Die Falle gestellt, die Schlacht gewonnen

Christian Karn
Gonzalo Jara hat mit der Nationalmannschaft Chiles das Halbfinale der Copa América erreicht. Der Verteidiger des FSV Mainz 05 spielte beim 1:0 gegen Uruguay eine Doppelrolle. Zum Einen hielt Jara die Abwehr zusammen - im vierten Turnierspiel kassierte Chile zum dritten Mal kein Gegentor. Entscheidend dürfte aber auch seine Provokation gegen Edinson Cavani gewesen sein - der Stürmer ging in Jaras Falle und holte sich früh Gelb-Rot. Derweil kennt sich die nullfünfMixedZone mittlerweile recht gut aus mit dem lateinamerikanischen Fußball und seinen Eigenarten, aber so richtig haben wir uns immer noch nicht an seine Intensität gewöhnen können.

Der lateinamerikanische Fußball ist, vorsichtig ausgedrückt, anders als das, was wir aus Deutschland kennen. Gonzalo Jara gibt das ganz offen zu: Im Interview vor die Wahl gestellt sagte der chilenische Verteidiger des FSV Mainz 05, er würde lieber in England spielen. Dort sei der Fußball körperlicher. Das war vor dem Viertelfinale Chiles gegen Uruguay bei der Copa América. Im Freundeskreis der nullfünfMixedZone gibt es derweil eine enge Verwandte des großen Toño Rada, der einst - auch in Chile - beim 4:4 Kolumbiens gegen die Sowjetunion ein Tor gegen Lew Jaschin geschossen hat. Es muss das Erweckungsereignis des kolumbianischen Fußballs gewesen sein, damals, 1962, und das CCCP auf den Sowjet-Trikots steht seither nicht für Союз Советских etc., sondern für "Con Colombia Casi Perdimos" - "Gegen Kolumbien hätten wir beinahe verloren" -, aber darum geht es nicht, sondern um das Staunen der Lateinamerikaner über die Kleingeistigkeit der deutschen Schiedsrichter, die ständig für Lappalien Rot zeigen würden. "Das ist doch Fußball!" heißt es dann, "das ist doch ein Kampfspiel!"

Der lateinamerikanische Fußball ist körperlich, immer noch vorsichtig ausgedrückt. Man könnte auch "ruppig" sagen. Man könnte auch "brutal" sagen. Herausragend in dieser Hinsicht sind bei der diesjährigen Copa die Spiele Kolumbiens - wobei es in allen drei Gruppenspielen zunächst die Gegner waren, die sich an der Überraschungsmannschaft der WM 2014 so lange abarbeiteten, bis es Juan Cuadrado, dem rechten Mittelfeldmann von Chelsea, zu bunt wurde. Nach Bundesliga-Maßstäben hätten die Kolumbianer das erste Gruppenspiel, das Derby gegen den Nachbarn Venezuela, mit zehn, vielleicht neun Mann beendet und der Gegner mit höchstens sieben. Den Brasilianern ging gegen Kolumbien mal wieder Neymar verloren. Diesmal nicht durch eine Verletzung wie beim WM-Spiel, bei dem Juan Zúñiga ihm das Knie in die Wirbelsäule rammte - normale Härte in Südamerika. Diesmal durch die diversen Ausraster nach dem Spiel und eine sehr dunkelrote Karte. Die Partie gegen Peru schließlich, gegen die aus der Bundesliga berüchtigten Treter Carlos Zambrano und Paolo Guerrero, hätte dem Law-and-Order-Mann Deniz Aytekin beispielsweise womöglich einen Herzinfarkt gebracht.

Jetzt also Chile gegen Uruguay. Das erste Viertelfinale der Copa, die Partie des Gastgebers, der endlich mal das Turnier gewinnen will, gegen den Titelverteidiger. Das Schlüsselspiel vor allem für einen Stürmer Uruguays, für Edinson Cavani, den Schattenmann der Topstars. Cavani ist ein Torjäger. Seit fünf Jahren hat der 28-Jährige beim SSC Neapel und bei Paris Saint-Germain beeindruckende Trefferquoten. 2013 soll PSG 64 Millionen für den Stürmer gezahlt haben. Als Topstar wird er trotzdem nicht angesehen: Im Verein steht ihm Zlatan Ibrahimovic im Weg, der wohl größte Exzentriker des derzeitigen Weltfußballs, in der Nationalmannschaft wiederum Luis Suárez. Vielleicht aktuell die beiden besten Mittelstürmer der Welt.

Aber Suárez fehlt. Dem FC Barcelona hat der Torjäger den Tridente ermöglicht, eine Offensive, wie sie die Katalanen seit der Alle-Titel-Saison 2008/09 mit Leo Messi, Samuel Eto'o und Thierry Henry nicht mehr hatten: Messi spielt wieder auf dem Flügel und ist nicht mehr für alles persönlich verantwortlich, in der Mitte sticht Suárez zu und links ist Neymar, der zweitgrößte Exzentriker des Weltfußballs, sogar nur die Nummer 3. In der Nationalmannschaft aber ist Suárez, der Erfolg-um-jeden-Preis-, der Keine-Rücksicht-auf-Verluste-Fanatiker, immer noch gesperrt. Das ist die Chance für Cavani.

