Defensive Lücken, offensive Fragmente

Christian Karn. Gelsenkirchen
Eigentlich gab es keinen Grund dafür, dass Mainz 05 auf Schalke 0:3 verlor, zumal es ein reguläres Tor nun mal gab, zu spät, um das Spiel zu kippen, früh genug, das die müde werdenden Gastgeber zumindest noch ein bisschen nervös hätten werden können. Gründe, dass Mainz 05 grundsätzlich auf Schalke verloren hat, die gab es. Defensiv hatten die 05er einfach zu viele Lücken, ließen sie zu viele Passwege offen. Und vorne wurden sie erst ernsthaft gefährlich, als es zu spät war - und nutzten sie auch dann die drei, vier Torchancen nicht. Schalke war zu abgeklärt und zu effektiv.

FC Schalke 04 - FSV Mainz 05 3:0 (1:0)

Sonntag, 23. Oktober 2016, 59.357 Zuschauer.

FC Schalke 04: Fährmann - Höwedes, Naldo, Nastasic - Schöpf, Geis (75. Stambouli), Goretzka, Bentaleb, Kolasinac (79. Baba) - Meyer - di Santo (81. Huntelaar).
Reserve: Giefer, Caicaro, Aogo, Konopljanka. Trainer: Weinzierl.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Balogun, Bell, Bussmann - Serdar, Gbamin (74. Frei) - Öztunali (59. de Blasis), Malli, Jairo (59. Onisiwo) - Córdoba.
Reserve: Huth, Brosinski, Bungert, Hack. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Siebert (Berlin).

Tore: 1:0 Bentaleb (24., di Santo), 2:0 Meyer (48., di Santo), 3:0 Bentaleb (62., Kolasinac).

Gelbe Karten: Höwedes, Kolasinac - Balogun, Córdoba, Bell.

Am Ende wollten viele Schalker dem Elend nicht mehr zusehen. Im vollen Bewusstsein des morgigen Arbeitstags und des üblichen Verkehrschaos, das nach Bundesligaspielen um ihre Arena herum herrscht, zogen sie lange vor Abpfiff in Scharen ab, der Schriftzug "FC SCHALKE 04" auf der Gegengerade war immer deutlicher zu lesen, während der FSV Mainz 05 seine verzweifelte Schlussoffensive schon aufzuziehen versuchte, aber das 0:3 selten ernsthaft gefährden konnte. Diejenigen, die bis zum Schluss bleiben wollten, wurden vom Schiedsrichter schließlich nach zwei Sekunden Nachspielzeit erlöst und durften sich ebenfalls auf den Heimweg machen.

0:3 hat Mainz 05 auf Schalke also verloren. Objektiv eigentlich 1:3, aber ein einwandfreies Tor von Pablo de Blasis erkannte der Schiedsrichter nicht an. Es wäre wahrscheinlich nicht entscheidend gewesen, 17 Minuten hätten die Mainzer noch gehabt, zwei Tore hätten ihnen immer noch gefehlt. Und wenn auch in diesen 17 Minuten noch die eine oder andere Offensivaktion da war, die Schalker sich bis auf einen letzten Schuss von Naldo (83.) völlig aus der Offensive zurückgezogen hatten, ist nicht anzunehmen, dass die Niederlage noch abwendbar gewesen wäre.

Auf drei Positionen hatte Martin Schmidt die Mainzer Mannschaft verändert. Das betraf zunächst wie üblich die beiden Flügel, auf denen diesmal Levin Öztunali und zum ersten Mal seit dem Pokalspiel direkt vor der Saison Jairo Samperio angreifen sollten. Beide waren gegen den RSC Anderlecht spät eingewechselt worden. Und es betraf die Innenverteidigung, in der nach fast fünf Spielen Verletzungspause - die Partie gegen Leverkusen war für ihn ja nach neun Minuten vorbei - Leon Balogun zurückkam.

