Der Herr Kaiser am Bruchweg

Guido Schäfer. Leipzig.
Der eine gefiel sich schon damals in der Rolle des Lebemanns und "enfant terrible". Der andere war schon in jungen Jahren ein erfolgreicher Geschäftsmann. Beide spielten sie 1995 im Zweitligateam des FSV Mainz 05. Heute ist Guido Schäfer Chefreporter der "Leipziger Volkszeitung", Josef Zinnbauer Cheftrainer beim Bundesligisten Hamburger SV. Vor dem Auswärtsspiel des FSV beim HSV schreibt 05-Fan Schäfer für die nullfünfMixedZone über seine Erinnerungen an gemeinsame Zeiten - und nimmt dabei wie üblich kein Blatt vor den Mund.

Lebemann und Szene-Reporter: Guido Schäfer pflegt sein Image als enfant terrible. Die Leipziger Kneipenwelt ist das Wohn- und Arbeitszimmer des frühreren 05-Profis.

Guido Schäfer

Guido Schäfer, 1964 in Raunheim geboren, spielte mit zweieinhalb Jahren Unterbrechung von 1980 bis 1996 bei Mainz 05. Der Tierfreund, Freigeist, 05-Fan und A-Lizenz-Inhaber ist seit 1992 Journalist, zunächst in Mainz, seit 2000 in Leipzig

Als Jo Zinnbauer zu uns stieß, mussten wir uns von unserem Kapitän Larry Schmidt aufklären lassen. Larry kannte den Neuen vom KSC. Die Expertise: Höllisch schnell, ehrgeizig, kann aber nicht richtig kicken. Statt Ballan- und Mitnahme müssten wir uns bei Joe an Ballan- und Wegnahme gewöhnen. Ich damals: So einen hatten wir in Mainz schon mal (1990), Joe ist ein Frank-Möller-Verschnitt!

Einen wie Möller hatte ich noch nie gesehen. Frank hatte lange, krumme Haxen, konnte den Ball nur dreimal hochhalten, machte all seine Unzulänglichkeiten aber mit einem unfassbaren Speed wett. Ich spielte in Mainz hinten rechts, er vor mir. Anweisung von Coach Robert Jung: Spiel dem Frank niemals den Ball in den Fuß, der kann das Ding eh nicht verarbeiten. Stattdessen: In den Lauf! So einer war auch Joe Zinnbauer. Während Möller mit einem abgenudeltem Kadett zum Training kam, fuhr Joe wahlweise Porsche oder Ferrari. Klar war: Mit der Kickerei konnte er sich die Boliden nicht verdient haben. Joe war sozusagen der Herr Kaiser der Hamburg Mannheimer, machte viel Kohle im Versicherungswesen. Er hat sich übrigens nie darum bemüht, uns Policen aufzudrücken.

Eher breit als bereit

Ich empfand ihn als angenehmen Kollegen. Bruno Akrapovic sah das offenbar fundamental anders. Nach einer Trainingseinheit wartete Bruno auf dem Parkplatz auf Joe, es gab ein Wortgefecht und kurz später lag unser Sprinter in den Hecken. Diese Nummer wurde übrigens nie öffentlich. Mich verbindet mit Joe ein besonderes Spiel. Im Oktober 1994 spielten wir am Bruchweg gegen den Chemnitzer FC. Uns stand das Wasser bis zum Hals. Einen Tag vorm Match rief mich unser Trainer Wolfgang Frank an und fragte, ob ich bereit sei. Leider war ich eher breit als bereit und lag nach harter Nacht in der Altstadt noch im Bett. Das hatte vor allem damit zu tun, dass ich nach Knie-OP und Reha nie damit gerechnet hatte, dass mich Herr Frank ausgerechnet im existenziell wichtigen CFC-Spiel bringt.

Ich log: Na klar bin bereit! Der Rest ist schnell erzählt. Schäfer gibt sein Comeback, grätscht alles um, was ihm vor die Flinte kommt, schießt das 1:1, wird hinterher zum besten Mann gekürt. Jo Zinnbauer macht an diesem Abend mit seinem 4:2 den Deckel drauf. Nach dieser Saison waren wir beide 05-Geschichte. Warum so viele Wolfgang-Frank-Spieler veritable Trainer geworden sind, weiß ich nicht. Mich hat der Coach in anderer Hinsicht inspiriert. Er sagte immer: Guido, mach' was aus Deinem Leben! Und trink nicht so viel! Und such' Dir endlich eine Frau! Nun ja, habe ich fast alles beherzigt.

 

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