Die tragische Seite des Abstiegskampfes

Jörg Schneider. Mainz.
Martin Schmidt bleibt auch im Auswärtsspiel der verantwortliche Mann beim FSV Mainz 05. „Martin wird am Samstag in Freiburg unser Trainer sein“, sagte Rouven Schröder nach der bitteren 2:3-Niederlage am Mittwochabend in der Opel Arena gegen RB Leipzig. Die 05er lieferten gegen den Tabellenzweiten ihre beste Rückrundenleistung ab, präsentierten sich mindestens als ebenbürtiger Gegner, zeigten sich kämpferisch und fußballerisch auf dem geforderten Niveau. Doch fehlendes Matchglück, trotz zweier Tore zu viele vergebene Möglichkeiten und ein kurzer Blackout beim Doppelschlag nach der Pause verhinderte das so dringend benötigte Erfolgserlebnis. Die Stimmen dazu.

Eine erneute Niederlage. Dazu die Rote  Karte für Jean-Philippe Gbamin in der hektischen und eskalierenden Schlussphase. Der FSV Mainz 05 hat im Heimspiel gegen RB Leipzig nun auch die bittere und tragische Seite kennengelernt, die eine Mannschaft, die seit Wochen erfolglos auftritt, im Abstiegskampf erlebt. Gegen den Tabellenzweiten der Bundesliga lieferte das Team von Martin Schmidt seine beste Rückrundenleistung ab, präsentierte sich mindestens als ebenbürtiger Gegner, zeigte sich kämpferisch und fußballerisch auf dem geforderten Niveau. Doch fehlendes Matchglück, trotz zweier Tore zu viele vergebene Möglichkeiten und ein kurzer Blackout beim Doppelschlag nach der Pause verhinderte das so dringend benötigte Erfolgserlebnis. Die 2:3-Niederlage gegen das Spitzenteam hat die Situation weiter verschärft. Es bleibt die Hoffnung, dass die Mannschaft in der Lage ist, eine solche Leistung wie die vor 26.379 Zuschauern in der Opel Arena auch einmal halbwegs in einem Auswärtsspiel auf den Platz zu bringen und am Samstag in Freiburg nicht die dritte Niederlage in dieser Englischen Woche zu kassieren. Solche Auftritte wie am Mittwochabend vor eigenem Publikum müssen in diesem Abstiegskampf zum Standard werden.

Levin Öztunali kann es nicht fassen: Der Kopfball von Yoshinori Muto geht an den Pfosten und springt ins Aus. Eine von etlichen guten Chancen der 05er im Heimspiel. Foto: Ekkie VeyhelmannRouven Schröder hat sich nach der Partie klar positioniert, hat seinem in die Kritik geratenen Trainer trotz der vierten Niederlage in Folge fürs Erste das Vertrauen ausgesprochen.  „Martin wird am Samstag in Freiburg unser Trainer sein“, sagte der Sportdirektor nach dem Abpfiff und schloss den Coach in sein Gesamtlob für die Vorstellung der Mannschaft gegen den starken Tabellenzweiten ausdrücklich mit ein. „Wir haben eine sehr gute erste Halbzeit gespielt, in der wir eigentlich alles aufs Feld bekommen haben, was wir uns vorgenommen haben. Wir haben gedrückt, haben Chancen rausgespielt, aber wir schaffen es nicht in Führung zu gehen. Bis auf die Kontersituation, wo wir in der Mitte den Ball verlieren, haben wir nichts zugelassen, haben Leipzig beeindruckt. Trotzdem war es dann einfach wieder so, dass wir das erste Tor bei uns bekommen und das zweite direkt hinterher. Das sind Schläge, die sind schwer zu verkraften“, sagte der Sportdirektor. „Man muss es weiter üben, muss immer wieder an die Leute plädieren, die gegen den Mann spielen. Jeder einzelne muss sich da noch mehr konzentrieren. Es ist schwer zu erklären, aber es sind einfach Fehler, die nicht passieren dürfen. Es ist aber nicht geschehen, dass die Mannschaft dann am Boden war und sich auseinandernehmen ließ. Sie hat weiter versucht, alles zu geben, auch das 1:2 gemacht. Hier war heute alles drin. Aber das Matchglück ist auch einfach nicht da. Warum geht Yoshi Mutos Ball nicht mal Innenpfosten rein, sondern Außenpfosten raus? Dann bekommst du ein Abseitstor. Werner steht im Abseits beim langen Ball von Torhüter Gulacsi, das kann sich jeder nochmal angucken. Er kommt aus dem Abseits raus und daraus entsteht das 3:1. Das ist bitter. Du machst noch das 2:3.“