Was Schalke spielte, ist schwer zu sagen, defensiv am ehesten ein 4-4-2, offensiv irgendetwas mit vielen Rochaden und viel Bewegung. Und es dauerte keine 20 Sekunden, bis sich die Gastgeber zum ersten Mal in den Strafraum kombiniert hatten; Jean-Philippe Gbamin, der wieder zusammen mit Suat Serdar das Mittelfeldzentrum bildete, beendete den Angriff mit einem sauber gewonnen Zweikampf. Es dauerte keine zwei Minuten, bis die 05er zum ersten Mal Jhon Córdoba außen am Linksverteidiger vorbei schickten. Die Flanke des Kolumbianers kam nicht beim Mitspieler an, aber das war das Mainzer Rezept. Das ging zwar nicht unmittelbar auf, weil Córdoba selten um Sead Kolasinac herum kam, aber indirekt funktionierte es doch insofern, als dass viele kleine Fouls am Mittelstürmer viele Freistoßflanken brachten. Die schlug Yunus Malli diesmal besser als gegen Anderlecht, in der 13. Minute hatte Öztunali auf diese Weise eine kleine Torchance.

Bis dahin hatten die 05er durchaus den Gegner einige Minuten lang an dessen Strafraum festgepresst; den einzigen Befreiungsschlag nach einem Eckball hatte Giulio Donati, der Absicherer, direkt wieder nach vorne gegeben. Die 05er waren lange besser im Spiel als Schalke, wenn auch die Verteidigung immer etwas riskant aussah. Es deutete sich früh an, dass Jairos Defensivverhalten beim Comeback nicht ausreichen könnte, dass sich womöglich deswegen die Abwehr immer etwas zu weit auseinanderziehen ließ. Lücken waren da, aber keine Schalker, um diese zu nutzen.

Erst in der 22. Minute hatten die Gastgeber einen ersten ernsthaften Torschuss - und um den aus spitzem Winkel aufs lange Eck gezogenen Freistoß von Johannes Geis zu halten, dafür wird ein Torwart aufgestellt. Der Frankfurter Kevin Trapp hat sich einen solchen Ball mal selbst ins Tor gelegt, gegen Jonas Lössl funktionierte das nicht. Zwei Minuten später hatte aber auch der Mainzer Torwart keine Chance. Malli verlor noch in der eigenen Hälfte in der Vorwärtsbewegung den Ball, lief womöglich etwas zu mutig in die Falle. Mittelstürmer Franco di Santo legte die Flanke mit der Brust zurück. Die Mainzer Innenverteidiger, Stefan Bell und Balogun, kamen nicht gut in die Aktion. Nabil Bentaleb, der auf dem Papier wohl ein Sechser war, tatsächlich aber ständig an den Strafraum nachkam, fast zur hängenden Spitze wurde, feuerte einen fiesen Flatterball ab, der direkt vor Lössl noch einmal zur Seite ausbrach - 1:0.

Schalke hatte von da an die Sache gut im Griff, zumal die linke Seite der 05er kaum vorhanden war. Fast jeder Angriffsversuch lief über rechts, über Donati und Öztunali, und gefährlich wurden die 05er auch so nicht. Jairo hatte kaum einen Ballkontakt, bis er in der 41. Minute beim ersten Angriff über links einen feien Pass spielte, den Córdoba sich etwas zu weit vorlegte. Der Kolumbianer erreichte den Ball im selben Moment wie der Torwart, der die Kugel festhielt, Córdoba noch anpöbelte - die Gelbe Karte, die der Mittelstürmer schon zum vierten Mal sah, war absurd, schon der Freistoß nicht notwendig.

