Den Hauptgang nicht serviert

Jörg Schneider. Mainz.
Der vergebene Sieg, der verspielte Vorsprung beim 4:4 im ersten Bundesliga-Heimspiel hat die Vorfreude auf die Premiere in der Europaliga etwas getrübt. „Doof von uns“, sagte Martin Schmidt nach dem spektakulären Remis gegen die TSG Hoffenheim entsprechend enttäuscht, „aber im Fußball hat man immer noch nicht alles gesehen.“ Die Partie hat dem 05-Trainer und dessen Profis in jedem Fall genügend Material an die Hand gegeben für die Vorbereitung auf das schwere Europapokal-Gruppenspiel am Donnerstagabend gegen AS Saint-Etienne in der Opel Arena.

Seit Montag wird die Opel Arena hergerichtet für die Premiere. Erstes Gruppenspiel in der Europaliga gegen den französischen Traditionsklub AS Saint-Etienne. Der europäische Fußballverband Uefa verlangt die Komplett-Bestuhlung des Stadions. Das heißt, auf der Stehplatztribüne müssen Sitzplatzschalen angeschraubt werden, was das Fassungsvermögen von 34.000 auf 26.500 Plätze reduziert. Dass die am Donnerstagabend um 19 Uhr, wenn der FSV Mainz 05 erstmals seit zwei Jahren wieder im internationalen Rampenlicht steht, alle besetzt sein werden, ist kaum zu erwarten. Rund 15.000 Karten hat der Bundesligist bis jetzt im Vorverkauf abgesetzt. Nicht gerade eine Zahl, die auf ein verstärktes Europapokalfieber hindeutet. Und das vor dem Hintergrund einer derart reizvollen Gruppe, die den Mainzern Chancen eröffnet, sich gegen starke, aber nicht erdrückend favorisierte Gegner sogar sportlich zu behaupten.

Dem massiven Hoffenheimer Offensivdruck hielt die 05-Abwehr (hier Stefan Bell, Jean-Philippe Gbamin und Leon Balogun) phasenweise nicht stand. Foto: Ekkie VeyhelmannDie Mannschaft von Martin Schmidt hat bei ihrer Heimpremiere vor zwei Tagen in der Bundesliga eine Stunde lang beste Eigenwerbung betrieben, hat Appetit geweckt auf mehr, hat es dann aber versäumt den Hauptgang zu servieren. Die 05er haben mit diesem 4:4 gegen die TSG Hoffenheim fürs erste große Spektakel dieser jungen Liga-Runde gesorgt, aber auch einen vermeintlich sicheren 4:1-Vorsprung verspielt und damit die Begeisterung gedämpft, die es gebraucht hätte im Vorfeld der großen Herausforderungen, die auf die Mannschaft in den nächsten Wochen warten. Ein Sieg hätte gut getan, hätte die Lust aufs internationale Kräftemessen deutlich befeuern können. „Doof von uns“, sagte der 05-Trainer nachher entsprechend enttäuscht, „aber im Fußball hat man immer noch nicht alles gesehen.“

Dieses 4:4 gibt Schmidt und dessen Profis jedoch genügend Material an die Hand, um damit zu arbeiten, um sich weiterzuentwickeln. Denn diese Partie splittete sich auf in zwei Spiele. Eines vor dem Platzverweis und eines danach. Bis zur umstrittenen Roten Karte für Linksverteidiger Gaetan Bussmann war es eine starke, effiziente Vorstellung der Mainzer. Danach zahlte das junge Team Lehrgeld. „Wir hatten eine sehr gute Stunde, haben gespielt, wie wir es wollten und gezeigt, dass wir das drauf haben“, sagte Schmidt. „Nach dem Platzverweis darf man nicht so auseinanderfallen. Damit muss man umgehen können. Das muss man auch mal mit neun Feldspielern verteidigen können.“

Lange Zeit spielten die Mainzer klug, verteidigten sauber den permanenten Hoffenheimer Ballbesitz und schalteten nach der Balleroberung schnell, präzise und erfolgreich um. Der Hoffenheimer Ansatz mit drei Innenverteidigern und personeller Überzahl im Mittelfeld passte den 05ern optimal. Nahezu jeder Ballgewinn brachte Gefahr für das TSG-Tor. Da fanden die Mainzer Offensivkräfte große, ungesicherte Räume zum hineinstoßen. Sie nutzten dies mit gnadenloser Effizienz, nachdem Pablo De Blasis mit seinem Kopfballtreffer im Anschluss an eine Ecke die frühe Führung erzielt hatte. Der überragend aufdrehende Argentinier scheiterte dann mit einem Schuss aus dem Rückhalt, legte aber nach Vorarbeit von Levin Öztunali nach. Jhon Cordoba, der die Hoffenheimer Innenverteidiger eine Halbzeit lang alleine beschäftigte, erzielte das 3:0. Öztunali, der Neuzugang aus Leverkusen, steuerte den vierten Treffer bei. Nur Sandro Wagners Gegentreffer, bei dem sich die 05-Abwehr etwas zu sorglos anstellte, trübte etwas das Bild. 4:1 zur Pause. Alles sah nach einem rauschenden Fußballfest im ersten Heimspiel aus. Das wurde es auch. Jedoch anders als geplant. „Wir hatten schon in der Halbzeit angesprochen, dass wir auf ein weiteres Kontertor, ein fünftes Tor gehen müssen. Weil die Hoffenheimer alles riskieren würden“, erklärte der 05-Coach später. Als Schiri Markus Schmidt dann in der 58. Minute Bussmann vom Platz stellte wegen der vermeintlichen Notbremse gegen Andrej Kramaric riskierte der Gegner tatsächlich alles. Cordoba hätte dieses fünfte Tor dennoch erzielen können, scheiterte aber knapp. Und sein Team schaffte es gut 20 Minuten lang nicht mehr, den massiven Hoffenheimer Dauerdruck zu verteidigen.

