In den Schmerz durch aus dem Boden

Christian Karn
Die zweite Länderspielphase seit Gründung der nullfünfMixedZone ist vorbei, damit auch die zweite lange Woche ohne Tagesgeschäft. Einerseits sind wir heilfroh, dass wir uns jetzt vorerst wieder auf die Bundesliga konzentrieren dürfen. Dennoch: So lange man es nicht übertreibt und solange ein Abendspiel mit einem einzigen 05er auf der Ersatzbank nicht der einzige Termin des Tages ist, sind solche Länderspielwochen mitunter eine reizvolle Abwechslung. Man kann viel lernen über die Welt: Was das griechische Fernsehen im Oktober vorhat, wie man in Costa Rica Autos kauft, sogar ein bisschen Koreanisch.

So lange die Bundesliga läuft, ist es ein Leichtes für die Redaktion der 05MixedZone, ihr Portal in lockerem Rhythmus von drei, vier Artikeln am Tag mit interessanten Neuigkeiten über den FSV Mainz 05 zu füllen. Wir sind sowieso vor Ort, sehen uns so ziemlich jedes öffentliche Training an und sowieso alle Spiele, stehen in ständigem Dialog mit jedem, der nicht rechtzeitig flieht, wenn er uns kommen sieht. Wir tun etwas für den Informationsfluss und die Informationen fließen.

Doch alle paar Wochen kommt am Bruchweg nahezu alles zum Erliegen. Dann, wenn nicht nur die Nationaltrainer dieser Welt die Mannschaft der 05er in alle Winde versprengen, sondern auch sämtliche Funktionäre sich auf Dienstreisen quer durch Europa begeben. Gutes Material ist rar in Mainz in solchen Phasen: Das vergangene Bundesligaspiel ist längst passé und gibt nichts mehr her, das nächste ist noch weit jenseits des Ereignishorizonts. Immerhin stehen eine Woche lang täglich Länderspiele auf dem Plan, für die der eine oder andere 05er zunächst mal nominiert ist; unter Umständen spielen die Mainzer Profis sogar mit. Diese Partien helfen uns, die Flaute zu überbrücken - und fordern uns dabei auf eine ganz andere Weise als banale Bundesligaspiele.

Denn Flüge nach Singapur oder Chisinau, um Shinji Okazaki oder Julian Baumgartlinger vor Ort zu begutachten, gibt unser Etat noch nicht her. Die erste Informationsquelle sind daher die Liveticker derer, die auf schnellste Updates angewiesen sind. Wunderbare Textbausteine gibt es da: "Riku Riski (Finnland) hat jetzt ganz klar nicht die goldene Regel "Behandele andere so, wie du selbst behandelt werden willst" befolgt. Er beging ein übles Foul und Schiedsrichter David Fernández Borbalán bleibt nichts anderes übrig, als zu pfeifen." Zwischen den Stilblüten bekommen wir aber schon eine sehr gute erste Zusammenfassung. Um festzustellen, dass Neymar vier Tore gegen Japan schießt oder dass Yunus Malli nicht im Kader ist, reicht es. Mit ein bisschen Geduld findet man inzwischen auch die allermeisten Tore irgendwo im Netz in Videoschnipseln.

El mejor amigo de los comentaristas costarricenses: Junior Enriqueeeeee

Das reicht noch nicht für eine ausführliche Berichterstattung. Aber wir sind ja international. Englisch haben wir in der Schule gelernt, Spanisch und die ersten Brocken Russisch in der Volkshochschule und für alles andere gibt es Übersetzungssoftware. So gerüstet haben wir das Foul an Joo-Ho Park live im costaricanischen Fernsehen gesehen, dessen Fußballkommentatoren die Spieler grundsätzlich entweder mit Vornamen (Junior) oder mit fast komplettem Namen (Junior Enrique Diaz) nennen und nicht nur das Gooooooooooool zweistimmig zelebrieren, sondern auch den Anpfiff, den "comienzo del partido del arbitrooooooooooo", den Abpfiff und weitere aufregende Dinge - der Chef schreit dann los, der Co-Kommentator stimmt ein, sobald er herausgefunden hat, worum es geht. Und in den Werbepausen kauft Caterina ein Auto; warum sie dabei kopfüber über einem Aquarium hängt, haben wir leider auch in der zehnten Wiederholung nicht herausgefunden. Dazu gab es einen mit höchstens zehn Minuten Verzug ständig aktualisierten costaricanischen Spielbericht. Bei den schwierigen Passagen, beispielsweise der Frage, ob der "remate potente de derecha" von John Jairo (Ruiz - den Nachnamen haben die Kollegen wegen Belanglosigkeit unterschlagen) nun ein harter Schuss mit dem rechten Fuß oder einer von der rechten Seite ist, konnten wir uns auf die Unterstützung lateinamerikanischer Freunde verlassen - vielen Dank an dieser Stelle nochmal an Doktor Andre in Schleswig!

