Die Wiedergeburt

Christian Karn. Mainz.
Den Untergang des 1. Mainzer Fußball- und Sportvereins 05 hat die nullfünfMixedZone im Rahmen der Serie "Geschichten von früher" bereits vorgestellt: Verlust des Stadions, Anschluss an die Reichsbahner, schließlich das Ende des Spielbetriebs vor ziemlich genau 70 Jahren, irgendwann im Herbst 1944. Ein Jahr lang wurde bei den 05ern kein Fußball gespielt; erst weil es in der Endphase des Kriegs nicht sinnvoll und nicht möglich war, dann weil der Verein verboten war. In der heutigen Geschichtsstunde geht es um die Neugründung des 1. Fußball- und Sportvereins Mainz 05 nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ende 1944 liegt Mainz 05 in Trümmern - buchstäblich. Seit vier Jahren und jetzt in immer kürzeren Abständen fliegen die Kriegsgegner Luftangriffe auf die Stadt. Der Fußballsport ist längst ein völlig untergeordnetes Thema für die übriggebliebene Mainzer Bevölkerung, zumal diejenigen, die in der Lage sind, Fußball zu spielen, eher irgendwo an den Fronten kämpfen - oder zu überleben versuchen. Ein geordneter Spielbetrieb ist unter diesen Bedingungen natürlich nicht mehr möglich. Zuletzt hatte sich die Mannschaft ständig verändert, gerade in Mainz stationierte Soldaten wurden flugs in den Kader aufgenommen und verschwanden ebenso rasch wieder. Inzwischen ist nicht mal das mehr möglich. Der letzte Versuch einer Hessen-Nassau-Meisterschaft mit neun Staffeln wird vorzeitig abgebrochen. Die 05er sollten in der Staffel 7 gegen den LSV Mainz, die SpVgg Weisenau, Opel Rüsselsheim, den TV 1817 und den SV Kostheim 12 spielen.

Und dann ist der Krieg vorbei. Am 21. März 1945 treffen US-Truppen in Hechtsheim ein, am 22. März steht die Stadt unter der Kontrolle der Alliierten. 76.000 Bewohner hat die Stadt noch, knapp halb so viele wie zu Kriegsbeginn; 80 Prozent der innenstädtischen Bausubstanz sind zerstört. 1,5 Millionen Kubikmeter Trümmer liegen überall herum. Und von der jüdischen Gemeinde, in der die 05er manche ihrer Wurzeln hatten, sind noch 59 Personen übrig.

Der Reichsbahn-SV Mainz 05 wurde erst einmal verboten. Zwangsläufig - alle Fußballvereine waren Mitglieder des DFB, der 1940 in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen übergegangen war, eine Unterorganisation der NSDAP. Diese wurde nach dem Krieg mit allen angeschlossenen Einrichtungen von der US-Militärregierung aufgelöst, das betraf auch alle in irgendeiner Form assoziierten Vereine.

Aber schon bald gibt es wieder erste konkrete Überlegungen, einen neuen Fußballverein zu gründen. Die französische Militärregierung, die im Juli die Kontrolle der Stadt übernommen hat, teilt im Oktober noch mit, jegliche sportliche Betätigung bedürfe einer ausdrücklichen Genehmigung, aber bereits Anfang November präzisiert die Verwaltung: Diese Genehmigung könne grundsätzlich bei den zuständigen Militärgouverneuren beantragt werden und würde mit gewissen Einschränkungen auch erteilt werden.

In der "Martinsburg", einer Kneipe am Kästrich, haben sich schon kurz nach dem Krieg einzelne 05er getroffen und ein Neugründung ihres Klubs vorbereitet. Nun können sie tatsächlich zur Gründungsversammlung in den "Roten Kopf" laden, in ein Weinhaus in einer der wenigen kaum beschädigten Altstadtgassen unterhalb des Doms. Versammlungsleiter ist Konrad Weil, der Sportausschussvorsitzende der 05er in den letzten Vorkriegsjahren. Die größten Probleme sind logistischer Natur: Wo kann trainiert werden? Wo kann gespielt werden? Wer hat einen Ball oder kann einen besorgen?

