Die Zahnpastamannschaft

Christian Karn. Mainz.
"Strategische Partner" - externe Geldgeber - im Fußball sind mal wieder ein großes Thema. Mainz 05 war zweimal in seiner Geschichte im großem Stil fremdfinanziert, was dem Verein zu zwei Mannschaften verhalf, mit denen die Konkurrenten nicht mithalten konnten. So schafften die 05er zwei ihrer größten sportlichen Erfolge; zunächst die Südwestmeisterschaft und die Teilnahme an der Aufstiegsrunde zur Bundesliga. Lesen Sie in dieser und den nächsten Folgen unserer Reihe "Geschichten von früher", wie Mainz 05 sich zweimal den Erfolg kaufte und es beide Male später bereute.

1962 wurde eine gewaltige Zäsur im deutschen Fußball angekündigt: Die Bundesliga kommt! Vor allem Franz Kremer, der Präsident des 1. FC Köln, hatte jahrelang dafür gekämpft, die fünfgleisige Oberliga als höchste Spielklasse durch eine überregionale Eliteliga abzulösen. Das frühe WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft 1962 in Chile war schließlich für den DFB-Präsidenten Hermann Neuberger das ausschlaggebende Argument, die zuletzt 1958 abgelehnte Reform erneut aufzugreifen und auf dem DFB-Bundestag am 28. Juli stimmten die Delegierten der Landesverbände mit überragender Mehrheit dafür, die Bundesliga im folgenden Sommer einzuführen.

In Mainz sah man die Sache gelassen. Im komplizierten Qualifikationsmodus zur Auftaktsaison 1963/64, der zwei Plätze für Südwestvereine vorsah, hatten hinter dem 1. FC Kaiserslautern ohnehin nur der FK Pirmasens, Borussia Neunkirchen und der 1. FC Saarbrücken realistische sportliche Aussichten. Die geforderte Stadionkapazität von 35.000 Plätzen gab es am Bruchweg ebensowenig wie Flutlicht, Geld war auch nicht vorhanden und die Mannschaft wäre auf diesem Niveau nicht annähernd wettbewerbsfähig gewesen. "Die Vereinsführung ist klug genug, nicht mit unerfüllbaren Plänen zu spielen", schrieb nach dem Bundestag von 1962 Werner Höllein, der Sportchef der Allgemeinen Zeitung. "Wenn sich die Verhältnisse in und um Mainz nicht wesentlich ändern, wird es in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt niemals einen Verein in der Fußball-Bundesliga geben."

Zehn Jahre später hatten sich die Verhältnisse wesentlich geändert. Einer der Verantwortlichen dafür: Werner Höllein, der 1971 als Nachfolger des verstorbenen Emil Enderle zum Präsidenten des FSV Mainz 05 gewählt worden war.

Bereits 1970 hatte es einen großen Umbruch im Mainzer Kader gegeben. Mit Torwart Kurt Planitzer, den Verteidigern Carlo Storck, Heinz Wassermann und Horst Schuch und den Mittelfeldspielern Manfred Klinkhammer und Richard Klauss hatten sich etliche in die Jahre gekommene Stammspieler ganz aus dem höherklassigen Fußball verabschiedet. Der junge talentierte Linksaußen "Bimbo" Bopp war über den Rhein zum Süd-Regionalligisten Opel Rüsselsheim gewechselt und auch eine Reihe von Ergänzungsspielern war nicht mehr dabei. "Unsere Verträge sind damals ausgelaufen und wurden nicht verlängert", erklärte Klinkhammer 40 Jahre später. "Zum einen hing es am Finanziellen, aber der Verein wollte auch den Schnitt machen."

Einer der ganz großen 05er: Herbert Scheller bestritt vor und nach seiner Bundesligakarriere 330 Pflichtspiele für Mainz 05.Vom Stamm der späten 1960er blieben im Grunde vier Mann übrig: Mittelstürmer Jürgen Richter, die Manndecker Hennes Schneider und Helmut Müllges sowie der Mittelfeldspieler Klaus Rieger. Aus den geringen vorhandenen Mitteln machten die 05er in jenem Sommer überragend viel: Mit dem Spielmacher Peter Scherer vom 1. FC Saarbrücken und Walter Ziehmer, dem erfahrenen Libero des gerade aus der Regionalliga abgestiegenen SV Weisenau kamen nur zwei Spieler aus dem Vertragsfußball. Alle weiteren Neuzugänge spielten zuvor in unteren Ligen. Für das Mittelfeldtalent Jürgen Janz aus Gau-Algesheim, vor allem aber für Gimbsheimer Herbert Scheller, der als Stürmer geholt wurde, sich aber in der Abwehr festsetzte, und den 17-jährigen Zornheimer Wolfgang Kneib, der aus der eigenen Jugend kam, begannen so große Karrieren.

