Das halbe 05-Kalenderblatt

Christian Karn. Mainz.
Wie jeden Donnerstag hat die nullfünfMixedZone in der Vereinschronik gekramt, in den Annalen geblättert und nachgeschaut, welche weiteren Jubiläen in diesen Tagen anstehen, was es an Besonderheiten und Ergebnissen gegeben hat, was um diese Jahreszeit so alles bei den 05ern passiert ist. Mehrfach wurde sich gehauen und getreten, aber auch ein Rekord wurde eingestellt. Geburtstag haben vor allem Spieler, die die erhoffte Rolle nicht gespielt haben, teils aber anderswo Leistungsträger wurden: unter anderem ein Aufstiegsheld, ein türkischer Nationalspieler und ein Deutscher Meister. Damit wir nicht schon wieder den Rahmen sprengen, gibt es auch diesmal nur ein halbes Kalenderblatt. Am Montag geht's weiter.

1. Oktober  

Am heutigen Donnerstag hat eine ganze Reihe großer Talente Geburtstag; die erhoffte Karriere haben nicht alle geschafft.

Der Älteste ist Hans-Joachim "Bubi" Krämer, der 1975 aus Rüsselsheim zu den 05ern kam und in der ersten Mannschaft debütierte, als diese in der Schlussphase der chaotischen Rückzugs-Saison 1975/76 auseinander fiel. In der Amateurliga war Krämer von Anfang an Stammspieler im Mittelfeld, auch immer mal wieder als Linksaußen. Erst ab 1980 wurde die Konkurrenz zu groß; 1982 verließ Krämer die 05er nach sieben Jahren, 122 Ligaspielen und 20 Toren als zweimaliger Südwestmeister, zweimaliger SWFV-Pokalsieger und Deutscher Amateurmeister - letzteres allerdings mit Einschränkung; in den fünf Wettbewerbsspielen wurde er nicht eingesetzt. Krämer wird heute 62 Jahre alt.

Die größte Karriere hatte wohl Engin Özdemir. Der türkische Stürmer kam 1987 als 18-Jähriger aus der Jugend des SV Raunheim zu den 05ern, war aber noch nicht reif für die Oberliga und spielte nur sechs Mal. Bereits nach seiner ersten Saison in Mainz wechselte Özdemir zu Türk Gücü München, wo er sich für den Profifußball empfahl: Von 1992 bis 2003 spielte Özdemir 215 Mal in der ersten türkischen Liga für Genclerbirligi, Istanbulspor, Adanaspor und Antalyaspor, außerdem absolvierte er zwei A-Länderspiele für die Türkei. Heute wird Engin Özdemir 47 Jahre alt.

Die heutigen Geburtstagskinder - von links "Bubi" Krämer, Engin Özdemir, Nejmeddin Daghfous, Benjamin Kessel und Jan Kirchhoff.29 Jahre alt wird Nejmeddin Daghfous. Der Kasseler mit tunesischen Vorfahren war im Ober- und Regionalligateam der 05er ein technisch feiner Angreifer, der jederzeit den Gegner verrückt machen konnte, in 111 Spielen 43 Tore schoss und 44 vorbereitete. In höheren Ligen hatte Daghfous jedoch keinen Erfolg: Beim Drittligisten Preußen Münster setzte er sich nicht durch, bei den Zweitligisten SC Paderborn 07 und VfR Aalen auch nicht. Bereits für die 05er hatte er 16 Zweitligaspiele absolviert, nicht nur als Einwechselspieler, ohne an einem Tor beteiligt zu sein. Auch sein einziges Bundesligaspiel - zwölf Minuten beim 2:4 der 05er gegen Borussia Mönchengladbach - war unauffällig. Daghfous ist inzwischen wieder in der 3. Liga angekommen und spielt für die Würzburger Kickers.

Benjamin Kessel wird 28 Jahre alt. Der Verteidiger aus der Nachbarschaft Bad Kreuznachs war ab 2008 zwei Jahre lang Stammspieler im Regionalligateam der 05er, schaffte es aber nicht zu den Profis. 2010 wechselte Kessel zu Eintracht Braunschweig und stieg bis in die Bundesliga auf, in der er zwanzig Spiele als Rechtsverteidiger machte. Im vergangenen Sommer schloss sich Kessel dem Braunschweiger Zweitliga-Konkurrenten Union Berlin an; die Profikarriere hat er.

Der drei Jahre jüngere Jan Kirchhoff muss um seine Laufbahn hingegen bangen; es wäre ein Jammer, wenn eines der vielversprechendsten Talente seiner Generation so früh scheitern würde. Als 16-Jähriger war der große Verteidiger bei Eintracht Frankfurt aussortiert worden; bei den 05ern entwickelte er sich zu einem überragenden Talent. Bereits als A-Jugendlicher debütierte Kirchhoff in der 2. Bundesliga, ein paar Wochen später wurde er Deutscher Juniorenmeister 2009.

