„Die Gehälter sind in den vergangenen Jahren explodiert“

Jörg Schneider. Burton upon Trent.
Der aufmerksame Beobachter verpasst so gut wie keine Einheit. Seine Augen scannen förmlich alles, was sich auf den Rasenplätzen und im Trainingsquartier abspielt. Christian Heidel sieht ganz genau hin in England, fährt alle Antennen aus, um Eindrücke zu sammeln, Stimmungen und Strömungen auszuloten im St. George’s Park, dem Sportzentrum des englischen Fußballverbandes FA nahe Burton upon Trent.

Der FSV Mainz 05 steht mal wieder vor einer schwierigen Aufgabe, vor einem Start in eine Saison mit vielen Fragezeichen. Neuer Cheftrainer, neue Trainercrew, massive Fluktuation im Kader. Europaliga-Qualifikation Mitten im Vorbereitungsstress. Da sind die Sinne des Managers geschärft. nullfünfMixedZone sprach mit Christian Heidel über diese Dinge im St. George`s Park.

Hallo Herr Heidel, wie fühlen Sie sich in dieser Vorbereitung? Nervös und aufgeregt oder entspannt?

Es unterscheidet sich sicherlich von den Vorjahren, weil wir eine komplett andere Trainer-Mannschaft haben. Es soll ja jetzt gar nicht negativ klingen, aber wenn man fünf Jahre lang denselben Trainer hat, dann kennt man die Abläufe, man weiß alles im Endeffekt. Dann ist es auch mal spannend zu sehen, wie macht es ein neuer Trainer. Wie geht er es an? Deshalb, nicht aus Kontrolle, sondern aus eigenem Interesse, bin ich im Moment etwas näher dran, schaue mir die Einheiten an, gehe in die Sitzungen rein. Das kann man so nicht vergleichen mit den Jahren zuvor. Ganz sicher. Aber ich kann jetzt auch nicht sagen, dass ich hypernervörs bin. Natürlich fragt sich jetzt jeder, wie das nach fünf Jahren Thomas Tuchel weitergeht.

Wir hoffen alle auf einen guten Start. Was aber ist, wenn der nicht so gut ist? Wie reagieren die Menschen? Darüber macht man sich natürlich schon seine Gedanken. In die Arbeit der handelnden Personen habe ich nach ganz kurzer Zeit schon sehr großes Vertrauen. Weil das, was ich geglaubt habe zu hören in den vielen Vorgesprächen, das sehe ich jetzt einfach. Das ist Arbeit auf höchster Qualitätsstufe. Genau wie das bei Klopp und Buvac sowie bei Tuchel und Michels war. Ich habe das ja mal so formuliert: ‚Die Schwierigkeit war, einen Trainer zu finden, bei dem die Mannschaft nicht das Gefühl hat, ach du lieber Gott, jetzt haben wir fünf Jahre lang auf diesem Niveau trainiert und machen jetzt alles anders‘. Ich nenne das immer die Ärmel-hochkrempel-Trainer, die vom Rausgehen und Grasfressen reden, aber die Mannschaft nicht taktisch nach vorne bringen. Diesen Eindruck habe ich jetzt nicht. Wenn ich die Übungen sehe, dann ist das der gleiche Level wie vorher. Trotzdem werden wir Spiele verlieren. Damit werden wir konfrontiert. Aber da mache ich mir nach 23 Jahren im Geschäft keinen Kopf mehr. Wenn ich davon überzeugt bin, ziehen wir es durch. Und Stand heute muss ich klar sagen, bin ich sehr überzeugt, dass wir eine gute Wahl getroffen haben. Das ist alles höchst professionell. Kasper guckt auf alles. Mir gefällt das sehr, sehr gut.

Aber anders als vorher ist es schon.

Das ist ja klar. Der Trainer heißt jetzt Hjulmand und nicht mehr Tuchel.

Viele Trainer auf dem Platz, andere Schwerpunkte. Auffallend ist, dass das fanatische Zweikampfverhalten bei Hjulmand nicht so im Vordergrund steht, wie früher.

Das kommt noch. Da haben wir drüber gesprochen. Das wird noch in eine andere Richtung gehen. In Richtung Zweikampfschulung. Pressing. Draufgehen. Das kommt, weil es Teil seiner Philosophie ist. Die Idee von ihm ist ja im Endeffekt, auch wenn sich das doof anhört, ich könnte mit Thomas Tuchel reden: Dominanz im Spiel, Kontrolle. Wir wollen den Ball haben. Und das Zweite: nach Ballgewinn sofort abgehen. ‚Transcription‘ nennt er das. Ich kann sehr gut Englisch inzwischen. Sofort die Umschaltung. Das ist das, was er will. Kasper hat mir mal einen Plan gezeigt, wie alle Trainingseinheiten vorbereitet sind. Wenn‘s dann mal losgeht, wird richtig draufgegangen. Wenn man die Mannschaftssitzungen sieht, ich weiß gar nicht wie oft da Pressing steht an der Wand.

