Der Volksheld will nach Hause

Christian Karn. Mainz.
Eigentlich sollte es beim Pressegespräch mit Elkin Soto um das Comeback des kolumbianischen Kampftechnikers gehen, das ein Jahr nach seiner schlimmen Verletzung nur etwas näher gerückt ist, in den wenigen verbleibenden Saisonspielen vielleicht nicht mehr stattfinden kann. Und doch drehte sich das Gespräch mit Soto vor allem um eine andere Rückkehr, weniger um ein Wiederkommen nach Mainz als um ein Weggehen nach Kolumbien. Vielen Mainzern wird es schwer fallen, ihren bald 36-jährigen Volkshelden loszulassen, auch er selbst wird manches vermissen. Aber eines wurde deutlich: Nach fast zehn Jahren in Deutschland will Soto wieder nach Hause.

Rechts: Der junge Elkin Soto in einem seiner ersten Spiele für Mainz 05. "In Kolumbien habe ich die Haare länger getragen", hat er mal erzählt, "aber ich habe gehört, dass Männer in Deutschland kurze Haare haben, also war ich beim Friseur. Und dann habe ich Stephan Kuhnert gesehen..."Die Bedeutung, die Elkin Soto Jaramillo beim FSV Mainz 05 im Laufe der Jahre erworben hat, kommt gegen Ende des Pressetermins ganz subtil, versteckt zwischen den Zeilen, zum Vorschein. An welche besonderen Momente er sich erinnern würde, lautete die Frage an den Mittelfeldspieler, der im Sommer wohl zurück in die Heimat, nach Kolumbien, wechseln wird. Soto überlegte kurz, dann zählte er fünf Spiele auf. Das 4:3 nach 0:3 in Wolfsburg, im August 2010. "Es war ein besonderes Spiel", sagte Soto, "ich habe auch ein Tor geschossen." Das 2:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern, "auch damals in der Comebackphase nach einer langen Verletzung, und ich habe kurz vor Schluss das Freistoßtor geschossen", das Siegtor in der 89. Minute, das den Bruchweg zum Überschnappen brachte. Und als drittes: "4:2 gegen Cottbus. Ich habe zwei Vorlagen gegeben." Nicht mehr vielen 05-Fans dürfte es noch präsent sein, dass es überhaupt Spiele gegen Energie Cottbus gab. Und auch Sotos Erinnerung ist verschwommen; die zwei Vorlagen hat er gegeben, das Spiel endete aber 4:1. Es war sein Debüt im 05-Trikot, am 10. Februar 2007, und die 205 Spiele, die seither folgten, haben solche Details verschleifen lassen.

Jetzt, neun Jahre, zwei Monate und gut zwei Wochen später, bereitet sich Soto wieder auf ein Comeback vor; ob es klappt, ist fraglich. Die Zeit renne davon, sagte 05-Trainer Martin Schmidt, die Situation sei nicht so banal, dass man es sich leisten könne, einen Einsatz einfach zu verschenken an einen Spieler, der körperlich noch nicht auf Bundesliganiveau sei. Die 05er wollen es versuchen, geben aber kein Versprechen. Soto selbst sagt, er sei auf einem guten Weg, er fühle sich stark, aber auch er weiß: Drei Wochen Mannschaftstraining bis zum letzten Saisonspiel sind wenig.

Der ältere Soto bei seinem möglicherweise letzten Spiel für Mainz 05 - Sekundenbruchteile vor dem schweren Unfall. Fotos: imagoDer Unfall, der Sotos Knie so schwer beschädigt hat, ist jetzt fast auf den Tag genau ein Jahr her. Am 3. Mai - in einem Heimspiel gegen den HSV, der am Samstag wieder nach Mainz kommt - ist es passiert. Soto selbst hat sich die Szene, in der er beim Schussversuch auf einmal das Bein von Rafael van der Vaart vor sich hatte, im Video oft und ausführlich angesehen. "Ich wusste ja gar nicht, was passiert war", sagt er; als die großkalibrigen Schmerzmittel abgeklungen und der Kopf wieder klar war, habe er es im Krankenhaus schon abgespielt. "Ich habe keine Angst mehr davor, es zu sehen", sagt er. Und van der Vaart, der tags drauf angerufen habe, mache er nicht den geringsten Vorwurf: "Es war eine unglückliche Situation für mich, aber es war kein Foul. Darum bin ich ihm nicht böse."

