Die Not des Nordens

Christian Karn. Mainz.
Die beiden größten Konstanten der Bundesliga kommen aus einer Region, die ansonsten nicht für ihren Fußball berühmt ist. Ebenso wie der Hamburger SV (0 verpasste Bundesligajahre) bangt aber auch Werder Bremen (erst ein verpasstes Bundesligajahr) nicht erst seit diesem Jahr um den Status als ewiger Erstligist. Möglicherweise haben die Bremer ihren Fehler der 1970er wiederholt: Offensiv sind sie sehr gut aufgestellt, aber die Schwächen in der Defensive, wo es nicht um Spektakel, sondern um eine solide Basis geht, könnten erneut im Abstieg enden.

Im Norden wird Handball gespielt. Fußballerisch waren die deutschen Küstenregionen selten von großer Bedeutung. Bremerhaven und Wilhelmshaven, Lübeck, Kiel und Oldenburg waren hin und wieder in der 2. Liga vertreten, jedoch ist Schleswig-Holstein immer noch (neben Sachsen-Anhalt und Thüringen, die in den ersten 28 Bundesligajahren noch Ausland waren) das einzige Bundesland, das nie einen Verein in die Bundesliga brachte. Auch das große Niedersachsen hat außerhalb eines kleinen Bereichs im Südosten (und das Wolfsburger Stadion als nördlichste der dortigen Erstliga-Spielstätten liegt südlicher als das Berliner Olympiastadion) noch keinen Bundesligafußball erlebt. Drei Ausnahmen gibt es nur: Rostock als bisher nördlichste Bundesligastadt; der FC Hansa hat sich lange im Spitzenfußball gehalten, ist inzwischen nur noch Drittligist. Hamburg mit dem selten spektakulären, aber unverwüstlichen HSV, gelegentlich auch mit dem FC St. Pauli. Und Bremen mit dem fast ebenso stabilen SV Werder. Es sind die beiden Konstanten der Bundesliga. Gründungsmitglieder waren sie 1963 sowieso, der seinerzeit in seiner schwachen Liga völlig unterforderte HSV, der seit 1948 jedes Jahr Nordmeister geworden war, abgesehen vom groben Ausrutscher in der Saison 1953/54 (Platz 11), und die Bremer, die 1959, 1960, 1961, 1962 und 1963 Vizemeister im Norden waren. Der HSV ist seither nie abgestiegen. Werder dagegen ruinierte sich im Größenwahn der 1970er die Mannschaft, stieg 1980 ab, kam sofort zurück in die Bundesliga und hat mit nur dieser einen verpassten Saison mehr Bundesligaerfahrung als alles, was der Süden, Westen, Südwesten und Osten nach oben schickte. Selbst Bayern München fehlte zweimal, der VfB Stuttgart in diesem Jahr zum dritten Mal, dem BVB fehlen vier Jahre, Gladbach, Schalke und der Eintracht sechs.

Bis in die 87. Minute hat Werder Bremen geführt, am Ende das Hinspiel gegen Mainz 05 1:2 verloren. Es ist die Defensive, die Werder in dieser Saison wieder in den Abstieg wirft. Foto: imagoAber ob das noch lange gut geht? Die Bundesliga-Karte, die lange ihren Schwerpunkt im Ruhrgebiet hatte, verschiebt sich immer weiter nach Süden. Schalke und Dortmund sind die letzten Erstligisten einer Region, die mit Bochum und Duisburg zwei lange etablierte Bundesligaklubs und mit Essen, Oberhausen und Wattenscheid drei weitere Vereine in untere Ligen verloren hat, während in Mainz, Freiburg, Sinsheim, Augsburg neue Erstligavereine entstanden sind. Und der Schwerpunkt könnte noch weiter in den Süden rutschen: Mit Hamburg, Bremen und Wolfsburg spielen alle drei Vereine aus dem Regionalverband Nord gegen den Abstieg. Erwischen wird es am Ende zwar wahrscheinlich höchstens einen, aber wenig spricht für langfristige Besserung: Der HSV musste schon mehrmals durch die Relegation, auch Werder war in den vergangenen Jahren nicht viel erfolgreicher und die Wolfsburger Strategie geht ebenfalls seit Jahren nicht auf.

