Die Schule fürs Leben

Christian Karn. Mainz.
Mainz 05 ist am Bruchweg zuhause. Das Hirn der 05er ist längst an den Kisselberg umgezogen, die Muskeln spielen gegenüber in den Bretzenheimer Feldern, aber das Herz des Klubs schlägt immer noch zwischen Taubertsberg und Hartenberg. Dabei sind die 05er seinerzeit, vor 77 Jahren, kein bisschen freiwillig in dieses Stadion umgezogen. Heimatgefühle mussten sich dort erst entwickeln - ebenso wie das Stadion selbst. Lernen Sie im zweiten Teil der Serie "Geschichten von früher" die lange und nicht immer einfache Beziehung des FSV Mainz 05 zum Stadion am Bruchweg kennen.

"Am Bruchweg hab' ich viel gelernt fürs Leben", heißt es im 2002 erschienen Lied "Hasta siempre, Cloppandante" der Band "Motorkopp". Ganze Generationen von Fans des FSV Mainz 05 können diese Zeile guten Gewissens mitsingen. Siebeneinhalb Jahrzehnte lang zogen sie die Saarstraße hinauf, um im Stadion am Bruchweg ihren Verein spielen zu sehen. In guten Zeiten waren sie in fünfstelliger Zahl dort, in schlechten waren es bisweilen keine 500 und als 1967 gleichzeitig das EM-Qualifikationsspiel gegen Jugoslawien im Fernsehen kam, sahen sogar nur 79 Zuschauer das Nachholspiel gegen Homburg - Zuschauereinnahmen: 173,90 DM. Für sie alle war der Bruchweg die Schule für mehr als nur die Fußballregeln.

Die 1920 eröffnete Kampfbahn am Fort Bingen war das erste eigene Stadion der 05er.Wenn auch die Bundesligaspiele seit gut drei Jahren draußen in den Bretzenheimer Feldern stattfinden, gilt das Stadion am Bruchweg als die alte, immerwährende Heimat des FSV Mainz 05. So ganz trifft das nicht zu; mit mehr als einem weinenden Auge mussten die 05er ins damals städtische Stadion umziehen, als 1937 ihre wenige hundert Meter südlich davon gelegene vereinseigene Kampfbahn am Fort Bingen beschlagnahmt und eingeebnet wurde. Die an jenem Ort errichtete Flak-Kaserne bildet heute das Forum und die Alte Mensa der Johannes Gutenberg-Universität.

Die Kampfbahn am Bretzenheimer Bruchweg - entgegen weit verbreiteter Annahmen kein Feldweg, sondern eben die Verbindungstrasse zwischen Hartenberg und Bretzenheim, die heute die Namen Martin-Luther-King-Weg und Albert-Schweitzer-Straße trägt - war damals neun Jahre alt. Es handelte sich um eine funktionelle Sportanlage mit Fußball-Hartplatz, einer 400-Meter-Laufbahn, einer unüberdachten Tribüne, Leichtathletik-Anlagen in der Südkurve, einem Spielfeld für die Schuljugend und einem Kleinkinderspielplatz sowie im Nordwesten drei Tennisplätzen und einem Klubhaus. Die im Dritten Reich schwer drangsalierten 05er, bald unfreiwillig zum Reichsbahn-SV Mainz 05 fusioniert, blieben dort, bis der Mainzer Spielbetrieb im Herbst 1944, also vor ziemlich genau 70 Jahren, kriegsbedingt eingestellt werden musste, und übernahmen im August 1949, knapp vier Jahre nach der Zwangsauflösung und Neugründung des Vereins, die gesamte im Krieg beschädigte Anlage als Pächter. Große Pläne konnten nicht umgesetzt werden; den Rasenplatz, die Erweiterung auf 30.000 Plätze, die Tribünenüberdachung waren zu teuer. Immerhin war die Tribüne nur leicht lädiert. Für Stehränge, durch die das Stadion 20.000 Menschen Platz bot, eine Lautsprecheranlage und Flutlicht für den Trainingsplatz reichte das Geld und 1953 wurde tatsächlich auf dem Hauptspielfeld ein Rasen eingesät.

Ewiger Zuschauerrekord am Bruchweg: Dank einer Zusatztribüne sahen 24.000 Fußballfreunde das Pokalspiel der 05er mit Carlo Storck, Manfred Zimmer, Kurt Sauer und Helmut Müllges (von links) gegen den 1. FC Nürnberg am 27. Februar 1965. Foto: privatViel mehr tat sich in den folgenden knapp 50 Jahren nicht mehr am Bruchweg. Wenn der 1. FC Kaiserslautern zu Gast war, war das Stadion immerhin regelmäßig ausverkauft und 1953 gelang sogar ein 5:2-Heimsieg über den sonst übermächtigen Klub aus der Pfalz. 1961 wurde die Haupttribüne überdacht, 1981 die Gegengerade. 1995 wurde mit dem Freundschaftsspiel gegen Borussia Mönchengladbach die Flutlichtanlage eingeweiht, kurz vorher hinter dem Scheitelpunkt der der Südkurve eine gebrauchte Anzeigetafel aufgestellt.

