Die Summe der Kleinigkeiten

Christian Karn. Gelsenkirchen.
Ein vordergründig durchaus brauchbarer Auswärtsauftritt war letztlich unbrauchbar, weil der Gegner bereits sein Führungstor geschossen hatte. Einige gute Ansätze waren ohne Bedeutung, weil die offensiven Zusammenhänge fehlten. Eine unterm Strich eigentlich gute Abwehrleistung war wegen individueller Fehler in Schlüsselsituationen wertlos. Viele Kleinigkeiten, die für sich betrachtet alle nicht mal allzu dramatisch waren, addierten sich im Spiel des FSV Mainz 05 beim FC Schalke 04 zu einem gewaltigen Defizit und zu einer 0:2-Niederlage, die ebenso unnötig wie unvermeidbar war.

FC Schalke 04 - FSV Mainz 05 2:0 (1:0)

Freitag, 20. Oktober 2017, 59.476 Zuschauer.

FC Schalke 04: Fährmann - Stambouli, Naldo, Kehrer - Caligiuri, Meyer, Oczipka - Goretzka, Harit (89. Coke) - Burgstaller (84. Reese), di Santo (68. Konopljanka).
Reserve: Nübel, McKennie, Bentaleb, Schöpf. Trainer: Tedesco.

FSV Mainz 05: Adler - Balogun (79. Kodro), Bell, Diallo - Donati (70. Maxim), Gbamin, Latza, Brosinski - Öztunali, de Blasis (62. Fischer) - Muto.
Reserve: Zentner, Quaison, Frei, Serdar. Trainer: Schwarz.

Schiedsrichterin: Steinhaus (Langenhagen).

Tore: 1:0 Goretzka (13., Burgstaller), 2:0 Burgstaller (74., Naldo).

Gelbe Karten: Naldo, Coke, Caligiuri.

Machen wir doch mal ein kleines Gedankenspiel. Tun wir mal so, als sei das Spiel des FSV Mainz 05 beim FC Schalke 04 absolut und in jeder Szene exakt so gelaufen, wie es verlaufen ist, mit zwei Ausnahmen: Tun wir so, als hätte Levin Öztunali die 05er in der 13. Minute nach einem seltsamen Stellungsfehler und einem verlorenen Zweikampf in Führung gebracht, als hätte Yoshinori Muto nach Bells Kopfball in der 74. Minute zum 2:0 abgestaubt. Dann wäre die Rede gewesen von einem nahezu perfekten Spiel der 05er, die ansonsten kaum Torchancen hatten, die Glück hatten bei einem Pfostenschuss der Schalker, die ihrer Führung nicht so recht trauten, aber von dieser Führung gut leben konnten und gut lebten, die sie seriös zu Ende verwalteten.

Der Haken an dem Gedankenspiel: Es ist Fiktion. In der Realität war es keine Führung der 05er, sondern ein Rückstand, denn nicht der Mainzer Rechtsaußen, sondern der der Schalker hatte das Tor in der 13. Minute geschossen, nicht der Mainzer, sondern der Schalker Mittelstürmer auf 2:0 erhöht. Weil sich das einfach nicht wegdiskutieren ließ, wird es zwar sicherlich nicht der Plan der 05er gewesen sein, ein 0:1 zu verwalten, am Ende bleibt aber eine Niederlage stehen, gegen die die Mainzer zu keinem Zeitpunkt irgendein Mittel fanden. Bei der die Mainzer sich einen schmerzhaften Rückfall in die finstere Serie von Martin Schmidts Frühjahrs-Auswärtsniederlagen leisteten.

Dreizehn Minuten dauerte es, bis irgendetwas passierte, dreizehn Minuten, in denen Schalke den Ball laufen ließ, die 05er kaum Ballaktionen hatten, aber zumindest ihren Strafraum gut verteidigten. Einen Eckball gab es zwischendrin mal, aber der war nichts Besonderes. Dreizehn Minuten aber, die mit dem Schalker Führungstor endeten. Im gradlinigen Angriff über die halbrechte Bahn verließ Stefan Bell zu sehr auf Verdacht die Abwehr ins Niemandsland, verlor Abdou Diallo zu leichtfertig den Zweikampf, konnte Leon Balogun die Lücke nicht mehr schließen, durch die Leon Goretzka aufs Tor zulief. René Adler kam dem Schalker entgegen und kassierte den Heber ins lange Eck.

War es das schlechteste Spiel der 05er unter Sandro Schwarz? Bis dahin und letztlich mit wenigen Einschränkungen bis zum Schluss wahrscheinlich schon, gleichauf vielleicht mit dem in Stuttgart. War es ein gutes Spiel von Schalke? In dem Sinne eigentlich nicht. Es war ein Spiel, dass sich absolut und ausschließlich aus dem Führungstor definierte. Die Gastgeber kontrollierten die Partie noch eine Weile, aber kamen nicht ernsthaft in die Offensive, ließen sich von den 05ern, die sich doch inzwischen deutlich bemühten, auch ins Spiel zu kommen, nach und nach die Kontrolle komplett abnehmen. Merkten es vielleicht nicht mal, so schleichend geschah es, dass die Balleroberungen etwas besser kamen, die Hoheit über den Strafraum immer besser wurde. Es war bald eigentlich eine ordentliche Leistung, bald eigentlich ein gutes Auswärtsspiel, mit einer ganz entscheidenden Einschränkung jedoch: Die Offensive brachte überhaupt nichts zusammen. Im Ansatz sah sie nicht mal ganz einfallslos aus, aber sie wirkte immer improvisiert, nicht eingespielt, nicht planvoll.

