Die Zähigkeit des Dinosauriers

Christian Karn. Mainz.
Noch vor ein paar Wochen galt der Hamburger SV als hoffnungsloser Fall. Nach zehn Spielen hatte der ewige Erstligist nur zwei Punkte, immerhin neuerdings wieder mehr Tore als Platzverweise, "und mit zwei Punkten nach so vielen Spielen", hieß es, "ist bisher jeder abgestiegen". Aber die jüngere Vergangenheit zeigt: So einfach wird man den HSV eben doch nicht los. 2014 hat er den Rekord aufgestellt, mit nur 27 Punkten in der Bundesliga zu bleiben. Und sollte er morgen bei Mainz 05 punkten, stünde er mindestens drei Stunden lang auf einem Nichtabstiegsplatz.

Vielleicht leidet der Hamburger SV unter dem vielen Geld, das ihm ständig nachgeworfen wird. Wäre er beispielsweise Darmstadt 98, die Leute fänden ihn am Ende sympathisch, sie würden am Ende mitfiebern mit dem Klub, der jedes Jahr mies startet, jedes Jahr als hoffnungsloser Fall gilt, jedes Jahr durch ein Wunder (und wenn's ein fragwürdiger Freistoß in der Nachspielzeit des Relegationsrückspiels ist) doch in der Bundesliga bleibt. Aber sie tun's nicht. Denn er ist's nicht. Mit Bayern München und Rasenballsport Leipzig, die aus anderen Gründen nicht gemocht werden, konkurriert der HSV gegen das Etikett, der unbeliebteste Klub der Liga zu sein. Es ist einfach zu schwer, auf den ersten Blick eine Strategie zu sehen, die nicht nur aus den Millionen besteht, die der Spediteur Klaus-Michael Kühne - 2015 laut Forbes Magazine mit knapp 12 Milliarden US-Dollar der neuntreichste Deutsche - dem HSV immer wieder zur Verfügung stellt - das wird sich die 05MixedZone morgen genauer ansehen.

Je nach Definition ist der HSV entweder 129 Jahre alt (so sagt er selbst in seiner Satzung unter Bezug auf den ältesten der drei Vorgängervereine) oder 97 Jahre (so lange ist die Fusion dieser drei Klubs her). Er legt großen Wert darauf, immer in der ersten Liga gewesen zu sein, der jeweils höchsten für Hamburg geltenden Spielklasse. Zunächst waren das allerlei kleine Ligen, ab 1929 wurde das langsam stabil: Über die Oberliga Groß-Hamburg (bis 1933), die Gauliga Nordmark (1933-42) bzw. Hamburg (danach bis Kriegsende; die letzte Saison konnte fast komplett ausgespielt werden), und die Oberliga Nord, in der der HSV ab 1947 bis auf einen elften Platz immer Meister wurde, kamen die Hamburger 1963 mit Selbstverständlichkeit in die neue Bundesliga. Und hörten augenblicklich auf, ein Spitzenteam zu sein. Lediglich in den späten 1970ern und frühen 1980ern gab es noch eine große Ära mit drei Meister- und zwei Europapokaltiteln, vor zehn Jahren noch ein kleineres Zwischenhoch. Mit Abstiegskampf aber kennen sich die Hamburger seit den 1960ern aus.