Allerdings zeigte sich im Endspiel schon das große Problem Kirchhoffs: Seine frühe Verletzung war zwar für die Titelambitionen nicht die große Katastrophe, die Thomas Tuchel vermutet hatte, nahm den Verteidiger aber für über ein Jahr aus dem Spielbetrieb. Erst im Dezember 2010 schaffte Kirchhoff sein Comeback - als Bundesligaspieler. In der Innenverteidigung und als Sechser zeigte er bis 2013 sein großes Potenzial, aber schon in der Rückrunde 2012/13 gingen die Sehnenprobleme wieder los. Dennoch wechselte Kirchhoff als erster und bisher einziger 05-Spieler zu Bayern München - ablösefrei. Die Bayern hatten allerdings wenig Freude an ihrem Neuzugang, verliehen ihn bald an Schalke 04, bekamen ihn inzwischen zurück, konnten ihn aber - mal wieder wegen Verletzungen - noch nicht wieder einsetzen. Heute wird Kirchhoff 25 Jahre alt, in etwas mehr als fünf Bundesligasaisons spielte er immerhin 80 Mal. Ob, wann (und für wen) das 81. Spiel kommen wird, lässt sich kaum abschätzen. Aber selbst wenn die Karriere gar nicht mehr in Schwung kommen sollte, sollte man sich aber - auch dank des Bayern-Gehalts als Startkapital - um den intelligenten Kirchhoff keine Sorgen machen müssen.

Weitere Ereignisse am 1. Oktober:

1950: Eintracht Bad Kreuznach - FSV Mainz 05 2:0  
1961: FSV Mainz 05 - VfR Kaiserslautern 1:1  
1967: FSV Mainz 05 - VfR Frankenthal 3:1  
1972: Eisbachtaler Sportfreunde - FSV Mainz 05 1:1  
1988: Blau-Weiß 90 Berlin - FSV Mainz 05 2:3  
1994: FSV Mainz 05 - Fortuna Düsseldorf 0:2  
2000: Chemnitzer FC - FSV Mainz 05 0:2  
2005: Borussia Mönchengladbach - FSV Mainz 05 1:0  
2011: 1. FC Nürnberg - FSV Mainz 05 3:3  

2. Oktober  

Geburtstage sind am Freitag nicht dokumentiert, aber drei bemerkenswerte Spiele. Zunächst gab es vor 83 Jahren die Hauerei in Lorsch. Beim SC Olympia war das Mainzer Siegtor in der 81. Minute gefallen - ein Eigentor zum 0:1. Die Lorscher drängten auf den Ausgleich und warfen schließlich dem erfahrenen Frankfurter Schiedsrichter Störner vor, drei Minuten zu früh abgepfiffen zu haben. "Der Schiedsrichter, die Mainzer Mannschaft tauchen in einem rasenden Haufen unter", berichtete der Mainzer Anzeiger tags drauf. "Man sieht den Lorscher Mittelläufer Lohrbacher hart gegen seine Landsleute kämpfen." Gemeinsam mit dem Eigentorschützen schleppte der Abwehrchef den hart verdroschenen und fast bewusstlosen Störner in die Kabine. Die Mainzer Spieler Josef Gegenheimer und Karl Engelhardt wurden bei den Ausschreitungen schwer genug verletzt, dass sie das erst vierzehn Tage später folgende Spiel in Urberach verpassten.

Weniger dramatisch war das Heimspiel gegen den FSV Salmrohr exakt 50 Jahre später. Die sehr unter der Jughard-Affäre leidenden, verunsicherten Mainzer verloren durch Tore ihres Ex-Spielers Karl-Heinz Halter und des Salmrohrer Torjägers Klaus Toppmöller 1:2. In den Geschichtsbüchern der 05er steht die Partie wegen Ludwig Scherhags Anschlusstor. Der harte Seitfallzieher von linksaußen wurde in der Sportschau zum ersten Mainzer Tor des Monats gewählt.