Der Gedanke liegt zumindest nahe, Klaus Allofs damit in Verbindung zu bringen. Als Werder-Manager war der ehemalige Bundesliga-Torjäger für den letzte Bremer Blütezeit verantwortlich. Entdeckungen wie Valerien Ismael (jetzt Trainer in Wolfsburg), Johan Micoud, Naldo, Diego führten Werder aus dem oberen Bundesliga-Mittelfeld zur Deutschen Meisterschaft 2004, zu zwei zweiten und drei dritten Plätzen in den folgenden sechs Jahren, regelmäßig in die Champions League, im UEFA-Pokal 2007 ins Halbfinale (0:3 und 1:2 gegen Espanyol Barcelona) und 2009 ins Finale (1:2 n.V. gegen Schachtar Donezk). Vielleicht hat sich Werder zu sehr an den Erfolg gewöhnt. Es fehlte, als 2009 und 2011 die guten Tabellenplatzierungen ausblieben, das Champions-League-Geld, es fehlte das Sicherheitsnetz für Misserfolg. Spieler gingen, gleichwertiger Ersatz war zu teuer, das Niveau war nicht mehr zu halten. Allofs ging 2012 zum VfL Wolfsburg, wo sich die Geschichte wiederholte, im Dezember war auch dort für ihn Schluss.

Der heutigen Bremer Mannschaft fehlen die Micouds, Diegos, Naldos. Ihr fehlen Torjäger wie Ailton oder der junge Claudio Pizarro (beide waren schon da, als Allofs übernahm). Ihr fehlen inzwischen auch Jannik Vestergaard (inzwischen Gladbacher), Anthony Ujah (inzwischen in China), Levin Öztunali (dürfte heute als Mainzer gegen seinen Ex-Klub spielen), Papy Djilobodji (wieder in England). Sie hat trotzdem einige Spieler von gehobenem Bundesliganiveau. Zlatko Junuzovic ist ein Mittelfeldkünstler mit allen Vor- und Nachteilen, die das Klischee österreichischen Spielmachern zuschreibt: Feine Technik, feine Vorlagen, aber auch eine gewisse Zartheit, eine gewisse Anfälligkeit. Max Kruse könnte immer noch Nationalspieler sein, wäre es wahrscheinlich, wenn es nicht so oft so merkwürdige Schlagzeilen mit seinem Namen gäbe. Der junge Serge Gnabry galt vor einem Jahr bei den Olympischen Spielen als der kommende deutsche Fußballer und kommt mit den großen Hoffnungen gut zurecht, schießt in seinem ersten Bundesligajahr schon einige Tore und könnte bald nicht mehr zu halten sein. Dazu kommt der alte, in letzter Zeit nicht mehr allzu erfolgreiche, aber wahrscheinlich trotzdem jederzeit gefährliche Pizarro, dazu käme, wenn er sich nicht verletzt hätte, der hochinteressante Florian Grillitsch, noch so ein junger österreichischer Zehner, der nicht mehr zu halten war, im Sommer nach Hoffenheim wechseln wird. Vielleicht auch der 19-jährige Ousman Manneh, ein immer noch kaum ausgebildetes Naturtalent aus Gambia, das beim Bundesligadebüt im Hinspiel die Mainzer Abwehr mit seinem unkonventionellen, dynamischen Spiel schön verrückt gemacht hat. Gerade offensiv ist Werder immer noch gefährlich.

Defensiv passt es nicht. Die Torhüter Jaroslav Drobny und Felix Wiedwald, die Verteidiger Robert Bauer, Ludovic Sané, Niklas Moisander, Luca Caldirola, Santiago García und Theodor Gebre Selassie bilden bisher keine Abwehr von Bundesliganiveau. Drobny, der Routinier, dürfte nach abgelaufener Rotsperre heute wieder spielen. Rechts hat Bauer, der ehemalige Ingolstädter, der als Linksverteidiger geholt wurde, Gebre Selassie inzwischen verdrängt, auf seiner alten Position könnte anstelle von García der lange verletzte Caldirola ins Team zurückkommen, aber auch García im Team bleiben - mit Bauer, Sané und Moisander wäre dann zumindest die Abwehr auf dem Platz, mit der Bremen am 10. Dezember zum einzigen Mal in dieser Saison zu Null gespielt hat. Damals mit Drobny - und mit dem Sechser Philipp Bargfrede. Der zumindest wird ebenso wie Izet Hajrovic, der Bremer Torschütze im Hinspiel, heute fehlen.

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