Schröder kritisierte allerdings, dass sich sein Team vom Gegner in der Schlussphase in Hektik bringen ließ und dabei die klare Linie verlor, um noch mit Gewalt den Ausgleich zu erzwingen. „Da muss man versuchen ruhig zu sein, sich nicht provozieren zu lassen. Das hat der eine oder andere von uns nicht hinbekommen. Da gehen dir dann wichtige Minuten flöten, da müssen wir sachlicher blieben und so was abstellen, auch wenn’s teilweise schwer fällt. Die Rote Karte für Gbamin ist dazu in der jetzigen Phase sehr ärgerlich.“ Positiv empfand Schröder die Atmosphäre im Stadion und die bedingungslose Unterstützung, die das Team  erhalten hatte. „Das Publikum hat der Mannschaft auch hinterher seine Anerkennung gegeben. Das war wichtig. Die Zuschauer sind absolut mitgegangen. Das war fantastisch, Gratulation. Wie die uns gepusht haben. Noch einmal Danke an die Zuschauer. Das ist Mainz“, so der Sportchef. „Die Mannschaft hat alles gegeben, aber unter dem Strich ist es natürlich zu wenig für uns. Ich kann der Mannschaft aber grundsätzlich keinen Vorwurf machen. Es war für mich ein klarer Unterschied zu Ingolstadt, eine klare Reaktion. Klar ist jedoch, wir haben das Spiel verloren. Ingolstadt ist jetzt vier Punkte dran, Augsburg und Wolfsburg haben verloren. Ein Punkt wäre heute ein Big Point gewesen. Trotzdem ist nichts verloren. Wir haben immer noch alle Chancen aus eigener Kraft, aber die Spiele werden weniger, und wir sollten allmählich anfangen zu punkten. Definitiv schon am Samstag. Man darf sich jetzt trotz der schwierigen Situation nicht selbst verrückt machen. Du kannst jeden Gegner schlagen. Das hört sich platt an, aber es ist so. Auch heute war alles drin. Du spielst gegen einen sehr starken Tabellenzweiten und bist komplett ebenbürtig. Wenn du in Führung gehst, wird es ein anderes Spiel. Wir haben keine Zeit, drei Tage lang negativ zu sein. Kopf in den Sand stecken kann jeder. Kopf hoch und ab nach Freiburg“, erklärte der 41-Jährige.

„Wir haben sehr viel Aufwand betrieben, waren sehr intensiv in diesem Spiel drin, wurden schlecht belohnt und haben keine Punkte. Wir haben eine gute Leistung, an der wir uns dran hochziehen können. Eine gute Leistung, mit der wir uns ein bisschen trösten können, aber wenn wir am nächsten Morgen aufwachen, sind’s trotzdem nur null Punkte“, fasste Martin Schmidt nachher zusammen. „Aber es war ein Zeichen, dass Mainz 05 lebt, dass die Mannschaft lebt. Das Glück ist noch nicht auf unserer Seite. Heute hätten wir es fast dahin kippen können, aber es braucht noch mehr von unsere Seite, noch mehr Einsatz, Willen und Überzeugung. Der Makel war sicherlich die Chancenauswertung und die sieben, acht neun Minuten nach der Pause. Darüber müssen wir wieder reden. Die Leistung nehmen wir mit. Ab Donnerstag geht der Kampf weiter.“

Die zwei Gegentore in der kurzen, passiven 05-Phase nach der Pause haben dem Team schlussendlich das Genick gebrochen in diesem heißen Fight. „Beim ersten Tor schaltet das halbe Team ab und lässt sich überraschen, weil es glaubt, der Ball kommt zu weit. Es ist dämlich, wenn man nach einem solchen Spiel in der ersten Halbzeit dann direkt 0:2 zurückliegt. Wir müssen darüber reden, warum wir da diese zwei Tore fangen. Klar, wenn du eins kriegst, geht gerade wieder der Mut weg, du machst gerade noch einen  Fehler und verschenkst damit das Spiel. Das ist ärgerlich, aber wir kommen um Fehler gerade nicht drumherum“, sagte Schmidt. „Wir sind wieder rangekommen, haben es versucht zu biegen, schlussendlich war es zu wenig. Trotzdem hat man heute auch Fußball von uns gesehen. Da war alles drin. In dem Bereich war das sicher schon ein wichtiger Schritt, aber ein noch zu wenig großer Schritt.“ Mit der eigenen Situation wollte sich der 05-Trainer nach dem Schlusspfiff nicht groß beschäftigen. „Für mich ist entscheidend, was intern ist. Und dort hört es sich komplett anders an als außen herum“, sagte der 49-Jährige. „Ich habe heute gesehen auf dem Platz, dass da sehr viel drin steckt von meiner Arbeit. Das baut mich auf und motiviert mich. Wir müssen uns an der Leistung hochziehen, auch wenn wir noch nicht dafür belohnt wurden.“

Ähnlich äußerte sich auch der Kapitän. „Vom Gefühl her waren wir über 90 Minuten gut. Ich kann nicht erklären, wie wir die zwei Gegentore praktisch aus dem Nichts kriegen können. Trotzdem hat mich die Reaktion darauf positiv beeindruckt. Wir haben weiter gespielt und bis zur letzten Minute alles versucht. Es ist extrem bitter“, sagte Stefan Bell. „Wir hatten endlich mal wieder viele Chancen aus dem Spiel heraus und aus den Standards. Da fehlt uns das Glück, was der Gegner im Abschluss hatte. Wir müssen so weiter arbeiten, wie wir das heute gemacht haben, dann sind wir auch mal wieder dran. Ich glaube, wir können aus dem Spiel viel mitnehmen. Wir hatten super Balleroberungen, Konter. Da war eigentlich alles drin, was wir für unser Spiel brauchen, um erfolgreich zu sein.“

Das Trainer-Thema sei für ihn keines, mit dem er sich im Moment beschäftige, betonte der 25-Jährige. „Wir haben auf dem Platz gezeigt, dass wir als Einheit funktionieren und dass uns der Trainer super eingestellt hat. Dass wir alle über 90 Minuten dran geglaubt haben und trotz der vergangenen Spiele mit viel Selbstvertrauen auf den Platz gegangen sind. Ich glaube, das sagt einiges aus.“

 

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