Nach sieben Auftaktsiegen hatte selbst der sonst so zurückhaltende Thomas Tuchel keine Chance; die 05-Fans bestanden darauf, dass der Trainer nach dem 4:2 gegen Hoffenheim die Humba ansagte. Foto: imagoFür den Freitag vor fünf Jahren dachten sich die 05-Fans eine der schönsten Steigerungen auf, die der Bruchweg je erlebt hat: Von "Nie mehr zweite Liga!", "Europapokal, Europapokal!", "Wir steigen auf, auf, auf in die Champions League!" ging es in der Schlussphase des Spiels gegen die TSG Hoffenheim bis zum "Wir holen 102 Punkte!"-Gesang. Sami Allagui hatte die 05er schon in der zweiten Minute nach einem perfekten Konter über Adam Szalai in Führung gebracht. Kurz vor der Halbzeit glich Hoffenheim aus, kurz nach der Halbzeit traf Szalai selbst zum 2:1. Nach Luiz Gustavos Eigentor kam Hoffenheim noch einmal auf 3:2 heran, dann entschied André Schürrles Foulelfmeter in der 74. Minute die Partie. Es war am siebten Spieltag der siebte Mainzer Saisonsieg, damit stellten die 05er den (inzwischen überbotenen) Bundesliga-Startrekord von Bayern München und dem 1. FC Kaiserslautern ein. Den Europapokal erreichten sie am Ende der Saison, die Champions League nicht. Anstelle von 102 Punkten holten sie sogar 105 - freilich muss man dazu die vorherige Saison mitzählen.

Weitere Ereignisse am 2. Oktober:

1927: FSV Mainz 05 - Alemannia Worms 2:2  
1955: FSV Mainz 05 - Phönix Ludwigshafen 3:0  
1960: FSV Mainz 05 - Eintracht Trier 1:0  
1971: FC Homburg/Saar - FSV Mainz 05 1:1  
1977: FSV Mainz 05 - ASV Idar-Oberstein 4:1  
1983: FSV Mainz 05 - Eintracht Bad Kreuznach 3:1  
1999: Karlsruher SC - FSV Mainz 05 1:2  
2004: SC Freiburg - FSV Mainz 05 1:2  

3. Oktober  

Am Samstag haben zwei Zweitligaspieler Geburtstag, die sich bei den 05ern nicht durchsetzten.

Helmut Gabriel ist der Ältere der beiden, ein kleiner, läuferisch guter, technisch nicht schlechter Linksverteidiger, ein Spieler, der in allen Bereichen eine Grundfähigkeit hatte, aber im Paket nicht genug, um nach seinem Transfer von Rot-Weiss Essen zu den 05ern im Sommer 1996 eine große Rolle zu spielen. Der Sauerländer war einst einer von wenigen Westdeutschen, die nach dem Fall der Mauer in die DDR-Oberliga wechselten; 16 Mal spielte Gabriel für Stahl Brandenburg. Nach deren Abstieg aus der 2. Bundesliga wechselte er zum VfB Leipzig, stieg mit diesem in die Bundesliga auf und war dort Stammspieler. In Mainz reichte es aber - auch wegen Verletzungen - nur für 16 Einsätze in zwei Jahren. Stammspieler wurde Gabriel nur kurzzeitig am Saisonende 1996/97, als Torsten Lieberknecht und Adrian Spyrka verletzt fehlten, was die ganze Mannschaftsstatik durcheinander brachte und letztlich möglicherweise den Aufstieg kostete. Gabriel spielte noch lange im saarländischen Amateurfußball und ist jetzt Jugendtrainer des 1. FC Saarbrücken. Am Samstag wird er 47 Jahre alt.

Geburtstagskinder am Samstag: Helmut Gabriel (links) und Bernard Schuiteman42 Jahre alt wird Bernard Schuiteman. Der Niederländer kam im Winter 2000/01, als der junge Manuel Friedrich noch nicht unumstrittener Nebenmann des Routiniers Peter Neustädter war, von Sturm Graz nach Mainz und wurde als Topneuzugang für die Innenverteidigung angekündigt. Letztlich war der Transfer jedoch ein Reinfall. Schuiteman, der immerhin schon 27 Jahre alt war, als ganz junger Profi geringe Bundesligaerfahrung in Leverkusen sammelte und später Stammspieler bei Feyenoord Rotterdam mit Einsätzen in allen drei Europapokalen war, hatte eine gute Technik, aber kein adäquates Zweikampfverhalten. In die Viererkette passte er nicht, er wirkte wie ein Libero, den es zu dieser Zeit nicht mehr gab. Nach nur acht Zweitliga-Einsätzen wechselte Schuiteman im folgenden Winter nach Unterhaching, wo er ebenfalls nicht oft spielte, dann nach Zypern und zurück in die Niederlande.

