Die Zäsur und die spannende Frage

Detlef Rehling. Mainz.
Stillstand ist Rückschritt - und der FSV Mainz 05 will weiter nach vorn. Am Sonntag erfüllen die Mitglieder in einer außerordentlichen Sitzung die unter großen Geburtswehen genehmigte neue Satzung mit Leben. Ein Vorstand mit einem ehrenamtlichen Vorsitzenden und drei hauptamtlichen Kräften soll mit einem Aufsichtsrat als Kontrollgremium künftig das rheinland-pfälzischen Aushängeschild in Sachen Fußball führen. Eine Zäsur in der 112-jährigen Vereinshistorie, zu der auch der Abschied von Harald Strutz zählt. Der Jurist tritt nicht mehr an.

So denken die Kandidaten

Die Supporters Mainz haben die Kandidaten für den Vereinsvorsitz und den Aufsichtsrat zu ihren Gedanken über ihre Amtsausübung befragt, vor allem bezüglich der Themen, die die Fans betreffen. "Wechselseitig wollten wir ihnen die Möglichkeit geben, sich zu präsentieren, und den Mitgliedern, sich zu informieren", erklärt Udo Seyfarth, der Vorsitzende der Supporters. Die Antworten aller Kandidaten können auf der Website www.supporters-mainz.de nachgelesen werden.

Es wird spannend am Sonntag ab 11.00 Uhr in der Halle 45:  Die rund 14.000 Mitglieder des FSV Mainz 05 sind ausgerufen, die Vereinsspitze zu wählen. Der Verein rechnet mit großem Andrang und deshalb wählte man statt der Opel Arena die ehemalige Phönix-Halle im Stadtteil Mombach als Ort für die außerordentliche Versammlung aus. Wer tritt die Nachfolge des scheidenden Präsidenten Harald Strutz an? Welche Persönlichkeiten ziehen in den Aufsichtsrat ein? Richtungsweisende Entscheidungen für die Zukunft der 05er.

Eins steht schon fest: Eine große Verabschiedung nach knapp 29 Jahren für Harald Strutz und seine langjährigen Weggefährten wird es nach Angaben des Clubs nicht geben. Seit 1988 stand Strutz an der Spitze, war das Gesicht der Rheinhessen. Die neue Satzung war eigentlich wie gemacht für die Fortsetzung seiner Geschichte. Doch die letzten 16 Monate kratzten am Image des stets braungebrannten Juristen. Im Dezember 2015 wurde ruchbar, dass er sich das Ehrenamt mit monatlich 23.000 Euro für Aufwand und juristische Beratung mit Billigung der Vorstandskollegen honorieren ließ, das schädigte den Ruf nachhaltig.

Strutz beklagte die Anfeindungen, zog im März 2017 die Konsequenz und verzichtete "im Interesse meiner Familie und im Interesse des Vereins Mainz 05" auf eine erneute Kanditatur. Der 66-Jährige war zwar noch präsent, aber sprachlos. Das Reden überließ der Mann, der gewöhnlich an keinem Mikrofon sprachlos vorbeikam, dem Vizepräsidenten Jürgen Doetz. Der 72-Jährige bewirbt sich nun als einer von drei Kandidaten um seine Nachfolge.

Die Ära Strutz wird morgen enden. Die Mitglieder des FSV Mainz 05 wählen erstmals seit 30 Jahren einen anderen Herrn zum 05-Vorsitzenden.Seine Verdienste am Aufstieg des damals so gut wie zahlungsunfähigen Zweitligisten zum in der Republik anerkannten und wirtschaftlich gesunden Bundesligisten werden bleiben. Der Bau der Arena am Europakreisel gehört zu den Höhepunkten seiner Amtszeit. Strutz repräsentierte die Marke Mainz 05 auch national als Vizepräsident der Deutschen Fußball Liga (DFL) und im Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Alle Ämter hat er abgegeben, die DFL ernannte ihn 2016 zu seinem Ausscheiden zum Ehrenangehörigen.

Der steile Weg nach oben wäre aber ohne Manager Christian Heidel nie möglich gewesen. Der frühere Autohändler war der Macher, Strutz der König. Nachdem Heidel 2016 dem Lockruf des FC Schalke 04 erlag, zeigten sich die ersten Risse im in die Jahre gekommenen Führungszirkel. In Rouven Schröder hatten Strutz und Heidel einen guten sportlichen Nachfolger gefunden, Führungsqualität strahlte der Vorstand ohne Alles-Macher Heidel nicht mehr aus. Die ach so heile Welt der Mainzer bekam unangenehme Risse.

