Das richtige Verhältnis finden

Jörg Schneider. Mainz.
Yoshinori Muto steht unter besonderer Beobachtung der Medien. Jeder Schritt des Bundesliga-Neuzugangs wird beleuchtet und nach Japan übermittelt. Die Erwartungshaltung im Heimatland ist riesengroß. Dadurch ist für den 23-Jährigen eine Drucksituation entstanden, die im Gegensatz zur Realität steht. Beim FSV Mainz 05 gilt Muto als vielversprechende Verstärkung, die sich in aller Ruhe an die neue Umgebung anpassen, an die Anforderungen der Liga und des 05-Spiels gewöhnen soll. Der Klub will den Medien-Hype um den Japaner eindämmen, dessen Entwicklung planmäßig vorantreiben und ist durchaus zufrieden mit Mutos Fortschritten.

Solche Trainings-Duelle wie gegen den harten Verteidiger Gonzalo Jara helfen Yoshinori Muto in seiner Entwicklung zum erfolgreichen Bundesliga-Stürmer. Foto: Jörg SchneiderMit der Verpflichtung von Shinji Okazaki im Jahr 2013 war der FSV Mainz 05 mit einem Mal auch ein Thema für japanische Medien. Das Interesse der Journalisten aus Fernost stieg sprunghaft an, als sich der Stürmer zu einem Torjäger und zu einem herausragenden Spieler bei den 05ern und in der Bundesliga entwickelte. Nach jeder Partie scharten sich die Presseleute um den Profi. Okazaki musste jedes Spiel, jedes Tor bis ins Kleinste für die Leser, die Internet-User und Fernseh-Zuschauer in der Heimat schildern. Doch die Aufmerksamkeit, die Okazaki (inzwischen zu Leicester City in die Premier League gewechselt) hervorrief, stand in keinem Verhältnis zu dem Hype, den Yoshinori Muto auslöst, der in diesem Sommer seinen Landsmann am Bruchweg abgelöst hat.

Seit der Klub den 23-Jährigen in einer Pressekonferenz vorgestellt hat, ist kaum ein Tag vergangen, an dem die Kollegen nicht jeden Schritt und jede Aktion für die Medien zu Hause beleuchteten und kommentierten. Kamerateams, die täglich zum Bruchweg, ins Trainingslager der 05er nach Evian pilgerten, andere, die speziell zu den Testspielen anreisten. Interviews mit dem Spieler und mehrfach in der Woche auch die Bitte an die deutschen Journalisten, ihre Meinung, ihre Einschätzung des Spielers und ihre Erwartungen an Muto vor der Kamera zum Besten zu geben. Der tägliche Muto. Denn die japanische Öffentlichkeit ist offenbar aktuell ziemlich irritiert von der Rolle, die der Neuzugang bisher in Mainz einnimmt.

Yoshinori Muto ist in Japan, vor allem in Tokio, ein Super-Star. Erfolgreicher Torjäger beim FC Tokio, Nationalspieler mit Universitäts-Diplom, aus besseren familiären Kreisen kommend und in ebensolche verheiratet. Teuerster Transfer der J League. Alleine seine Verabschiedung in Tokio war ein Medienereignis. Und dazu die Geschichte seines Wechsels: Dem FC Chelsea abgesagt und der besseren Perspektive wegen ins beschauliche Mainz gekommen. Und dann steht dieser Spieler weder in der Startelf beim Pokalspiel in Cottbus, noch gegen den FC Ingolstadt, kriegt jeweils nur ein paar Minuten Spielzeit. Das hat die japanischen Medien noch mehr verwundert und zur Ursachenforschung angestachelt.