Vorne freuen sich die Schalker, hinten sind die 05er ratlos. Das passierte zu oft, um im Auswärtsspiel irgendeine Chance zu haben. Foto: imago0:1 zur Halbzeit also, noch kein Drama. Das 0:2 in der 48. Minute, das war wohl schon tödlich. Auch da spielte das Schiedsrichtergespann eine nicht ganz durchsichtige Rolle - ob aber Daniel Siebert, der Chef, nach dem Fahnensignal seines Assistenten (Handspiel von Gaetan Bussmann - nennen wir's "angeschossen", sind wir näher an der Wahrheit) auf Vorteil für Schalke entschied oder den Linienrichter einfach mit "Fahne runter, war nichts" überstimmte, ist egal. Der Angriff lief zu Recht weiter, di Santo trickste an der Grundlinie Balogun aus, legte wieder ab, Max Meyer schoss aus kurzer Entfernung das zweite Tor. Wegen des Assistenten die Abwehrarbeit eingestellt hatten die 05er sicherlich nicht, sie hatten einfach nicht gut genug verteidigt.

Ein Fehler von Johannes Geis ermöglichte den 05ern in der 55. Minute die erste richtige Torchance. Gbamin nahm dem ehemaligen Mainzer den Ball nach einem kurzen Abstoß ab, über Malli kam dieser zu Córdoba, der knapp am rechten Pfosten vorbei schoss. Es war die letzte Möglichkeit der 05er, nochmal ins Spiel zurückzukommen.

Denn schon kurz nach dem Doppelwechsel auf den Flügeln - Karim Onisiwo und Pablo de Blasis kamen - fiel das dritte Tor (62.). Und wieder nach dem gleichen Muster, immer nach dem gleichen Muster. Wieder gingen die Schalker in einem ungefährlichen Raum mit ein paar Vor-und-zurück-Pässen zur Grundlinie, diesmal legte Kolasinac zurück in den gefährlichen Raum, und wieder traf Bentaleb - glücklich, sehr glücklich. Hätte Bell den Ball nicht gegen Lössls Bewegungsrichtung abgefälscht, hätte der Torwart den Schuss wohl locker gehalten. In der Entstehung vor dem Rückpass des Linksverteidigers hatten die 05er aber wieder zu viele Passwege offengelassen, zu viele Lücken in ihrem Defensivverbund. Das war nicht gut - und offensiv gab es ebenfalls nur Fragmente.

Und immerhin gab gegen Ende des Spiels, als die Schalker möglicherweise drei Tage nach dem Spiel in Krasnodar etwas müde wurden, sich auf die Verteidigung konzentrierten und dabei ihre Fehlerchen machten, ein paar Abschlussversuche. Córdobas Kopfball nach Onisiwos Flanke war harmlos (70.). Pablo de Blasis' Tor war regulär (73.) - Stefan Bell hatte das Kopfballduell nach der Freistoßflanke nun mal gewonnen gegen den Torwart, hatte dabei keinen Ellenbogen draußen, nicht gerempelt, nichts Verbotenes getan. Abseits war's auch nicht beim Kopfball zum linken Pfosten, den de Blasis - auch nicht im Abseits - sicherheitshalber die letzten Zentimeter über die Torlinie drückte. Es gab keinerlei Grund, das Tor nicht anzuerkennen, aber Siebert ließ es weiterhin 3:0 stehen. Ein Schlüsselmoment? Nicht absolut auszuschließen, aber wahrscheinlich nicht.

Die Mainzer versuchten es am Ende ja, sie gaben sich Mühe, sie fanden aber kein taugliches Mittel. Córdoba schoss in der 77. Minute zu schwach, Fährmann hielt in der 80. Minute einen Schuss von Bell im Nachfassen fest, lange bevor der Mittelstürmer da war. Als das Stadion sich schon längst leerte, hatte Onisiwo die letzte Möglichkeit; nach einem Diagonalpass von Bell, der längst ein Offensivspieler war, war der Österreicher schön an Höwedes vorbeigekommen, frei vor Fährmann aufgetaucht, nicht so weit links, als dass der Winkel zu spitz gewesen wäre, und er hätte den Ball wohl besser etwas angelupft. Der flache Schieber aufs lange Eck blieb am Bein des Torwarts hängen. Und damit war die Sache vorbei. 0:3, ganz so deutlich hätte es nicht sein müssen, nicht nur wegen de Blasis' Tor. Aber alles andere als eine Niederlage hätte dem Spielverlauf Unrecht getan.

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