Der Tag wird kommen - aber wann?

Christian Karn. Mainz.
Der junge Fußballer Wenger hat es geschafft. Der talentierte Stürmer aus Greifswald hat seinen ersten Bundesligavertrag unterschrieben. Wenger hat aber ein Problem: Er ist schwul und Homosexualität ist im Profifußball nicht vorgesehen. Der Jungprofi denkt ernsthaft darüber nach, sich als erster Bundesligaprofi zu outen, aber am Ende fehlt ihm der Mut und die Maskerade geht weiter. Das ist der Inhalt eines in der vorigen Woche veröffentlichten Musikvideos von Marcus Wiebusch, dem Frontmann der Indie-Band "Kettcar", der dazu beitragen will, dieses Tabu zu kippen. Mit dabei: Fans des FSV Mainz 05, unter anderem Reimund Thomas vom schwul/lesbischen 05-Fanclub "Meenzelmänner", mit dem die nullfünfMixedZone über Homosexualität im Profifußball gesprochen hat.

Der Rocksänger Marcus Wiebusch will dazu beitragen, ein Klima zu schaffen, in dem sich schwule Fußballprofis bedenkenlos outen können. Foto: Grand Hotel van Cleef Musik GmbHDer junge Fußballer Wenger hat es geschafft. Der talentierte Stürmer aus Greifswald hat seinen ersten Bundesligavertrag unterschrieben. Wenger hat aber ein Problem: Er ist schwul und Homosexualität ist im Profifußball nicht vorgesehen. Der Jungprofi denkt ernsthaft darüber nach, sich als erster Bundesligaprofi zu outen, aber am Ende fehlt ihm der Mut und die Maskerade geht weiter.

Wenger heißt in Wirklichkeit Stephan Waak und ist Schauspieler. Im Musikvideo "Der Tag wird kommen" von Marcus Wiebusch, dem Frontmann der Hamburger Indie-Band "Kettcar", spielt er die Hauptrolle. "Der Tag wird kommen", singt Wiebusch, "an dem wir alle unsere Gläser heben [...] auf den Ersten, der es packt, auf den Mutigsten von allen". Auf den Tabubrecher, den Pionier auf dem Weg, Homosexualität im Profifußball genauso zu akzeptieren wie unter "Außenminister[n], Popstars, Rugbyspieler[n]". "Ich wette, 90 Prozent ist es egal", macht Wengers Kumpel dem Fußballer Mut, aber der gesteht schließlich ein: "Der Tag ist in Sicht. Einer wird es schaffen, aber ich bin es nicht."
Das Video endet mit einer Kampfansage von Fans mehrerer Fußballvereine, auch vom FSV Mainz 05. Bereits früh im Video wird die international beachtete Jubiläumschoreo des schwul/lesbischen 05-Fanclubs "Meenzelmänner" gezeigt, die die Gegengerade der Coface Arena in einen riesigen Regenbogen, das Symbol der Homosexuellenbewegung für Gleichberechtigung und Toleranz, verwandelte. Ein Statement, das Mut machen soll. Nicht Wenger, denn den gibt es nicht. Aber die Demographie macht vor dem Profifußball nicht halt. Schwule Profis gibt es, das ergibt sich nicht nur aus der Statistik. „Für mich ist es einfach unfassbar, das wir im Bereich Fußball offensichtlich ein Klima haben, das es nicht möglich macht, das sich ein aktiver Profi outet“, sagt Wiebusch.

Die nullfünfMixedZone sprach über dieses Thema mit Reimund Thomas, dem Vorsitzenden
der “Meenzelmänner”.

Bilder von der Jubiläumschoreographie der Meenzelmänner am 20. April 2012 verbreiteten sich weltweit. Foto: "Die Meenzelmänner"

Geoutete Fußballprofis

Offen homosexuelle Fußballprofis sind immer noch die absolute Ausnahme. Die nullfünfMixedZone stellt drei von ihnen exemplarisch vor - und zwei, die es nicht geschafft haben.