Der größte Schmerz sei aber nicht mal aus dem Knie gekommen, eher aus der Seele. "Es hat mir emotional wehgetan", erinnert sich der Kampftechniker. "Ich dachte: Ich muss jetzt verletzt zurück nach Kolumbien." Die Rückkehr zum Heimatklub Once Caldas war schon vereinbart, alle privaten Verträge mit Telefonanbietern, Versicherungen und so weiter gekündigt, der Umzug vorbereitet. "Dieses Jahr haben wir noch nichts gemacht", sagt Soto.

Und doch klingt - nicht erst seit diesen Tagen - alles gewaltig nach Abschied, wenn auch das Angebot von Once nicht mehr steht. Es geht um die Familie, einerseits. Soto spricht über seine Eltern und seine Schwiegereltern, deren Enkelkinder über die halbe Welt verstreut sind. "Nur eine Enkelin ist in Manizales, alle anderen weit weg, und sie vermissen ihre Enkelkinder. Unsere Eltern sollen die Rolle als Großeltern spielen können, sie sollen die Kinder groß werden sehen können. Und die Kinder sollen ihre Großeltern haben. Die Große hat jetzt das erste Schuljahr fast hinter sich, das ist noch ein guter Zeitpunkt zum Wechseln." Die Familie spiele eine Hauptrolle in Kolumbien, erklärt Soto, "wenn eine Tante Geburtstag hat, feiert man schon mit vierzig Leuten, man isst zusammen, so oft es geht, das vermisse ich."

Und weiterhin würde Soto am liebsten noch einmal für Once spielen, wo er einen Stellenwert hat, der nicht viel geringer sein kann als der in Mainz. "Sechs Jahre habe ich dort gespielt", sagt der Mittelfeldmann. "Ich war der einzige Spieler im Kader aus Manizales, alle anderen kamen aus dem Ausland oder aus anderen Teilen Kolumbiens. Ich war der einzige aus der Stadt, der mit dem eigenen Verein die Copa Libertadores gewonnen hat. Nach der Verletzung müssen wir sehen, was möglich ist, aber ich hoffe, das klappt noch einmal." Danach sieht sich Soto als Jugendtrainer; eine argentinische Fußballlehrerausbildung hat er bereits begonnen, einen Online-Kurs. Nur zur Prüfung müssen die Teilnehmer für 14 Tage nach Argentinien kommen.

Und der Soto, an den man sich besonders gern erinnert, beim Freistoßtor gegen den FCK - versteckt hinter Ranisav Jovanovic übrigens Félix Borja, der sich kürzlich aus Hong Kong beim ehemaligen Mitspieler gemeldet hat. "Félix ist ein Phänomen", lacht Soto heute. Foto: imagoUnd doch haben auch die knapp zehn Jahre in Mainz ihre Spuren hinterlassen, nicht nur in Form von Erinnerungen an Spiele gegen längst abgestiegene Ex-Bundesligisten. "Ich werde das Stadion vermissen, die Atmosphäre bei den Heimspielen mit Fans und mit den Einlaufkindern. Auch das deutsche Essen. Auch die Kälte. Im Winter und bei Regen zu spielen, das hat mir immer Spaß gemacht" - und selbst das kühle Hochgebirgsklima der Anden, in Manizales oder Bogotá, kann ein deutsches Dezemberspiel nicht simulieren.

Ein bisschen Wehmut ist also da. Auch die Freude über die Rückkehr in den Fußballalltag kann das nicht komplett überdecken, nicht einmal die immer wieder formulierte Dankbarkeit an die Ärzte und Therapeuten, an die Mitspieler, die Soto in der langen Rekonvaleszenz immer das Gefühl gegeben haben, weiterhin ein vollwertiger Teil der Mannschaft zu sein, nicht zuletzt an die Fans. Elkin Soto will wieder nach Hause, er wird Mainz verlassen. In die Lücke, die dann bleibt, müssen andere erst einmal hineinwachsen.

► Alle Interviews

► Zur Startseite