Yoshinori Muto beim Interview-Marathon im Trainingslager. Foto. Daniel BongartzBeim FSV Mainz 05 ist der Stürmer noch nicht als Star eingestuft, sondern als ein Spieler, der den großen Schritt in die Bundesliga gewagt hat und sich an die Verhältnisse dort genauso gewöhnen muss, wie an sein neues, unbekanntes Umfeld. Die Anfangs-Erwartungen an den 23-Jährigen halten sich in Mainz in Grenzen. Muto soll sich in Ruhe entwickeln. Doch dieser Plan steht im Gegensatz zum hohen Erwartungs-Druck in der japanischen Heimat. Die Medien dort warten auf Meldungen über Top-Spiele ihres Stars, warten auf Torerfolge und fragen am liebsten täglich bei ihm nach, woran es denn hapere. Die 05er haben inzwischen reagiert und die Interview-Flut etwas eingedämmt. Muto soll sich nicht nach jeder Trainingseinheit den Kameras stellen, sondern sich in Ruhe auf seine Arbeit konzentrieren. Die Belastung für den 23-Jährigen bleibt dennoch groß. Sein Spiel, wie zuletzt gegen Rot-Weiß Hadamar, leidet darunter. Der Druck, mit einem Torerfolg den Ansprüchen in Japan gerecht zu werden, führt Muto, wie gegen den Oberligisten, bisweilen auf eigensinnige Pfade.

Martin Schmidt, der 05-Trainer, erkennt darin aber noch keine größeren Probleme, ist zufrieden mit der Entwicklung des Neuzugangs im Kader. „Sein Einleben bei uns nimmt Formen an“, sagt der 48-Jährige. „Wie es am Anfang so ist: Hotel, Trainingslager, Wohnungssuche. Jetzt hat er eine Wohnung gefunden, ist am Einrichten und kauft Möbel. Er ist dabei, ein Mainzer zu werden.“ Muto bewege sich in der Stadt, habe sich das auch klar durch die Örtlichkeit seiner Wohnung zum Ziel gemacht. „Er will die Stadt spüren, will Mainzer werden, den Anpassungsprozess auch im sozialen Bereich tätigen“, sagt Schmidt.

Auf dem Trainingsplatz geschehe das sowieso. „Man sieht ja, wenn er den Körper einsetzt, wenn er willig ist, wenn er den Ball fordert, dann ist er jetzt schon eine Top-Option für uns. Er muss das weiterhin in jedem Training liefern, die Körperlichkeit annehmen, gegen Spieler wie Julian Baumgartlinger verteidigen, gegen gestandene Bundesliga-Innenverteidiger wie Stefan Bell oder Niko Bungert in den Einheiten hart kämpfen. Das hievt ihn dann auf die nächste Stufe, damit er auch in den Bundeligaspielen  über 60, 80, 90 Minuten rein und bestehen kann. Er ist auf einem guten, positiven Weg. So, wie es im Plan steht bei uns“, erklärt der Schweizer.

Das Klicken der Foto-Apparate

Die Medienpräsenz aus Japan registriert der 05-Trainer selbstverständlich. „Ich brauche schon gar nicht mehr hingucken, wenn er den Ball hat. Ich höre das Klicken der Foto-Apparate. Das ist schon eine Aufmerksamkeit, die ihm gesondert zukommt, die ihm Gedanken bereiten wird.“ Doch Schmidt glaubt, dass dies den Profi noch nicht über Gebühr strapaziere. „Das ist er auch aus Japan gewohnt. Dort war das ein Zuspruch von rundum. Trotzdem ist die Gefahr da, dass das Ganze dazu führen kann, dass er denkt, er muss unbedingt, er ist unter ständiger Beobachtung und will gute Meldungen nach Hause schicken. Es könnte sein, dass er da zu viel denkt.“

In der täglichen Arbeit sehe er diese Anzeichen noch nicht. „Man sieht, dass wenn er am Ball ist, er immer etwas damit macht, in den Spielformen regelmäßig seine Tore schießt. Das ist sicher die beste Medizin für ihn, um vorwärts zu kommen und sich von den Drucksituationen zu lösen. Wenn du ein Spieler bist und mit dem Status hierher kommst, den Yoshi in Japan hat und mit der Rolle, die er dort einnimmt, dann musst mit der Zeit damit lernen umzugehen“, so der Trainer.

Der Verein werde dennoch selbstverständlich darauf achten, dass Muto nicht jeden Tag fünf Interviews habe, dass man ihm vielleicht zwei Fenster in der Woche gebe für die japanischen Medien. „Wir müssen dafür sorgen, dass man  ihn in Ruhe arbeiten lässt. Daraus kommt dann sein Steigerungspotenzial“, betont Schmidt. „Wenn‘s überhandnimmt oder wir merken, dass ihn das alles zu stark belastet, dann kann es sein, dass wir stopp sagen. Dann gibt es ein, zwei Wochen nichts von ihm. Ich hoffe, dass wir das richtige Verhältnis finden.“

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