Kasper scheint keiner zu sein, der in der Öffentlichkeit trommelt und versucht, die Leute anzufixen.

Ich glaube, das ist dem Umstand geschuldet, dass er jetzt erst kurz da ist. Wenn man ihn so sieht, sieht man, dass er ein bescheidener, zurückhaltender Mensch ist, der sich selber nicht in den Mittelpunkt stellt. Ohne dass ich das mit ihm abgesprochen habe, glaube ich nicht, dass er jetzt sagt: Ich muss mich vorne hinstellen und sofort die große Unterstützung einfordern. Dafür ist er noch nicht lange genug in Mainz. Er muss ja auch mal abwarten, wie die Menschen hier ticken. Also, ich muss sagen, in der Kabine, da müssen wir uns Null Gedanken machen hinsichtlich der Motivation. Da geht es ab. Überraschenderweise hatte ich am Anfang, als ich ihn kennengelernt habe, auch leicht den Eindruck, er könnte etwas zu zurückhaltend sein. Aber so zeigt er sich intern nicht. Auch während des Spiels ist er einer, der aktiv coacht. Das ist nicht das Problem. Er muss ein Gefühl bekommen für die Situation bei uns, wie die Spieler ticken, wie sie reagieren. Es wäre etwas früh, von ihm zu verlangen, dass man sein ganzes Repertoire nach der kurzen Zeit schon kennt und alles weiß.

Dennoch hatte man hier in England den Eindruck, dass überwiegend das Passspiel die Trainingsformen bestimmt. Sehen Sie das auch so?

Sicherlich sein Hauptding, das war auch in Dänemark so, das ist die Passgenauigkeit. Als Thomas damals hier anfing, mussten wir Bälle hin und her spielen, dass wir gedacht haben, wir sind bei der B-Jugend. Er macht genau dasselbe. Er guckt genau, wie viele Pässe einer spielt, wie viele davon ankommen und wie viele nicht. Solche Dinge interessieren ihn. Da bekommt jeder Spieler eine Statistik, die zeigt, wie viele Pässe er gespielt hat und wie viele ankommen. Genauigkeit. Konzentration. Das sind die Dinge, die bei ihm ganz oben stehen. Aber es ist bestimmt nicht so, dass dann alles genauso ist wie bei Thomas. Es wäre doch schlimm, wenn es so wäre. Kasper muss doch andere Ansätze wählen. Fakt ist: Der eine Spieler denkt, das habe ihm vorher besser gefallen. Es gibt aber eine ganze Reihe, die froh ist, endlich mal etwas Anderes zu machen. Das ist doch normal. Das ist ja das Spannende an der Geschichte.

Welche Rolle gibt Mainz 05 in der neuen Runde ab?

Das ist die schwierigste Frage überhaupt. Da sind so viele Unbekannte in der Rechnung, die man noch nicht einschätzen kann. Das Ziel war wiederum, durch die Dinge, die wir gemacht haben und noch machen werden, die Qualität in der Breite erneut ein Stück anzuheben. Wie macht man das? Indem man möglichst wenig Spieler mit Qualität verliert. Wir haben jetzt mit Maxim Choupo-Moting und Zdenek Pospech zwei mit großer Qualität verloren. Das Zweite ist, die Spieler, die momentan nicht zum Zuge kommen, mit Spielern zu ersetzen, die eine höhere Qualität haben. Dann werden die Leute mir sagen, ich hätte einen geholt, der gar nicht spielt. Denen muss ich immer wieder erklären, dass elf Menschen im Spiel anfangen. Unser Kader besteht aus 25. Wenn ich einen Spieler hole, und der muss in die Mannschaft, dann muss auch einer raus. Dann stimmt wohl mit dem irgendwas nicht. Das gehört zum Fußball dazu. Und wir sind inzwischen in der Situation, dass wir auch Spieler kaufen müssen gegen Ablöse, die nicht alle 34 Spiele machen. Auch der Profi, der bei Mainz 05 auf der Bank sitzt und vielleicht 17 Kurzeinsätze hat, den bekommen wir nicht mehr für umsonst. Dafür ist unsere Qualität jetzt zu hoch. Bei Bayern München sitzen Leute auf der Bank, die kosten 25 Millionen. Wo soll ich denn Spieler herbekommen, wenn ich die Idee verfolge, die Qualität der Breite nach oben zu fahren, mit wenig Gehalt. Und jedesmal kommen die Leute und beklagen einen Transferflop. Wir können auch mit elf neu geholten Profis spielen. Dann passen die alle und es sind alles grandiose Transfers. Das ist doch Unsinn. Früher war das anders in unseren Bundesliga-Anfängen. Da hatten wir 14, die Bundesliga spielen konnten und dahinter kam der große Abbruch. Und sobald wir Verletzungen hatten, sind wir abgekracht. Das passiert uns heute nicht mehr, weil die Nummer 19, die hat Geld gekostet. Der verdient ein gutes Gehalt und kann jederzeit unter den ersten elf spielen. Das muss man immer wieder aufs Neue betonen. Ich glaube, wir sind auf einem ganz guten Weg.