Heinz Bonn
Das bisweilen überehrgeizige Abwehrtalent des Hamburger SV (13 Bundesligaspiele von 1970-73) lebte ein Doppelleben, das erst herauskam, als Heinz Bonn 1991 tot aufgefunden wurde, im Alter von 44 Jahren ermordet von einem Callboy. Zu Lebzeiten hatte er es nicht gewagt, sich als erster Bundesligaprofi als schwul zu outen.

Justin Fashanu
Der englische Stürmer Justin Fashanu war 1981 der erste dunkelhäutige Spieler, der für mehr als eine Million Pfund den Verein wechselte. Seine Karriere brach zusammen, als Brian Clough, Trainer seines neuen Klubs Nottingham Forest, Fashanus Homosexualität mitbekam und ihn aus der Mannschaft mobbte. Neun Jahre später outete sich Fashanu öffentlich. Nach Vergewaltigungsvorwürfen beging der Stürmer 1998 Suizid. Clough schrieb später in seiner Autobiographie: "Ich war für ihn verantwortlich, denn er fiel in meinen Zuständigkeitsbereich als Trainer, aber ich habe ihm nicht geholfen."

Marcus Urban
Der bekannteste schwule Fußballer. Als Jugendspieler von Rot-Weiß Erfurt hatte Marcus Urban in den frühen 1990ern Chancen auf eine Profikarriere, wollte sich aber auf kein Doppelleben einlassen, beendete seine Laufbahn und setzt sich seit seinem Outing im November 2007 intensiv gegen Homophobie im Fußball ein.

Thomas Hitzlsperger
Der ehemalige A-Nationalspieler (52 Länderspiele) outete sich im Januar 2014, ein halbes Jahr nach seinem Karriereende. Hitzlsperger ist bislang der einzige Bundesligaspieler, der seine Homosexualität öffentlich machte.

Robbie Rogers
Der US-amerikanische Außenstürmer outete sich im Februar 2013 als schwul und beendete seine Karriere, um der Reaktion von Presse und Fans zu entgehen. Drei Monate später entschied Rogers sich, doch wieder im Profifußball zu spielen. Zum Comeback im Team der L.A. Galaxy gab es tosenden Applaus von den Rängen.

Der Tag würde kommen, heißt es. Um sicherzustellen, dass wir vom Gleichen reden: Was für ein Tag ist das?
Der Tag, an dem sich ein schwuler Fußballspieler outen kann, ohne irgendwelche Nachteile zu haben.

Und das kann er im Moment nicht?
Nein, das kann er nicht, weil man eben nicht weiß, was im Umfeld, im Verein, mit den Sponsoren, mit den Mitspielern, mit den Fans passiert. Wobei ich es den Fans am ehesten zutrauen würde, damit gut umzugehen. Bei den anderen Beteiligten hätte ich eher Bedenken.

Bedenken welcher Art?
Was die Mitspieler betrifft: In manchen Teilen der Welt ist Homosexualität einfach noch verboten. Dort gibt es eine ganz klare ablehnende Haltung. Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn Spieler aus solchen Ländern mit schwulen Mitspielern konfrontiert werden würden. Vielleicht sind sie, weil sie in Europa spielen, liberaler. Ich weiß es nicht.

Die Sponsoren?
Das beste Beispiel ist die Firma Barilla. Die hat vor kurzem ganz klar abgelehnt, mit Schwulen Werbung zu machen, weil sie dieses Familienbild ablehnt, ganz klar auf traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familien setzt und keinen Wert auf homosexuelle Konsumenten legt. Solche Leute bräuchte man nicht. Sponsorengelder könnten verloren gehen und davon leben die Spieler.

Der Verein selbst?
Solche Aussagen wie von Rudi Assauer damals, dass ein Schwuler besser die Sportart wechseln sollte, weil so einer im Fußball nichts zu suchen hätte.

Und von den Fans?
Von den Fans eher Schmährufe. Der Gegner wird ja heute schon offensiv verbal niedergemacht. Da würde ganz schnell einiges kommen.

Aber könnte der Spieler nicht einfach sagen: Mir doch egal, bepöbelt werde ich doch sowieso? Wo ist der Unterschied zwischen "Hurensohn" und "Schwuchtel"?
Tatsächlich der Sohn einer Dirne zu sein, kann wohl kaum ein Fußballer behaupten. Aber wenn man schwul ist und noch hadert, ob man damit rausgeht, wird man von homophoben Sprüchen schon verletzt. Man wird mit seinem eigenen Ich konfrontiert und niedergemacht.

