Die Null steht, weil die Eins steht

Christian Karn. Wolfsburg.
Im neunten Saisonspiel hat der FSV Mainz 05 zum ersten Mal zu null gespielt - vorne und hinten. In der Offensive ging gegen den VfL Wolfsburg nicht viel, nur um die Halbzeitpause herum gab es ein paar Chancen. Aber hinten verteidigten die 05er sehr souverän und seriös alles weg, konnten sie sich, wenn es hin und wieder brenzlig wurde, auf den hervorragenden Jonas Lössl verlassen, konnte dieser, als er einmal überwunden war, sich wiederum auf seine Verteidiger verlassen. Die Wolfsburger mögen dem Siegtor näher gewesen sein, der Punkt der 05er ist hochverdient.

VfL Wolfsburg - FSV Mainz 05

Sonntag, 2. Oktober 2016, 25.876 Zuschauer.

VfL Wolfsburg: Casteels - Träsch, Bruma, Knoche, Rodríguez - Seguin, Arnold (78. Gerhardt) - Blaszczykowski (73. Bruno Henrique), Draxler, Caligiuri (63. Brekalo) - Gómez.
Reserve: Benaglio, Schäfer, Mayoral, Horn. Trainer: Hecking.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Hack, Bussmann - Gbamin, Frei (58. Brosinski) - Öztunali (73. de Blasis), Malli (83. Serdar), Onisiwo - Córdoba.
Reserve: Huth, Bungert, Clemens, Holtmann. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Brand (Bamberg).

Tore: keine

Karten: keine

Neun Spiele hat's gedauert, neun größtenteils gute Auftritte, von denen die 05er manch einen selbst wieder verschusselten, manch einen am Ende sogar doch noch retteten. Neun Spiele, in denen die Probleme, die der Abgang des Mittelfeldchefs und Kapitäns Julian Baumgartlinger, aber auch die geradewegs absurden Verletzungssorgen im Zentrum erzeugten, immer wieder zu sehen waren - auch diesmal, beim Bundesligaspiel in Wolfsburg, zwei oder drei Mal. Aber im achten Spiel ist es gut gegangen, hat der FSV Mainz 05 zum ersten Mal in der neuen Saison und mit der neuen Mannschaft zu Null gespielt. Daher können die Mainzer es verschmerzen, dass vorne am Ende der dritten englischen Woche wenig ging und sie selbst ebenfalls zum ersten Mal kein Tor schossen. Das 0:0 hat die Mannschaft sich redlich erarbeitet.

Zu verdanken haben die Mainzer das in den paar kniffligen Szenen ihrem bisher so unpopulären Torwart. Jonas Lössl hatte hinten den Laden im Griff. Der neue Torhüter parierte den Freistoß von Ricardo Rodríguez, für den die Wolfsburger eine Lücke in die Mauer gestemmt hatten (4.). Er parierte den Schuss, den Jakub Blaszczykowski nach einer Ecke aus dem Hinterhalt abfeuerte (37.). Er wischte die fiese Flanke von Julian Draxler aufs lange Eck weg, so dass Gómez den Ball nicht erreichen konnte (65.). Wahrscheinlich hätte er auch den Schuss von Mario Gómez gehalten, wenn der in der 51. Minute das kurze Eck nicht sowieso verfehlt hätte; Lössl war schnell unten und deckte den Raum am Pfosten ab. Nur in der 68. Minute hatte der Torwart keine Chance: Gómez schickte Draxler durch eine Lücke in der Abwehr, Lössl versuchte ihn, an der Strafraumgrenze zu stellen, Draxler zog nach außen an ihm vorbei - aber nachdem sich die Abwehr in jeder Situation auf ihren Torwart verlassen konnte, konnte dieser sich nun auf die Abwehr verlassen: Giulio Donati stoppte Draxlers Schuss weit vor der Torlinie, Stefan Bell erledigte den Rest.