Das Publikum kam in dieser Phase wieder langsam zurück zu den 05ern. In den frühen 1960ern hatten die Mainzer den Spaß an den 05ern verloren; der Schnitt war von rund 5000 unter die 2000er-Marke gerutscht, hatte sich in den beiden Zweitligajahren 1974-76 nicht erholt und war in den tristen 1980ern in der Amateur-Oberliga häufig nur dreistellig. Erst in der Aufstiegsrunde 1988, in der insgesamt geradezu sensationelle 34.000 Zuschauer die drei Heimspiele gegen Viktoria Aschaffenburg, die SpVgg Unterhaching und den FV Weinheim sahen, wurde der Bruchweg wieder interessant für die Mainzer. Immerhin durchschnittlich knapp 3000 Zuschauer sahen nach dem Wiederabstieg die Oberligasaison 1989/90, 5000 pro Spiel das folgende Zweitligajahr, dann pendelten sich die Besucherzahlen bei knapp 4.000 ein.

Es war abenteuerlich am Bruchweg in diesen Jahren. Links von der Haupttribüne gab es die Meckerecke, rechts in der Zufahrt zum Spielfeld war nie viel los. Die wildesten Schlachtenbummler versammelten sich auf Höhe der Mittellinie auf der Gegengerade, wo es nach Bier, Kippen, Schinken-Käse-Stangen und graubraunem Dreck roch. Ein paar Meter rechts davon, hinter einer ramponierten, kaum durchsichtigen Plexiglasscheibe, begann der Gästeblock. Im Grenzbereich kam es immer wieder mal zu Spannungen bis hin zur Eskalation. Auf dem Platz rannten schnauzbärtige junge Männer mit Vokuhila-Frisuren in den wahrscheinlich hässlichsten Trikots aller Zeiten herum; hätten die Schiedsrichter nach der heutigen Regelauslegung gepfiffen, hätten sie wohl nicht eine Partie mit wenigstens noch 20 Spielern auf dem Platz abgepfiffen.

Die alte Haupttribüne am Bruchweg. Foto: Christian KarnDann kam Wolfgang Frank und dank seiner Vorarbeit unter seinem Nachfolger Reinhard Saftig beinahe der Aufstieg in die Bundesliga. Einen Sieg im Endspiel beim den direkten Konkurrenten VfL Wolfsburg hätten die 05er 1997 gebraucht. Sie verloren 4:5. Nachdem der Bruchweg ein Jahr zuvor schon im Abstiegsfinale gegen den VfL Bochum mit 12.000 Zuschauern - mehr durften nicht mehr hineingelassen werden - ausverkauft war, stand in der Schlussphase der Saison 1996/97 in der Südkurve eine Behelfstribüne hinter dem Tor. Nach dem verpassten Aufstieg wurde diese wieder abgebaut - und ersetzt durch die große Stehplatztribüne, die heute noch dort steht. Gleichzeitig wurde die Nordkurve eingeebnet, um auch dort eine Hintertortribüne aufstellen zu können.

Der erste Schritt hin zu einem Bundesligastadion war damit gemacht. Das Publikum honorierte das. Ihre Mannschaft fiel zwar flott wieder in den grauen Bereich zwischen Mittelfeld und Abstiegskampf, aber den Fast-Aufstiegs-Schnitt von 7000 Zuschauern konnten die 05er halten. Gleichzeitig wandelte sich die Fanszene. Viele Fans von der Gegengerade zogen in den Q-Block hinter dem Tor um, wo bald die erste Mainzer Ultraszene entstand. Und doch war für manche der beste Platz, um entspannt Fußball gucken zu können, unter der Anzeigetafel, die beim Umbau einige Meter um die Kurve an ihren heutigen Standort versetzt wurde. Wenn es regnete, musste halt reihum alle fünf Minuten jemand zum Eingang, einen neuen leeren Stadionheft-Karton zum Unterlegen holen, um nicht im Matsch zu versinken.

Über Nacht war 2001 Jürgen Klopp kein Spieler mehr, sondern Trainer. Angeleitet vom größten 05-Idol jener Tage zog sich die Mannschaft aus einem aussichtslos scheinenden Abstiegskampf. Die neue Saison entwickelte eine überwältigende Eigendynamik. Am Ende stand der sichere Aufstieg - dachten die Mainzer. Drei Punkte aus den letzten drei Spielen zu holen, schien Formsache zu sein; es wurden zwei. Doch keine Bundesliga. Aber bald ein Bundesliga-Stadion, denn den Erfolg vor Augen bauten Stadt und Verein das Stadion zu dem aus, was heute noch am Bruchweg steht. Bereits 13.200 Zuschauer, weit mehr als erwartet, sahen 2002 auf der Baustelle das erste Heimspiel nach dem Nichtaufstieg. 16.012 Menschen sahen einen Monat später das 0:0 gegen den SC Freiburg; die neue Haupttribüne war erstmals zum Teil freigegeben. Fünfstellige Zuschauerzahlen waren normal; in den letzten beiden Heimspielen der Saison war der fertige Bruchweg mit den beiden 1997er-Tribünen hinter den Toren, der weiteren großen Stahlrohrkonstruktion an der Straße und der großen, modernen Haupttribüne auf der anderen Seite des Spielfelds zum ersten und zum zweiten Mal ausverkauft. 18.700 Zuschauer sahen Benjamin Auers Siegtor in der 89. Minute gegen Eintracht Frankfurt und Tamás Bódogs Solo beim 5:1 gegen den VfB Lübeck. Mainz 05 war immer noch kein Bundesligist; das dauerte ein weiteres Jahr. Aber die Bedingungen für den Aufstieg waren geschaffen.

Weitere Geschichten von früher

1. Im Staube sozialisiert

2. Die Schule fürs Leben

 

Als nächstes erscheint: Aufstieg oder Tod - die Rückkehr in den Profifußball

 

 

► Alle Artikel zur Historie

► Zur Startseite