Wobei wir in dem Moment bei denen sind, die sich noch nicht geoutet haben. Was wäre mit denen, die es gewagt haben?
Auch die würden auf etwas heruntergestuft werden. Das ist nicht anders als einen Afrikaner "Scheiß Nigger" zu nennen. Es ist Usus, das nicht mehr zu akzeptieren. Warum soll es bei uns anders sein?

Man ist halt einer ganz anderen Öffentlichkeit ausgesetzt in anderen Bereichen der Gesellschaft. Guido Westerwelle spricht nun mal nicht ständig vor den Anhängern anderer Parteien, die ihn niederpöbeln wollen. Bei den Konzerten Ricky Martin, der als schwuler Popsänger im Video auftaucht, tauchen nicht die Fans seiner Konkurrenten auf, die hoffen, dass er den Text vergisst... Es ist so, wie Nick Hornby in "Fever Pitch" geschrieben hat: Niemand geht in die Oper in der Hoffnung, dass der Startenor ausfällt. Aber ein 05-Fan geht am Samstag zum Fußballspiel gegen Borussia Dortmund und ist erleichtert, dass Marco Reus verletzt ist. Und würden Neven Subotic und Shinji Kagawa übers Wochenende mit Grippe im Bett liegen, wäre er auch nicht enttäuscht. Nicht weil er sie nicht leiden kann, sondern weil das bedeuten würde, dass sein Team nicht gegen sie spielen müsste. Fußballfans sind ein Publikum, das unter Umständen die großen Stars eben nicht sehen will.
Man ist an jedem Wochenende gegnerischen Massen ausgeliefert, die einen Vorteil davon haben, wenn man Schwächen hat. Das ist der große Unterschied.

Also gibt Hemmschwellen auf allen Seiten. 
Alles zwar Minderheiten, aber über die sozialen Netzwerke können die viele erreichen. Wir haben beim Outing von Thomas Hitzlsperger gesehen, was für Angriffe dann kommen.

Im Moment würden Sie also von einem Outing abraten.
Ja. Aber es wäre wünschenswert, weil ein Fußballprofi für viele Leute eine absolute Bezugsperson ist. Jemand, der sich selbst nicht sicher ist, ob er sich outen will, käme damit einen kleinen Schritt weiter. Er könnte sagen: Wenn der es kann, kann ich es auch.

Was sagt denn die Statistik? Wenn der Profifußball ein Abbild der Gesellschaft sein sollte, der männlichen Gesellschaft im Alter von 18 bis 35 Jahren, wie viele Prozent müssten demographisch gesehen schwul sein?
Rund zehn Prozent.

Rein statistisch müsste es also im 30-köpfigen Kader von Mainz 05 drei Schwule geben.
Statistisch gesehen ja. In der Praxis schwankt das natürlich.

Was könnte man diesen statistischen Drei empfehlen?
Sich zusammenzuschließen. Es gibt ja offensichtlich Netzwerke, in denen man sich zum Teil sogar kennt. Und, wenn jeder bereit ist, zusammen nach außen gehen. Es wäre hilfreich, wenn eine starke Persönlichkeit dabei wäre, die im Verein gefestigt ist, und die Massen einfach hinter sich hat. Dann muss man auf die Regulierungen in der Kurve hoffen, dass wenn Sprüche kommen, die Leute drumherum klar sagen: Wir wollen das nicht hören.

Die Atmosphäre in den Heimstadien dürfte ja inzwischen weitgehend in Richtung Akzeptanz tendieren...
Das stimmt, aber es gibt die gegnerischen Fans. Wenn sich jetzt ein Spieler von Borussia Dortmund outen und am Samstag in Mainz auflaufen würde, könnte es sein, dass nichts passiert. Ich habe als Fan festgestellt, dass das in Mainz gut funktioniert. 