Woran machen Sie das fest?

Wir haben die Qualität noch einmal gesteigert, auch wenn uns insbesondere Choupo in der Offensive fehlen wird, weil er oft den Unterschied gemacht hat. Einen Maxim kann ich aber nicht mehr verpflichten. Deshalb spielt der heute bei Schalke und verdient dort das Drei- oder Vierfache. Das ist in Mainz nicht möglich, sonst hätte er ja verlängert. Also müssen wir Leute entwickeln, die in diese Rolle hineinschlüpfen. Der Trainer weiß auch, dass er nicht kommen und den Torschützenkönig von Italien verlangen kann. Den können wir nicht bezahlen. Wir müssen dafür sorgen, dass sich Spieler so entwickeln, dass sie wir sie zum Torschützenkönig von Italien machen können. Irgendwann. Dass du da natürlich nicht immer richtig liegst, ist klar. Wir werden ja auch offensiv noch das eine oder andere machen und sehen, dass wir einen Spieler dahin bringen, dass er nach drei Jahren nicht ablösefrei geht. Choupo ist ja nur ablösefrei gegangen, weil er ein Jahr lang verletzt war. Da kann kein Mensch was dazu. Das war ja anders gedacht. Ich bin felsenfest davon überzeugt, die Punkte werden auf der Bank geholt. Wenn du eine schlechte Bank hast in der Bundesliga, wenn du Verletzungen, Rote Karten, Formkrisen nicht kompensieren kannst, holst du weniger Punkte. Das haben wir leidvoll spüren müssen in den ersten drei Jahren Bundesliga. In den letzten Jahren hat sich das geändert, weil wir durch Transfers die Voraussetzungen geschaffen haben. Deshalb sage ich immer, wenn ich die Chance habe, jetzt Geld zu verdienen und das Risiko da ist, dass sich ein Spieler wieder nicht durchsetzt, wie Shawn Parker, dann muss ich als Mainz 05 das Geld nehmen und versuchen neue Profis zu holen, bei denen die Wahrscheinlichkeit dann größer ist, dass sie sich durchsetzen.

Wollen Sie sich die Option offen halten, bis zum Ende der Transferperiode abzuwarten, um noch reagieren zu können?

Es wird für uns immer schwieriger, Spieler zu verpflichten, die uns sofort helfen. Um es einfach auszudrücken: Unser Tabellenplatz passt nicht zu unseren wirtschaftlichen Möglichkeiten. Das kann man auch daran erkennen, dass unsere Spieler, die diesen siebten Platz in der Bundesliga erspielt haben, teilweise mit Angeboten überhäuft werden. Von Clubs, die tabellenmäßig schlechter stehen, aber wirtschaftlich Lichtjahre entfernt sind. Mein Job ist es, wenn ich schon einen Abgang nicht verhindern kann, dann muss ich zumindest um eine angemessene und gute Entschädigung für Mainz 05 kämpfen. Wir werden von unserer Politik, Jungs mit viel Potenzial zu günstigen Konditionen zu verpflichten und sie später mit viel Gewinn zu veräußern, nicht abgehen können. Außer Freiburg und Augsburg spielt doch keiner mehr in unserer Liga. Paderborn ist jetzt dazu gekommen. Schauen Sie sich doch an, was letztes Jahr in Freiburg passiert ist. Die halbe Mannschaft war nach der Supersaison 12/13 weg. Augsburg droht jetzt das Gleiche. Selbst Frankfurt war Leidtragender seines eigenen Erfolges. Spielt Paderborn eine tolle Saison, können sie sich schnell um eine neue Mannschaft kümmern. Dann will jeder, und das verstehe ich auch, an die großen Fleischtöpfe, die Paderborn nicht hat.

Wie ist sehen Ihre Transferbilanz und die Situation von Mainz 05 aktuell aus?

