Die Nummer 1 in der großen Stadt

Christian Karn. Mainz.
Die Kollegen würden ihm das Gegenteil erzählen, sagt Jonas Lössl, aber er fühle sich seit dem Wechsel zum FSV Mainz 05 in einer Großstadt angekommen. Der dänische Torwart freut sich über den Vertrauensvorschuss, der ihm die Rückennummer 1 beschert hat, sein Ziel sei es jetzt, diesen zu bestätigen, die Nummer 1 nicht nur auf dem Trikot, sondern auch auf dem Spielfeld zu behalten, unterwegs die ohnehin nicht allzu große Sprachbarriere aus dem Weg zu räumen. Und sich in manchen Aspekten seines Spiels noch zu verbessern, aber welche das sind, das verrät Lössl nicht.

Jonas Lössl ist in der Großstadt angekommen - wenn's auch komisch klingt. Die Kollegen, so berichtet er es, würden dem neuen Torwart des FSV Mainz 05 immer erzählen, Mainz sei gar keine so große Metropole. Für Lössl selbst - geboren in Kolding, 59.712 Einwohner am 1. Januar dieses Jahres, zum Fußballer ausgebildet beim dänischen Topteam FC Midtjylland, dessen Spielort Herning 48.531 Einwohner groß ist, nun nach Mainz gekommen aus dem bretonischen Städchen Guingamp, 7.106 Einwohner (Stand 2013) - ist Mainz fast unüberschaubar groß. Wenn er aber eingangs des Pressegesprächs noch erzählt hat, er habe gestern erst seinem Vater gesagt, er würde hier nichts vermissen, räumt der neue Torwart später ein: Das Fußballgefühl aus Guingamp, wo das Stadion mehr als die doppelte Einwohnerzahl der Stadt fasst, wo jeder jeden kannte, wo man immer spürte, wie wichtig der Fußball für die Einheimischen sei, wie stolz diese auf ihren Hin-und-wieder-Erstligisten seien, das würde ihm schon ein bisschen fehlen. Er habe gehört, in Mainz sei es ähnlich, sagt Lössl. Und er sei gespannt darauf, es selbst zu erleben.

Die Lufthoheit im Strafraum bezeichnet Jonas Lössl als eine seiner Stärken. In Alzey wurde der neue Torwart des FSV Mainz 05 noch nicht allzu sehr gefordert, hin und wieder konnte aber andeuten, wie er das meint. Foto: imagoSelbstbewusst tritt der Torhüter auf, aber nicht überheblich. Professionell, aber nicht aalglatt. Als ein Spieler, der mit seinen 27 Jahren schon manches erlebt hat, der in Dänemark und Frankreich fast 200 Erstligaspiele absolvierte, außerdem neun Partien in der Europa League, eine weniger nur als sein neuer Verein, der ja allen Erwartungen zum Trotze ständig international unterwegs ist. Als ein Spieler, der zwar wenige Einsätze, aber doch einige Erfahrung mit seiner Nationalmannschaft hat, und schon mit einem der bedeutenderen Auswahlteams des Kontinents - umso mehr schmerze es ihn, bei der Europameisterschaft nur Zuschauer zu sein. "Inzwischen ist das Turnier ja in einer Phase, in der es nicht mehr so weh tut. Aber anfangs war es schwierig, anfangs war es eine große Enttäuschung." Dänemark ist halt nur Dritter geworden in der Gruppe I, hinter den Portugiesen, die heute abend gegen Wales das Endspiel erreichen wollen, und hinter den knapp in der Vorrunde ausgeschiedenen Albanern, die wiederum für ihren zweiten Platz drei Punkte am grünen Tisch bekamen, als Wertung für das abgebrochene Spiel gegen Serbien. In der Relegation scheiterten die Dänen mit 1:2/2:2 an Schweden. "Ich kenne das Turniergefühl ja gar nicht", sagt Lössl, "aber es sieht toll aus. Wir müssen uns beim nächsten Mal qualifizieren."

Der neue 05er ist die Nummer zwei in seinem Nationalteam. Vor ihm steht unumstritten Kasper Schmeichel, der gerade mit Leicester City englischer Meister wurde und künftig Konkurrenz durch den ehemaligen deutschen Nationaltorwart Ron-Robert Zieler bekommt. "Den zu überholen, ist schwer", sagt Lössl, der im Frühjahr seinen bisher einzigen Länderspieleinsatz hatte. Das sei ein Grund für seinen Schritt nach Mainz. "Mit diesem Training, in dieser Liga, mit diesem Team kann ich mich verbessern", erklärt Lössl, "und wenn ich besser werde, habe ich größere Chancen. Wie gut Kasper ist, kann ich ja nicht beeinflussen."

