Der Verlust der Defensive

Christian Karn. Mainz.
Für Offensivfußball stand der FC Ingolstadt 04 seit seinem Aufstieg vor knapp zwei Jahren zu keinem Zeitpunkt. Musste er auch lange nicht - mit aggressivem, garstigem Spiel gegen den Ball gewann er in seinem ersten Bundesligajahr reihenweise 1:0 und musste nicht mal bangen um eine weitere Saison ganz oben. Der Verlust des Trainers und der halben Abwehr ließ sich aber offenbar nicht kompensieren. Der FCI mag es noch nicht akzeptieren wollen, aber auch der Relegationsplatz ist eigentlich nicht mehr in realistischer Reichweite.

Mit großer Garstigkeit hat der FC Ingolstadt 04 seine erste Bundesligasaison über die Bühne gebracht. Vier Punkte trennten den Elften der Abschlusstabelle am Ende vom Relegationsplatz. Die Bayern waren auswärtsstark, sie waren zwar Minimalisten mit den zweitwenigsten Toren der Liga - nur die überforderten Hannoveraner trafen seltener -, aber sie brauchten mit ihrem aggressiven Defensivspiel kaum Tore. Sie gewannen 1:0. Auch bei Mainz 05. Auch zuhause gegen Mainz 05 (dank ihrer Spezialfähigkeit, dort Elfmeter zu bekommen, wo andere ausgelacht wurden.

Im zweiten Jahr funktioniert das nicht mehr. Was vor allem eines zeigt, dass nämlich der Trainer Ralph Hasenhüttl, der zur neuen Saison zum Aufsteiger Leipzig wechselte, gute Arbeit gemacht haben muss. Inzwischen ist der Nachfolger seines Nachfolgers verantwortlich. Maik Walpurgis soll in den Griff bekommen, was der direkte Nachfolger nicht im Griff hatte. Der aus Karlsruhe zum Bundesligatrainer aufgestiegene Markus Kauczinski hatte mit dem FCI in zehn Spielen nur zwei Punkte geholt, ein 1:1 in Hamburg und ein 3:3 gegen Borussia Dortmund. Nach zwei 0:2 in Mainz und gegen Augsburg war Schluss für Kauczinski. Walpurgis schlug beim Debüt erst einmal Darmstadt 98, punktete gegen den VfL Wolfsburg, schlug nach der Niederlage gegen Bremen auch den Vorvorgänger Hasenhüttl mit seinen Leipzigern. Und immer noch in der Hinrunde Leverkusen. Und am ersten Rückrundentag den HSV. Und seitdem nur noch Eintracht Frankfurt.

Es ist besser geworden unter Walpurgis. Nicht nur in den Ergebnissen, wo 1,13 Punkte pro Spiel immer noch nicht viel sind, aber dennoch eine große Steigerung gegenüber den 0,2 von Kauczinski. Auch spielerisch kann man es inzwischen guten Gewissens Fußball nennen, was der FCI auf den Platz bringt. Im Hinspiel wäre das noch schwerer gefallen. Zwar brauchten die 05er für ihre beiden Tore einen nicht ganz klaren Elfmeter (vielleicht eine Konzessionsentscheidung für den sehr eindeutigen Elfmeter, den es früher im Spiel nicht gegeben hatte) und bei genauer Betrachtung einen Annahmefehler des Torschützen Levin Öztunali, auch ohne solch glückliche Zufälle aber waren sie die deutlich bessere, deutlich zielstrebigere Mannschaft. Der FCI verzettelte sich zu sehr in Provokationen, war kaum konstruktiv.

Vielleicht der schwerwiegendste Abgang des FC Ingolstadt 04: Bruno Hübner, der jetzt mit seiner grimmigen, unhöflichen Spielweise die Hoffenheimer Gegner nervt. Foto: imagoFreilich hatte der FCI ein paar wichtige Leute verloren. Stammtorwart Ramazan Özcan, 33 Jahre alt, verdient sein Geld nun auf der Leverkusener Ersatzbank. Außenverteidiger Danny da Costa spielt auch wegen Verletzungsproblemen bei Bayer 04 kaum eine Rolle. Robert Bauer, der andere Außenverteidiger, wechselte nach Bremen, besonders schmerzhaft ist der Verlust von Innenverteidiger Benjamin Hübner, der als gnadenloser, bisweilen geradezu rüpelhafter Innenverteidiger das Spielprinzip des Aufsteigers absolut verkörperte und jetzt die Hoffenheimer Gegenspieler quält.

Mit den Nachfolgern hat sich der FCI nicht unbedingt verbessert. Örjan Nyland verlor nach der Niederlage in Mainz seinen Platz als Stammtorwart an Martin Hansen. Markus Suttner, Florent Hadergjonaj, Anthony Jung haben in der Abwehr ihre Probleme. Offensiv hat der FCI seine geringe Quote gehalten, hinten aber schon jetzt so viele Gegentore kassiert wie in der gesamten vorigen Saison.

Darum ist auch der Relegationsplatz kaum noch in realistischer Reichweite. Darum sind die Ingolstädter nur dank der Anwesenheit der auswärts hilflosen, zuhause auch nicht immer konkurrenzfähigen Darmstädter nicht Tabellenletzter. Darum brauchen sie das Wunder, das sie gerade herbeireden, wirklich, wenn das noch etwas werden soll mit einem dritten Bundesligajahr.

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