Fehlende Gier? Das ist eine Phrase. Die Phrase, die sich in solchen Spielen in den Vordergrund drängt. Bell traf in der 30. Minute den Pfosten nach einer Ecke, der Ball war möglicherweise schon im Aus, ein Schuss ins Tor aus diesem Winkel sowieso unmöglich. Als Vorlage für einen Abstauber hätte es klappen können, vielleicht. Der schnelle Angriff in der 32. Minute endete am langen Bein von Naldo, der in der 33. Minute in der Sackgasse für Yoshinori Muto. Die konstruktivste Phase der 05er ging daher ohne den ersten Torschuss zu Ende. Der kam erst in der 44. Minute von Danny Latza. 35 Meter vielleicht, ein harmloser Aufsetzer auf den Torwart. Ja, wenn eine Mannschaft genau so mit Absicht spielt, dann tut sie das, um ein überraschendes 1:0 über die Zeit bringen will.

Hinten gab es nicht so viel zu verteidigen. Baloguns schweren Fehlpass in der 29. Minute fingen die 05er locker wieder ein, ohne dass eine Torchance daraus wurde. Adler griff sich in der 31. Minute eine flache Flanke vor Guido Burgstaller. Verschätzte sich in der 38. Minute bei einer Oczipka-Flanke, aber das war nicht schlimm, der Stürmer hatte sich auch verschätzt. Amine Harit schoss aus großer Entfernung einen Meter am Tor vorbei; hätte Adler den Schuss halten müssen, hätte er ihn wohl bekommen. Das war's seitens der Schalker in der ersten Hälfte.

Die zweite Hälfte begann mit exakt der Szene, mit der drei Spielminuten und 98 Spieltage vorher Daniel Brosinski und Shinji Okazaki gegen Schalke getroffen hatten. Durch Zufall kam diesmal Yoshinori Muto in der 47. Minute rechts im Strafraum an den Ball, diesmal aber ließ Ralf Fährmann den Torschuss nicht zum parat stehenden Pablo de Blasis durchrutschen, sondern blockte den Ball. Die 05er hatten weiterhin Ansätzchen, die alle für sich gesehen nicht aussichtslos wirkten. Eines war ja klar: Wenn mal einer durchkommt, steht's unentschieden. Das Frustrierende an dieser Partie kam freilich daraus, dass man immer wieder den Eindurck hatte, dass nicht viel fehlt, sich aus den vielen Kleinigkeiten am Ende aber doch ein gewaltiges Defizit zusammen addierte.

Nicht viel fehlte, als Fährmann zwei mutige Querpässe hinter Muto durch vors eigene Tor spielte und damit durchkam. Nicht viel fehlte, als Pablo de Blasis in der 59. Minute links im vollgestellten Strafraum den Rückpass nicht zum vorhandenen Mitspieler brachte. Nicht so viel fehlte bei Mutos Kopfball von oben aufs Tor in der 69. Minute.

Vier Mainzer scheinen den Ball gut wegzusperren, aber Guido Burgstaller kommt noch ran und trifft zum 2:0. Leon Balogun wird sich gleich über ein Foul beschweren, war aber vom Mitspieler Danny Latza erwischt worden. Foto: imagoNicht viel fehlte natürlich auch, als ein Stellungsfehler, ein verlorener Zweikampf von Bell den Schalker Stürmer Franco di Santo vors Mainzer Tor brachte. Adler blockte (61.). Nicht viel fehlte auch, als ein abgefälschter Kopfball von Thilo Kehrer an den Pfosten ging - Adler hatte den Ball durchrutschen lassen, weil der Schuss von Burgstaller, den er blocken wollte, nicht kam. Verzockt, gut gegangen. Konter, und wieder fehlte nicht viel, hätten Muto und Öztunali mit einem Doppelpass die Abwehr zerlegen können, aber der Rechtsaußen verschleppte das Tempo. Noch so eine Kleinigkeit, noch so ein Puzzleteil der Niederlage.

Die schließlich unvermeidlich wurde. In der 73. Minute - die 05er hatten längst umgestellt, spielten jetzt im 4-2-3-1 - hob Bell das Abseits auf, kam Balogun ins Straucheln, kam der Konter durch. Burgstaller wollte quer legen, Brosinski grätschte rein, der Ball kullerte vorbei. Eckball, wuchtiger Kopfball auf Naldo. Abgewehrt von Adler. Balogun blieb liegen, war raus aus der Szene. Burgstaller stocherte nach, brachte den Ball über die Linie. Balogun musste kurz behandelt werden, beschwerte sich nach seiner (taktischen) Auswechslung einige Minuten später nochmal beim Vierten Offiziellen über das Foul, hatte im Getümmel gar nicht merken können, dass es kein Schalker war, sondern der Mitspieler Danny Latza, der ihn im Gesicht erwischt hatte.

Die 05er hatten Glück, dass Jewhen Konopljanka nach einem Fehler von Bell das 3:0 leichtfertig vergab (74.). Sie hatten Pech, dass Kenan Kodro den Ball mit einem eigentlich feinen Flugkopfball nicht perfekt erwischte, das weit offene kurze Eck nach Mutos Flanke nicht traf. Es hätten interessante letzte zehn Minuten werden können; wenn nach dem 1:2 ein Ball irgendwie durchrutscht, steht's unentschieden... aber natürlich war das eine Falle für Zweckoptimisten, natürlich war vorher schon 80 Minuten lang kein einziger Ball entscheidend durchgerutscht. Eine Offensive, die an diesem Abend gegen eine stabile Abwehr keinerlei Durchschlagskraft entwickelte, zu viele individuelle Fehler in der strukturell eigentlich sehr stabilen Defensive, unzählige Kleinigkeiten ergaben am Ende eine nicht vernichtende, aber eindeutige Niederlage.

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