Reimund Thomas (links), Vorsitzender des schwul/lesbischen 05-Fanclubs "Meenzelmänner", traut dem Mainzer Publikum zu, schwule Profis ohne Probleme zu akzeptieren. Foto: "Die Meenzelmänner"

Kommen wir zum Video von Marcus Wiebusch. Wie gut kann man einschätzen, wie realistisch die Geschichte ist, die er erzählt? Trifft sie die Zustände?
Ja. Der Film zeigt sehr realistisch, wie sich ein Spieler fühlen muss: Er ist mit sehr vielen Dingen allein, grübelt nach...

In der Planung hat sich Wiebusch vom schwulen Ex-Fußballer Marcus Urban beraten lassen, richtig? Von Hitzlsperger nicht, dessen Outing kam zu spät...
Das kam zu spät. Auch sein Bruder, ein schwuler Fußballfan, hat eine Rolle gespielt.

Gut informiert ist Wiebusch offenbar. Er kennt Details wie die Spielerfrauen-Agentur, die ja nicht jedem geläufig ist...
Die gibt es wirklich. Das haben schon mehrere mittlerweile bestätigt. Ein schwuler Spieler kann für öffentliche Auftritte eine Frau an die Seite gestellt bekommen.

Eine Schauspielerin im Prinzip, die ihn begleitet, ein Honorar bekommt und abends wieder in ihr eigenes Bett geht. Gibt es auch Stellen im Video, denen Sie widersprechen würden?
Nein. Ich finde das Video sehr gelungen, sehr gut gemacht.

Baut er damit nicht einen gewissen Druck auf, ein "jetzt outet Euch gefälligst"?
Das sehe ich nicht so. Es soll eher Mut machen. Es zeigt viele Menschen, die hinter einem schwulen Profi stehen würden. Druck ist das, was in den 1980ern Rosa von Praunheim gemacht hat. Der hat ja einige Leute im Fernsehen geoutet, zum Beispiel Alfred Biolek. So sehe ich den Film nicht. Druck wäre, wenn ich jetzt durch die Gegend laufen würde und sagen, welcher Fußballer schwul ist.

Es existieren hartnäckige Gerüchte um verschiedene Bundesligaprofis, die homosexuell sein sollen. "Es gibt bestimmte Signale, die man als Schwuler eher auffängt", erklärt Thomas, der einige Namen nennt, die in der Szene gehandelt werden, aber darum bittet, diese nicht zu veröffentlichen, weil erstens die Glaubwürdigkeit dieser Gerüchte unklar ist und zweitens jeder homosexuelle Spieler ausschließlich selbst entscheiden soll, ob und wann er sich outet. Wir halten uns daran und nennen die Namen nicht.

Es gibt aber die Schauspielerei, die Vortäuschung eines heterosexuellen Lebens mit Spielerfrauen-Agenturen und allem Möglichen, trotzdem gibt es diese Gerüchte um bestimmte Spieler. Inwieweit ist es denn überhaupt möglich, so ein Doppelleben geheimzuhalten?

Solange es funktioniert, solange man sich zum Beispiel mit seinem Partner nur zuhause im stillen Kämmerlein trifft, muss es ja nicht rauskommen. Man darf nur keine Fehler machen. Es ist allerdings für einen Schwulen sehr anstrengend und einfach deprimierend, in der Gesellschaft eine solche Rolle spielen zu müssen. Ich selbst habe das nicht erlebt. Bis zu meinem Outing mit 21 Jahren hatte ich zwar Freundinnen, aber nicht zur Tarnung, sondern weil ich mir nicht sicher war - ich habe irgendwann schon geahnt, dass ich schwul bin, wollte es aber noch nicht wahrhaben.

Bei Hitzlsperger war es ähnlich, oder?
Er hat wohl lange mit sich gehadert.

Als es ihm aber klar war, hat er sich relativ schnell geoutet?
Nein. Er hat einmal erwähnt, dass er sich schon kurz vor Schluss seiner Profikarriere schon outen wollte, aber der DFB habe damals gesagt: Lass mal lieber.

Was soll man davon halten, dass man ihn überreden wollte, das noch geheim zu halten?
Vor zwei, drei Jahren war die Umwelt noch ein bisschen anders. Das hat sich durch kontinuierliche Arbeit von vielen, vielen Leuten und Verbänden gewandelt. Aber die Domäne Fußball ist immer noch eine eigene.