Und am Samstag vor 39 Jahren eskalierte ein Derby gegen Weisenau. Die SpVgg war böse auf die gerade aus der 2. Liga in die Amateurliga zurückgestuften 05er, die mit Peter Sambale, Peter Hermonies und Helmut Selmikeit (der beim Spiel in Weisenau debütierte und als einziger dieser drei später regelmäßig eingesetzt wurde) drei Leistungsträger von der Bleichstraße abgeworben hatte. Das Spiel artete schon in den ersten Minuten in eine üble Treterei aus. In der 17. Minute sah Weisenaus Libero Anstatt Rot für ein Foul an Franz-Peter März; der SVW führte gerade 1:0. In der 40. Minute flog auch der 05er Helmut Zahn vom Platz; er Mittelfeldspieler hatte gegen den Weisenauer Torwart Jungmann durchgezogen und diesem die Hand gebrochen. Jungmann kassierte bis zur Halbzeit das 1:1 und das 1:2 und kam dann ins Krankenhaus, ebenso wie später zwei weitere Weisenauer. Das Spiel endete 5:2 für die 05er.

Und Zahn wurde zunächst gesperrt. Die 05er protestierten zwar, trauten der Sache aber nicht und ließen den 20-Jährigen sicherheitshalber beim folgenden Spiel in Worms auf der Bank. Weil aber der ebenfalls eigentlich gesperrte Wormser Jürgen Nachtmann sogar das 1:0 schoss, wagten sie es, Zahn einzuwechseln. Trotzdem verloren sie 0:3 - und Zahn wurde in zweiter Instanz endgültig für drei Spiele aus dem Verkehr gezogen.

Weitere Ereignisse am 3. Oktober:

1926: Borussia Neunkirchen - FSV Mainz 05 3:5  
1948: SG Weisenau - FSV Mainz 05 2:2  
1954: Saar 05 Saarbrücken - FSV Mainz 05 3:2  
1965: 1. FC Saarbrücken - FSV Mainz 05 3:0  
1987: FSV Mainz 05 - SV Leiwen 1:0  
1992: FSV Mainz 05 - SV Meppen 3:0  
1997: FSV Mainz 05 - Stuttgarter Kickers 3:3  
2009: FSV Mainz 05 - TSG Hoffenheim 2:1  

4. Oktober  

Damir Vrancic wird am Sonntag 30 Jahre alt.

Am 26. Dezember 1952 wurde erstmals ein Fußballspiel live im deutschen Fernsehen übertragen, nämlich das 3:4 des FC St. Pauli gegen Hamborn 07 im Achtelfinal-Wiederholungsspiel des ersten deutschen Nachkriegs-Pokalwettbewerbs. Ein Dreivierteljahr später, am Sonntag vor 62 Jahren, sollte das Oberligaspiel des Südwest-Sechsten FSV Mainz 05 gegen FV Speyer live im Fernsehen gezeigt werden. Obwohl aber die Probeaufnahmen beim Freitagstraining einwandfrei verliefen, wurde die Übertragung des Spiels kurzfristig abgesagt, weil während der Partie der Sender auf dem nahen Erbenheimer Militärflugplatz in Betrieb war und das Signal zu sehr störte. Daher sahen nur die 3.000 Zuschauer am Bruchweg das 6:0 durch Tore von Jupp Amadori, zweimal Werner Sommer, Josef Meinhard, Georg Hagen und Karl-Heinz Wettig.

Und Damir Vrancic wird am Sonntag 30 Jahre alt. Vrancic war einer der Spitzenspieler im ersten U19-Bundesligateam der Mainzer und arbeitete sich bis in den Profikader vor; für die 05er spielte der Bosnier sechsmal in der Bundesliga und nach dem Abstieg 17 Mal in der 2. Liga. Der Mittelfeldspieler war ein blendender Techniker, ein Stratege mit gutem Auge, auch ein gefährlicher Freistoßschütze; ein Spieler mit seinen Fähigkeiten hätte wahrscheinlich in den 70ern oder 80ern eine große Karriere gemacht. Für den modernen Fußball fehlte dem topseriösen Fußballer jedoch das Tempo. Seit 2009 spielt Vrancic bei Eintracht Braunschweig; in drei verschiedenen Ligen stand er häufig auf dieser oder jener Seite der Schwelle zwischen Bank und Startelf. Mit dem Siegtor gegen den FC Ingolstadt 04, einem Freistoß tief in der Nachspielzeit, machte der bosnische Nationalspieler 2012 den Aufstieg der Braunschweiger in die Bundesliga klar.

Weitere Ereignisse am 4. Oktober:

1925: FSV Mainz 05 - TSG Höchst 2:1  
1931: FVgg Kastel 06 - FSV Mainz 05 2:1  
1936: VfB Unterliederbach - FSV Mainz 05 3:2  
1964: FSV Mainz 05 - Wormatia Worms 0:1  
1970: FSV Mainz 05 - Südwest Ludwigshafen 1:0  
1975: FSV Mainz 05 - Jahn Regensburg 3:3  
1981: FSV Mainz 05 - FSV Salmrohr 1:1  
1998: FC Gütersloh - FSV Mainz 05 6:1  

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