Das halbe 05-Kalenderblatt

Christian Karn. Mainz.
Wie jeden Donnerstag hat die nullfünfMixedZone in der Vereinschronik gekramt, in den Annalen geblättert und nachgeschaut, welche weiteren Jubiläen in diesen Tagen anstehen, was es an Besonderheiten und Ergebnissen gegeben hat, was um diese Jahreszeit so alles bei den 05ern passiert ist. Damit wir nicht schon wieder den Rahmen sprengen, gibt es auch diesmal nur ein halbes Kalenderblatt, heute mit einer Adelspalastrevolution vor 27 Jahren, einem vor 25 Jahren geborenen und einem vor zwölf Jahren verstorbenen Kurzzeit-Nationalspieler, einem Autounfall und einem sehr großen Mann mit blonden Haaren. Die zweite Hälfte folgt am Sonntag.

17. September  

Am heutigen Donnerstag wird ein ehemaliger Juniorennationalspieler der 05er 31 Jahre alt: Der Innenverteidiger Younes Idrissi spielte zwar nur neun Regionalligaspiele (fünf für Mainz 05 II, vier für Arminia Bielefeld II) und landete anschließend in der Oberliga, absolvierte aber auch zwei U20-Länderspiele für den DFB.

Weitere Ereignisse am 17. September:

1950: Phönix Ludwigshafen - FSV Mainz 05 6:1  
1972: FSV Mainz 05 - FV Speyer 3:1  
1988: SC Freiburg - FSV Mainz 05 1:1  
1989: FSV Mainz 05 - SV Edenkoben 3:3  
1993: FC St. Pauli - FSV Mainz 05 1:0  
1995: Fortuna Köln - FSV Mainz 05 1:0  
2005: FSV Mainz 05 - VfB Stuttgart 1:2  
2011: 1. FC Kaiserslautern - FSV Mainz 05 3:1  

18. September  

Im vergangenen Jahr eröffnete Harald Strutz zum 26. Mal die Mitgliederversammlung des FSV Mainz 05 als Vereinspräsident. Ein Ende seiner Amtszeit ist derzeit nicht abzusehen. Foto: Christian Karn.Der 18. September ist ein Datum von enormer Bedeutung für die Entwicklung des FSV Mainz 05: Am Freitag vor 27 Jahren eskalierte eine Jahreshauptversammlung im Eltzer Hof. Wenige Monate nach dem Wiederaufstieg in den Profifußball nach zwölf Jahren in der Oberliga bedankte sich dort der damalige 05-Präsident Bodo Hertlein bei allen, die im Verein irgendeine Funktion hatten, ließ aber seinen Intimfeind, den (im Sommer abgetretenen) Aufstiegstrainer Horst-Dieter Strich aus. Aus der Unruhe im Publikum entwickelte sich aus einer "Koalition aus Gerechtigkeitsgefühl, Machtstreben und Aufsässigkeit" (Mainzer Rhein-Zeitung) - typische Charaktereigenschaften des Mainzers an sich -, die weder ein Konzept noch einen Gegenkandidaten hatte, ein Putsch gegen Hertlein: Der Präsident wurde kurzerhand abgewählt. Eine Rolle dürfte gespielt haben, dass der Privatsender Sat 1, damals noch in Mainz ansässig, zugesagt hatte, mit 200.000 Mark als Sponsor einzusteigen, aber nur unter einem anderen Präsidenten - Hertlein wurde vorgeworfen, die vor dem Aufstieg noch existenzbedrohenden Schulden der 05er kleinzureden.

Vizepräsident Peter Arens wollte nicht gegen Hertlein antreten, woraufhin der völlig überraschte Vizesprecher des Förderkreises - eines Zusammenschlusses von lokalen Geschäftsleuten und 05-Unterstützern - nominiert wurde, der 37-jährige Sohn eines lange zuvor verstorbenen Vorsitzenden der 05er: Im zweiten Durchgang wurde der Jurist Harald Strutz zum 05-Chef gewählt.

