Das WM-Tor soll aufblühen

Christian Karn. Mainz.
André Schürrle und Mario Götze sind als Torvorbereiter und Torschütze in hohem Maße mitverantwortlich für den größten Moment des deutschen Fußballs in diesem auch nicht mehr so jungen Jahrhundert. Beider Karriere geriet nach dem entscheidenden Tor im WM-Finale vor zwei Jahren etwas ins Stocken. Jetzt sind beide nach Hause gekommen, der eine zu seinem wichtigsten Trainer, der andere zu seinem wichtigsten Verein. Und Thomas Tuchel, ehemaliger Mainzer, jetziger Dortmunder, hat neben dem Auftaktsieg gegen seinen Ex-Klub die Aufgabe, zweien der größten hiesigen Talente dieser Tage bei der letzten entscheidenden Weiterentwicklung zum Top-Fußballprofi zu helfen.

Viel Leid gewohnt ist man eigentlich nicht, wenn es um den FSV Mainz 05 und seinen Saisonauftakt geht. Egal, wie holprig die Pokalspiele waren, in der Liga lief's seit dem Wiederaufstieg in der Regel recht ordentlich. Da gab es Siege gegen Stuttgart und Leverkusen, hin und wieder auch mal ein mehr oder weniger versöhnliches Unentschieden und erst vor einem Jahr in diesem beiderseits miserablen Auftaktspiel gegen den FC Ingolstadt 04 die erste Niederlage. Da gab es aber auch noch nie so eine Aufgabe wie heute, im elften Bundesligajahr der 05er, dem achten hintereinander: Borussia Dortmund. Auswärts. Viel schwerer wird's wahrscheinlich im ganzen Jahr nicht oft.

Natürlich stellt sich die Frage, wie weit Thomas Tuchel mit seiner neuen Mannschaft ist. Drei wichtige Spieler hat der BVB abgeben müssen, den Innenverteidiger Mats Hummels, der gestern mit Bayern München 6:0 gegen Werder Bremen gewonnen hat, den Mittelfeldmann Ilkay Gündogan, der nun für Manchester City spielt, und den offensiven Mittelfeldspieler Henrich Mchitarjan, der sich Manchester United angeschlossen hat.

Das viele Geld, das so in die Kasse kam, streute der BVB zunächst etwas breiter, investierte er in junge, teils unfertige, aber hochkarätige Talente. Emre Mor vom FC Nordsjaelland wiederfuhr schon die zweifelhafte Ehre eines Leo-Messi-Vergleichs, dem aus Dänemark stammenden türkischen Nationalspieler traut man eine große Zukunft zu. Ob seine Gegenwart schon ausreicht, um in der Bundesliga eine Rolle zu spielen, muss man sehen. Im Pokalspiel des BVB (3:0 in Trier) wurde der 19-Jährige als zweiter Dortmunder eingewechselt, als es schon um nichts mehr ging.

Der neue Linksverteidiger ist schon deutlich weiter. Raphael Adelino José Guerreiro, halb Franzose, halb Portugiese, war drei Jahre Stammspieler beim FC Lorient und kommt als Europameister nach Dortmund. Guerreiro wird Marcel Schmelzer angreifen, der in Trier von Anfang an spielte. Nicht eingesetzt wurde der neue Spanier, Mikel Merino Zazón, 20-jähriger Mittelfeldspieler mit der Erfahrung von immerhin 63 Zweitligaspielen für den CA Osasuna, der seine Position mit einem soliden, bundesliga-erfahrenen Neuzugang teilen muss, dem Ex-Frankfurter und Ex-Münchner Sebastian Rode. Der stand ebenso in der Startelf wie der 19-jährige Ousmane Dembélé, der mit der Empfehlung von zwölf Saisontoren von Stade Rennes auf den rechten Flügel des BVB kam.