Das war sie. Genutzt hat er sie nicht. Null Tore in 333 Minuten sind die Turnierbilanz des Stürmers. Nur 333 Minuten, weil er am Ende in Jaras Falle ging und die letzten 27 Minuten Uruguays bei dieser Copa América nicht mal mehr im Innenraum ansehen durfte. Der Stürmer, der zeigen wollte, auch selbst der Chef einer Mannschaft sein zu können, ließ sich zu Gelb-Rot provozieren.

Mit dem spektakulären Auftritt Chiles im letzten Gruppenspiel war die Partie nicht zu vergleichen. Die Bolivianer waren zahm, geradezu freundlich vor knapp einer Woche und kassierten ein 0:5. Uruguay suchte von Anfang an die offene Schlacht. Und Chile nahm sie an. Auf beiden Seiten gab es beeindruckende Fouls, diverse gelbe Karten, über die der deutsche Zuschauer staunte: Cavani grätschte beispielsweise Arturo Vidal (Juventus Turin) über den Haufen, rempelte danach mit ausgestreckter Brust den Linienrichter weg - Gelb. Weiter nichts.

Torchancen gab es kaum. Ganz früh musste Gary Medel (Inter Mailand) Cavani abblocken. Ansonsten mauerte sich Uruguay durch die erste Hälfte, was ganz gut funktionierte. Eigene Chancen gab es nicht mehr, aber auch keine für Chile. Man muss den Begriff "Torchance" weit dehnen, um den komplizierten Volleyschuss von Eduardo Vargas (SSC Neapel, 8.), den Flugkopfball von Alexis Sánchez (Arsenal, 33.) und den Fernschuss von Vidal (37.) mitzuzählen.

Edinson Cavani, der Mann in Blau, sieht gleich Gelb-Rot. Gonzalo Jara nicht. Foto: imagoNach einer guten Stunde kam es zur ersten Schlüsselszene. Jara und Cavani gerieten im Mittelkreis aneinander. Jara hatte die Hand im Gesicht des Uruguayers. Der brasilianische Schiedsrichter Sandro Meira Ricci ging dazwischen, trennte die beiden Spieler. Kaum war Ricci weg, suchte Jara schon wieder Kontakt, erzählte Cavani irgendetwas. Und der Uruguayer, der den ganzen Tag schon nicht ganz bei der Sache schien, möglicherweise abgelenkt war durch die Verhaftung seines Vaters kurz vor dem Spiel wegen eines Verkehrsunfalls, bei dem ein Motorradfahrer ums Leben kam, ließ sich provozieren. Zwar war es eher ein Tätscheln mit dem Handrücken als eine Backpfeife, die er Jara verpasste - der jedenfalls brach zusammen, hielt sich das Gesicht. Die Falle war zugeschnappt, der Gegner sah Gelb-Rot. Regte sich fürchterlich auf, musste vom Chilenen Mauricio Isla (die beiden kennen sich aus der italienischen Liga) und von seinen Kollegen vom Platz gezerrt werden.

Das Tor fiel in der 81. Minute. Von der rechten Abwehrseite kam eine Flanke vor das Tor des Titelverteidigers. Der Torwart Fernando Muslera (Galatasaray) boxte Vargas den Ball vom Kopf, Jorge Valdivia holte ihn sich direkt vor dem Strafraum. Zwei Mann griffen den Spielmacher des SE Palmeiras an, aber der schob einfach den Ball ein paar Meter zur Seite. Die Abwehr war noch überhaupt nicht wieder sortiert, Muslera sah nichts, weil ihm die Verteidiger im Weg standen, Isla, der überragende Rechtsverteidiger von Juventus, schoss das 1:0.

Chile gewann die Schlacht, in der auch Uruguays Verteidiger Jorge Fucile (Nacional Montevideo) noch Gelb-Rot sah für eine Sense gegen Alexis Sánchez - ein Platzverweis, der wesentlich eindeutiger war als der gegen Cavani, den trotzdem ganz Uruguay auf dem Spielfeld ausdiskutieren wollte; José María Giménez (Atlético Madrid) ging auf den Linienrichter los, Trainer Óscar Tabárez flog aus dem Stadion. Chile gewann die Schlacht und vielleicht das Schlüsselspiel des Turniers: Wer das übersteht, so wird es sich für die Spieler und das ganze Land anfühlen, der kann alles schaffen. Wer immer der Halbfinalgegner wird, Peru oder Bolivien, wird der krasse Außenseiter sein. Beide haben bisher überhaupt nicht überzeugt. Wenn es Peru wird, steht den Chilenen zumindest die nächste Schlacht bevor. Denn dann kommen Guerrero, Zambrano und der Luis Advíncula, der in den letzten Jahren von Hoffenheim in die ganze Welt verliehen wird. Alle drei hätten nach Bundesliga-Standards ihr letztes Gruppenspiel nicht zu Ende gespielt - außer vielleicht Zambrano, der offenbar gegen Platzverweise immunisiert ist. Aber der lateinamerikanische Fußball ist anders.

 

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.