Bis 1990 stellte Strutz nach und nach den Kern des heutigen Vorstands zusammen. Der Weltklasse-Friseur Peter Arens war schon dabei. Jürgen Doetz, Geschäftsführer von Sat 1, und der Kaufmann Karl-Heinz Elsässer wurden ebenfalls gewählt, bei der nächsten Wahlversammlung auch der Steuerberater Friedhelm Andres, außerdem die teils bald, teils erst wesentlich später ausgeschiedenen Norbert Ebinger (weltweit tätiger Bauunternehmer), Bernhard Geitel (Gebäudereiniger), Rolf Kiefer (Stahlbau-Unternehmer) und Hans-Günter Mann (Sparkassendirektor). In Strutz' mittlerweile 27-jährige Amtszeit fallen der Umbau des Stadions am Bruchweg, der Neubau der Coface Arena, der Aufstieg in die Bundesliga, die Deutsche U19-Meisterschaft, die Etablierung der 05er in der höchsten Spielklasse. Der Erfolg der 05er.

Am Freitag vor 87 Jahren kam Helmut Schreiber zur Welt. Das einzige Spiel des Mittelfeldspielers in der ersten Mannschaft der 05er war das 4:2 gegen den ASV Oppau am 6. März 1949. 

29 Jahre alt werden zwei Spieler aus der ersten U19-Bundesliga-Mannschaft der 05er: Der Innen- und Rechtsverteidiger Marcel Kostadinov und der selten eingesetzte Stürmer Oliver Krajnovic.

Die Gesichter des (mittlerweile überbotenen) Mainzer Bundesliga-Startrekords: André Schürrle an der Eckfahnengitarre, Adam Szalai an den Trommelschuhen und Lewis Holtby mit dem Flaschenmikro. Foto: imagoLewis Holtby wird 25 Jahre alt. Der Rheinländer mit englischem Vater galt beim Übergang vom Jugend- in den Erwachsenenfußball als überragendes Talent, schoss als 18-Jähriger Aachener bereits die 05er ab und landete ein paar Wochen vor seinem 20. Geburtstag selbst als Leihspieler vom FC Schalke 04 am Bruchweg. Holtby war die schillernde Figur in jener spektakulären Saison 2010/11, der Leadsänger bei den Torjubel-Ritualen mit Gitarrist André Schürrle und Drummer Adam Szalai, die die 05er zum Bundesliga-Startrekord und in den Europapokal schossen. Dabei war der kleine Zehner nicht immer Stammspieler; mit zwei Treffern und sieben Vorlagen in den ersten sieben Spielen kam Holtby überragend in die Saison, ließ aber schnell nach und hatte nur noch zwei weitere Torbeteiligungen, bis er am vorletzten Spieltag beim entscheidenden 3:1 auf Schalke das 1:1 und das 3:1 vorbereitete und das 2:1 selbst schoss. Holtby war natürlich nicht zu halten, wechselte zurück zu den Schalkern, schaffte es dann nicht, sich in Tottenham zu etablieren, wurde vom Hamburger SV in die Bundesliga zurückgeholt. Der Topstar, den manch einer im 20-jährigen Talent gesehen hatte, das immerhin dreimal in der deutschen A-Nationalmannschaft spielte, wurde Holtby nicht. Dafür fehlt ihm die Dynamik.

Am 18. September 2003 schließlich verstarb in Rüsselsheim der ehemalige 05-Stürmer und -Trainer Erich Bäumler. Der Oberpfälzer war 1960 als 30-Jähriger von Eintracht Frankfurt zu den 05ern gekommen; ein Jahr zuvor hatte er mit der Eintracht deren einzige Deutsche Meisterschaft gewonnen. Horst Hülß, der später unter Bäumler für Mainz 05 spielte, charakterisierte ihn als einen "erstklassigen Außenstürmer. Er war schnell, trickreich und konnte Tore machen" - im ersten Jahr allerdings mangels Alternativen auf dieser Position fast nur als Mittelstürmer. Bäumler traf 13 Mal, wurde dann nach der Verpflichtung Erwin Baders mal ins offensive Mittelfeld zurückgezogen, mal wieder rechtsaußen aufgestellt, und schoss weitere zwölf Tore.

