten geworden, dennoch kratzte es immer ein bisschen am Selbstbewusstsein der Mainzer, aus 22 Pflichtspielen auf dem "Betze" nur zwei Unentschieden geholt zu haben. Bis an jenem Mittwoch, dem 21. September 2005, der erste Derby-Sieg in Kaiserslautern gelang. In einem Spiel auf überschaubarem Niveau traf Michael Thurk in der 38. Minute zur Mainzer Führung, sah FCK-Star Ciriaco Sforza kurz vor der Halbzeit nach einem harten Foulspiel an Petr Ruman die Rote Karte, beendete Benjamin Auer die Ausgleichsbemühungen der Lauterer in der 90. Minute mit dem 2:0. Serie vorbei. Fast auf den Tag genau drei Monate später warfen die 05er den FCK in dessen Stadion auch noch aus dem DFB-Pokal. Die weitere Derby-Bilanz auf dem Betze: Zwei Unentschieden, ein Heim-, ein Auswärtssieg. Vier Spiele in zehn Jahren, ein Ausdruck dessen, was dieses 2:0 vor zehn Jahren zementierte: Bereits 2004/05 hatten die 05er erstmals eine Saison als "Rheinland-Pfalz-Meister" abgeschlossen, als höchstplatzierte Mannschaft aus dem Bundesland, und diesen Titel seither jedes Jahr verteidigt, oft kampflos, weil sie eine Liga höher spielten als der erste Rivale.

Weitere Ereignisse am 21. September:

1930: Wormatia Worms - FSV Mainz 05 4:0  
1952: FSV Mainz 05 - FV Speyer 2:0  
1974: FK Pirmasens - FSV Mainz 05 2:1  
1986: FSV Mainz 05 - Borussia Neunkirchen 3:1  
1991: FSV Mainz 05 - Carl Zeiss Jena 1:1  
1997: FSV Mainz 05 - Fortuna Düsseldorf 2:0  
2003: LR Ahlen - FSV Mainz 05 1:3  
2010: FSV Mainz 05 - 1. FC Köln 2:0  
2013: FSV Mainz 05 - Bayer Leverkusen 1:4  
 

22. September  

Arno Glesius (am Boden) war eine unglückliche Figur bei Mainz 05: Der Stürmer hätte sicherlich weiterhelfen können, wäre er irgendwann mal wirklich fit gewesen.Am Donnerstag wird Arno Glesius 51 Jahre alt. Der Winzersohn von der Mosel war um 1990 kein schlechter Bundesligastürmer; als er 1993 vom 1. FC Saarbrücken zu den 05ern kam, war seine große Zeit allerdings schon vorbei. Der damals 27-jährige hatte in den beiden vorausgegangenen Bundesligaspielzeiten wegen Verletzungen nur sechsmal eingesetzt werden können; nur dadurch wurde Glesius für die 05er überhaupt erschwinglich. In Mainz wurde der Stürmer in der Hinrunde regelmäßig eingesetzt, dann warf ihn die nächste Verletzung wieder aus der Bahn.

Glesius hatte etwas, was in Mainz zu jener Zeit neu war, die Ausstrahlung eines Profis, der den Fußball verstanden hatte. Allerdings erreichte er die nötige Fitness nie wieder; insofern war er der Vorgänger von Sven Demandt, von dem sich die 05er ein Jahr später ähnlich viel versprachen und (zunächst) ähnlich wenig bekamen - der Unterschied: Nach sehr langer Anlaufzeit wurde Demandts Wade stabil und der ehemalige Zweitliga-Torschützenkönig noch jahrelang ein wichtiger Mann für die 05er, der das zeigte, was die 05er von seiner Klasse erwartet hatten. Glesius schaffte das nicht. An seinen besten Tagen zeigte er, dass er unter anderen Umständen eine große Hilfe hätte sein können: Der kleine, stämmige, von der Figur her etwas an Gerd Müller erinnernde Glesius war ein engagierter Angreifer, der sich im Strafraum gut bewegte, immer zu antizipieren versuchte, wo ein Ball zu haben sein könnte, sich vom Verteidiger löste, einen guten Abschluss hatte. Aber letztlich reichte es nur noch für 37 Zweitligaspiele in zwei Jahren - und immerhin sieben Tore. Von 2009 bis 2010 war Glesius Vizepräsident seines ersten Profiklubs, des Karlsruher SC.

Benedikt Saller, Dritter von links, war nicht weit davon entfernt, sich in der Bundesliga zu etablieren, schaffte aber letztlich den Durchbruch doch nicht und spielt seit der vergangenen Saison nur noch in der dritten Liga. Foto: imagoBenedikt Saller wird am Donnerstag 24 Jahre alt. Der Mittelfeldspieler der Mainzer Drittligamannschaft ist ein Beispiel dafür, wie schwer es ist, sich in der Bundesliga durchzusetzen. Saller, 2009 aus der U17 des TSV München 1860 verpflichtet und kurzzeitig Juniorennationalspieler, kann eigentlich vieles von allem, was ein Fußballprofi können muss. Vielleicht fehlt dem ehemaligen Außenverteidiger auf dem allerhöchsten Niveau ein bisschen technischer Schliff für die zentrale Position hinter den Spitzen, ein bisschen Aggressivität für die Rolle des Sechsers, ein bisschen Dynamik für die Flügel. Daher fasste der von Thomas Tuchel als "Mann für den vorletzten Pass" gelobte Spieler bei den Profis trotz 16 Bundesliga-Einsätzen (einer von Anfang an) und zwei Toren (ein sehr guter Abschluss in Stuttgart, ein völliger Zufall in Hoffenheim, wo Niklas Süle ihm den Ball überschoss und der Abpraller ins Netz flog) bei den Profis nicht dauerhaft Fuß. Im Drittligateam war der Münchner seit Mitte der Hinrunde 2014/15 klarer Stammspieler im defensiven Mittelfeld. Zur neuen Saison wechselte Saller zum Drittliga-Aufsteiger SSV Jahn Regensburg.

Weitere Ereignisse am 22. September:

1929: FSV Mainz 05 - SV Wiesbaden 2:1  
1935: SV Flörsheim - FSV Mainz 05 1:0  
1957: Phönix Ludwigshafen - FSV Mainz 05 0:1  
1963: BSC Oppau - FSV Mainz 05 2:2  
1968: FSV Mainz 05 - SpVgg Weisenau 3:0  
1984: FK Pirmasens - FSV Mainz 05 1:2  
1985: Eintracht Bad Kreuznach - FSV Mainz 05 3:7  
2001: FSV Mainz 05 - LR Ahlen 5:1  
2002: FC St. Pauli - FSV Mainz 05 1:4  
2012: FSV Mainz 05 - FC Augsburg 2:0 

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