Erich Drayß, einer der ersten Mainzer Nachkriegstorhüter. Foto: Mainz 05Das erste - offenbar illegale, aber geduldete - Spiel gab es schon an Allerheiligen. Auf dem Platz des TV 1817 an der Pariser Straße spielten die 05er gegen die Gastgeber 1:1 - es war eine Partie auf niedrigstem Niveau, aber es war ein Fußballspiel, das erste in Mainz seit einem Jahr. Auf einem anderen Platz, unterhalb des Hauptfriedhofs in der Unteren Zahlbacher Straße, ist eine Woche vor Weihnachten TuS Neuendorf zu Gast. Immerhin 1.300 Zuschauer sehen eine 1:6-Niederlage der 05er.

Drei Tage zuvor war in Kaiserslautern eine Liga für Vereine der nördlichen französischen Besatzungszone gegründet worden. Zu diesem Anlass verloren die 05er beim FCK, der unter anderem Fritz Walter in der Mannschaft hatte, 0:15 - der Dauerregen und der aus dem Pfälzer Publikum rekrutierte Schiedsrichter, der sieben Abseitstore nicht erkannt haben soll, wurden als Erklärung angeführt, aber dass die 05er auch unter Idealbedingungen chancenlos gewesen wären, mussten sie zugeben. "Zur Zeit lässt die Spielstärke aller Mainzer Mannschaften noch zu wünschen übrig", schreibt der Mainzer Anzeiger nach der Partie gegen Neuendorf. "Unter solchen Umständen verdient aber Mainz 05 als der Verein, der in der Vergangenheit am meisten für den Mainzer Fußballsport getan hat, den Vorrang. Wir erwarten jetzt nur, dass die 05er alles aufbieten, was zu einer anständigen Haltung in der Oberliga notwendig ist."

Diese anständige Haltung haben die 05er. Die 2:4-Niederlage zum Auftakt gegen den großen FV Saarbrücken am 6. Januar 1946 ist für die Mainzer, die an der Zahlbacher Straße in der Aufstellung Hahndorf - Amadori, Higi - Breiter, Lorenz, Nehrbaß - Wettig, Köbler, Decker, Morgenthaler, Posselmann ein paar Vorkriegsveteranen und ein paar kommende Idole vereinen, aller Ehren wert. Gegen die starke Konkurrenz gibt es trotzdem nur drei Siege; die 05er beenden ihre erste Nachkriegssaison als Tabellenletzter.

Inzwischen melden aber in der ganzen Region immer mehr Vereine ihre Ansprüche an. Daher wird die Liga im Sommer 1946 kurzerhand wieder aufgelöst und neu organisiert. Zwei K.o.-Runden entscheiden, wer in der höchsten Liga starten darf und wer im Unterbau beginnen muss. Das Erstrundenspiel gegen Rhenania Rheindürkheim ist kein Problem für die 05er: 9:0. Im entscheidenden Spiel hätten sie die Oberliga dennoch um ein Haar verpasst: Erst in der Verlängerung schlagen sie die SG Gonsenheim je nach Quelle entweder 1:0 oder 3:2.

Entscheidend für den Erfolg: Die Verpflichtung des neuen Spielertrainers Helmut Schneider, der 1940 als Verteidiger des SV Waldhof sogar ein Länderspiel bestritten hatte (und als Trainer von Borussia Dortmund 1956 und 1957 Deutscher Meister werden sollte). Schneiders Oberligasaison beginnt mit einem 0:0 gegen Saarbrücken, einem 1:0 bei Phönix Ludwigshafen, einem 2:2 in Neunkirchen - und einem nie erwarteten 3:1 gegen den FCK, der zwar nicht in Bestbesetzung, aber immerhin mit Fritz und Ottmar Walter antrat. Am Bruchweg, den die 05er im Februar 1946 wieder beziehen konnten, sehen 9.000 Zuschauer zunächst Werner Baßlers Führungstor für die Pfälzer, dann die drei Treffer, mit denen Valentin Müller, Anton Murtas und Erich Reith das Spiel drehen. Im Südwest- und im Hessischen Rundfunk wird das Spiel übertragen.

Ein paar Monate später wird der FCK Meister in der Oberliga Südwest-Nord. Die 05er sind hinter Wormatia Worms Dritter. Vieles ist immer noch Improvisation. Aber der Verein lebt wieder.

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