Der Favorit ist gewarnt und muss liefern

Jörg Schneider. Mainz.
Eines soll auf gar keinen Fall passieren: Dass sich der FSV Mainz 05 im Auswärtsspiel am Samstag (15.30 Uhr) beim SV Darmstadt 98 vom eher hoffnungslosen Tabellenstand des Gegners dazu verleiten lässt, dieses Derby mit Wird-schon-irgendwie-gehen-Gedanken zu bestreiten. Martin Schmidt hat in dieser Woche nichts unversucht gelassen, um mit seinen Profis die richtige Haltung und eine mentale Einstellung für eine komplizierte Aufgabe zu entwickeln, die erfolgreich erledigt werden sollte. „Darmstadt hat nichts mehr zu verlieren, aber wir sind als Elfter in der Favoritenrolle. Das müssen wir aufzeigen und liefern“, sagt der 05-Trainer.

Die Gefahr ist immer latent vorhanden, dass sich Fußballer beim Blick auf den Gegner von dessen Tabellenstand verleiten lassen. Auch wenn die eigene Erfahrung im Laufe einer Saison, speziell die der aktuellen Spielzeit zeigt, dass jeder Gegner und sei dessen Situation noch so miserabel, erst einmal genügend Substanz ins Spiel bringt, um einer Mannschaft, die auf einen Erfolg quasi im Vorbeigehen eingestellt ist, ein böses Erwachen bereiten kann. Vom FSV Mainz 05 weiß man, dass dessen Team immer möglichst nahe an 100 Prozent Leistung kommen muss, um in der Bundesliga gewinnen zu können. Unabhängig davon, ob der Gegner auf Platz 14 steht, auf dem Relegationsrang oder wie der SV Darmstadt 98 als Schlusslicht schon mit einem Bein in der Zweiten Liga. Martin Schmidt hat seine Profis in dieser Woche vor dem Derby am Böllenfalltor vor allem im mentalen Bereich so vorbereitet, als müsse sein Team ein Spitzenspiel gegen einen Top-Gegner bestreiten. Die 05er können sich in ihrer Situation nicht erlauben, sich am Samstag durch unangebrachte Wird-schon-irgendwie-gehen-Gedanken aufs Glatteis führen zu lassen.

Der konterstarke Levin Öztunali präsentiert sich aktuell in sehr guter Form und dürfte auch in Darmstadt wieder erste Wahl sein. Foto: Ekkie Veyhelmann„Von der Herangehensweise ist es immer etwas anders, wenn man gegen einen Klub mit einem großen Namen spielt, der vor einem steht. Da geht schon vieles von selbst im Kopf der Spieler vor. So wie es halt auch im Kopf vorgeht, wenn man gegen einen Gegner spielt aus der unteren Tabellenregion“, erklärt der 05-Trainer. „Deshalb muss man unter der Woche schon vermitteln, dass man eine vernünftige seriöse Arbeit abliefern muss, dass es um viel geht und man eine Haltung entwickelt, die garantiert, dass man am Spieltag auch mental auf dem höchsten Stand ist. Diese Einstellung muss im Training entwickelt werden, dann wird man weniger überrascht sein am Spieltag. Ich glaube, dass wir das bisher ganz gut hingekriegt haben, dass bei uns niemand die Darmstädter unterschätzt oder denkt, man hat leichtes Spiel gegen den Tabellenletzten. Alle wissen bei uns, dass die besser sind und besser spielen als ihr Tabellenplatz aussagt. So werden wir das dort angehen.“

Dass der 05-Coach tief drin steckt in diesem Betriebsmodus war bei seiner Spieltags-Presskonferenz deutlich zu spüren. Der 49-Jährige vermittelte den Eindruck, dass da ein Gegner warte, der einen Lauf habe und kaum Schwächen zeige. „Das Bild von Darmstadt hat sich verändert. Durch die Hereinnahme von Altintop, Sam oder Boyd vorne ist eine neue Qualität dazugekommen. Sie haben nun auch andere Inhalte in ihrem Spiel. Sie stehen nicht mehr so tief. Weniger hoch, lang und Kampf, sondern mehr spielerische Ansätze im Aufbau durchs Zentrum mit variablem Tempo und Passspiel. Die spielerische Note ist stark gestiegen. Sie haben zuletzt viele gute Leistungen abgeliefert. Das gibt ihnen Mut. Sie haben zuletzt auswärts gegen Werder Bremen sogar das Spiel dominiert und den Gegner in der ersten Hälfte an die Wand gespielt“, zählte Schmidt die Stärken der 98er auf. Der 2:1-Sieg zu Hause gegen Borussia Dortmund sei dazu ein weiterer Beleg für die Heimstärke der Lilien und für das, was die 05er dort erwarte.

Mit dieser Einstellung und in Erwartung eines starken, ums sportliche Überleben kämpfenden Gegners in dieses Auswärtsspiel zu gehen, ist sicherlich der richtige Ansatz. Und sollte hilfreich dabei sein, Kapital aus den Problemen zu schlagen, die bei den Darmstädtern ebenso deutlich hervortreten. Das Team des neuen Trainers Torsten Frings hat die Partie zuletzt in Bremen trotz aller Dominanz mit 0:2 verloren. Die Darmstädter haben insgesamt 17 Mal verloren bisher, nur drei Spiele in dieser Saison gewonnen und dreimal unentschieden gespielt. Sie haben die wenigsten Tore in der Liga geschossen und die meisten Gegentore kassiert. Macht unter dem Strich Platz 18 mit zwölf Punkten und einer Tordifferenz von minus 30. Das wird seine Gründe haben. Und die gilt es am Samstag aufzudecken.

Die Mainzer müssen punkten in diesem Derby, um in dieser engen Tabellenkonstellation nicht selbst wieder in eine unangenehme Lage zu geraten. Das ist auch die eigene Erwartungshaltung. „Beide Teams stehen unter einem gewissen Druck und müssen liefern“, sagt Schmidt. „Darmstadt hat nichts mehr zu verlieren, aber wir sind als Elfter in der Favoritenrolle. Das müssen wir aufzeigen“, sagt Schmidt. Unabhängig von der Tabellensituation verspreche diese Partie jedoch in jedem Fall ein spannendes Derby zu werden. Ein Spiel, das erst einmal auf Augenhöhe starte. „Da wird es von Anfang an um alles gehen“, sagt der 05-Trainer, der zuversichtlich ist, dass seine Mannschaft die eigenen Ansprüche erfüllen wird und einen ähnlichen Auftritt hinlegt wie vor 14 Tagen beim 2:0-Erfolg in Leverkusen. Mit Kampf, Leidenschaft und Behauptungswillen. Mit einer erneut funktionierenden Defensivstruktur. Aber auch mit klarem, möglichst passgenauerem Offensivspiel als zuletzt, zielgerichteten Umschaltaktionen mit Effizienz im Abschluss. Die Chance ist erneut groß, über die 30-Punkte-Marke zu springen und die Distanz nach unten zu vergrößern. Die 05er sollten sich nachher zumindest nicht selbst vorwerfen müssen, diese Gelegenheit leichtfertig vergeben zu haben.   

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