1972/73 war's erstmals ernsthaft kritisch, da war der HSV in der Hinrunde sieben Mal Tabellenletzter, kam aber mit einer Serie von 14:4 Punkten in der Rückrunde aus dem Schlamassel. Richtig dramatisch ist die Lage aber erst seit 2011/12. Am 28. Spieltag kam der HSV damals vom Relegationsplatz weg, ab dem 31. konnte er langsam aufatmen. 2012/13 lief es nochmal besser, 2013/14 stellten die Hamburger aber den Rekord auf: mit nur 27 Punkten stiegen sie doch nicht ab, das hatte in der Bundesliga noch keiner geschafft. Zwei Unentschieden, ein 0:0 zuhause, ein halbwegs ungefährdetes 1:1 nach eigener Führung in Fürth, reichten zum Überleben in der Relegation. 2014/15 war's noch enger. Da retteten sich die Hamburger am letzten Spieltag erst auf den Relegationsplatz, lagen gegen den Karlsruher SC im Hin- und Rückspiel 0:1 zurück, glichen nach dem 1:1 im eigenen Stadion das Auswärtsspiel erst in der Nachspielzeit durch einen umstrittenen Freistoß von Marcelo Díaz aus - ohne das Tor des Chilenen wäre der HSV abgestiegen. Nicolai Müller, einem der Ex-Mainzer im HSV-Team, gelang in der Verlängerung der entscheidende Siegtreffer.

Gleich ist er unsterblich: In der Nachspielzeit des Relegations-Rückspiels in Karlsruhe rettete Marcelo Díaz (links) den HSV mit diesem Freistoß in die Verlägerung. Und die Gelehrten streiten bis heute und bis in alle Ewigkeit, ob Manuel Gräfe tatsächlich den vollen Durchblick hatte. Tendenz: vielleicht. Foto: imago

2015/16 dachten die Hamburger, die Misere wäre vorbei, aber 2016/17 ging es schon wieder los: Der HSV galt schnell als sicherer Absteiger, "denn mit zwei Punkten nach acht (neun, zehn) Spielen, so die Rechnung, "ist bisher jeder abgestiegen." Es war ein scheußlicher Saisonstart für den HSV; dem 1:1 gegen den im Spätsommer und Herbst gleichfalls überforderten FC Ingolstadt folgten fünf Niederlagen: 1:3 in Leverkusen, 0:4 gegen Leipzig, 0:1 in Freiburg, 0:1 gegen die Bayern, 0:2 in Berlin. Beim 0:0 in Gladbach - dem zweiten Punkt im siebten Spiel - verschoss die Borussia zwei Elfmeter. Beim 0:3 in Köln - dem neunten sieglosen Spiel, davor gab's ein 0:3 gegen Frankfurt - holte sich Bobby Wood, der bisher einzige Torschütze, mit einer Tätlichkeit die Rote Karte; der HSV hatte damit nach einem Viertel der Saison mehr Platzverweise als Tore.

Erst im November kam langsam Schwung in die Saison: Gegen Borussia Dortmund kassierte der HSV kurz nach der Halbzeit zum vierten Mal ein Tor von Pierre-Emerick Aubameyang, dank der Treffer von Nicolai Müller gingen aber in der zweiten Hälfte die Torschützen wieder gegen die Rotsünder in Führung. Beim 2:2 in Hoffenheim schoss der HSV das erste und letzte Tor der Partie, beim 2:2 gegen Werder Bremen das erste und dritte, beim 2:0 in Darmstadt und beim 1:0 gegen den FC Augsburg alle drei. Mit zehn Punkten stehen die Hamburger mittlerweile nur noch auf dem drittletzten Platz, gegenüber dem punktgleichen Fünfzehnten, dem VfL Wolfsburg, der sich seine ganz eigene Krise leistet, ist die Tordifferenz nicht allzu verheerend. Der VfL spielt erst am Samstagabend gegen die Eintracht; wenn der HSV seine wiedergefundene Bundesligatauglichkeit behält (oder die Phantasie von Deniz Aytekin ausreicht) und es auch in Mainz zumindest einen Punkt gibt, steht er für mindestens drei Stunden auf einem Nichtabstiegsplatz. Den gälte es dann über weitere 19 Spieltage zu verteidigen, gegen eine Konkurrenz, die aktuell vor allem aus Darmstadt, Ingolstadt und Bremen kommt; ob Wolfsburg dort unten bleibt, ob Augsburg oder Mainz noch unten hineinrutschen, das muss man sehen. So aussichtslos wie nach acht, neun, zehn Spielen gedacht, muss die Lage des HSV auch in dieser Saison nicht sein.

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