Defensiv unterfordert, nach vorne stark

Jörg Schneider. Fulda.
Der unverständliche und merkwürdig danebengegangene Kurzauftritt von Henrique Sereno, den der Trainer nach gut 20 Minuten vom Platz holte, war der negativ besetzte Teil des Testspiels bei Borussia Fulda. Die positiven Aspekte beim 4:1-Sieg des FSV Mainz 05 gegen den hessischen Oberligisten lieferten vor allem Gaëtan Bussmann und Philipp Klement. Der Franzose überzeugte mit einer guten Offensivleistung bei seinem 05-Debüt. Der Spieler aus dem Drittligateam unterstrich mit einer Top-Vorstellung und zwei Treffern seine Perspektive auf künftige Bundesliga-Einsätze.

Testspiele wie das am Mittwochabend in Fulda haben den Sinn, dass sich Reservisten Wettkampfpraxis holen, Nachwuchsspieler im Profi-Team lernen und sich an die Abläufe gewöhnen können. Und dass diejenigen, die im Kampf um die Startplätze in der Herausforderrolle sind, möglichst beim Trainer mit einer Leistung aufdrängen, die Martin Schmidt die Entscheidung schwerer machen, die Positionen in der nächsten Bundesliga-Partie zu besetzen. Beim 4:1-Sieg gegen den Hessenligisten Borussia Fulda hat es ein Profi des FSV Mainz 05 jedoch tatsächlich geschafft, seine Position drastisch zu verschlechtern – was eigentlich in solchen Begegnungen gar nicht möglich ist.

Henrique Sereno, in der Sommerpause als routinierter Innenverteidiger zum Bruchweg gekommen, um als Nummer drei der zentralen Abwehrspieler die gesetzten Niko Bungert und Stefan Bell zu attackieren, wird sich nach diesem Auftritt im Rosenau-Stadion zunächst einmal weiter hinten in der Innenverteidiger-Hierarchie einreihen müssen. In einem solchen Testspiel unverletzt nach gut 20 Minuten ausgewechselt zu werden, ist die absolute Höchststrafe. Was mit dem Portugiesen an diesem Abend los war, ist von außen nicht zu ergründen und nicht nachzuvollziehen. Sereno brachte keinen Ball an den Nebenmann, überraschte mit nicht vorhandenem Stellungsspiel, verstand es nicht, seine Abwehr zu organisieren und verschuldete zu allem Überfluss noch einen Handelfmeter, den der Fünftligist zur 1:0-Führung verwandelte. Danach lief für den 30-Jährigen sofort die Dusche.

Defensiv gab's wenig zu tun für den neuen 05-Linksverteidiger, doch im Spiel nach vorne zeigte Gaetan Bussmann bei seinem Debüt vielversprechende Ansätze. Foto: Bannick/Mainz 05Martin Schmidt sprach später von „Abstimmungs- und Kommunikationsproblemen“. Übersetzt heißt das wohl: Sereno tat nicht das, was er sollte und überhörte offenbar auch die Korrektur-Ratschläge von außen. Schmidt beendete die Farce und schickte Stefan Bell in die Partie, der eigentlich, wenn überhaupt, nur für einen Kurzeinsatz vorgesehen war. „Ich dachte, es ist besser da hinten einen zu haben, der auch auf meine Anweisungen hört und mit dem ich mich besser austauschen kann“, sagte der 05-Trainer und kündigte an, darüber werde intern zu reden sein.

Mit Bell funktionierte das Spiel der 05er gegen den Oberligisten, der seinen Strafraum mit nahezu allen Mann verrammelte und zu einer gut organisierten Sperrzone entwickelte, etwas besser. Doch wirklich gut war das Passspiel bei dominantem Ballbesitz über lange Zeit nicht. Vielleicht lag das an der Müdigkeit, die die Mainzer aus dem Training mitbrachten. Denn in dieser ersten Woche der Länderspielpause liegt der Schwerpunkt der Arbeit im Ausdauerbereich. Schmidt will Konditionshärte und Physis noch einmal anschieben für die schweren Aufgaben, die in den nächsten Wochen in der Liga warten.

Doch es gab auch positive Ansätze und Erkenntnisse, die der Schweizer aus dieser Partie mitnehmen konnte. Gaetan Bussmann hat in den ersten 90 Minuten für seinen neuen Klub eine ordentliche, vielversprechende Leistung angeboten. Der Franzose, der aus Metz kam, war anfangs offenbar etwas nervös, benötigte einige Zeit, um sich ins Mainzer Spiel einzubringen, fand dann aber zunehmend seine Sicherheit und das Zutrauen in den eigenen Vortrag. Wie es mit seinen Stärken als Verteidiger auf der linken Seite aussieht, darüber konnte diese Partie gegen den Fünftligisten noch keinen Aufschluss geben, weil Fulda kaum angriff. „Defensiv haben wir da von ihm natürlich nicht viel sehen können“, sagte Schmidt, dem aber „der einfach strukturierte Fußball“ des Neuzugangs im Spiel nach vorne sehr gut gefiel. Bussmann sah die sich auftuenden Räume, spielte die Pässe durch die Linien, marschierte viel über den linken Flügel und deutete mit seinen Abschlüssen seine Torgefährlichkeit als Verteidiger an - auch wenn ihm trotz mehrerer Versuche kein Treffer gelang. „Das war gut“, sagt Schmidt.

Gut bis sehr gut war auch das, was Philipp Klement dem Mainzer Spiel zu geben hatte. Der Zehner aus dem Drittligateam übernahm in der zweiten Halbzeit die Position von Yunus Malli, brachte das 05-Offensivspiel in Fahrt und erzielte zwei Tore. „Philipp ist noch nicht wieder ganz auf dem Niveau, das er vor seiner Verletzung hatte“, weiß der 05-Trainer. Klement war einige Zeit wegen einer muskulären Verletzung am Beckenkamm außer Gefecht. „Wenn er den Ball hat, wird es gefährlich“, kommentierte der Coach in Fulda die Leistung des 22-Jährigen, der auf Dauer ein Kandidat sein wird für die Rolle des zum FC Augsburg gewechselten Ja-Cheol Koo.

Auf den Abgang des Südkoreaner reagierten die 05er bewusst nicht mit einer weiteren Neuverpflichtung, da die Verantwortlichen der Meinung sind, dass der eigene Kader genügend Qualität und Potenzial hergibt, um diese Back-up-Position im vordersten Mittelfeld zu besetzen. Und weil der Zugang von Jhon Córdoba dem Trainer die Option gibt, je nach Anforderung mit zwei Spitzen zu stürmen. Dann könnten beispielsweise Pablo de Blasis oder Yoshinori Muto den Part übernehmen, den Koo bislang besetzte. Aber auch Todor Nedelew. Und Philipp Klement. „Er kann in diese Position wachsen. Da liegt seine Perspektive. Das hat er deutlich gezeigt“, sagt Schmidt lobend.

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