Der zweitgrößte Abstiegskampf von allen

Christian Karn. Mainz.
Ein Sonntag im April 1955. Krisenstimmung auf dem Koblenzer Oberwerth. Frustrierte Spieler, ein Trainer, der Schlimmes befürchtet. Der FSV Mainz 05 stand an diesem vorletzten Spieltag der Oberligasaison 1954/55 immer noch nicht auf einem Abstiegsplatz, war aber auf dem besten Weg, sich dorthin zu manövrieren. Und konnte davon ausgehen: Wenn's passiert, kommen wir davon nicht mehr weg. Wie die 05er in den Abstiegskampf gerieten und wie sie ihn überstanden, erzählt die nullfünfMixedZone in der heutigen Folge der Serie "Geschichten von früher".

Die 05er in der Saison 1952/53. Von links Jupp Amadori, Ilija Popovic, Erwin Vitzthum, Seppel Meinhardt, Hermann Ronde, Kurt Kolb, Walter Jäschke, Horst Schulz, Bernd Christ, Alfred Höfer, Georg Hagen und Erich Krehl.

Eigentlich hatten sich die 05er in den Jahren vor ihrem 50. Jubiläum gut im Mittelfeld der Oberliga Südwest etabliert. Sie hatten eine gute Mannschaft, teilweise seit Jahren eingespielt: Der Thüringer Torwart Walter Jäschke, der Koblenzer Linksverteidiger Alfred Höfer, der Ingelheimer Flügelstürmer Bernd Christ und auch wieder der zwischenzeitlich zum 1. FC Kaiserslautern abgewanderte Torjäger Karl-Heinz Wettig spielten seit 1952 zusammen, der kleine hessische Mittelfeldläufer Hermann Ronde, der Hechtsheimer Schlosser Josef Meinhardt im Angriff und natürlich der große Abwehrchef "Jupp" Amadori aus Mombach noch länger. Sogar die missglückten Transfers des Sommers 1953, in dem die Angreifer Günther Friedrich (Lüneburger SK), Georg Rotherr (Wasserburg am Inn), Schunk (vom SV Gonsenheim) sowie der Kasteler Verteidiger Leander Wild keine zwei Wochen vor dem ersten Spiel absprangen und der im letzten Moment aus Niedersachsen verpflichtete Linksaußen Knut Hansen keine große Verstärkung war, hatte keinen Schaden angerichtet, weil sich die anderen drei Transfers als Volltreffer herausstellten: Der Oberschlesier Walter Sonnenberger war sofort im Mittelfeld ein langjähriger Leistungsträger. Werner Sommer aus dem eigenen Nachwuchs begann als Mittelstürmer mit 13 Saisontoren und entwickelte sich zu einem wichtigen Mittelfeldspieler. Und der erfahrene Weisenauer Torjäger Franz Mattes hatte zwar durch einen längeren Krankenhausaufenthalt Trainingsrückstand und brauchte Zeit, war aber bald eine wichtige Stütze - in der Abwehr.

Zwar waren konditionelle Mängel in den ersten Spielen der Saison 1953/54 nicht zu übersehen, aber schon ab dem dritten Spieltag gab es auf dem ersten Rasenplatz der 05er eine kleine Siegesserie. Eins dieser Spiele sollte sogar live im Fernsehen übertragen werden, rund ein Dreivierteljahr nachdem mit der Partie zwischen Hamborn 07 und dem FC St. Pauli zum ersten Mal ein Fußballspiel live auf die Bildschirme gekommen war. Obwohl aber die Probeaufnahmen beim Freitagstraining einwandfrei verlaufen waren, wurde die Übertragung des 6:0-Heimsiegs gegen den FV Speyer kurzfristig abgesagt: Während der Partie war der Sender auf dem Erbenheimer Militärflugplatz in Betrieb, der das Signal vom Bruchweg zu sehr störte.