Gerd Klier war um 1970 einer der gefürchtetsten Regionalliga-Torjäger.Noch aber herrschte eine gewisse Tristesse am Bruchweg. Der Verein hatte kein Geld, die Infrastruktur war marode, das Zuschauerinteresse enttäuschend. Hilfe kam indirekt aus der Stadt: Oberbürgermeister und Verwaltungsrat Jockel Fuchs akquirierte den Mainzer Zahnpastahersteller Blendax als Großsponsor und die 05er, die 1969 noch sehr ernsthaft darüber nachgedacht hatten, zwecks Überleben mit dem Liga-Konkurrenten SV Weisenau zu fusionieren, kauften mit dem neuen Geld in großem Stil ein. Profis, die es größtenteils aus der Region in entferntere Ecken des Landes verschlagen hatte. Den Rheingauer Gerd Klier, den mehrmaligen Torschützenkönig diverser Regionalligen, der zuletzt beim Hamburger SV den großen alten Uwe Seeler aus der Sturmspitze ins Mittelfeld verdrängt, aber zu wenige Tore geschossen hatte. Den Vorstopper Willi Löhr aus Lahnstein und den torgefährlichen Linksaußen Herbert Renner vom 1. FC Nürnberg. Den kleinen Wiesbadener Spielmacher Gerd Schmidt vom FSV Frankfurt. Dazu einen neuen Trainer: Erich Gehbauer sollte eigentlich mittelfristig den Bundesliga-Aufstieg angehen, konnte aber als Beamter der Bundesbahndirektion die 05er nicht hauptamtlich betreuen. Sein Nachfolger wurde der 32-jährige Bernd Hoss vom Schwarzwälder Amateurligisten FV Ebingen. Von dort brachte Hoss ein Toptalent mit, den 19-jährigen Mittelfeldmalocher Paul Göppl, Schmidts künftigen Adjutanten.

Willi Löhr, der Kapitän der frühen 1970er, war nach seiner aktiven Karriere mehrmals Jugendtrainer und Scout bei Mainz 05.Einen besseren Kader hatte Mainz 05 wohl nie zuvor. Im Tor leistete sich Hoss den Luxus einer ständigen Rotation: Der 19-jährige Wolfgang Orben und sein Konkurrent Wolfgang Kneib waren nahezu gleichstark. Der etwas extrovertiertere Orben, das größere Talent der beiden, ein Flieger auf der Linie mit Präsenz bei Flanken und guter Strafraumbeherrschung, war in der vorherigen Saison noch Stammspieler. Der ein Jahr jüngere Kneib, ein zwei Meter langer, ruhiger, sachlicher Stoiker mit unübersehbarer Ausstrahlung, hatte in jenem Jahr die Beweglichkeitsnachteile seiner Statur wegtrainiert und war ein so starker Konkurrent für Orben, dass ein ganzes Jahr lang keiner der beiden mehr als vier Spiele am Stück absolvierte - auf hohem Niveau. Hennes Schneider war inzwischen Libero, Scheller, Löhr und Rieger die drei Manndecker. Neben Schmidt und Göppl fehlte nur noch ein dritter hochkarätiger Mittelfeldmann. Und im Sturm spielten Klier und Renner häufig nur zu zweit, weil Jürgen Richter nominell Stürmer war, tatsächlich aber eher hinter den beiden Spitzen spielte. Keine optimale Formation für den Fußball der 1970er.

Dennoch hatte diese Ansammlung herausragender Einzelspieler lange die Vizemeisterschaft im Südwesten (und damit die Aufstiegsrunde) in Reichweite. Schließlich fehlten vier Punkte. Nach der Saison musste Hoss die Mannschaft noch einmal umbauen, kam dabei aber mit wenigen Neuen aus: Mit Libero Scheller, Richter, Löhr und Janz in der Abwehr, Schmidt, Göppl und entweder dem dänische Nationalspieler Torben Nielsen von B03 Kopenhagen oder Peter Scherer im Mittelfeld und ganz vorne dem Braunschweiger Manfred Kipp neben Klier und Renner hatten die 05er nun ihr Regionalliga-Topteam beisammen. Klier (19 Tore), Renner (18 Tore) und Kipp (17 Tore) bilden den 54-Tore-Sturm einer Spitzenmannschaft, die auf allen Positionen gut besetzt war und bis auf Wolfgang Kneib, der sich beim 5:3 in Koblenz am ersten Spieltag den Knöchel brach, kaum Ausfälle kompensieren musste. 