Warum klappt die Akzeptanz der Homosexualität im Frauenfußball so gut?
Ich habe eine Theorie, die mir von einigen Männern bestätigt wurde: Der Hetero-Mann - und Fußball wird nun mal überwiegend von Männern besucht - empfindet den Gedanken an zwei lesbische Frauen oft ganz reizvoll. Und es betrifft ihn nicht. Bei Schwulen geht es um sein eigenes Geschlecht und viele kriegen den Gedanken, dass es ihnen immer noch egal sein kann, nicht gebacken. Dabei fällt ein Schwuler genauso wenig jeden Mann an wie ein Hetero-Mann jede Frau.

Wie sehr spielt das Vorurteil über die verweichlichten Schwulen eine Rolle?
Eher weniger. Es ist eher eine Angst um die eigene Integrität. Marcus Urban war im Sommer bei einer Veranstaltung in Mainz und hat uns erzählt, Spieler hätten ihn nach seinem Outing gefragt, ob er denn seine Mitspieler beim Duschen auch beobachtet hätte. Die ablehnende Haltung kommt, wenn es ums eigene Geschlecht geht. Urbans Antwort fand ich ganz wichtig: "Ja, aber nicht jeder Mann ist so attraktiv, dass ich ihn unbedingt haben müsste."

Die Meenzelmänner

Der Fanclub "Die Meenzelmänner" wurde im März 2007 von Reimund Thomas und weiteren homosexuellen 05-Fans gegründet. Vorbilder waren vergleichbare Fanclubs aus Stuttgart, Dortmund und Berlin. Die Mainzer sind also nicht einer der allerersten, aber einer der ersten unter den mittlerweile recht weit verbreiteten schwul-lesbischen Fanclubs der Bundesliga.

Kurz nach ihrer Anmeldung bei Mainz 05 veranstalteten die Meenzelmänner einen Informationsabend, zu dem sie einige Vertreter der aktiven Fanszene einluden. "Die haben auch ein paar kritische Fragen gestellt, aber man hat sehr schnell gemerkt, dass wir auf der gleichen Welle schwimmen", erzählt Thomas. "Seitdem ist auch durch weitere Gespräche und Aktionen ein gutes Vertrauensverhältnis entstanden."

Offiziell hat der Fanclub derzeit 28 Mitglieder; mit seinem Umfeld bringt er es auf über 70 05-Fans, längst nicht alle homosexuell. 

Ihr Fanclub kommt im Video vor...
Der Regisseur Dennis Dirksen hat bei allen Vereinen mit schwul/lesbischen Fanclubs und bei unserer europäischen Dachorganisation QFF (Queer Football Fans) angefragt. Und dann ist die Crew quer durch Deutschland gereist und hat überall gedreht. Im Video kommt unsere Choreo auch zweimal vor.

Die hat ja auch die ganze Welt mitbekommen.
Ja, spätestens seit Hitzlspergers Outing war die überall. Immer, wenn es um das Thema "schwule Fußballer" ging, ist diese Choreo aufgetaucht. Der DFB benutzt sie ständig für seine Informationsbroschüren. Es gibt eine Anleitung für Vereine, wie die mit Spielern umgehen sollen, die sich bei ihnen outen. Für Leute, die nicht wissen, wie sie reagieren sollen, ist das hilfreich. 

Ich kann mir vorstellen, dass ein Outing für alle Beteiligten nicht ganz einfach ist, nicht nur für denjenigen selbst.
Bei meinem Outing habe ich in meiner Jugend größtenteils positive Erfahrungen gemacht, aber es gab auch diejenigen, die zwar nichts Negatives gesagt haben, aber still den Rückzug angetreten haben. Ich weiß, dass andere von ihren Familien einfach rausgeschmissen worden sind.

Wie könnte ein Fußballer diesen Schritt angehen? Eine Pressekonferenz dafür einzuberufen, käme mir albern vor...
Über völlige Normalität. Er könnte, wenn er zu Veranstaltungen geht, keine Pseudo-Spielerfrau mitbringen, sondern seinen Freund. Er könnte es einfach zeigen.