Einer der größten 05-Erfolge in Jahrzehnten: Der 5:2-Heimsieg gegen den FCK.Am 15. November gelang den 05ern die erste Sensation des Jahres: 5:2 gegen den FCK, der immerhin mit den späteren Weltmeistern Fritz und Ottmar Walter, Horst Eckel und Werner Kohlmeyer am Bruchweg antrat. Werner Liebrich fehlte. Ottmar Walter brachte die Pfälzer schon in der ersten Minute in Führung, als der riesengroße Rechtsverteidiger Kurt Kolb, selbst ein Ex-Lauterer, eine Winzigkeit zu spät reagierte. In der vierten Minute glich Werner Sommer nach einer Ecke aus, dann traf der FCK-Linksaußen Karl Wanger aus Abseitsposition zur erneuten Führung. Die 05er ließen sich nicht erschrecken. Das 2:2 lag schon lange vor Wettigs erstem Tor in der Luft. Der Mainzer Linksaußen traf ab der 38. Minute viermal, wobei sein vermeintliches 3:2 in der Nachspielzeit der ersten Hälfte aberkannt wurde. Zwei reguläre Wettig-Tore sowie ein 25-Meter-Freistoß von Sonnenberger entschieden die Partie in der zweiten Hälfte.

Im folgenden Sommer verließ der inzwischen 34-jährige Mittelfeldchef Georg Hagen, einst Deutscher Meister mit dem 1. FC Nürnberg, die 05er. Als Ersatz kam der fast zwei Meter lange Hans Nebelung vom VfB Lübeck nach Mainz, ein mit 30 Jahren bereits sehr erfahrener Mann, der nach anfänglichen Schwierigkeiten immer stärker und ein Lieblingsspieler des Publikums wurde. Eigentlich war alles parat für eine gute Jubliäumssaison.

Aber die machte keinen großen Spaß. Es war ein verregnetes Jahr mit langem Winter. Bis in den März lag Schnee. Und von Ende Oktober bis Ende Januar gewannen die 05er nur einen Punkt in zehn Spielen, beim 1:1 gegen den FV Speyer direkt nach Neujahr. Erst am 30. Januar wurde diese Serie spektakulär gestoppt: 9:0 gegen den Tabellenletzten Spfr. Saarbrücken, der höchste 05-Sieg in einem Ligaspiel bis 1979.

Die 05er gegen Ende der Saison 1954/55: Hinten von links Trainer Gerd Higi, Franz Mattes, Karl-Heinz Wettig, Bernd Christ, Kurt Kolb, Walter Sonnenberger, Alfred Höfer, Seppel Meinhardt, Hermann Ronde. Vorne: Franz Bargon, Otto Schedler, Franz Schöneck und Hans Nebelung.Direkt nach dem Spiel gab es den nächsten Rückschlag: Jupp Amadori kündigte seinen Vertrag. Der 32-jährige Abwehrchef wollte sich auf seine Schreinerei in Mombach konzentrieren. "Wenn Mainz geschlagen werden soll, dann muss zuerst Amadori geschlagen werden", hatten die Experten zu Saisonbeginn gesagt. Vor dem Spiel gegen Saarbrücken, seinem mindestens 215. Einsatz für die 05er, hatten die Gegner Amadori oft genug geschlagen. Ganz auf ihn verzichten wollte der neue Trainer Gerd Higi, einst Amadoris Partner in der Mainzer Abwehr, aber eigentlich nicht.

Es kamen wieder Niederlagen, wenn auch nicht mehr in der Häufung des Winters. Higi improvisierte. Stellte den Verteidiger Kolb mehrmals im Sturmzentrum auf. Ein Vollstrecker wurde der Routinier auf dieser ungewohnten Position nicht mehr, aber 14 Tore in diesen sieben Spielen (darunter beim 4:0 beim VfR Kaiserslautern eins von Kolb selbst) zeigen, dass der Riese den nach dem guten Saisonbeginn lange vermissten Schwung ins Angriffsspiel zurückbrachte.

Abstiegskampf gab's trotzdem, erstmals seit der Saison 1950/51, in der die 05er lange Tabellenletzter waren, aber den Klassenverbleib schließlich schafften. Die Mannschaft war letztlich einfach zu alt geworden. Halbstürmer Josef Meinhardt (31) war am Ende zu sehr außer Form und wurde schließlich ins Mittelfeld zurückgenommen. Der gleichaltrige einstige Mittelstürmer Mattes kam mit dem Angriffstempo nicht mehr mit. Higi musste sich auf zu viele Notlösungen einlassen, um die Saison kontrolliert zu einem sicheren Ende zu bringen. Und dann war da noch dieses harte Schlussprogramm.

Viertletzter Spieltag: 1:2 gegen den FK Pirmasens. Ärgerlich, denn es war das letzte Spiel gegen eine schlagbare Mannschaft. Als nächstes ging es zum längst als Südwestmeister feststehenden 1. FC Kaiserslautern, dann nach Koblenz zur TuS Neuendorf, dann gegen Wormatia Worms, die beiden Spitzenkandidaten für den zweiten Platz.