Ein Weggefährte litt darunter ganz besonders: Peter Arens. Der 80-Jährige zog schon 1980 in den Mainzer Vorstand ein und wirkte ab 1988 als Vizepräsident. "Es wird Tränen geben", sagte Arens gegenüber der "Allgemeinen Zeitung". Der Abschied nach 37 Jahren fällt dem Friseurmeister schwer. Er drängte nie in den Vordergrund, war immer ein verlässlicher Partner, der so herrliche Geschichten aus der Vergangenheit erzählen kann.

Unternehmen Mainz 05 braucht professionelle Führung

Mit einem der Satzung nach ehrenamtlichen Vorstand hat sich Mainz 05 längst zu einem mittelständischen Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro entwickelt. Die Notwendigkeit, professionellere Strukturen einzuführen, war noch zu Zeiten von Heidel erkannt, doch die Umsetzung dauerte. Der jetzige Schalke-Sportvorstand wollte ein bestelltes Haus hinterlassen. Sportlich gelang das mit Rouven Schröder. Doch die gewünschte und notwendige Führungsstärke fehlte ebenso wie Kontrolle und Transparenz, an der letztlich Strutz scheiterte.

Der Weg zur neuen Satzung war steinig. Ein mindestens neunköpfiger Aufsichtsrat wird künftig die Arbeit des Vorstandes mit einem Vorsitzenden und drei hauptamtlichen Kräften überwachen. Den Mitgliedern kommt die Aufgabe zu, den Vorsitzenden zu bestimmen, die hauptamtlichen Vorstände - in Frage kommen Rouven Schröder (Sport), Dag Heydecker (Marketing) und Christopher Blümlein (Finanzen) - werden vom Aufsichtsgremium bestimmt und ernannt.

In Jürgen Doetz, seit 1988 einer der Vize-Präsidenten, meldete einer aus der alten Riege seine Kandidatur als Vorstandsvorsitzender an. Der 72-jährige Jourmalist und Medienmanager geht mit dem Makel, zum System Strutz zu zählen, in die Wahl. Er wolle aus den gemachten Fehlern lernen und den Verein als intimer Kenner in eine bessere Zukunft führen, ließ er wissen.

Seine Mitbewerber sind erfolgreiche Geschäftsleute, aber wenig bekannt. Das muss kein Nachteil sein, die 05er wollen schließlich einen kompletten Neuanfang und dazu gehören frische Gesichter. Eins hat der 62-jährige Johannes Kaluza. Als Unternehmer zieht dieser sich nach eigenen Angaben ab Juli aus dem Geschäftsleben zurück und hat damit Zeit, sich intensiv um den Verein kümmern zu können. Für Kaluza, der stark auf Tradition setzt und gegen den Einfluss von potenten Geldgebern wettert, ist das Amt des Vorstandschef "keine 20-stündige Freitzeitbeschäftigung".

Ein klarer Seitenhieb auf Frank Röhr, den dritten Bewerber. Der 50-Jährige glaubt, dass eine solche Stundenzahl ausreichend sein würde zur Führung der Geschäfte. Beruflich ist der alleinvertretungsberechtigte Prokurist eines Mainzer Bauträgers stark eingespannt. Er nimmt für sich in Anspruch, genau zu wissen, "wo das Herz des Vereins schlägt."

Egal, wem die Mitglieder das Vertrauen schenken: Der neue Mann an der Spitze des Vereins muss seine Entscheidungen vom künftigen Aufsichtsrat bewerten lassen. Für den fünfköpfigen Wahlausschuss war es viel Arbeit, aus den 49 Kandidaten die 16 Frauen und Männer herauszufiltern, die ihrem Anspruch an das Amt im Kontrollgremium gerecht werden. Von ihnen können acht gewählt werden. Hinzu kommt mit Christian Viering der Vertreter der neuen Fan-Abteilung. Er muss von der Mitgliedern bestätigt werden. "Wir haben eine ausgewogene Auswahl getroffen, erklärte Kommissionssprecher Udo Seyfarth.

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