Überlastung des Gehirns durch die verschiedenen Sprachen der Wüste und der Sohn des koreanischen Christian geschwächt gelegt Traum serbischen Akzent Editor. 사진 : 르그 슈나이더

Nur 20 Minuten nach Parks Auswechslung wussten wir von einer Übersetzungswebsite, dass eine koreanische Nachrichtenseite, die möglicherweise MK News heißt, meldet, dass erlitt eine Knöchelverletzung rechts gefaltet von links anzugehen hängen von David ramineseu bakjuho Lagern in ganz Costa Rica ist 17 ​​Minuten; wurde auf einer Trage in den Schmerz durch aus dem Boden, und schließlich zog die Ersatzzeichen wird abgeschossen bakjuho. Das ist in dieser Form schon fast druckreif, die entscheidenden Informationen herauszulesen ist für erfahrene Internetrechercheure natürlich ein Leichtes. Und um schon beim Überfliegen von rund 50 bulgarischen Artikeln zum Länderspiel gegen Kroatien festzustellen, dass der Name Тодор Неделев in keinem einzigen auftaucht, reichen Kyrillisch-Grundkenntnisse.

Das kurze Spiel in Belgrad war da schon problematischer. Der griechische Kommentator hat die Namen der Spieler seltsam, aber noch erkennbar ausgesprochen, Zurizitz, Mitrowitz und Ivanowitz; als das Spiel aber unterbrochen war, war er keine große Hilfe mehr. In den 45 Minuten bis zum endgültigen Abbruch haben wir nur in Endlosschleife gesehen, dass im griechischen Fernsehen die George-Clooney-Woche bevorsteht, außerdem zeigen sie Handball und Real Madrid. Einzelheiten über das Geschehen im Partizan-Stadion kamen eine Dreiviertelstunde lang nur aus dem "Balkanforum", in dem sich Albaner und Serben auf Deutsch nicht nur gegenseitig ankeiften, sondern mitunter bemerkenswert sachlich die Lage besprachen. Als Quelle genügt so etwas selbstverständlich nicht, aber es lieferte die entscheidenden Stichworte zur weiteren Recherche der Fragen, was es mit dieser Fahne auf sich hat, oder dass es tatsächlich nicht die triumphierenden albanischen Fans waren, die irgendwas mit Schiptara (was Skipetaren bedeuten könnte, was Albaner heißt) riefen, sondern serbische "Ubi Šiptara"-Rufe - kurz im Serbisch-Wörterbuch nachgeschlagen, "ubi" ist Aorist, eine im Deutschen nicht vorhandene Vergangenheitsform von "ubiti", der Imperativ lautet eigentlich "ubijte", aber irgendetwas im Sinne von "Tötet die Albaner" muss es wohl heißen. Und über den Zerfall des Osmanischen Reichs steht genügend einschlägige Literatur im gut sortierten Journalistenregal; ganz besonders hilfreich war der kleine rote historische Weltatlas mit den beiden Karten der Balkanländer in den Grenzen von 1815 bis 1878 und 1878 bis 1915.

So fügen sich - wenn nicht gerade Montag ist und das einzige Länderspiel mit Mainzer Beteiligung die Partie der Bulgaren in Norwegen um 20.45 Uhr, bei der Nedelew sowieso nicht spielen wird, so dass uns das Material wirklich ausgeht - die Informationen aus allen Richtungen zu einem informativen Bild zusammen. Und dennoch ist es etwas völlig anderes, wenn man tatsächlich im Stadion sitzt. Solange wir uns keine Dienstreisen ins schöne Valparaiso oder in die Wüste Omans leisten können, sind auch wir daher froh, dass dieser ausgedehnte Länderspiel-Marathon endlich vorbei ist und das normale Tagesgeschäft wieder beginnt. So spannend die Blicke über den Tellerrand sein mögen, so interessant es sein kann, einen Anlass zu haben, mal nachzusehen, was nach dem 1:7 im WM-Halbfinale aus dem brasilianischen Kader geworden ist - "sein kann", wohlgemerkt, nicht zwangsläufig auch "ist": Lieber sitzen wir in der Mainzer Arena, sehen uns die Partie gegen den FC Augsburg an und berichten in gewohnter Manier über Spiele, bei denen mehr als ein, zwei oder drei 05er auf dem Rasen unterwegs sind.

 

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.