In Mainz trägt der Neuzugang die Rückennummer 1, im ersten Testspiel war er der Starter. "Ich habe zu Null gehalten, wir haben gewonnen", beurteilt Lössl sein Debüt, "und darauf kommt es am Ende ja an. Wenn das gelingt, war es ein gutes Spiel." Drei Wochen lang habe er sich darauf gefreut, endlich das Trikot zu tragen, endlich mit seinem neuen Team zu spielen. "Es war halt ein typisches erstes Spiel", sagt der Torwart, "der Gegner kam nicht aus der höchsten Liga." Ein Anfang ist damit gemacht.

Den Stammplatz dürfte der Däne einigermaßen sicher haben, hören will er das aber nicht. "Stammtorwart zu werden, ist mein erstes Ziel", sagt Lössl nur. "Ich will zeigen, wer ich bin, ich will im ersten Bundesligaspiel starten." Auch auf eine Saisonprognose will er sich nicht einlassen. "Mainz hat im letzten Jahr ein sehr gutes Ergebnis erreicht", ist ihm nur zu entlocken. Persönlich möchte Lössl in mehreren Aspekten seines Torwartspiels besser werden, aber welche das sind, verrät er nicht. "Ich habe die 1 bekommen", sagt er lediglich, aber man müsse es immer so sehen, dass man den Status verlieren kann. "So kommt die Motivation", sagt Lössl. "Ich muss immer der Beste sein, um die 1 zu behalten."

Lössl weiß, wer sein Vorgänger war und wie groß die Herausforderung ist, ihm gleichzukommen. "Karius war schon ein sehr guter Torwart", sagt der Nachfolger. "Wenn einer es schon mit 21 Jahren zu Liverpool schafft... Aber ich bin zuversichtlich. Immerhin hat der Verein sich für mich entschieden." Und damit in gewisser Weise eine neue Situation geschaffen: Vor Karius standen Heinz Müller und Christian Wetklo im 05-Tor, davor Dimo Wache, vor diesem Tom Eilers, Stephan Kuhnert, Manfred Petz, zwischendrin auch mal mehr oder weniger selten Martin Pieckenhagen, Daniel Ischdonat, Herbert Ilsanker, Sven Hoffmeister, allesamt Muttersprachler auf einer Position, in der es zum Profil gehört, laut zu sein, den Mund aufzubekommen. Stefanos Kapino, der Grieche, spielte in der Saison 2014/15 kaum, der letzte ausländische Stammtorwart der 05er hieß Slobodan Sujica, war Jugoslawe und musste die 05er 1986, vor 30 Jahren, verlassen, weil die Aufenthaltserlaubnis ausgelaufen war. Lössl sieht sich jedoch auch für diese Aufgabe gewappnet: "Die meisten Jungs verstehen englisch", sagt der Däne. "Mit Gaetan Bussmann kann ich auf französisch kommunizieren, mit Pierre Bengtsson auf dänisch, und am Wichtigsten ist sowieso die Körpersprache. Darüber hinaus sind es eher einzelne Worte, die ich den Verteidigern zurufe, als komplexe Sätze." Für diese wäre es im Stadion sowieso zu laut.

Deutsch könnte Lössl vermutlich auch. "Ich verstehe viel", sagt er, "als der Trainer gestern eine Stunde lang gesprochen hat, habe ich das meiste verstanden, nur Stephan Kuhnert verstehe ich noch nicht immer" - wenn auch der Torwarttrainer seinem guten Ruf bislang gerecht werde. Als Süddäne, keine hundert Kilometer nördlich von Flensburg aufgewachsen, hat Lössl ohnehin einen Heimvorteil; Deutsch ist ein dort Schulfach, und in Flensburg hat er sogar Verwandtschaft. Seine mit einem Deutschen verheiratete Großmutter lebt immer noch dort, sein Vater ist dort aufgewachsen. Auch das ö - das nämlich kein getarntes dänisches ø ist - kommt auf diese Weise in seinen Namen.

Die Ausgangslage ist also gut für den neuen Torwart. Wenn er jetzt auch sportlich den Erwartungen entspricht - er selbst nennt das Eins-gegen-Eins-Spiel und die Lufthoheit im Strafraum als seine Stärken, auch mit dem Ball am Fuß könne er gut umgehen -, dann dürfte Jonas Lössl die Nummer 1 in der großen Stadt eine Weile behalten.