„Die Motivation zu verlieren, kann man sich nicht erlauben“

Jörg Schneider/Christian Karn. Mainz.
Vom Glück verfolgt war Philipp Wollscheid in den drei Monaten, die der 25-Jährige nun in Mainz arbeitet, wirklich nicht. Der Innenverteidiger, für ein Jahr von Bayer 04 Leverkusen ausgeliehen, war gekommen, um beim FSV Mainz 05 in der Bundesliga zu spielen. Doch von Anfang an machten Verletzungen dem Profi einen Strich durch die Rechnung. Wollscheid muss wie Routinier Nikolce Noveski auf seine Startelf-Chance warten. Im Interview mit der nullfünfMixedZone spricht der Spieler über seine Situation.

Philipp Wollscheid im Gespräch mit nullfünfMixedZone-Redakteur Jörg Schneider. Foto: Christian KarnHallo Herr Wollscheid, wie geht's?

Gut. Ich war schon einige Wochen wieder fit, hatte nur an einer anderen Stelle des Oberschenkels noch eine Zerrung, die mich für das vergangene Spiel außer Gefecht gesetzt hat. Aber jetzt fühle ich mich soweit wieder gut. Ich habe die Trainingswoche komplett mitgemacht und jetzt wird es Zeit, dass es wieder losgeht.

Wir nehmen an, dass Sie sich das alles etwas anders vorgestellt haben. Wann immer es für Sie interessant wurde, kam eine Verletzung dazwischen.

Ja, so kann man das sagen. Schon mit dem Berlin-Spiel hat das nicht so angefangen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ganz anders, ehrlich gesagt: Ich bin davon ausgegangen, dass ich da spiele. Und zwei Tage vor dem Spiel gegen Dortmund habe ich mich verletzt. Aber das ist so im Fußball. Das muss man so nehmen, wie es kommt. Man kann zwar versuchen, präventiv zu arbeiten, aber man kann nicht alles ausschließen. Und darf am Ende den Kopf nicht hängen lassen, weil es weitergehen muss.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Ich habe jetzt zwei volle Trainingstage mitgemacht. Jetzt wird sich entscheiden, wie es weitergeht.

Wie geht man mit einer solchen Situation um? Sie hatten ja Pech. Jeder sagte am Anfang, dass Sie sofort spielen würden, dann kam etwas dazwischen und plötzlich sind die anderen stark, die Konkurrenz ist da...

Das ist natürlich nicht immer ganz einfach. Aber es hilft nichts, mit dem Schicksal zu hadern. Insgesamt habe ich ja trotzdem einen tollen Job. Es ist halt manchmal so... In den letzten 15 Monaten lief es nicht so gut, aber die vier Jahre davor waren ziemlich gut. Es hilft ja nichts. Man kann möglichst gut seine Arbeit machen und der Rest wird sich dann zeigen.

War der Schritt nach Mainz im Rückblick trotzdem richtig?

Im Nachhinein kann man viel sagen. Vorher weiß man nie, wie es läuft. Ob ich mich anderswo mehr oder weniger verletzt hätte, mehr oder weniger spielen würde... natürlich ist es äußerst unglücklich gelaufen. Mein Hauptgrund, nach Mainz zu kommen, war, dass ich mir hier die größten Einsatzzeiten vorgestellt hatte.

Nur über die Leistungen im täglichen Training kann Philipp Wollschid (Mitte) seine Situation verbessern. Die Aufgabe heißt: Dem Trainer immer wieder zeigen, dass man bereit ist. Foto: Christian KarnSie sind aber kein Typ, der damit groß hadert?

Doch, am Anfang schon ein bisschen. Aber dann denkt man sich schon: Was soll man machen?

Sie waren Stammspieler in Nürnberg, sind für viel Geld nach Leverkusen gewechselt, auch dort Stammspieler gewesen, Nationalspieler - warum kam dann ein Knick?

Naja, was heißt "Knick"? In der letzten Saison hatte ich von drei laut Trainer gleich starken Innenverteidigern die geringsten Einsatzzeiten und in den wichtigen Spielen oft das Nachsehen. Ich habe immer noch vielleicht 50, 60 Prozent der Spiele gemacht, aber das hat mir nicht genügt. Sportlich konnte ich die Situation nicht nachvollziehen, also wollte ich in einem anderen Verein eine neue Situation, die für mich besser aussieht. So kam das zustande.

Die Einschätzung des Trainers konnten Sie also nicht teilen?

Nein, überhaupt nicht. Aber auch da hilft es nicht, zu hadern. Wie bei den Verletzungen; das hilft nie.

