Die alten Männer und die Krise

Christian Karn. Brüssel.
Der RSC Anderlecht steht tief in der Krise, die Spieler wollen vielleicht schon den Trainer loswerden, der den ganzen Verein herabwürdigt, eine Struktur ist nicht zu erkennen - wenn man den diversen Ex-Spielern und -Trainern des belgischen Rekordmeisters lange genug zuhört, kommt ganz schön viel zusammen, woran René Weiler schuld sein soll. Tatsächlich leidet der neue Trainer der Belgier unter dem Verlust einer fast kompletten Abwehrreihe, einer naheliegenden Überheblichkeit nach einem Platzverweis nach 22 Sekunden und dem Gemecker der alten Männer, die alles besser zu wissen glauben. Ein Heimsieg gegen Mainz 05 wäre für Weiler heute Abend daher umso wertvoller.

So etwas passiert einem auch nicht in jeder Saison: Nur 22 Sekunden spielte der KV Red Star Waasland-Beveren am Sonntagabend mit elf Mann. Schon beim ersten gegnerischen Angriff sah Kapitän Ibrahima Seck die Rote Karte; der Senegalese hatte den aufs Tor zulaufenden Lukasz Teodorczyk geklammert und nicht mehr losgelassen, eine Notbremse. Aber auch die 76 Minuten Überzahl - denn in der Schlussphase wurde auch Stephane Badji vom Platz gestellt - reichte dem RSC Anderlecht nicht zum Punktgewinn beim Drittletzten der belgischen Liga. Zinho Gano brachte Waasland-Beveren nach neun Minuten in Führung. Torjäger Teodorczyk glich zwar sofort aus, aber nach dem 2:1 der Gastgeber durch den Verteidiger Niels de Schutter, der eigentlich in erster Linie Seck vertreten sollte, kam keine Antwort mehr. Die Tabellenführung, die er vor dem Hinspiel gegen Mainz 05 vor zwei Wochen erst erreicht hatte, ist erst einmal futsch für den belgischen Rekordmeister. Zwei Niederlagen des RSC in den letzten drei Spielen (vor dem 2:0 gegen den KV Mechelen, der einen Elfmeter verschoss und eine Halbzeit in Unterzahl spielte, gab es ein 1:2 im Topspiel gegen den Champions-League-Teilnehmer Club Brügge) nutzte der kleine SV Zulte Waregem, um sich mit zwei Siegen und einem Unentschieden einen Drei-Punkte-Vorsprung zu verschaffen. Er ist momentan verwundbar, der RSC Anderlecht.

Etwas zu sehr steht René Weiler im Fokus, einige Ex-Spieler und -Trainer des RSC Anderlecht nehmen den Schweizer hart unter Beschuss. Innenverteidiger Kara Mbodji (links), der nach einer Verletzung wieder ins Team kommt, bleibt ruhig: "Mit dem Druck muss man umgehen." Foto: imagoDer Trainer wirkt genervt, vielleicht weniger von der eigenen Mannschaft als von deren Vorgängern. "Geschichte und Tradition können keine Spiele gewinnen", wird René Weiler zitiert, etliche ehemalige Spieler des RSC hatten ihn zuvor hart unter Beschuss genommen. "Man sieht einfach keinen Fußball im Spiel von Anderlecht", hatte der ehemalige RSC-Trainer Johan Boskamp geschimpft. "Es gibt keinen Zusammenhang [in der Mannschaft]. Man könnte anfangen zu denken, dass die Spieler Weiler loswerden wollen." Nicolás Frutos, ehemaliger RSC-Stürmer und jetzt Jugendtrainer, stünde bereit. Der Ex-Nationalspieler Marc Degryse beispielsweise, von 1989 bis 1995 mit Anderlecht viermal Meister, inzwischen Fernseh-Experte, warf Weiler vor, mit seiner Kritik an der Mannschaft nach dem Spiel in Beveren "nicht nur die Spieler herabzuwürdigen, sondern den gesamten Verein. (...) Ich habe den Eindruck, dass René Weiler in einer neuen Welt gelandet ist - willkommen bei einem Topclub." Und: "Er fährt Anderlecht gegen die Wand."

Dass Degryse bei aller Unsachlichkeit ein tatsächliches Problem immerhin streift, das weiß Weiler. "Ich möchte endlich eine Struktur auf dem Feld sehen", fordert der ehemalige Nationalspieler, und die sucht auch der Trainer. Auf allen Abwehrpositionen fordert Weiler Verstärkungen; bis auf Bram Nuytinck hat der RSC im Sommer die komplette Stamm-Verteidigung verloren, auch der als neuer Abwehrchef verpflichtete Sebastien de Maio hat sich nach wenigen Trainingstagen wieder aus dem Staub gemacht, weil außerdem beide Rechts- und der erste Linksverteidiger verletzt sind, hat's Weiler nicht leicht. "Ein Fußballer muss aber mit dem Druck umgehen", sagt Nuytincks Nebenmann in der Innenverteidigung, Kara Mbodji, der ebenfalls wegen einer Verletzung die Partien gegen Mechelen und Beveren verpasst hat, heute abend gegen Mainz 05 aber wieder dabei sein soll - auch Rechtsaußen Alexandru Chipciu, der das Hinspiel verpasste, sollte zumindest wieder im Kader sein. "Die Ergebnisse sind momentan enttäuschend, aber das Wichtigste ist, dass jeder am Donnerstag sein Bestes geben wird."

Und RSC-Kapitän Sofiane Hanni, in Mainz der gefährlichste Angreifer der Belgier und der Vorbereiter von Teodorczyks Ausgleichstor, beruhigt die Aufregung: "Wir haben kein gutes Spiel gezeigt", sagt der Algerier. "Aufgrund der Roten Karte dachten wir, dass wir gewinnen würden." In Überzahl dürfe so ein Spiel nicht passieren, aber alle Topteams würden immer mal unerwartet Punkte verlieren.

Ein Sieg heute Abend gegen Mainz 05 würde das ganze Krisengerede, das Luxusproblem des Tabellenzweiten, vielleicht nur vorübergehend unterbinden. Schon am Sonntag geht es weiter mit dem nächsten Topspiel gegen den punktgleichen Verfolger KV Oostende, besteht die geringe Chance, wieder Erster zu werden (Zulte Waregem spielt beim Tabellenletzten KVC Westerlo), aber auch die Gefahr, auf Platz 3, 4, 5, 6 zurückzufallen. Eine Niederlage heute abend, und die ganzen alten Männer meckern weiter...

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