Das Sportgericht als letzte Hoffnung

Christian Karn. Mainz.
Sportlich ist Bulgarien bei der EM-Qualifikation ausgeschieden. Die Mannschaft mit dem Offensivtalent Todor Nedelew vom FSV Mainz 05 verlor nach dem 0:1 gegen Norwegen mit dem gleichen Ergebnis auch in Palermo gegen Italien. Ein ausstehendes Sportgerichtsurteil könnte noch einmal eine winzige Tür öffnen, aber auch in diesem Fall wäre ein gewaltiger Kraftakt nötig, um Bulgarien noch auf den dritten Platz zu hieven - und Schützenhilfe aus Malta.

So unwahrscheinliche Dinge wie frewillige territoriale Neustrukturierungen des Balkans oder sportgerichtliche Erdbeben außen vor gelassen, wird der Fußball-Europameisterschaft ohne Todor Nedelew stattfinden. Das Offensivtalent des FSV Mainz 05 verlor mit der bulgarischen Nationalmannschaft nach dem 0:1 gegen Norwegen mit dem gleichen Ergebnis auch in Italien, wodurch auch der Relegationsplatz der Gruppe H nicht mehr in Reichweite ist.

Der bulgarische Trainer Iwajlo Petew hatte den Mainzer auf der rechten Seite aufgestellt. Zunächst hatte Nedelew viel Defensivarbeit, kam kaum nach vorne. Die Italiener wollten das Spiel früh entscheiden, hatten schon in der ersten Minute eine doppelte Torchance für Graziano Pellè (Southampton FC) und Stephan El Shaarawy (AS Monaco). Und in der fünften Minute schoss Daniele de Rossi (AS Rom) zwei Elfmeter ins Tor.

Es war ein völlig überflüssiges Foul des erfahrenen Weselin Minew (Lewski Sofia) am Antonio Cadreva; der Lazio-Angreifer war schon auf dem Rückzug aus dem Strafraum. Es gab keine Gefahr. De Rossi schoss, dem Schiedsrichter gefiel etwas nicht bei der Ausführung des Elfmeters, de Rossi schoss nochmal und traf nochmal, diesmal zählte es.

Damit hatten die Italiener offenbar, was sie wollten. Sie zogen sich jetzt weit zurück, ließen Bulgarien kommen. Schienen sich ihrer Sache bisweilen extrem sicher, neigten hinten zu einem bisweilen überheblichen Leichtsinn. Darin hätte eine Chance für die Bulgaren liegen können. Letztlich war das italienische Spiel gegen den Ball gut genug, um den Gegner vom Tor fernzuhalten. Das Spiel mit Ball, so wirkte es, hatte gar keine Priorität mehr und war auch schlecht. Italien konterte hin und wieder, aber nicht präzise, stellte den Bulgaren keine großen Herausforderungen, gab ihnen die Möglichkeit, das Spiel weiter nach vorne zu verschieben.

Ilijan Mizanski, zuletzt zwei Jahre beim Karlsruher SC, inzwischen bei den Suwon Samsung Bluewings in Korea, rannte in der 19. Minute einfach mal durch. Die Juventus-Legende Gianluigi Buffon im italienischen Tor musste sich strecken, um den Schuss des Mittelstürmers zu erreichen. Erst in der 45. Minute hatten die Italiener auch mal wieder eine echte Torchance, in der 46. Minute noch eine. Dennoch dürfte die These, ohne das Elfmeterfoul hätte sich ein völlig offenes Spiel entwickelt, nicht zutreffen: Bis dahin waren die Italiener sehr offensiv, und ohne ihre Führung hätten sie das sicherlich länger durchgehalten.

Eine der wenigen aufregenden Szenen im Spiel zwischen einer überforderten und einer lustlosen Mannschaft: Daniele de Rossi (Nummer 16) hat schon Rot gesehen, Schiedsrichter Sergej Karasew wartet nun, dass auch Ilijan Mizanski wieder aufsteht. Der Russe hat die Karte noch in der Hand und auch das gute Zureden von Todor Nedelew (Nummer 22) führt nicht dazu, dass er sie wieder einsteckt. Foto: imagoIn der 55. Minute ereignete sich eine kurze Eskalation: Mizanski schubste im Kampf um den Ball de Rossi um, etwas rüde vielleicht, aber noch kein Grund zur Aufregung. Dann aber trat der der Bulgare dem Italiener aufs Bein, der revanchierte sich mit einem gezielten Tritt gegen Mizanskis Oberschenkel. Jener wird sich damit herauszureden versuchen, dem de Rossis aus Versehen auf den Knochen gestiegen zu sein und man wird ihm glauben oder nicht. De Rossis Reaktion war eindeutig Absicht. Der Schiedsrichter warf beide mit Rot aus dem Spiel.

Das brachte das Spiel eine Zeitlang durcheinander. Bulgarien hatte jetzt keinen Stürmer mehr auf dem Platz, Italien den Mann zwischen den beiden Viererketten verloren. Nedelew hatte dank der freien Räume in der 59. Minute die erste bulgarische Torchance seit langem, verfehlte aber aus 16 Metern das kurze Eck knapp.

Nach 67 Minuten wechselte Petew den Mainzer aus. In einem Spiel auf niedrigem Niveau hatte dieser in keine Richtung herausgeragt, Nedelew war nicht der beste und nicht der schlechteste Mann seines Teams. "Hat sich nach Kräften bemüht", steht im Zeugnis; dass das nichts bewirkt hat, lag nicht nur an ihm, aber auch nicht nur am klebrigen italienischen Spiel. Bulgarien schaffte es einfach nicht, einen Gegner, der einen Fußball aus der ältesten Klischeekiste spielte, zu gefährden - bis in die Nachspielzeit: Da riss sich der junge Georgi Milanow, Nedelews Gegenpart auf der linken Offensivseite, von den zupackenden Verteidigern los, schoss gut - Buffon hielt. Auch der Angreifer von ZSKA Moskau vermochte seine Mannschaft nicht mehr für die weitgehend disziplinierte, engagierte Arbeit zu belohnen gegen eine Mannschaft, die längst nahezu alles verweigerte, nur die frühe Führung verteidigte.

Selbst vom italienischen Publikum gab es in der 93. Minute immerhin noch einmal Szenenapplaus, als zwei Bulgarien mit den Köpfen einen Doppel-Doppel-Doppelpass hin und her dotzen ließen, aber der Pass auf den dritten Mann ging verloren, damit auch endgültig das Spiel. Und die Bulgaren haben als letzte Hoffnung das sportgerichtliche Erdbeben. Ein bisschen schwankt die Gruppe ja noch - scheitert in der nächsten Woche der kroatische Einspruch gegen den Punktabzug wegen der Zwischenfälle aus deren Spiel gegen Italien, geht eine winzige Tür wieder auf. Realistisch gesehen dürfte aber selbst diese zu klein sein, als dass die Bulgaren hindurchpassen würden: Sie müssten in Kroatien und gegen Aserbaidschan gewinnen und die Kroaten gegen Malta verlieren.

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