Hummels' Nachfolger steht ein bisschen zwischen den Kategorien. Der neue Innenverteidiger ist spanischer A-Nationalspieler, hat mit dem FC Barcelona schon so ziemlich jeden Wettbewerb gewonnen, sich aber in sieben Saisons mit genau hundert Einsätzen in der Liga, der Champions League, der Copa del Rey nie in der ersten Reihe etabliert. Marc Bartra, inzwischen 25 Jahre alt, wurde das Etikett des Ersatzmanns bei Barca nie los und muss jetzt in Dortmund zeigen, dass er das Zeug zum Leistungsträger auf höchstens geringfügig niedrigerem Niveau hat - der BVB mag nicht jedes Jahr zum Top-Favoritenkreis der Champions League zählen und dürfte doch die Ambition haben, in ähnlichen Sphären zu spielen.

Für Fußballdeutschland, aber auch für Mario Götze und André Schürrle einer der größtmöglichen Momente: Das Siegtor im WM-Finale von 2014. Beide begegnen sich nun beim BVB wieder und wollen die etwas ins Stocken geratene Karriere wieder in Schwung bringen. Foto: imagoUnd um das zu unterstreichen, holten die Dortmunder nach langem öffentlichen Werben das Weltmeistertor von 2014. André Schürrle, der bei den diversen Wechseln in seiner auch erst sieben Jahre währenden Profikarriere in der Summe mehr Ablöse gekostet hat als jeder andere aktuelle Bundesligaspieler, kam vom VfL Wolfsburg und man ist versucht zu formulieren: kam nach Hause. In Wolfsburg war Schürrle schwer umstritten, der BVB wurde von manch einem ausgelacht, als er einer Ablöse von dem Vernehmen nach 30 Millionen zugestimmt hat. Der schlechte Ruf des ehemaligen 05ers hängt mit dem schwierigen ersten Jahr beim VfL zusammen; warum seine neun Rückrundentore unterschlagen werden, wissen die Schwarzmaler alleine.

Beim BVB hat der Linksaußen noch nie gespielt, Thomas Tuchel aber dürfte schon einmal sein wichtigster Trainer gewesen sein. Tuchel war's, mit dem Schürrle 2009 in Mainz U19-Meister wurde, Tuchel war's, der ihn nur Wochen später zum Bundesliga-Stammspieler, zum Leistungsträger, zum Torjäger, zum Nationalspieler machte. Und als Schürrle beim Pokalspiel in Trier an allen drei Toren beteiligt war, zwei vorbereitete und eins schoss, als Tuchel den vom Regionalligisten hart angegangenen Stürmer wegen ein paar kleinerer Blessuren schließlich auswechselte, als der emotional ja schon immer schwer durchschaubare Trainer seinen Lieblingsschüler geradezu liebevoll in den Feierabend schickte, war's zu sehen: Auf der ganzen Welt gibt es keinen Ort, an dem dieser Spieler eher aufblühen kann als den Ort, an dem es einen Tuchel gibt.

Im WM-Finale gegen Argentinien, in jener 113. Minute, war Schürrle aber nur der Flankengeber. Der Torschütze wird die andere große Aufgabe für Tuchel. Mario Götze, der kleine, schmale, sensible, immer vielversprechende, aber nun mal nicht immer konstante Offensivkünstler, der bei den Bayern per Dekret gescheitert ist, kam nach drei Jahren zurück zum BVB. Nennenswerte Teile des oft schwierigen Dortmunder Publikums haben dem verlorenen Sohn seinerzeit jedes Unglück der Welt an den Hals zetern wollen, nun muss der ja erst 24-Jährige, der auf höchstem Niveau erfolgreiche Unvollendete, der Weltmeister, der zweimalige Double-Sieger, das größte Versprechen des deutschen Fußballs, der König des aufgedrängten Superlativs, der andererseits zumindest in München nie so wirklich angekommene Götze wieder in sein altes Umfeld integriert werden, auf dass es ihm genauso ergeht, wie es Schürrle ergehen dürfte. Auf dass auch dieses Versprechen noch eingelöst wird und man sich eines Tages nicht an zwei große Talente, sondern an zwei große Profis erinnert.

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