Der Torjäger und Ex-Nationalspieler Erich Bäumler, auf diesem 55 Jahre alten Mannschaftsbild hinten der zweite Spieler von links, verstarb am Freitag vor zwölf Jahren.

1962 wechselte Bäumler zu Opel Rüsselsheim, wo er 1964 Trainer wurde. 1967 holten ihn die 05er zurück. Und obwohl mal wieder kein Geld da und von der großen Pokalmannschaft der Saison 1964/65 nur noch eine Handvoll Spieler übrig war, hatte Bäumler eine herausragende Mannschaft zur Verfügung: Im Tor Kurt Planitzer, vor ihm Libero Carlo Storck, Vorstopper Helmut Müllges, die Außenverteidiger Heinz Wassermann und Horst Schuch, die Läufer Richard Klauss und Horst Klinkhammer, Halbstürmer Horst Hülß und die Spitzen Georg Tripp, Charly Tripp und "Bimbo" Bopp. Eine Mannschaft, die zum dritten Mal in Folge zur Spitzengruppe der Liga zählte, dicht an der Aufstiegsrunde dran war und trotzdem mittlerweile in Vergessenheit geraten ist. Warum Bäumler nach 23 Spielen gehen musste, wusste keiner so genau. "Im Nachhinein habe ich mir Vorwürfe gemacht, dass ich in dieser Situation nicht stärker aufgetreten bin", sagte Jahrzehnte später der damalige 05-Kapitän Hülß. "Das Unternehmen hatte ja einen sehr guten Anfang genommen." Karl-Heinz Wettig, die Nachkriegs-Stürmerlegende, brachte die Saison zu Ende und wurde mit vier Punkten Rückstand Vierter.

Bäumler wurde nur 73 Jahre alt.

Weitere Ereignisse am 18. September:

1927: FSV Mainz 05 - SV Wiesbaden 4:1  
1932: Alemannia-Olympia Worms - FSV Mainz 05 2:2  
1949: FSV Mainz 05 - SG Weisenau 3:2  
1955: 1. FC Saarbrücken - FSV Mainz 05 3:0  
1960: FSV Mainz 05 - VfR Frankenthal 2:2  
1966: Wormatia Worms - FSV Mainz 05 1:0  
1977: FSV Mainz 05 - 1. FC Haßloch 5:0  
1983: FSV Salmrohr - FSV Mainz 05 6:1  
1985: FSV Mainz 05 - FK Clausen 3:1  
1994: FSV Mainz 05 - SV Meppen 1:1  
1999: Chemnitzer FC - FSV Mainz 05 1:1  
2002: FSV Mainz 05 - Eintracht Trier 2:0  
2004: Arminia Bielefeld - FSV Mainz 05 1:1  
2010: Werder Bremen - FSV Mainz 05 0:2  

19. September  

Der Samstag wäre der 103. Geburtstag von Walter Münch. Der Bahnangestellte stürmte von 1947 bis 1949 mit weit über 30 Jahren auf dem rechten Flügel der 05er, war dabei eher ein Vorbereiter als ein Torschütze.

Aristide Bancé feiert am Augsburger Gästeblock seinen zweiten Doppelpack im vierten Spiel für die 05er. Foto: imago

Gerd Heumann, der in den 1990ern in einigen Testspiele der 05-Profis eingesetzt wurde, aber den Sprung aus der zweiten Mannschaft nach oben letztlich nicht schaffte, wird 42 Jahre alt.