So ergab sich 1972/73 ein spannender Zweikampf zwischen Röchling Völklingen dem FSV Mainz 05. Die Saarländer hatten meistens einen geringen Vorsprung, bis sie am drittletzten Spieltag mit einem 0:2 beim FV Speyer hinter die 05er zurückfielen. Zwei 1:1 in der folgenden Woche verschoben die Entscheidung auf den letzten Spieltag. Und der brachte das Finale um die Südwestmeisterschaft: Mainz 05 gegen Röchling Völklingen am Bruchweg, beide bereits qualifiziert für die Bundesliga-Aufstiegsrunde, beide punktgleich, die 05er mit einem Vorsprung von fünf Toren. Sie brauchten nur ein Unentschieden für den sportlich nicht mehr weiter wichtigen, aber prestigeträchtigen Titel, die Völklinger mussten gewinnen.

Kapitän Löhr führt seine Mannschaft zum Aufstiegsrundenspiel gegen den Karlsruher SC auf den Bruchweg-Rasen.Vor 18.000 Zuschauern gingen die Saarländer kurz vor der Pause in Führung. Ihre herausragende Abwehr, die bis dahin 15 Mal zu Null gespielt und in den restlichen Partien erst 18 Tore kassiert hatte, hielt den Vorsprung bis in die 86. Minute. Dann glich die beste Offensive der Liga aus. Peter Scherer schoss die 05er zur Südwestmeisterschaft.

In der Aufstiegsrunde landeten die beiden Südwestteams wie immer in unterschiedlichen Gruppen. Die Völklinger hatten das Pech, Rot-Weiss Essen zum Gegner zu haben. Das Team um "Ente" Lippens wurde der Favoritenrolle vollends gerecht, die anderen vier Teams der Gruppe 2 hatten keine Chance. Die 05er galten zumindest zum Mitfavoriten neben Fortuna Köln und spielten auch so. Am fünften Spieltag ging die Schere auseinander: In einem turbulenten Spiel verloren die 05er 0:3 gegen den Hauptkonkurrenten. In der hitzigen Atmosphäre der 28.000 Zuschauer in der Müngersdorfer Radrennbahn gerieten vor der Pause Herbert Scheller und der Kölner Gerd Zimmermann aneinander. "Beide sind zum Ball gegangen. Hinterher haben beide auf der Erde gelegen. Der Schiedsrichter hat mit der Roten Karte herumhantiert und niemand wusste, was Sache war", erklärte Kapitän Löhr. Zimmermann war draußen, so viel war klar. "Und ich?", muss Scheller seinen Kapitän gefragt haben. Dessen Antwort: "Spiel weiter." Erst vor seinem Anpfiff zur zweiten Hälfte merkte der Schiedsrichter, dass die Mainzer immer noch zu elft waren. Scheller flog endgültig aus dem Spiel und wurde lange gesperrt. Die Kölner schafften schließlich den Aufstieg.

Mainz 05 1973: Hinten v.l. Masseur Ott,  Nielsen, Scheller, Girrbach, Janz, Aust, Scherer, Löhr, Richter, Hohenwarter, Renner, Rybarczyk, Trainer Hoss. Vorne: Vorne: Kipp, Göppl, Kneib, Orben, Schmidt, Klier. Die Mainzer Meistermannschaft traf sich 2013 im Hause Löhr zum 40. Jubiläum ihres Titels fast vollständig zu einer rauschenden Party mit Ehefrauen, Wein und Gesang - Schlager von Löhr, Rock vom Stürmer Jochen Dries, dem tanzenden Janz und auf dem Höhepunkt Fastnachts- und Weinliedern von Hennes Schneider, dem früheren Tenor der Mainzer Hofsänger. Nur vier Mann waren verhindert: Ersatzstürmer und Millionär Gerald Girrbach, die Verteidiger Scheller und Ziehmer und der Mittelstürmer Gerd Klier, der - so Scherer - inzwischen "Walzer mit den Engeln tanzt"; als einziger Spieler des Jahrgangs ist der ehemalige Torjäger 2011 verstorben. Kneib, der es über Mainz 05 zu Borussia Mönchengladbach schaffte, Deutscher Meister und UEFA-Pokalsieger wurde, mit 43 Jahren immer noch im Bielefelder Tor stand und mit 60 Jahren immer noch so wirkte, als könne man ihn jederzeit für Loris Karius einwechseln, war dabei. Jürgen Janz, der immer noch alle 14 Tage im Stadion sitzt. Manfred Kipp, der als HSV-Fan trotz der 05-Niederlage beim HSV am Tag des Fests nicht im Keller essen musste. Torben Nielsen, der aus Schweden angereist war. Stürmer Jochen Dries, der früher gehen musste, weil am nächsten Tag ein Spiel anstand; seit Ewigkeiten ist er Trainer in der Schweiz. Trainer Hoss. Scherer, der erzählte, wie er bei der Asienreise, die der Vorstand den 05ern nach der Meisterschaft spendiert hatte, den Trainer auf englisch mit schiefem japanischen Akzent zu einer erfundenen Pressekonferenz telefoniert hat. "Unser Teamgeist hat uns damals so stark gemacht", sagte Gastgeber und Kapitän Löhr. Die Jahrzehnte hat er überdauert.

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