Der Kühlschrank wird 50

Christian Karn. Mainz.
Einer der bedeutendsten Spieler aus den Zweitligajahren des FSV Mainz 05 hat heute seinen runden Geburtstag: Sven Demandt, bei seinen Fans bekannt als "Kühlschrank" und als "Fußballgott", der erfolgreichste Torjäger der 05er in der 2. Bundesliga, wird 50 Jahre alt. Eine Würdigung einer Fußballlegende, die nicht nur in Mainz große Spuren hinterlassen hat.

Sven Demandt in seinem vielleicht größten Spiel als 05er: Beim 5:0 gegen Carl Zeiss Jena schoss der "Kühlschrank" einen Hattrick und bei dieser Gelegenheit sein 100. Zweitligator. Foto: imagoDie Bundesliga ist 'ne kölsche Jong, da müssen wir uns nichts vormachen. Franz Kremer, der Präsident des 1. FC Köln, hat seinerzeit den DFB so lange genervt, bis dieser die eingleisige Spitzenliga eingeführt hat, und mit seinem Klub prompt im Frühjahr 1964 die erste Bundesligasaison gewonnen. Ein Dreivierteljahr später, am 13. Februar 1965, kam in Köln der kleine Sven zur Welt. Das war ein Samstag, und am Tag vor seinem 40. Geburtstag hat der inzwischen große Sven der Mainzer Rhein-Zeitung verraten, dass er gerade rechtzeitig zur Sportschau gebadet und gewickelt war.

Ein paar Kilometer rheinabwärts, so ist es in einem Aufsatz im Fortuna-Düsseldorf-Fanzine überliefert, habe um dessen 20. Geburtstag herum, plus/minus ein paar Jahre, der Fußballgott diesen Mann beiseite genommen und ihm gesagt: "Du bist auserwählt. Du wirst Tore schießen." Und so geschah es. In der Bundesliga war Sven Demandt kein schlechter Torschütze, in der 2. Bundesliga wurde er zur Legende - für zwei Vereine. 1989 schoss er mit 35 Treffern als Zweitliga-Torschützenkönig Fortuna Düsseldorf wieder nach oben. Fünf Jahre später, im Herbst 1994, stellte der FSV Mainz 05 fest, mal wieder niemanden im Kader zu haben, der weiß, wo das Tor steht: Thomas Ziemers 14 Saisontreffer deuteten sich so früh in der Saison noch längst nicht an. Von Arno Glesius erwarteten die 05er nicht mehr viel. Und von David Wagner in jenen Monaten überhaupt nichts: Der hatte sich gerade erst in Wattenscheid das Bein gebrochen. An torgefährlichen Spielern blieb übrig: Außenverteidiger Jürgen Klopp. Sonst keiner.

Worauf sich der alte Lizenzspielerchef Peter Arens und sein Nachfolger Christian Heidel zu ihrer letzten gemeinsamen Verpflichtung mit dem bei Hertha BSC nicht mehr erwünschten 29-jährigen Stürmer trafen. "Demandt wollte sich noch ein Angebot von Waldhof Mannheim anhören", erzählte Arens Jahre später, "aber hat uns am nächsten Tag zugesagt. So war mein Abschluss als Lizenzspielerchef auch einer der besten Transfers. Darauf war ich ganz stolz, denn der Kühlschrank war menschlich und als Fußballspieler sensationell. Was er diesem Verein zurückgegeben hat!"

Vom Kühlschrank und von einem guten Transfer war aber erstmal keine Rede. Sven Demandt galt als Fehleinkauf. "Die Wade" nannten die 05er ihn bald, denn die machte dem Stürmer Probleme. So reichte es nur für elf Saisonspiele, immerhin vier Tore und auch ohne Demandt zum Nichtabstieg. Trainer Wolfgang Frank, der inmitten der folgenden Hinrunde geholt wurde, sortierte den Dauerverletzten bald aus. Nicht als einzigen Spieler, die Mannschaft war nicht zweitligatauglich und folgerichtig Tabellenletzter.

Nach der Winterpause erschien aus dem Nichts: Sven Demandt. Auf einmal war er da, der Torjäger. Der Wade ging es immer noch nicht gut, aber acht Tore in 14 Rückrundenspielen hielten die 05er im größten Abstiegskampf von allen als Rückrunden-Meister in der Liga. In den folgenden Jahren war Demandt auch endlich körperlich stabil. Aber eines blieb gleich: Seine Zeit war das Saisonende. Je näher das kam, desto häufiger schoss er seine Tore.

Grund 63

Basierend auf: "Weil wir auch Titel anhäufen für die, die es verdient haben". In: Christian Karn/Mara Braun: "111 Gründe, Mainz 05 zu lieben". Verlag Schwarzkopf und Schwarzkopf, Berlin, 2013.

In jenen Tagen spielte das Footballteam der Frankfurt Galaxy gegen die London Monarchs mit der NFL-Legende William Perry, einem großen unförmigen 150-kg-Koloss, den die US-Presse einst "die beste Verwendung von Fett seit der Erfindung des Bacon" nannte. "Refrigerator" war Perrys Spitzname, was ausschließlich mit seiner Figur zusammenhing, aber die MRZ verstand das falsch, unterstellte Perry vollendete Coolness und übersetzte den Spitznamen. Wirklich angefreundet mit dem Titel "Kühlschrank" hat sich Sven Demandt, der abgezockte Schleicher, der technisch herausragende Angreifer mit dem kurzen Abzug im linken Fuß, nie. Und trotzdem posierte er bald auf einem Werbeposter in Möbelpackermontur auf einen Kühlschrank gestützt.

2001 beendete Sven Demandt seine Profikarriere nach 456 Spielen und 148 Toren in der ersten und zweiten Bundesliga. In 179 Zweitligaspielen für die 05er hat er 55 Mal getroffen - Vereinsrekord in der 2. Liga und die Rettung in mehr als einem Abstiegskampf. Seine insgesamt 121 Zweitligatreffer werden nur von Theo Gries (123), Karl-Heinz Mödrath (150) und Dieter Schatzschneider (153) übertroffen. Einer, der ihn auf den fünften Platz verdrängen könnte, ist weit und breit nicht in Sicht. In Düsseldorf und in Mainz verehren ihn seine Fans bis heute als "Fußballgott".

Heute wird Sven Demandt 50 Jahre alt.