Einer der spektakulärsten Mainzer Bundesligastürmer wird am Samstag 31 Jahre alt. Aristide Bancé kam 2008 nicht gerade mit dem besten Ruf zu den 05ern. Wegen schlechten Benehmens musste der 23-jährige Neuzugang aus Offenbach noch eine Sperre aus der vorherigen Saison absitzen. Das 05-Debüt des riesigen Westafrikaners mit den blondgefärbten Haaren gelang ganz ausgezeichnet: Beim 4:2 gegen den VfL Osnabrück schoss Bancé die ersten beiden seiner 14 Saisontore - und die vier Treffer im Pokal, keiner in der ersten Runde, danach einer pro Spiel bis ins Halbfinale, sind da noch gar nicht mitgezählt.

Der Mann aus Burkina Faso konnte im Grunde alles. Bancés Defensivkopfball war eine Sensation - den Auftrag "Geh bei Standards in den Strafraum und köpf' den Ball raus" erfüllte der "Bansemann" mit äußerster Konsequenz. Weniger durch Lauftechnik als durch seine langen Beine konnte Bancé auch mit dem Ball Höchstgeschwindigkeiten erreichen, im Konter einer Abwehr einfach wegrennen und dann mit Vorliebe den Ball ungefähr von der Strafraumlinie gegen die Laufrichtung des Torwarts flach ins Eck schieben, aber bei Bedarf, wie in Augsburg, auch einfach mal aus gut 20 Metern unter die Latte donnern. Komischerweise wurde ein vergleichsweise profaner Volleyschuss Bancés in Berlin zum Tor des Monats gekürt.

Auch in der Bundesliga war Bancé ein gefürchteter Stürmer, mit zehn Saisontoren eine wichtige Figur dafür, dass die 05er nie in den Abstiegskampf verwickelt wurden. Bancés Zeit in Mainz endete in der Nacht vor dem Pokal-Erstrundenspiel der folgenden Saison: Für eine Menge Geld wechselte der Stürmer überraschend nach Dubai. Erst nach und nach wurde öffentlich, dass er bereits mit 25 Jahren nicht mehr das Zeug zum Bundesligaspieler hatte; langwierige Knieprobleme hätten ein ernsthaftes dauerhaftes Training auf diesem Niveau nicht mehr zugelassen. Spielen konnte der "Bansemann", aber danach musste er tagelang das Knie schonen. Daher gingen auch Comeback-Versuche in Augsburg (18 Spiele, 0 Tore) und Düsseldorf (16 Zweitligaspiele, zwei Tore) schief. Über den finnischen Spitzenklub Helsingin JK (4 Spiele, 1 Tor) landete Bancé inzwischen in Kasachstan.

Außerhalb des Platzes war Bancé immer eine etwas rätselhafte Figur, immer mal wieder in kleine und mittlere Skandale verstrickt, nie wusste man so ganz genau, was an den Geschichten überhaupt dran war. 

1976 spielten die 05er nach dem Rückzug aus dem Profifußball in der Amateurliga; an ein paar Aspekte des Fußballs in der mit der heutigen Verbandsliga vergleichbaren Spielklasse mussten sie sich noch gewöhnen. So verloren sie am Samstag vor 39 Jahren auf kuriose Weise 2:3 beim ASV Idar-Oberstein: ASV-Torjäger Zimmer hatte auf dem Weg zum Spiel einen Autounfall, musste auf die Polizei warten, verspätete sich. Die 05er spielten acht Minuten in Überzahl, dann erst war Zimmer da, kam ins Spiel, schoss zwanzig Sekunden später das 1:0, später noch das 3:1.

Weitere Ereignisse am 19. September:

1948: Eintracht Trier - FSV Mainz 05 3:4  
1954: FSV Mainz 05 - TuRa Ludwigshafen 1:2  
1971: Wormatia Worms - FSV Mainz 05 3:2  
1982: Südwest Ludwigshafen - FSV Mainz 05 5:0  
1992: Hannover 96 - FSV Mainz 05 1:3  
2008: FSV Mainz 05 - 1. FC Nürnberg 2:0  
2009: VfL Bochum - FSV Mainz 05 2:3  

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