Aber im Sommer war es klar, dass Sie etwas unternehmen wollen? Oder war es spontan?

Nein, nein, schon am Ende der letzten Saison hatte ich schon klare Gespräche mit dem Verein über unsere Vorstellungen. Weil keine wirklich positive Veränderung in Sicht war, habe ich schon dem Verein klar gemacht, dass ich im Laufe dieser Transferperiode bei einem anderen Verein mein Glück versuchen will. Man hat mir keine großen Steine in den Weg gelegt, sondern dementsprechend reagiert mit einer Neuverpflichtung auf der Position. Alles sauber.

Wie kamen Sie auf Mainz?

Das hat sich kurzfristig entwickelt. In diesen Wochen ging viel hin und her. Es war auch komisch, mal da, dann doch nicht, aber am Ende ging es konkret nur noch um Wolfsburg und Mainz. In Mainz habe ich größere Chancen gesehen, jeden Samstag zu spielen. Es war ganz klar eine bewusste Entscheidung für Mainz. Es hat leider bis jetzt noch nicht geklappt.

Dass man so eine Trainerentscheidung nicht nachvollziehen kann, dass man an Stellenwert verliert - verliert man dadurch auch an Motivation? Oder kann man sich das als Profi grundsätzlich nicht erlauben?

Natürlich ist man auch mal frustriert, wenn man sich in der Aufstellung erwartet hat, aber vor allem in der Champions League, zum Beispiel in einem Spiel gegen Manchester, auf der Bank sitzt. Ich habe in der Champions League nur zweimal von Beginn an gespielt und das war mir zu wenig. Aber die Motivation zu verlieren, kann man sich nicht erlauben.

Wie sieht es hier aus? Gibt es einen Austausch mit dem Trainer, bekommen Sie Bestätigung?

Klar, hin und wieder gibt es Gespräche. Der Trainer war halt in der Phase, in der ich verletzt war, sehr zufrieden mit den anderen beiden Innenverteidigern. Da gibt es für den Trainer wenig Grund, etwas zu ändern. Da gibt es auch nicht viel zu kommunizieren.

Philipp Wollscheid im Dialog mit Trainer Kasper Hjulmand. Foto: Jörg Schneider Wie ist das Verhältnis unter den Innenverteidigern, von denen ja jeder einzelne jederzeit spielen könnte?

Der Trainer hat eine große Auswahl mit hoher Qualität. Das ist eine schwierige Situation. Aber die Mannschaft ist sehr homogen. Wir haben keine Quertreiber. Auch im direkten Konkurrenzkampf um eine Position spürt man nicht, dass man untereinander negativ wäre. Das muss man loben. Es sind gute Jungs.

Und auf einen Konkurrenzkampf ist man als Spieler ja immer eingestellt.

Klar. Aber ich behaupte trotzdem, dass es Mannschaften gibt, in denen es größere Schwierigkeiten gibt. Hier ist es wirklich angenehm mit den Jungs.

Man hört ja oft von Grabenkämpfen in anderen Mannschaften.

Ja, die gibt es immer mal wieder. Aber hier erstaunlicherweise wirklich nicht.

Wie schneidet Mainz allgemein ab, wenn man einen Vergleich zieht mit Leverkusen?

Der Unterschied in der täglichen Arbeit ist gar nicht so groß. Die Räume in Leverkusen sind vielleicht alle ein bisschen schöner, aber es gibt keine wahnsinnigen Unterschiede. Natürlich hat Leverkusen eine Mannschaft mit höherer Qualität, gerade in der Offensive.

Glauben Sie, dass die Karten in der Wintervorbereitung neu gemischt werden? Ist das oft so, dass es einen Schnitt gibt?

Das wird sich zeigen. Es ist ja noch lange hin.

Sie sind jetzt 25 Jahre alt. Welche Ziele setzt man sich in dem Alter?

Gute Frage. Meistens setze ich mir kurzfristige Ziele. Und kurzfristig will ich eigentlich nur so schnell wie möglich wieder regelmäßig spielen. Darüber hinaus wird sich zeigen, was wann wie weitergeht.

Nach jetzigem Stand geht es ja erst einmal nach Leverkusen zurück.

So sieht die Vertragssituation aus. Ab 1.7.2015 stehe ich für zwei Jahre in Leverkusen unter Vertrag.

Und auch da nachzufragen, welche Chancen es geben könnte, ist wahrscheinlich zu früh.

Da wissen Sie genauso viel wie ich. Es gibt Verträge, aber es ist nichts Neues, dass es auch manchmal andere Lösungen gibt. Aber da kann man momentan nur spekulieren.

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