Einfach die Leute damit konfrontieren, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Und wenn er darauf angesprochen wird, kann er einfach sagen: Ja, ist so. Und weiter? Das wäre das Einfachste. Ich gehe selbst auch so damit um. Als Antwort kommt dann oft: "Kein Problem, alles gut." Wenn man den Leuten eine Selbstverständlichkeit einfach vorlebt, macht man es ihnen einfacher, diese zu akzeptieren.

Natürlich wird der Spieler dann trotzdem erst einmal durch jedes Dorf getrieben, das die Öffentlichkeit finden kann.
Ja. Die Presse würde erst einmal einen Riesenrummel machen, wie damals bei Hitzlsperger. Wenn die Medien das etwas beruhigter angehen würden, würde das in der gesamten Öffentlichkeit nicht so hochkochen.

Wie hatte Hitzlsperger sich geoutet?
Eigentlich in einem Interview mit der Zeit, für die er Kolumnen schreibt. Es ist aber vor der Veröffentlichung schon durchgesickert.

Dann hat er relativ schnell eine Pressemeldung hinterhergeschossen...
...und alle haben sich erst einmal auf ihn gestürzt. Viele Medienanfragen hat er einfach abgesagt. Er wollte gar nicht im Vordergrund stehen, wollte gar keine Galionsfigur werden. Er hat gesagt, die Leute sollten es einfach wissen. Und die Homophoben sollten wissen, dass sie jetzt einen Gegner mehr haben. Und er hat einen ziemlich entspannten Eindruck gemacht, wobei er als ehemaliger Nationalspieler einen gewissen Medienrummel einfach gewohnt war.

Gibt es beim DFB eine Taskforce, an die ein Spieler sich wenden kann, wenn er Hilfe braucht?
Angeblich gibt es Ansprechpartner. Corny Littmann, der schwule Ex-Präsident vom FC St. Pauli, hat mal so etwas erwähnt.

Irgendjemand muss ja ohnehin die Kandidaten kennen. Die Agenturfrauen müssen schließlich auch wissen, wer sie gebucht hat... Was hat es eigentlich mit diesem merkwürdigen Interview mit dem anonymen schwulen Profi auf sich, das vor zwei Jahren aus dem Nichts aufgetaucht ist? Keiner wusste damals, ob er es für echt oder für eine Fälschung halten soll...
Das ist auf einer Internetseite der Bundesregierung aufgetaucht. Ich dachte auch erst, die Autoren wollten ihre Leser auf den Arm nehmen. Aber dieses Interview soll authentisch sein. Innerhalb des QFF wissen manche Leute auch, um welchen Spieler es geht. Namen werden natürlich nicht genannt. Hitzlsperger soll es nicht gewesen sein, sondern ein noch aktiver Spieler, der über seine Gefühle reden wollte, seine Nöte und Ängste, aber sich noch nicht outen will.

Das heißt aber, dass die innere Blockade gegen Outings nach und nach immer weiter aus den Fugen geht.
In vielen Bereichen reagiert man inzwischen völlig unaufgeregt. Der Mehrheit ist das einfach egal. Es gibt aber nach wie vor eine relativ große Zahl, die die Akzeptanz von Homosexualität kategorisch ablehnt. Die Politik ist an der Stelle eigentlich gefordert, mal ein Zeichen zu setzen, aber leider wird das mit unserer jetzigen Regierung nie passieren. Ihr Klientel besteht zum Teil aus diesen Vollidioten. Frau Merkel sagt in Interviews, das Thema sei ihr egal. Da wissen wir, woran wir sind. Der Regierung muss ständig vom Bundesverfassungsgericht diktiert, was sie zu machen hat. Wir müssen im Zuge unserer Gleichberechtigung derart viele Dinge bis auf die höchste Ebene einklagen. Wenn die Regierung immer von den Richtern auf die Finger bekommen muss, weil sie diese Gleichberechtigung, die uns vom Gesetz her zusteht, einfach nicht will...

Was glauben Sie nun: Wird der Tag kommen?
Er wird kommen. Und ich hoffe, er kommt schnell, weil es um Vorbilder geht, die vieles bei ihren Fans auslösen können. 

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