Abwehr und Torwart der 05er waren in Wolfsburg hochkonzentriert, konnten sich aufeinander verlassen, spielten erstmals in der neuen Saison zu Null. Foto: imagoAuf fünf Positionen hatte Martin Schmidt die Mannschaft umgestellt, umstellen müssen: Für den in der Bundesliga weiterhin gesperrten José Rodríguez kam der genesene Jean-Philippe Gbamin zurück in die Startelf, für Daniel Brosinski verteidigte Donati auf der rechten Seite. Mittelstürmer war wieder Jhon Córdoba anstelle von Yoshinori Muto; der Japaner wird den 05ern wegen einer in Baku erlittenen Bänderverletzung mehrere Wochen fehlen. Und wie gewohnt gab es zwei neue Außenstürmer: Levin Öztunali und Karim Onisiwo anstelle von Christian Clemens und Pablo de Blasis.

Die Mainzer hatten lange große Probleme, ins Spiel zu finden. Offensiv ging gar nichts, defensiv hatten sie im ersten Viertel nicht alles im Griff. Viel ließen sie immerhin nicht zu, dennoch: Gut war das nicht.

Aber es wurde bald besser. Allen voran kämpfte sich der Krieger Gbamin ins Spiel, der einzige war der Franzose nicht. Onisiwo hatte in der 25. Minute die erste Chance der 05er, zog nach einem verpatzten Seitenwechsel der Wolfsburger links los, schlug den Schürrle-Haken um einen Verteidiger, schoss aber zu schwach, zu haltbar aufs lange Eck. Keine Gefahr. Auch nicht in der 30. Minute, dank des Schiedsrichters: Der grätschende Ricardo Rodríguez wehrte, wenn man's böse formulieren will, eine Flanke von Giulio Donati mit dem Arm ab, bekam sie, wenn man's großzügiger formuliert, an den Arm geschossen. Handelfmeter gab's schon oft in solchen Szenen, schon oft hat man sich darüber geärgert. Schiri Benjamin Brand pfiff nicht, die Entscheidung war vertretbar. Auch nach der nächsten Donati-Flanke, immer noch in der 30. Minute, gab es nach dem Duell zwischen Córdoba und Jeffrey Bruma keinen Strafstoß, wieder richtig. Mit Draxler allerdings hätte Brand ein bisschen strenger sein dürfen. Fürs Tor in der 16. Minute lange nach dem Abseitspfiff gab's keine Gelbe Karte, fürs nicht brutale, aber tückische Foul von hinten an Alexander Hack auch nicht. Es war die einzige harte Aktion in einem freundlichen Spiel.

Mit 0:0 ging's in die Halbzeit, weil Yunus Malli in den letzten Minuten der ersten Hälfte zweimal offenbar nicht konzentriert war. Der durchgesteckte Córdoba-Pass von halbrechts mag schwierig zu nehmen gewesen sein, da könnte der Laufweg nicht ganz gepasst haben (44.). Warum der Zehner in der 45. Minute direkt vor dem Tor den Doppelpass mit Gaetan Bussmann durchließ, nicht mal am Ball vorbei senste, ist auf den ersten Blick nicht zu erklären; der Querpass sah erreichbar aus. Córdobas Zuspiel an Malli vorbei in der 34. Minute, das war tatsächlich unerreichbar.

Und solche Bälle spielten die 05er auch nach der Halbzeit zu oft, damit machten sie sich die Phase kaputt, in der sie tatsächlich in Führung hätten gehen können. Córdoba hatte einen schönen kleinen Passweg vor sich, traf ihn nicht, spielte den Ball in Reichweite der Verteidiger (50.). Öztunali hatte viel Platz, wollte aus dem Strafraum zurücklegen auf Malli, spielte zu kurz, wieder zum Abwehrspieler (52.). Die nächste Hereingabe des Rechtsaußen wurde abgefälscht, kam nicht bei Córdoba an (54.). Das wär's gewesen.

Denn ernsthafte Chancen für die 05er gab's von da an nicht mehr. Malli verfehlte in der 59. Minute das lange Eck, Öztunalis Aufsetzer nach dem schönen Ballgewinn von Onisiwo senkte sich zu spät (67.), in beiden Szenen hätten die Mainzer schon einiges Glück benötigt. Aber sie verteidigten sauber und abgeklärt weiter, auch nach der Verletzung von Fabian Frei (56., etwas in der Oberschenkelmuskulatur), auch als Stefan Bell Draxlers Fuß an die Schläfe bekam und mit einer Schramme weiterspielen musste (85.). Die 0 stand auf beiden Seiten, und den 05ern machte das Ergebnis mehr Spaß als dem Gegner.

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