Drittletzter Spieltag: 1:2 beim FCK. Besonders ärgerlich, denn wenn auch fast jeder mit einer wesentlich höheren Niederlage beim Tabellenführer gerechnet hatte, war an diesem Tag ein Punktgewinn möglich, vielleicht sogar der erste 05-Sieg auf dem Betzenberg. Der FCK hatte mit Kohlmeyer nur einen Weltmeister auf dem Platz. Ging zwar in Führung, aber Seppel Meinhardt glich früh aus. 70. Minute: Elfmeter für die 05er. Jupp Amadori hätte ihn verwandelt, aber der sichere Elfmeterschütze war ja nicht mehr dabei. Meinhardt trat an und traf die Latte. 89. Minute: Siegtor für den FCK. Gleichzeitig schlug Eintracht Bad Kreuznach den FV Speyer und überholte damit die 05er in der Tabelle. Speyer stand zwei Punkte hinter Mainz und musste dort bleiben.

Gruppenbild eines Nichtabsteigers: Die Mainzer Delegation nach dem Auswärtssieg in Koblenz. Zweiter von links: Trainer Gerd Higi.Vorletzter Spieltag: Das Spiel in Koblenz. Das die 05er eigentlich gar nicht auf der Rechnung hatten, weil sie wussten: Verlieren wir eh. In den letzten Jahren gab es dort ein 3:8, ein 0:6, ein 2:8. Ganz Mainz bereitete sich auf ein Endspiel gegen Worms vor. In Koblenz nahm das Spiel seinen erwarteten Lauf, wenn auch unter kurioseren Umständen als sonst: Rückstand in der ersten Minute. Ein Rückpass des Verteidigers Alfred Höfer in seiner Heimatstadt geriet zu hart. Torwart Franz Schöneck kam nicht an den Ball. 0:1. Dann ein harmloser Freistoß, den Schöneck dem Koblenzer Halblinken Horst Schmutzler vor die Füße boxte. 0:2 - und es waren erst gut 20 Minuten gespielt. Higi mahnte in der Halbzeit zur Schadensbegrenzung: "Passt auf das Torverhältnis auf, Männer!"

Aber dann: Anschlusstor durch Bernd Christ. Neuendorf wird nervös. Wankt. Linsaußen Karl-Heinz Wettig dreht auf, hat mehrmals den Ausgleich auf dem Fuß und schießt ihn schließlich in der 78. Minute. Das hätte schon zum Nichtabstieg gereicht, eine Niederlage Speyers bei TuRa Ludwigshafen vorausgesetzt. Und Speyer verlor tatsächlich, 2:4. Was in Koblenz aber keiner wusste. Also stürmten die Mainzer weiter. Und gingen drei Minuten nach dem Ausgleich durch einen Fallrückzieher von Franz Mattes in Führung. Und gaben die nicht mehr ab. Der völlig unerwartete Auswärtssieg bedeutete den Klassenerhalt. Und machte nebenher den Wormsern den Weg in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft frei, denn die erleichterten 05er verloren ihr Heimspiel gegen die Wormatia 3:8. Und feierten trotzdem guten Gewissens das 50. Jubiläum. Der zweite Höhepunkt des Sommers nach dem Spiel in Koblenz: Ein 2:1-Sieg mit zwei Sonnenberger-Toren gegen den englischen FA-Cup-Finalisten Manchester City mit der Torwartlegende Bert Trautmann.

Der Einlauf der Mannschaften zum Jubiläumsspiel. Die Mainzer (links) werden angeführt von Karl-Heinz Wettig, Franz Schöneck und Hans Nebelung. Rechts Manchester City mit Bert Trautmann, der zwei Tore von Walter Sonnenberger kassieren wird.

Weitere Geschichten von früher

1. Im Staube sozialisiert

2. Die Schule fürs Leben

3. Aufstieg oder Tod

4. Meenzer Bube und Berliner Jungs

5. Rheinhessensamba

6. Die dunklen Jahre

7. Die Zahnpastamannschaft

8. Geordneter Rückzug

9. "Wir haben einen neuen Deutschen Meister - FSV Mainz 05"

10. Absturz ohne Vorwarnung

11. Die vergessene Erfolgsmannschaft

12. Die Wiedergeburt - Mainz 05 nach dem 2. Weltkrieg 

13. "Passt auf das Torverhältnis auf"

 

 

► Alle Artikel zur Historie

► Zur Startseite