Wir haben uns noch nie übernommen. Das werden wir auch dieses Jahr nicht tun. Das bewegt sich alles in einem abgesteckten Rahmen. Die Leute denken: ‚Zwei Millionen eingenommen, also kann er auch einen für zwei Millionen kaufen‘. Hinter den Spielern stehen aber auch Gehälter. Und ein Rahmen. Der liegt bei uns bei rund 25 Millionen. Da ist vom Trainer über Heidel und so weiter alles drin. Auf der anderen Seite gibt es die Position Transferausgaben. Die sind mit Null geplant, genauso wie zunächst einmal die Einnahmen. Also muss ich Null zu 25 Millionen rechnen. Jetzt verkaufe ich Parker für zwei Millionen. Dann könnte ich sagen, ich kaufe einen für eine Million und gebe ihm etwas mehr Gehalt. Das ist die spannende Aufgabe. Ich muss den Gehaltsrahmen im Griff haben und Einnahmen mit Ausgaben aus Transfers zu decken. Wir geben kein Geld aus und sagen, wir haben ja noch neun Monate Zeit, um das, was wir zu viel ausgegeben haben, wieder reinzuholen. Das Zauberwort heißt Liquidität. Momentan liegen auf unseren Konten viele Millionen. Die Dauerkartenbesitzer haben bezahlt, etc. Wir könnten uns also Spieler leisten. Doch ich brauche das Geld für die gesamte Saison. Es gibt Klubs, die sagen, sie haben momentan Geld. Das reicht zwar, wenn sie es jetzt ausgeben, nur bis April, aber sie hätten ja Zeit, das irgendwo aufzutreiben. Das sind die Klubs, die bei der Lizenzierung ihre Probleme bekommen. Bis April musst du nachweisen, wie die Liquidität weiter geht. Du kannst nicht sagen, dass du darauf hoffst, dass im Mai einer kommt, der es ausgleicht. Das machen wir nicht. Wenn mir Einnahmen wegfallen, muss ich bei den Ausgaben aufpassen. Ich kann normalerweise den Stand unseres laufenden Kontos im nächsten April vorhersagen. Das haben wir gut im Griff.

Die Fernseheinnahmen haben sich aber doch erhöht?

Die sind in der Planung komplett drin. Unser Etat ist schon so um eine Million angehoben. Der Vorteil der neuen Fernsehgeldverteilung ist der, das wir jetzt wissen auf Heller und Pfenning, wie viel TV-Geld wir nächstes Jahr bekommen. Durch die laufende Saison wird das TV-Geld nicht mehr beeinträchtigt. Wir erhalten rund 31,6 Millionen TV-Geld – was für ein Wahnsinn - und das wird verteilt von jetzt bis zum 30. Juni nächsten Jahres. Das gibt mir Planungssicherheit. Das ändert sich aber wieder im nächsten Jahr. Wenn wir diese Saison Elfter werden, verlieren wir TV-Rankingplätze und damit ein paar Millionen.

Wie wirkt sich das auf die Vertragssituation der Profis aus?

Ich brauche immer Luft. 20 Verträge, die zwei Jahre lang laufen, sind eine Katastrophe, weil es keine Möglichkeit mehr gibt, das zu steuern. Wir sind da sehr, sehr solide aufgestellt. Wir haben Spielraum. Das heißt nicht, dass wir morgen einen Profi kaufen können für fünf Millionen. Diese Geschichte mit Koo hat uns nicht nur gut getan. Weil wir inzwischen zu viele Spieler angeboten bekommen, bei denen ich sagen muss: ‚Habt ihr sie eigentlich noch alle‘. Koo war ein Spezialfall, weil ich mit Wolfsburg einen Vertrag machen konnte, bei dem ich nicht fünf Millionen hinlegen musste, sondern den Betrag über Jahre budgetieren konnte. Wie ein Finanzkauf. Das machen andere ja auch so. Schalke 04 hat Adam Szalai schon verkauft und muss bei uns noch bezahlen. Das heißt, ich will das Geld jetzt gar nicht, habe aber eine Sicherheit, dass wenn ich nach Wolfsburg bezahlen muss, bekomme ich das Geld von Schalke. So gleicht sich das aus.

Koo ist ein gutes Beispiel. Sprengt er den Mainzer Gehaltsrahmen?

Kein Spieler wird den Gehaltsrahmen sprengen, denn dann mache ich einen Fehler. Koo ist kein günstiger Spieler. Ganz klar. Es ist auch nicht so, dass in Mainz alle Spieler das Gleiche verdienen. Wir haben einen Level, aber ich muss offen zugeben, die Gehälter sind in den vergangenen Jahren explodiert. Wenn man 25 Millionen ausgibt für rund 32 Leute, da weiß man, wo wir sind.

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