„Nach der Roten Karte gab‘s nur eine Lösung“, erklärte Schmidt hinterher. „4-4-1 verteidigen. Mit einem Stürmer vorne, der so lange läuft, bis er kotzt. Das haben wir versucht. Im Training spielst du manchmal eine halbe Stunde lang zehn gegen acht, und es kommt nicht mal zu einer Torchance.“ In dieser Phase des Spiels sei der Ballbesitz des Gegners jedoch immer dominanter geworden. „Wir hatten keine Sicherheit mehr nach Balleroberungen, haben den Ball zu hektisch hergegeben. So konnten wir keine Konter fahren, den Gegner nicht auch mal wieder nach hinten drängen. Und der Doppelschlag in der 71. und 72. Minute war dann so etwas wie der Genickbruch“, schilderte der 49-Jährige seine Sicht der Dinge.

Anders wechseln? Schmidt sagt nein

TSG-Coach Julian Nagelsmann schickte mit Wagner und Adam Szalai zwei kantige Türme ins Angriffszentrum, hatte mit Mark Uth schon einen weiteren Angreifer gebracht und bearbeitete die 05-Abwehr, die keine Entlastung fand, mit aller Wucht. „Das war ihre Absicht. Beide Innenverteidiger binden, mit Raute spielen und dann mit den breiten Außen unsere Viererketten auseinanderziehen. Am Schluss standen vorne fünf Stürmer. Wenn wir nicht in Unterzahl sind, geht das nicht gut.“ Doch die dezimierten Mainzer verloren ihre Linie, kamen in den entscheidenden Situationen zu spät, verloren die Zuordnung und kassierten Gegentore. Der 05-Coach fühlte sich an das Pokal-Aus vor einem Jahr gegen 1860 München erinnert. Da hatte die Partie nach einem Platzverweis für Pierre Bengtsson nach eigener Führung einen negativen Verlauf genommen. „Das müssen wir besprechen, analysieren und dran arbeiten was passiert, wenn wir in Unterzahl sind defensivtaktisch“, sagte Schmidt.

Später drehten sich viele Diskussionen darum, ob der Schweizer angesichts der Unterzahl-Situation nicht besser Niko Bungert als zusätzlichen Innenverteidiger hätte bringen müssen oder Suat Serdar als aggressiven Zweikämpfer vor der Abwehr. Schmidt sah es anders. „Wir mussten mit Christian Clemens und Karim Onisiwo unsere besten Defensivarbeiter der vorderen Viererkette bringen. Wenn du da einen wegnimmst und noch einen Innenverteidiger bringst, dann fliegen dir nur noch alle Bälle rein. Du musst vorne in der ersten Linie verteidigen. Wir haben gesehen, dass die rechte Seite zu durchlässig war, da ging alles durch, da mussten wir stabilisieren mit Onisiwo. Und auch Giulio Donati und Levin Öztunali hatten Schwierigkeiten auf ihrer Seite. Wir wollten auch immer noch versuchen, Druck auf den Gegner zu bringen und an die Umschaltchance glauben. Die hatten wir aber leider erst wieder nach dem 4:4. Das Ganze war eine Mixtur aus fehlendem Mut und mentalem Druck.“ In Gleichzahl, sagte Schmidt, hätte er ganz anders gewechselt. Da wäre noch ein Yoshinori Muto gekommen für den müder werdenden Cordoba. „Bis zum Platzverweis ist unser Plan zu hundert Prozent aufgegangen. Und er geht auch weiter auf, wenn diese Rote Karte nicht kommt.“  

Positiv an diesem 4:4 ist, dass die Mainzer wenigstens den Punkt sicherten und am Ende sogar noch Konterchancen zum Sieg besaßen. Der Blick am Bruchweg ist nun nach vorne gerichtet. Am Donnerstag Saint-Etienne, am Sonntag Augsburg, nächsten Mittwoch Bremen. Die anstehenden Prüfungen in dieser Woche werden nicht leichter.

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